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Schreibzeug-Podcast: Die besten Texte mit 50

Schreibzeug-Pdocast mit Diana Hillebrand und Wolfgang Tischer. Überall dort, wo es Podcasts gibt.
Schreibzeug-Pdocast mit Diana Hillebrand und Wolfgang Tischer. Überall dort, wo es Podcasts gibt.

»Schreibe eine Geschichte mit maximal 2.500 Zeichen, in der 50 eine wichtige Rolle spielt, allerdings nicht als Geburtstag oder Jubiläum.« So lautete die Schreibaufgabe in der 50. Folge des Schreibzeug-Podcasts. Die Zahl der Einsendung erreichte einen neuen Rekord. Hier sind die von Diana Hillebrand und Wolfgang Tischer ausgewählten neun besten Geschichten.

Alle Geschichten – bis auf eine – werden zudem in der 51. Ausgabe des Schreibzeug-Podcasts vorgelesen. In dieser ersten Folge nach der Sommerpause, blicken Diana Hildebrand und Wolfgang Tischer auf die insgesamt 113 Einsendungen, und sie begründen ihre Auswahl der neun besten Texte. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden zudem in den nächsten Tagen auch persönlich von uns benachrichtigt.

Viel Spaß beim Anhören und beim Nachlesen!

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Jetzt aber zu den Gewinnertexten. Die Reihenfolge stellt keine Platzierung dar. Über die Zahlen unten könnt ihr zwischen den Beiträgen blättern.

Überleben

von Maritha Hermanns

Köln 1942. Eingekeilt zwischen meiner flüsternd betenden Oma und meinem Opa, dessen Atem immer leicht nach Kuhstall roch, versuchte ich meine Angst zu besiegen. Angst war was für Babys und ich war schon zwölf. Die Wände des Kellers bebten und Putz bröckelte von der Decke, wenn irgendwo in der Nähe eine Bombe einschlug. Ich begann zu zählen. In mir drin. Bis Fünfzig. Immer wieder von vorn.

Fünfzig war meine Lieblingszahl: die Fünf ein Haken, der mich hielt, wenn ich in das Rund der Null kroch, um in andere Welten zu gelangen. Mit ihr konnte ich alles besiegen, da war ich mir sicher. Auch die Angst. Ich zählte die Steine in der Wand, das Ticken der Uhr, die Köpfe um mich herum. Ich hörte nicht auf, damit sie mich nicht doch noch erwischte.

Seit den Nächten im Keller sprach ich nicht mehr. Solange ich zählte war alles gut. Fünfzig Stufen hinauf, fünfzig Kinder in der Klasse, fünfzig Tage bis Weihnachten, fünfzig…

So verging meine Kindheit, meine Jugend, die Zeit als Erwachsene. Immer in Fünfzigerschritten. Sie verstanden meine Stummheit nicht und sagten, ich sei nicht ganz richtig im Kopf, doch das stimmte nicht. Ich brauchte meine Kraft, meine Konzentration zum Zählen. Sie reichte nicht für das Geschwätz der anderen.

Meine Eltern waren entsetzt, als ich eines Tages Karl mit nach Hause brachte. Ein falscher Fuffziger sei er, sagten sie. Ich weiß nicht, was sie damit meinten und es war mir auch egal. Karl betete nie und er roch auch nicht nach Gülle aus dem Mund, sondern nach Veilchen. Wie der Frühling 1950, wo wir heirateten; gegen den Willen der Eltern. Ihm gefiel meine Schweigsamkeit. Er ist schon lange nicht mehr bei mir. Da hatte die Fünfzig versagt. Kann sein, dass ich mich irgendwann verzählt habe.

Jetzt sitze ich allein in meiner Küche und warte. Worauf habe ich vergessen. Sie kommen und reden mit mir, aber sie scheinen fremde Sprachen zu sprechen, denn ich kann sie nicht verstehen. Keine Ahnung, was sie von mir wollen.

Ich höre das Brummen des Kühlschranks und stehe auf. Was wollte ich gerade? Ich beginne zu zählen: eins, zwei, drei… Welche Zahl kommt nach der zweiundzwanzig? Kommt erst dreißig oder erst vierzig?

Mein Herz stolpert. Jetzt erwischt sie mich doch noch. Ich verliere den Halt, falle in die Schwärze der Null, ohne, dass der Haken mich diesmal halten kann.

Vielleicht hätte ich auch eine andere Zahl wählen können, damals im Keller.

© by Maritha Hermanns . Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – nicht gestattet.

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1 Kommentar

  1. NUMMER 50 – Was für eine phantastische Kurzgeschichte! Ich verstehe, dass Ihr, liebe Diana, lieber Wolfgang, sie nicht vorgelesen habt. Aber diese Geschichte verdient Veröffentlichung!
    mit ganz lieben Grüßen aus Luxemburg

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