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Die Pinguine schreiben nicht mehr

amillionpenguins won't write a novelNach nur sechs Wochen stellt Penguin Books das Mitschreibprojekt A Million Penguins ein. Mithilfe einer Wiki-Software sollte hier jeder an einem gemeinsamen Roman mitschreiben. In Weblogs und der Fachpresse wurde das Projekt gerade noch als Beispiel für die schöne neue Internetwelt der Verlage gefeiert, bei der die Leser aktiv beteiligt werden und so die »Markenbindung« verstärkt wird. »Verlage werden sich daher immer mehr zum Informationsmoderator entwickeln müssen«, mutmaßt eine Forschergruppe um Professor Figge von der HTWL Leipzig in der aktuellen Ausgabe des buchreport. Und auch die anderen beliebten Phrasen der PR-Berater durchziehen den Artikel.

Aber wie schon bei Second Life sieht die Wirklichkeit anders aus, als sie die Web 2.0-Fetischisten erträumen. Man kann schon froh sein, wenn die Projekte den Monat nach der entsprechenden Pressemeldung überleben. Die schönen neuen Marketingkonzepte, die die Berater derzeit den Verlagen und Autoren verkaufen (wollen), funktionieren offensichtlich nicht in der Praxis.

Jeremy Ettinghausen, der als Herausgeber das digitale Schreibprojekt von Penguin Books betreute, stellt in seinem Resümee fest: »Es gab Vandalen, Pornografen, Spammer und eine Vielzahl von Leuten, die solch unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, was denn einen guten Roman ausmacht, dass ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl schwer zu erreichen war. Ich glaube, mit dem Fortschreiten des Projektes begann ich es nicht mehr als literarisches Experiment, sondern mehr als soziales Experiment zu sehen.« Wohlgemerkt: das Projekt war gerade mal sechs Wochen online.

Laut Ettinghausen bewahrheitete sich bei diesem Projektversuch die alte lästerliche Verlegermeinung, dass es in der Welt offensichtlich mehr Leute gibt, die einen Roman schreiben wollen, als einen lesen. Selbst Ettinghausen war als »Informationsmoderator« am Ende des Projektes nicht mehr in der Lage, die Inhalte zu überblicken. Doch er versucht, in Sachen Marketing das Beste daraus zu machen, und spricht bereits davon, dass A Million Penguins sicherlich »nicht der meistgelesene Roman, aber möglicherweise der meistgeschriebene der Geschichte ist«.

Auch das ist sicher hoch gegriffen, denn auf jeden Fall wird das Projekt des großen englischen Verlagshauses als weiterer Beleg dafür in die Geschichte eingehen, dass die neue Web-2.0-Welt der Pressemeldungen und Presseberichte wenig mit der Wirklichkeit im Netz zu tun hat.

3 Kommentare

  1. Dass es vielleicht mehr Leute gibt, die einen Roman schreiben wollen als einen Roman lesen – daran kann was Wahres sein.Schließlich gibt es dieses nette Wort eines alten Schriftstellers (weiß leider nicht, wer es war), der gesagt hat: “Das bissl was ich les’ schreib ich mir selber”. Nur am Rande: A million penguins wird aber wohl der meistgeschriebene und nicht geschriebenste, und wenn auch nicht meistgelesen dann schon gar nicht meistgelesenst.

    Mit haarspalterischen freundlichen Grüßen
    Johanna Sibera

  2. Jemand beginnt eine Geschichte, ein anderer schreibt oder zeichnet sie weiter. Das gab es schon lange vor dem Internet. In meiner Jugend habe ich es gehasst. Die Geschichten, die herauskamen, hatten keinen roten Faden, keine erkennbare Figurenzeichnung, sie waren nur zufällig, aus einer Laune heraus, konfus und sinnlos. Und immer gab es Störenfriede, Spaßverderber, Vandalen, die alles zwanghaft kaputtmachten. Das Internet ist ein Medium, mehr nicht, es vollbringt nichts aus sich selbst heraus. Leider bilden sich manche ein, es sei sowas wie ein lebendiger Organismus, ein Wunder gar und verleihe allem einen neuen Glanz, ganz gleich, was es auch sei. Natürlich wollen viele einen Roman schreiben, denn das hat natürlich auch den Reiz, die Handlung mal selbst bestimmen zu können oder sogar von sich selbst zu erzählen. Da schwingt auch das Gefühl mit, etwas zu erschaffen, was einen selbst überdauern kann.
    Ein Roman ist aber nie ein demokratisches Objekt, das ist lächerlich, geradezu grotesk. Als wolle man aus einer Gruppe mit einem Anführer das Gegenteil erschaffen, nämlich alle zu Anführern ernennen und nur einen einzigen zum Untergebenen, dem alle jederzeit und gleichzeitig Befehle geben können. Der Roman greift sich ja sehr individuell ein ganz kleines Stück Welt heraus und erweckt es zum Leben. Ausgerechnet das wollen manche zu einem basisdemokratischen Massenakt erklären, in dem eine beliebige Zahl Teilnehmer wenige Figuren zeichnet.
    Da kann ich nur rufen: Aufwachen und mal die Augen reiben! Das Internet ist nicht demokratisch, sozialistisch oder ein behüteter Lebensraum für unsere Träume. Es ist vor allem Chaos. Es ist das, was uns Menschen auszeichnet, wie ein Spiegel. Es ist alles gleichzeitig. Es ist klug, und es ist die Klotür der Welt, auf der sich jeder verewigen kann, dessen Finger Tasten drücken können.
    Meine Geschichten werde ich darum auch weiterhin in meiner eigenen stillen Kammer schreiben.
    In diesem Sinne, viele Grüße!

  3. > Laut Ettinghausen bewahrheitete sich bei diesem Projektversuch die alte lästerliche Verlegermeinung, dass es in der Welt offensichtlich mehr Leute gibt, die einen Roman schreiben wollen, als einen lesen.

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