Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Es
von Quoth, 51674 Wiehl (Deutschand)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?" fragte ich Vilma, die das herumliegende Papier einsammelte.
Sie sah mich überrascht an.
"Aber wozu das denn?" fragte sie zurück.
Ich hatte gedacht, das sei klar. Schließlich hatte ich es erst seit heute.
"Eduard fragt, ob er es mit aufs Zimmer nehmen kann," wandte sie sich hilfesuchend an Emil, der sich hinter seine Zeitung zurückgezogen hatte.
"Er soll es ruhig hierlassen. Es läuft ihm ja nicht weg."
Ich hasste es, wenn er in meinem Beisein von mir in der dritten Person sprach.
Dennoch gab ich ihm den üblichen Gutenachtkuss auf die Stachelbacke. Dabei ging mir das Wort Halbwaise durch den Kopf.
Ich hätte gern mit Vilma allein gelebt.
Ich stapfte die Treppe hinauf.
In meinem Zimmer angekommen, warf ich mich aufs Bett.
Ich bin nicht sicher, ob ich geweint habe - aber ich hätte es gern getan.
Ich fühlte mich amputiert, so wie Emil amputiert war.
Aber ihm hatten sie nur den Fuß abgenommen, mir etwas viel Wichtigeres.
Und nun musste es da unten unter dem wintertrockenen Oleander stehen und sich ebenso nach mir sehnen wie ich mich nach ihm.
Eine Zeit des Sehnens lag vor mir wie eine Wüste, und als ich das Nachthemd mit den roten Bisen anzog, fühlte ich mich wie ein Wüstensohn, der sich zum Ausritt rüstet.
Wenn Beduine ein Beruf gewesen wäre, ich hätte mich für ihn entschieden.
Und hätte es immer bei mir gehabt.
Nie mehr wäre ich allein gewesen.
Und selbst wenn der furchtbare Samum über mich hereingebrochen wäre, ich hätte mich mit ihm hinter meinem Tier verkrochen - und wenn es mein Geschick gewesen wäre, vom Sand verschüttet und für immer begraben zu werden, so wäre es mit mir zugrunde gegangen, und dieser Gedanke war mir unendlich süß.
"Das Schrecklichste," dachte ich, während ich mir die Zähne mit Lacalut® schrubbte, "ist, allein zu sterben. Aber umgekehrt gibt es viele, von denen ich bei meinem Sterben nicht getröstet werden, die ich nicht bei mir haben möchte - und die schon gar nicht mit mir zusammen sterben sollen. Zum Beispiel Herta Herterich (Anm.: Unsere bitterböse, geizige und ständig hysterisch schreiende Hauswirtin). Deibel auch, da sterb ich doch lieber allein!"
Es ging mir besser, als meine Gedanken diesen heroischen Aufschwung genommen hatten. Aber dann fing ich an, darüber nachzudenken, ob Emil es wohl in Ruhe lassen oder in den Arm nehmen würde da unten.
"Es läuft ihm ja hier nicht weg," hatte er scheinheilig gesagt.
Aber ich wusste, dass er es genauso sehr liebte wie ich.

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Urlaub unter Palmen
von Philipp Zechner, 60598 Frankfurt/Main (Deutschand)

Das Mädchen blickte Herrn Schmidt aus tiefbraunen, traurigen Augen an. Gerade so, wie er es mochte. Wie alt die wohl war? Fünfzehn vielleicht, allerhöchstens sechzehn. Seine Tochter war im gleichen Alter. Dass man so etwas erlaubte, konnte er beim besten Willen nicht verstehen. Sei’s drum, es kommt ein Zeitpunkt im Leben, da es nur mehr abwärts geht, ungefähr dann, wenn man sich sicher sein kann, dass die Anzahl der gelebten Jahre die der kommenden übersteigt. Dann möchte der ganze Erfolg nicht mehr so recht schmecken, die großen Ereignisse der Welt verlieren ihre Wichtigkeit, und selbst die Blumen im Garten des endlich abbezahlten Häuschens beginnen, nach Friedhof und Verwesung zu riechen. Ein schreckliches Gefühl, an einem Sommernachmittag auf der Terrasse an den Tod denken zu müssen. Und dann das große Rätseln, Nacht für Nacht: Wie lange noch? Zwanzig Jahre, vielleicht fünfzehn? Die Ehefrau schnarcht nebenan, sie kann einem auch nicht helfen. Im Bad dann der Blick in den Spiegel: Schlaffes Gewebe, runzlige Haut, selbst die Brust beginnt zu hängen. Nur die Haare sprießen munter, überall, wie Unkraut aus einem Misthaufen – womit man wieder bei den Blumen im Garten angelangt wäre. Was aber kann man dagegen tun? Herzlich wenig. Die Welt ist obszön, das müsste man mit fünfzig so langsam verstanden haben, und wenn es hart auf hart kommt, kann einem keiner helfen. Dann gibt es nur noch Augen zu und durch, das haben die armen Teufel in Florenz damals auch nicht anders gemacht, hatten wenigstens noch ein bisschen Spaß, bevor sie verreckt sind … Schade ist’s, aber was soll man machen? Kann sie sich wenigstens was Schönes von kaufen, ich stecke ihr auch noch ein paar Mark extra zu … Er blickte zu der älteren Dame, die ihn erwartungsvoll anlächelte: "Das Mädchen da vorne. Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?" "Aber natürlich, dafür ist es ja da." An manchen Tagen kann das Leben auch angenehm sein.

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Der Fleck
von Sabine Küster, 10245 Berlin (Deutschand)

Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen ?
Eine blödsinnige Frage - Hotelmagazine sind dazu da, dass man sie mit aufs Zimmer nimmt - aber ich war aufgeregt und des klaren Denkens nicht mächtig in diesem Moment.
Grund meiner erhöhten Nervosität war das Titelthema des Hochglanzmagazines:
Die Fleckenphänomene.
Sie müssen wissen:
Ich habe einen blinden Fleck.
So etwas wie einen toten Winkel, nur geradeaus.
Seit meinem 15. Lebensjahr kann ich die Nase anderer Menschen nicht sehen.
Dort wo sie sein müsste ist in meinem Bild nur ein schwarz-weiß-karierter Fleck.
Fransig an den Enden, oft direkt in Mund- oder Augenpartie übergehend.
Diverse Ärzte und anderweitige Spezialisten schrieben bereits über diese einmalige Karo-Syndrom, doch helfen konnte mir keiner.
Inzwischen glaube ich aber selbst die Erklärung für diese Wunderlichkeit gefunden zu haben.
In den 60erJahren führten meine Eltern eine kleine Näherei, mehr oder weniger erfolglos.
Bei einem Kellerbrand wurde dann 1972 das komplette Warenlager vernichtet und damit auch unsere Existenzgrundlage. Von einem Tag auf den anderen waren wir arm.
Übrig geblieben vom Geschäft war nur eine dicker schwarz-weiß-karierter Stoffballen von gigantischen Ausmaßen – dieser hatte nicht mehr ins Kellerlager gepasst und befand sich in zu dem Zeitpunkt in unserer Wohnung.
Die nächsten Jahre wurden alle meine Kleidungsstücke aus diesem Stoff genäht.
Alle. Von der Unterhose bis zum Wintermantel.
Irgendwann muss sich ein Fetzen davon auf meiner Netzhaut eingebrannt haben.
Und wirft nun munter Flecken in anderer Leute Gesicht.
Mitten hinein. Dahin, wo normalerweise die Nase sitzt.
Ein Fleckenphänomen.
Sie glauben mir nicht?
Dann lesen Sie doch selbst...

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Der Goldfisch im Himmel
von Niko, 42697 Solingen (Deutschand)

Ja. Ja, du kannst. Jaja, du kannst es mitnehmen, das Glas: das große, bauchige Glas kannst du auf dein Zimmer mitnehmen: das Glas mit dem Wasser, das Wasserglas mit dem Goldfisch. So nimm es an dich, mein Bruder, mein Bruder Sternenkind: nimm das Glas mit dem Goldfisch und geh - geh! - Geh hinauf auf dein Zimmer und gib es ins Fenster, das Glas, in den hellichten Tag: Stell es auf's Fensterbrett, stell's auf das Brett über der Schlucht, über der Straßenschlucht von Manhattan - auf das hölzerne Brett über den Wolken - auf das Holz da oben: droben, hoch über den flauschigen, bauschigen Wolken - da stell es hin! - Da, wo es hingehört, das Glas mit dem Goldfisch: in den Himmel über der Stadt. Stell's in den Himmel hinein. Stell es ins Licht.

Nun. Siehst du ihn? Siehst du den Fisch? Den goldenen Fisch in der Kugel, in der Kugel von Wasser - hoch über Manhattan. Siehst du ihn? - siehst du? -ihn? - Ihn: wie er vom Wasser durchflutet im Wasser herumschwimmt, das Wasser herauf und hernieder zum gläsernen Grund. Siehst du ihn, wie er nun um die Pflanze herum-- um die Pflanze aus Kunststoff-- um den giftgrünen Kunststoff herumschwimmt - heran an die Scheibe, herüber zu dir. Zu dir, mein Bruder Sternenkind --- sieh, er hält plötzlich inne, steht stille. Stille - so steht er vor dir - in der Kugel von Wasser oben im Fenster, im Fenster hoch über den Wolken, den flauschigen, bauschigen Wolken - da steht er ganz still. Da, wo er hingehört: droben im Himmel über der Stadt, da steht er. Er. Er steht da. Er steht da im Licht: im lichtdurchfluteten Wasser -- jaja, im Licht seines Sterns. Deines Sterns, ja. Im Licht eures Sterns steht der Fisch, der himmlische Fisch. Der mit der flammenden Flosse. Der steht da und faßt dich ins Aug. Ins feurige Aug. Ins Feueraug faßt er dich.
Und. Siehst du dich? Siehst du dich in ihm, in seinem Aug? im feurigen Aug, im Feueraug - siehst du dich? Siehst dich? Siehst du? Dich? - Du? - Du, mein Bruder, mein Bruder Sternenkind, wenn du dich siehst, dann zögre nicht - sprich! - Sprich, um zu atmen, um Luft zu schöpfen. Denn du weißt ja, um was es geht. Du weißt ja. Du weißt. Es geht um Leben und Tod. Um d e i n Leben, um d e i n e n Tod - also sprich, gib dem Atem im Raum deine Stimme, und sprich deine Frage aus. Sprich sie ruhig aus, deine Frage. Sprich sie ins Fenster. Sprich sie ins Licht - und horche. Und höre: Der Himmel wird schweigen. Das Wasser im Glas, es wird schweigen. Und der Fisch, er gibt dir Antwort.

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Marie
von Sigrid Wahl, 47506 Neukirchen-Vluyn (Deutschand)

Marie stand gegen das Servierbüfett gelehnt, nur so eben, es stand ihr nicht zu wegen ihrer verdammt müden Füße sich gehen zu lassen. Sie hatte zu stehen und auf die dezenten Winke ihrer Herrschaft am Tisch einzugehen, nachzulegen und Erwünschtes aus der Küche zu holen.
Sie hatte auch ihre Ohren zu verschließen und die leise geführten Gespräche geflissentlich zu überhören.
Sie stand und fühlte sich wie eines der Möbelstücke im Raum. Die Menschen am Tisch nahmen sie nur wahr, wenn sie etwas von ihr wollten.
Dann war sie froh, sich bewegen zu können, denn das war angenehmer als ihnen zuzuschauen.
Die Damen am Tisch aßen ja manierlich, fast geziert; die Kinder kleckerten ab und zu, wie Kinder eben; der Herr des Hauses fraß in ihren Augen wie ein Schwein, bei ihm mußte ja alles immer schnell gehen, selbst das Essen. Ohne Genuß, so schien es Marie, stopfte er alles in sich hinein, benutzte ständig die Serviette; Suppe, Soße, alles lief über sein Kinn in den Stoff. Das gab wieder Flecxken, die sie in der Wäsche kaum heraus bekam, Scheiße!
Endlich waren sie beim Dessert. Ein besonders köstliches heute, ihr lief das Wasser im Munde zusammen.
Ein winziger Rest blieb übrig.
"Marie!", die hohe Fistelstimme der Dame des Hauses: "Sie können abräumen!". Mit ihrer mehrfach beringten Hand wies sie auf den Rest:"Wenn Sie mögen, Marie...!"
Marie machte einen angedeuten Knicks:" Danke , gnädige Frau,
kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"

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