Tom zog noch ein letztes Mal andächtig an seiner Zigarette, bevor er entschlossenen Schrittes den Laden für Sportartikel betrat. Er kam sich irgendwie verloren vor. Ein Verkäufer, ein junger Kerl Anfang zwanzig, hipp, braungebrannt, mit eingebranntem Dauergrinsen, nahm sich seiner an.
»Kann ich ihnen helfen?«
»Äh, ja, ich wollte … Laufschuhe …«
»Das erste Mal?« fragte ihn der Verkäufer mit leicht spöttischem Unterton. »Welche Art Schuh soll es denn sein?«
Tom war verunsichert. Worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Ein erwachsener Mann von über vierzig Jahren steht da, vollkommen ratlos, und bringt es kaum fertig, ein Paar Sportschuhe zu kaufen. Als Kind, so glaubte er sich zu erinnern, ging man in einen Schuhladen, kaufte Turnschuhe, und das war’s auch schon. Heute schien dies, soweit er dem Verkäufer folgen konnte, eine Wissenschaft für sich zu sein. Schuhe für Asphalt, Halle oder Wald, auf Körpergewicht und Fußstellung hin angepasst. Unzählige Modelle in ebenso vielen Farben und Preisen. Als er den Laden verließ war er um ein Paar Schuhe und einen Trainingsanzug reicher.
Als er sich eine Woche zuvor von Tanja zu einem Spaziergang überreden ließ, ahnte er nicht im Geringsten, was er sich damit einbrocken würde. Es begann damit, dass er sich eine weitere Zigarette anzünden wollte.
»Schon mal darüber nachgedacht mit dem Rauchen auf zu hören?«
»Schon mal darüber nachgedacht mit dem Denken aufzuhören?« antwortete er lapidar.
»Nein, im Ernst …«
Ja, hatte er, auch wenn er es ihr nicht eingestehen wollte. In letzter Zeit merkte er des Öfteren, wie ihm beim Treppensteigen die Luft ausblieb. Doch war er noch weit davon entfernt, ernsthaft zu erwägen, diesen Gedanken auch in die Tat umzusetzen.
»Wir könnten ja mal damit anfangen, gemeinsam Joggen zu gehen?« schlug sie ihm vor. »Oder vielleicht Nordic Walking? Was meinst du?«
Joggen. Ausgerechnet er, Tom Muno, der größte Sportverächter seit Winston Churchill, sollte in dämlicher bunter Sportbekleidung mit hochrotem Kopf röchelnd im Kreis herumgurken? Oder schlimmer noch: im Hochsommer Skistöckchen spazieren tragen? Ihm wurde bereits übel, wenn er anderen dabei zusah, wie die sich im Namen der Eitelkeit abquälten oder, sich im guten Glauben vermeintlicher Gesundheit wähnend, die Knochen ruinierten.
»Sport ist Mord.« pflegte er zu sagen.
Allein schon bei der Vorstellung, dass ihm eine Horde dickleibiger, gelangweilter Hausfrauen mit Stöcken bewaffnet entgegen kam, wurde ihm ganz mulmig zumute.
»Stell dir nur mal vor. Brennende Hitze. Vierunddreißig Grad im Schatten. Der Asphalt flackert einem vor Augen. Dann … ein kaum wahrnehmbares Stampfen … Padam … Padam … erst ganz wage, dann immer deutlicher. Langsam, aber sicher verdichtet sich das Geräusch zu einem bedrohlich wirkenden Trampeln. Dinosaurier? »The wild bunch.« Schnell den rettenden Sprung in den Seitengraben, bevor einen der nahende Tross, laut schwadronierend, unter sich zu begraben droht. Dem Schlusslicht der Herde, der mit dem breitesten Wackelarsch, wurde zur allgemeinen Sicherheit ein großes Warnschild am Rücken befestigt: ›We brake for nothing. Außer für Kaffee und Kuchen.‹ Schauderhafte Vorstellung.«
»Lästere du nur. Hast auch allen Grund dazu. Schwitzt ja schon, wenn du in den Keller steigst, um dir eine Flasche Wein zu holen. Überhaupt würde dir eine Auszeit von der Trinkerei sicher auch mal ganz gut tun.«
Wären sie an diesem Abend nicht zu Freunden eingeladen gewesen, hätte nicht bereits die dritte Flasche Wein vor ihnen gestanden, hätte Tanja sich nicht zu dieser späten Stunde dazu hinreißen lassen, nochmals mit diesem Thema anzufangen; hätte er sich also nicht, angetrunken wie er war, dazu verleiten lassen, in Gegenwart von Zeugen zu prahlen, dass er noch jederzeit an einem Marathonlauf teilnehmen könnte, wäre die ganze Geschichte wohl folgenlos geblieben. Aber so.
Als er sich das erste Mal in voller Läufermontur vor dem Spiegel betrachtete, kam er sich ausgesprochen lächerlich vor. Was um Himmelswillen … Doch es gab kein Zurück. Schließlich stand seine Ehre auf dem Spiel oder zumindest das, was nach all den Jahren davon noch übrig war. »Laufen statt Rauchen«. Dieser Spruch war ihm eingefallen. Der war so doof, den gab es bestimmt schon. Oder besser »Laufen statt saufen.« Ernährungsumstellung. Noch genau zwei Monate und sechs Tage.Erste Teilnahme an einem Semi-Marathon. Wegen drohendem Infarkt und mildernder Umstände unter Berücksichtigung von Prahlerei unter Alkoholeinfluss einigte man sich auf die Teilnahme an einem Zwanzig-Kilometer-Lauf.
Jeden Morgen um fünf Uhr dreißig sollte der Wecker ihn unbarmherzig aus dem Schlaf reißen und zur Selbstkasteiung auffordern. Anfangs zwei, dann fünf Trainingseinheiten die Woche hatte er sich vorgenommen. Wochenende war heilig. Daran gab’s nichts zu rütteln. Ganz früh morgens, dass nur keiner ihn sah: Mister Antisport persönlich laut keuchend auf
Läuterungslauf.
Nach zwei Wochen »unvorstellbarer Quälerei und höllischen Schmerzen« kam er langsam in den Tritt. Manchmal erwachte er sogar vor dem markdurchdringenden Biep-Ton seines Weckers, dem seiner Ansicht nach diktatorischen Symbol jeder sich als zivilisiert gerierenden Gesellschaft.
Ab dem dritten Wochenende verzichtete er bereits auf seinen Belohnungswein am Abend. Kurz darauf aufs Nikotinpflaster. Es begann ihm Spaß zu machen, sich jeden Tag die Laufschuhe überzustreifen und loszutraben, früh morgens, wenn die Stadt noch im Halbschlaf lag. Ab dem vierten Wochenende fieberte er bereits dem Montagslauf entgegen.
»Suchtverlagerung.« meinte sein Arzt. »So sieht das aus.«
»Alles Quatsch.« meinte Tom.
An die fünf Kilo Lebendgewicht hatte er sich schon abtrainiert.
»Gut siehst du aus.« meinte seine Freundin.
So fühlte er sich auch. Mittlerweile erzählte er überall herum, wie toll es wäre, Sport zu treiben.
»Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. So früh am Morgen, die Stadt liegt noch in den Federn, du streifst dir die Laufschuhe über, und ab auf die Piste. Ich sage euch, dieses Gefühl von Freiheit, totaler Losgelöstheit, diese absolute Leichtigkeit des Seins …«
Er wurde geradezu von einem missionarischen Eifer befallen. Er fing an zu nerven. Erst seine Freunde, danach Tanja, seine Freundin.
»Hör mal, glaubst du nicht, dass du etwas übertreibst?«
Nein, glaubte er nicht. Im Gegenteil. Er begann sich neu einzukleiden, jugendlicher, kaufte sich Männermagazine und Puderkram. Kurz darauf folgte sein erster Besuch im Solarium. Er war kaum noch wieder zu erkennen. Er fing an über Tanja zu mäkeln. Sie solle mal was für ihre Figur tun.
»Und überhaupt, deine ganze Einstellung, weißt du?«
Sie ließ ihn sitzen. Er lief weiter.
An einem kühlen, sonnigen Herbstmorgen, Tom hatte bereits sieben Kilometer zurückgelegt, blieb er unvermittelt stehen. Er zog sich die Kopfhöher seines MP3-Players aus den Ohren und betrachtete in aller Ruhe, wie die Nebelschwaden sich unbekümmert im Tal niederließen.
Welch eine Stille. Lange stand er so da, lachte schließlich leise in sich hinein und machte sich auf den Nachhauseweg.
Kaum angekommen zog er seine Laufschuhe aus und warf sie in den Mülleimer. Dann wählte er ihre Nummer.
Er freute sich sehr, ihre Stimme zu hören.



Nachdem Heinrich Steinfest und Wolfgang Tischer in den letzten Folgen



