
In Jane Taras »Mit anderen Augen« wird das Sehen zum Leitmotiv eines originellen Romans: Eine Frau beginnt zu verschwinden und macht sich auf die Suche nach ihrer Sichtbarkeit. Der Autorin gelingt die Umsetzung der Idee in ein locker zu lesendes und gleichzeitig tiefgründiges Buch.
Wenn man seit Jahrzehnten mehrere Bücher pro Monat liest, dann wird man im Laufe der Jahre etwas wählerischer, stürzt sich begeistert auf Bücher, deren Klappentext eine neue, noch nicht dagewesene Idee verspricht.
Dem Roman der australischen Schriftsteller in Jane Tara »Mit anderen Augen« liegt solch eine originelle Idee zugrunde: Protagonistin Tilda Finch, eine Frau Anfang 50, ist erfolgreiche Unternehmerin, hat zwei erwachsene Töchter und gute Freundinnen. Beim Tippen auf der Computertastatur erschrickt sie: Ihr kleiner Finger ist weg. Nach und nach betrifft dieses Phänomen weitere Körperteile wie ein Ohr oder die Nase. Tilda leidet an der Krankheit »Unsichtbarkeit«. Die Körperteile sind noch da, aber eben unsichtbar geworden. Die Krankheit betrifft nur Frauen, üblicherweise ab einem Alter von 50 Jahren. Eine eindeutige Metapher.
Doch eine interessante Idee allein macht noch kein gutes Buch, entscheidend ist wie immer die Umsetzung. Voraussetzung bei Jane Taras Roman ist, dass man das fantastische Element der Unsichtbarkeitskrankheit innerhalb einer ansonsten realen Welt akzeptiert. Ähnlich verhält es sich mit Stephen Kings Roman »Der Anschlag«, bei dem die Bereitschaft, eine Zeitreise als gegeben hinzunehmen, den Zugang zur Geschichte eröffnet.
Nach der niederschmetternden Diagnose rät Tildas Ärztin zu einer Selbsthilfegruppe. Doch Tilda schreckt das kollektive Selbstmitleid ab. Sie glaubt nicht an Unheilbarkeit ihres Zustands und sagt dem Verblassen den Kampf an. Auf der Suche nach Rettung wendet sie sich an eine renommierte, wenn auch umstrittene Expertin auf diesem Gebiet. Tildas unbedingtes Ziel: Sie will ihre Sichtbarkeit zurückerobern.
Im Laufe der Geschichte lernt Tilda, sich zunächst selbst wieder zu sehen. Das ist auch die Voraussetzung, um von der Außenwelt wieder wahrgenommen zu werden. Man könnte sagen, dass es sich um ein Buch zum Thema Selbstfürsorge handelt. Doch »Mit anderen Augen« ist mehr. Damit wird das Motiv des Sehens auf verschiedenen Ebenen verhandelt – nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn, bis hin zu philosophischen Fragen.
Eine Liebesgeschichte ist ebenfalls Teil der Story. Tilda verliebt sich nach einer gescheiterten Ehe in den nahezu perfekten Patrick. Sein Handicap: Er ist blind. In dieser Konstellation lassen sich auch Parallelen zu Mary Shelleys »Frankenstein« erkennen: Wie dort der blinde alte Mann, der das Monster zunächst ohne Vorurteil wahrnimmt, wird auch hier deutlich, dass Sehen und Erkennen nicht zwingend zusammenfallen.

Am Ende mutet »Mit anderen Augen« wie ein modernes, feministisches Märchen an. An einigen Stellen neigt die Geschichte zwar zum Kitschigen, läuft jedoch immer wieder knapp daran vorbei. Es liegt daran, wie liebevoll die Autorin ihre Figuren und das Setting beschreibt. Beispielsweise auch die Firma von Tilda und ihrer besten Freundin, die Motivationssprüche auf diversen Gegenständen vermarktet. Neben den klassischen Weisheiten gibt es noch die Produktlinie mit den Anti-Motivationssprüchen für Zyniker.
Das Thema »Sehen« lädt zu zahlreichen Wortspielen ein, die im Roman auf lustige Weise – auch innerhalb der Dialoge – aufgegriffen werden.
Das alles macht »Mit anderen Augen« zu einem originellen, amüsanten, locker zu lesenden und gleichzeitig tiefgründigen Roman.
Juliane Hartmann
Jane Tara; Tanja Handels (Übersetzung): Mit anderen Augen. Gebundene Ausgabe. 2026. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257073836. 25,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Jane Tara; Tanja Handels (Übersetzung): Mit anderen Augen. Kindle Ausgabe. 2026. Diogenes Verlag AG. 21,99 € » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

