Anzeige
Anzeige
StartseiteBuchkritiken und TippsMartin Suter und Bastian Schweinsteiger: Einer von uns Reichen und Schönen

Martin Suter und Bastian Schweinsteiger: Einer von uns Reichen und Schönen

Autor Martin Suter (links) und Fußballer Sebastian Schweinsteiger (rechts) bei der Vorstellung des Buches (Foto: Zoom-Screenshot)
Autor Martin Suter (links) und Fußballer Bastian Schweinsteiger (rechts) bei der Vorstellung des Buches (Foto: Zoom-Screenshot)

Dass Ghostwriter die Lebensgeschichte für Prominente aufschreiben, ist üblich. Dass ein prominenter Autor die Lebensgeschichte eines Fußballers aufschreibt, ist eher unüblich. Der Schweizer Autor Martin Suter ist literarisch am Leben von Bastian Schweinsteiger gescheitert. Das ist nicht ärgerlich. Es ist egal.

Ich habe das Erscheinen zweimal verschieben müssen, sagt der Schweizer Autor Martin Suter, weil ich es unterschätzt habe. Die Aufgabe bestand darin, das Leben eines Profi-Fußballers aufzuschreiben. Seit dem 26. Januar 2022 ist das Buch nun auf dem Markt, das als »autorisierte Romanbiografie« bezeichnet wird. Was also ist es denn nun? Roman oder Biografie? Was ist wahr, was ist erfunden?

»Der Autor erzählt uns Wahres und fast Wahres aus dem Leben des Mannes, dem es nicht in die Wiege gelegt war, alles zu erreichen, was man als Fußballer erreichen kann«, heißt es dazu im Klappentext.

In der Praxis war es wohl so, dass Suter sich mit Schweinsteiger und dessen Frau Ana Ivanović und vielen Menschen aus deren privatem und beruflichem Umfeld unterhalten hat. In vielen kleinen, anekdotisch anmutenden Passagen hat Suter dann alles so erzählt, wie er es sich vorstellt, dass es hätte gewesen sein können. In einer Version, die Schweinsteiger gefiel. Bereits von den ersten 40 Entwurfsseiten war Schweinsteiger »sehr beeindruckt«.

»Einer von euch« ist im Diogenes Verlag erschienen
»Einer von euch« ist im Diogenes Verlag erschienen

Es war Schweinsteiger, dem der Name des Schweizer Autors zugetragen wurde. Und Suter wollte es ausprobieren, so wie er sich gerne in vielen Arten des Schreibens ausprobiert. So trafen sich die beiden am Zürcher Flughafen, und sie fanden sich nach wenigen Minuten sympathisch. Ansonsten sah man sich im weiteren Verlauf des Projektes per Zoom.

Tiefere Kenntnisse vom Fußball habe Suter nicht. Seine eigene Fußballkarriere begann mit 9 und endete mit 12. Jedoch habe er auch keine Erfahrungen mit Alzheimer gehabt und dennoch darüber geschrieben, sagt Suter in Anspielung auf seinen Bestseller und Debütroman »Small World«, der 1997 im Diogenes Verlag erschien. Zahlreiche weitere Bestseller sollten folgen, darunter die ebenfalls sehr erfolgreiche Krimiserie in Kunstkreisen um den Lebemann Johann Friedrich von Allmen.

Recherchieren sei der Beruf des Schriftstellers, sagt Suter.

Über einen prominenten Fußballer wie Bastian Schweinsteiger wissen wir ohnehin schon viel Wahres und Halbwahres. Die Fußballspiele im Fernsehen, die Berichte der Sportpresse und die der Klatschpresse. Nicht zuletzt produzierte Til Schweiger bereits die Amazon-Doku »Schweinsteiger: Memories – Von Anfang bis Legende«.

Und jetzt gibt es zusätzlich noch die Wahrheit über Bastian Schweinsteiger, die Martin Suter erfunden hat.

Moderiert von Sportreporter Marcel Reif wird das Buch eine Woche vor Erscheinen der Presse präsentiert. Schweinsteiger und Suter sind nach Berlin gekommen. Auf der Bühne dabei ist auch Schweinsteigers Frau, die Tennisspielerin Ana Ivanović, Weltranglistenerste des Jahres 2008.

Alles an diesem Buchprojekt strahlt aus: Hier geht es nicht um Literatur, hier geht es ums Geld. Die Namen werden das Ding verkaufen.

Schweinsteiger sagt, er wollte ein Buch haben, mit dem man sich identifizieren könne. Es gehe um Hoffnung für Familien und Kinder, es gehe darum, Einblick zu geben und zu motivieren.

Der Titel des Buches »Einer von euch« stammt vom Martin Suter. Er habe beweisen wollen, dass Schweinsteiger »einer von euch« sei.

Aber wer ist das? Wir Reichen und Schönen?

Wenn man über das Resultat etwas Gutes sagen möchte, so kann und sollte man das Buch als Geschenk männlichen Leseanfängern in die Hand drücken, die sich für Fußball interessieren und dem FC Bayern einigermaßen gewogen sind. Vielleicht schafft es das Buch, dass sich die Jungs fürs Lesen begeistern. Sprachlich hat es deren Niveau. Schweinsteiger selbst hat, wie er auf der Bühne erzählt, nach der Lektüre des über 300 Seiten langen Manuskripts durchaus vor, in Zukunft weitere Bücher zu lesen.

Wenn man in einem kleinen Amateurverein fleißig und ausdauernd spielt, dann steht vielleicht mal ein Talentscout des FC Bayern am Spielfeldrand. Und dann beginnt das Leben der Reichen und Schönen. Zunächst mit eigener Wohnung auf Vereinskosten, und später kann man sich teure Füllfederhalter und Autos leisten. Später dann auch den Führerschein.

»Einer von euch« ist ein biederes und kitschiges Werk. Erzählt in langweiliger Linearität ohne literarischen Anspruch mit Phrasen und abgegriffenen Bildern (»wie begossene Pudel saßen sie am Spielfeldrand«).

Man hat den Eindruck, dass Suter in seinem Schreiben um bekannte Tatsachen und juristisch Angreifbares herumdribbeln musste. Das liest sich größtenteils genauso spannend und aufregend wie die Zusammenfassung eines Fußballspiels in der Zeitung, das man am Abend davor bereits im Fernsehen gesehen hat.

Alles, was ein gutes Buch ausmacht – Konflikte, Dramen, Fallhöhen, starke Antagonisten –, gibt es hier nicht. Selbst der unliebsamste Trainer bleibt eine Randfigur und das größte Drama ist ein verschossener Elfmeter.

Suter wollte sich an einer Romanbiografie versuchen. Er ist gescheitert. Es ist sein verschossener Elfmeter. Aber das ist nicht schlimm. Verkaufen wird sich das Buch dennoch. Der Inhalt spielt keine Rolle.

Wolfgang Tischer

Martin Suter: Einer von euch: Bastian Schweinsteiger. Gebundene Ausgabe. 2022. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257071689. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Martin Suter: Einer von euch: Bastian Schweinsteiger. Kindle Ausgabe. 2022. Diogenes Verlag AG. 18,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für Ihre treffenden Worte!!!
    Es ist sehr traurig, dass Martin Suter das nötig hat. Seine Legacy ist nach den letzten zwei bis drei schwachen Büchern ohnehin im Eimer. Das Buch mit Stuckrad-Barre fand ich äußerst eitel und langweilig. (Sorry, dass ich so ernst geworden bin, ich habe es mir auch nur auf Spotify angehört, da ich dafür kein Geld ausgeben wollte.) Suters letzten Roman habe ich mir auch gespart („Allmen und der Koi“), weil ich den vorletzten Roman („Allmen und die Erotik“) so schnell zusammengeschustert und belanglos fand.
    Es ist eigentlich schön, dass Martin Suter Sachen machen will, „die er noch nie gemacht hat“ – Antriebsmotor für die Schweinsteiger-„Romanbiographie“. (So sind wohl auch die Allmen-Reihe und das Stuckrad-Barre-Buch entstanden.) Aber es funktioniert nicht. Langjährige, leidenschaftliche Suter-Fans wie ich wenden sich angewidert ab, denn es ist klar, dass es nur noch ums Geldmachen geht.
    Auch Schweini mochte ich sehr, aber dass er sich unbedingt eine Edelfeder für ein Buch kaufen musste, das ein Fußball-Journalist wie Ronald Reng, der bereits mit dem Robert-Enke-Buch brillierte, viel besser und überzeugender hätte schreiben können, finde ich ebenso sehr befremdend. Was soll das alles? Und warum macht der ehrwürdige Diogenes Verlag das mit? Wie verzweifelt muss man sein?
    Mal sehn, ob ich „Einer von uns“ hören werde, falls es als Hörbuch – inbegriffen in meiner Flatrate – auf Spotify landen sollte. Vielleicht ist mir dazu jedoch meine Zeit zu schade.

  2. Lustigerweise wäre das Literatur-Feuilleton wohl mindestens genauso angewidert und empört gewesen, hätte Martin Suter die Schweinsteiger-Story statt mit Kitsch mit den vermissten starken Antagonisten, grossem Dramen und heftigen Konflikten erzählt. Man liest’s einfach besser Sonntagabend mit etwas Augenzwinkern als Montagmorgen mit zwinglianischem Arbeitseifer.
    Die schreibende Zunft nimmt sich und das Buch ernster als es Autor und Romanheld tun, darin – glaube ich – liegt das grosse Missverständnis. Quasi wie wenn man in eine Pilchner-Verfilmung reinzappt und eine Paul Thomas Anderson-Film erwartet. Bleibt die Frage, für wen das nun lächerlicher ist.

  3. Wenn ich mich bei den Kollegen im Feuilleton umsehe und die Kritiken lese, so ist dort niemand angewidert, niemand empört. Stattdessen Enttäuschung. Genauso bei den Kollegen vom Sport, die Suter attestieren, er verstehe nichts von Fußball, er erzähle nichts Neues und nichts, was man schon im Kicker lesen konnte. Und die Klatschpresse nutzt das Buch für billige Klick-Artikel mit angeblichen Liebesenthüllungen.

    Das Suter „das nötig hat“ kann man auch nicht sagen. Ich glaube seiner Aussage in der Pressekonferenz, dass er es durchaus als Herausforderung sah, das Leben von Schweinsteiger zum Roman zu machen. Und ich glaube auch, dass das Management von Schweinsteiger und Schweinsteiger selbst vom Ergebnis absolut begeistert waren. Schweinsteiger hat gesagt, dass er sonst nicht wirklich lese. Das ist so, wie es häufig Anfänger in ihren Anschreiben an Verlage formulieren: Mein Manuskript fand sogar mein Bruder toll, der sonst nie liest und sich nur für Fußball interessiert. Ein Urteil vom falschen Experten und ein KO-Kriterium.

    Natürlich hätte man ehrlicherweise beim Verlag sagen sollten: Martin, das ist leider nichts geworden. Aber warum sollten sie? In Corona-Zeiten ist Umsatz wichtiger denn je. Warum also sollte man ein Buch verhindern, das sich quasi automatisch verkauft und an dem alle gut verdienen?

    Wolfgang Tischer

  4. Ich hatte bisher noch kein Buch von Herr Suter gelesen, kam nie über die ersten Seiten hinaus. Und bleibe überwiegend bei den Klassikern hängen. Sprachlich gesehen kann ich kaum anders. Nachdem ich den Buchtitel gesehen hatte, habe ich mir meinen Teil gedacht und werde wohl nie mehr zu einem Suter-Buch kommen. Die Marktwirtschaft regelt hier diesen Buchverkauf…und dann Schall und Rauch. Beliebigkeit… Keine eigenen Ansprüche an sich selbst als Autor?
    Dass Herr „Schweini“ dann eventuell auch noch zum Leser wird, warum? Er ist doch Fußballer und Fußball ist sein Fach! Er ist nicht einer von „uns“. Und wer ist genau „uns“?

    Gruselig. Ich liebe die Klassiker. Und einige Zeitgenossen…
    Viele Grüße

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Namen ein