Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Das erste Mal
von Lothar Peppel, 99444 Blankenhain

Da lag sie nun.
Für mich die perfekte Mischung
aus fettfreiem Fleisch
und Alkohol.

Ihr Haar strahlte
als wäre es
die Korona ihrer Ohnmacht.
In einem Himmel aus stumpfen Asphalt.

(Vielleicht
etwas zuviel Rot in ihrem Mund,
zwei,drei Zähne,die fehlten.
Und ein Bein war verdreht
wie dass der Puppe,
die man nicht mehr mag.)

Ich war jung,
doch nicht zu jung,
der Fahrer geflohen und
so fragte ich mich:
Kann ich es
mit auf das Zimmer nehmen ?

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Neugier
von Franz Eiermann, 55 262 Heidesheim

Seine Mutter hatte keine große Beerdigung, nur einige entfernte Verwandte und ehemalige Kolleginnen kondolierten Phil Eckert. Früh, viel zu früh war sie gestorben, mit noch nicht 50 Jahren. Sein Vater? Er hatte ihn nie gekannt, drängenden Fragen wich die Mutter immer aus. Jetzt war Phil 26, ledig und alleine.
In einer Schachtel fand er alte Fotos. Da war das Bild eines kleinen Jungen, "Phil, neun Jahre" las er. Er lächelte und steckte es ein, das konnte er mal rumzeigen. Ein anderes Bild fiel ihm auf, vor einem Ausflugslokal, "Wanderlust" stand über dem Eingang, erkannte er seine Mutter in einer Gruppe junger Frauen mit Fahrrädern. Auf der Rückseite stand: "Ausflug in den Eichwald 1974".
1974 sinnierte Phil, das war im Jahr vor meiner Geburt.
"Eine Radtour", dachte er, "das täte mir jetzt auch gut. Wenn ich hier alles erledigt habe, radle ich mal eine längere Tour, wenn’s das Lokal noch gibt, kann ich vielleicht dort übernachten."
"Wanderlust" stand noch immer über der Tür. Die Wirtin, so um die dreißig Jahre, zeigte ihm das Zimmer. Er legte sein Gepäck ab und ging wieder mit ihr zurück in die Gaststube, Radfahren macht hungrig.
"Wir sind schon seit Generationen in diesem Haus. Ich habe die Wirtschaft von meinen Eltern übernommen, sie starben bei einem Flugzeugabsturz."
Auf dem Flaschenbord hinter der Theke sah Phil ein dickes Buch. "Wanderlust-Album" stand in Goldschrift auf dem Rücken zu lesen. "Darf ich da mal reinschauen?", fragte er.
"Aber sicher, viele unserer Stammgäste erinnern sich gerne darin an alte Zeiten."
Einer plötzlichen Eingebung folgend fragte Phil: "Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"
In seinem Zimmer vertiefte er sich in die Bilder. Eines kam ihm irgendwie bekannt vor, es zeigte einen Jungen im Alter von vielleicht neun Jahren. Erregt suchte er in seiner Brieftasche nach dem Bildchen von sich, das er in der Fotoschachtel seiner Mutter gefunden hatte. Tatsächlich, die Ähnlichkeit war frappierend. Nur die Kleidung war anders, irgendwie altmodischer.
Phil schlief unruhig in dieser Nacht, allerlei seltsame Gedanken raubten ihm die Nachtruhe. Er war froh, als er endlich am nächsten Morgen die Wirtin fragen konnte: "Sagen Sie, wer ist denn dieser Junge da auf dem Bild?"
Mit einer traurigen Geste wischte sich die Wirtin über die Augen: "Das? Das war mein Vater, als er neun war."
In Zeitlupe legte Phil sein eigens Bildchen daneben und sagte: "Das bin ich im gleichen Alter."

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Das Kuckuckskind
von Christine Gradl, 92242 Hirschau

"Kann ich es mit auf mein Zimmer nehmen?" fragte ich mit einem Kloß im Hals. Der Portier reichte mir mit undefinierbaren Gesichtszügen das Körbchen, aus dem ein klägliches Wimmern drang. Wie selbstverständlich trug ich es hoch erhobenen Hauptes zum Fahrstuhl. Als sich die Tür hinter mir schloss, besah ich mir mein Geschenk genauer. "Ein Findelkind," schoss es mir durch den Kopf. Ich überlegte fieberhaft. Das kleine Wesen ließ mir nicht sehr viel Zeit. Es mag wohl so drei bis vier Monate alt gewesen sein. War es ein Junge oder ein Mädchen? Jedenfalls machte es sich mittlerweile lautstark bemerkbar. Vorsichtig schälte ich es aus der Decke und nahm es in die Arme. Sofort hörte es zu weinen auf, sah mich mit großen braunen Augen an und verzog das Gesicht zu einem bezaubernden Lächeln. Schon hatte es mein Herz gewonnen. Ich überlegte fieberhaft, was ich als nächstes tun könnte. Zum meeting konnte ich es jedenfalls nicht mitnehmen. Es würde mir nichts anderes übrig bleiben, als meine Teilnahme einfach abzusagen – und dann – ja, dann würde mir schon etwas einfallen, hoffte ich. Während ich so dahingrübelte, tippte mich plötzlich jemand sachte auf die Schulter. Erschrocken sah ich mich um. Ich hatte niemanden hereinkommen hören und auch kein Klopfen vernommen. Wie von Geisterhand herbeigezaubert stand Carola vor mir, meine Jugendfreundin, von der ich seit acht Jahren nichts gehört hatte. Verschmitzt fragte sie:"Du hast ein Kind, Du bist Mutter?" "Ja – nein, ach, ich weiß nicht," stotterte ich. Dann erzählte ich ihr die sonderbare Geschichte. Der Schalk blitzte in ihren Augen, als sie meinte: "So schnell bekommt man ein Kind!" Dann aber umarmte sie mich, nahm das Kind auf den Arm und liebkoste es. Sie war die Mutter, hatte sich zur selben Veranstaltung gemeldet und in der Teilnehmerliste meinen Namen entdeckt. Da hatte sie die Idee, sich einen kleinen Scherz mit mir zu erlauben. Das war ihr perfekt gelungen. Während wir noch herzhaft lachten, erschien ein attraktiver Herr im Türrahmen, der Vater des kleinen "Findelkindes", den ich jetzt zum ersten Mal sah. Er nahm seinen Schützling, die kleine Linda, auf den Arm und gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass er die wichtigste Person im Leben dieses kleinen Wesens sei, ich aber gerne die liebe Tante spielen dürfe.
Linda ist mittlerweile fünfzehn Jahre alt. Manchmal steht sie überraschend vor meiner Tür, um sich über die Spießigkeit ihrer Eltern zu beschweren. Und dann bin ich gefragt.

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"Vergiß es."
von Fabian Wurbs, 12587 Berlin

"Kann ich es mit auf mein Zimmer nehmen?" fragte er mit dem Gesichtsausdruck eines 11jährigen Mädchens und der Stimme eines bärtigen Grizzlies.
Irgendwie riß mich dieser Satz abrupt aus meinem Tagtraum. Ich löste den Blick von meinen Gedanken. Schaute nach rechts und blickte teilnahmslos in das Gesicht dieses Wikingerverschnitts auf dem Barhocker neben mir: "Wie...äh, wie meinst du?". Sein fragender Blick verschwand. "Genau, dass habe ich ihr auch geantwortet. Doch..." Blah, blah, seine Stimme rückte wieder in den Hintergrund und ich nahm einen beherzten Schluck von dem komisch anmutenden Gesöff, was da vor meiner Nase stand. Bäh! Das Zeug schmeckte wie pures Gift. Ich stellte das Glas ab und dachte kurz daran, die dunklen Wolken in meinem Schädel durch vier, fünf Aspirin ein wenig aufzuhellen. Dies allerdings war gegen die Spielregeln meines masochistischen Verlangens, mich an diesem Abend so richtig beschissen zu fühlen. Ein komisches Verlangen. Ein Psychiater würde vermutlich auf irgendein Kindheitstrauma schließen, wie z.B. zuwenig Liebe von den Eltern. "Scheiße, was auch immer." Solch komplizierte Überlegungen überlasteten mein Gehirn eindeutig und lenkten von meiner essentiellen Erfahrung des Sich-schlecht-fühlens ab.
Was mich aber noch mehr störte war der Typ neben mir, der immer noch ununterbrochen erzählte. Verdammt, war der etwa hier um sich zu amüsieren?!? Um sich zu unterhalten?!?
Je mehr ich mir dessen bewußt wurde, desto gereizter wurde ich.
Nach und nach versuchte ich ihm durch ein paar mehr als eindeutige Gesten mein Desinteresse für seine Person kundzutun. - Er redete unbeeindruckt weiter.
Irgendwann hatte ich genug. Ich drehte mich um, schaute meinem Sitznachbarn in die Augen und sagte: "Verdammte Scheiße, was faselst du eigentlich die ganze Zeit?"
Sichtlich überrascht, hörte er tatsächlich auf zu labern und.....nichts. Keine Reaktion.
Ich hatte mich darauf vorbereitet in diesen Sekunden dem Blick eines blutrünstigen Berserkers standhalten zu müssen. Aber nichts dergleichen.
Stattdessen blickte er mich lange und eindringlich an. Dann entgegnete er: "Nichts für ungut, vergiß es einfach.", stand auf und ging.
Ich starrte ihm perplex hinterher, seine Worte hallten wie ein Echo unter meiner Schädeldecke nach. Vergiß es. Leichter gesagt als getan, dachte ich in schmerzvoller Ironie.
Warum war ich, verdammt nochmal, eigentlich hierher gekommen?!?
Vielleicht hätte ich ihm doch zuhören sollen.

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Wie Frau Schmidke Erfolg und Entspannung fand
von Joachim Schulz, 48565 Steinfurt

(»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«) "Natürlich", antwortete Frau Müller ihrer Untermieterin, "aber sie können auch gern hier bleiben und sich etwas im Fernsehen ansehen, wenn sie schon auf den Kleinen aufpassen. Die Videofilme und die meisten der CD´s sind zwar noch von meinem EX-Mann, doch schließlich haben sie hier auch dreißig TV-Programme." Frau Schmidke schüttelte den Kopf. "Um die Werbung mache ich mir keine Sorgen. Ich möchte nur nicht verantworten, daß das Kind in meiner Gegenwart die Sachen sieht, die immer zwischen den Werbeblöcken gezeigt werden." Frau Müller winkte ab. "Bis zum Abend bin ich doch längst wieder zurück. Und das Nachmittagsprogramm ist doch harmlos!" Frau Schmidke wollte entgegnen, daß das Fernsehen bereits nachmittags in Talkshows voll aufgemotzte Sadomasochisten zeigte und in den Werbepausen von ganz harmlosen Sendungen mit möglichst erschreckenden Spielfilmschnipseln und haarsträubenden Toneffekten für abendliche Brutalo-Schocker warb, aber sie kam nicht dazu. "Jetzt muß ich aber los!" rief Frau Müller mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. Sie beugte sich zu Little Joe herab und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann stürmte davon. Little Jo fragte: "Zeigen sie mir, wie man schießt? Mama sagt, sie sind bei der Bundeswehr gewesen." Frau Schmidtke runzelte die Stirn."Ich war vier Jahre Sanitäterin. Ich kann dir zeigen, wie man einen Verband anlegt." "Nö", murrte Little Jo, "Helden schießen nur tot und brauchen nie verbinden." "Komm mal mit", sagte sie und zog ihn vom Fernseher fort in ihr Zimmer. "Was sind das für Bücher?" "Noch vom Abendgymnasium", sagte sie. "Nö", widersprach er, während er in einer Börsenzeitschrift auf einen Artikel über computer-animierte Spielfilme starrte. Zwei Firmen brachten demnächst fast zeitgleich Trickfilme mit Ameisen als Helden heraus. Wahrscheinlich würde nur einer der beiden Filme Erfolg haben. "Die rechts ist cool, die andere taugt nicht!" Seine Wahl stammte von einer Firma, deren Chef, vier Kinder etwa des Alters von Little Jo hatte, während sein Konkurrent Junggeselle war. Frau Schmidke kaufte gleich online Aktien von der Firma des Familienvaters. Wenige Wochen später verbuchte sie den größten Kursgewinn ihres Lebens und lud Little Jo zur Belohnung ins Kino ein. Bei dem Trickfilm mit der "coolen" Ameise amüsierte sie sich genauso wie er. Zum zweitenmal war sie froh, daß sie das Kind kannte, und daraus mehr gemacht hatte, als bloß mit ihm das Ertragen von TV-Werbung zu trainieren

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