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Mythos und Misshandlung - Ulrich Struve über Kaspar Hauser
 

Der Fall Hauser

Holzschnitt von Kaspar HauserSeit Urzeiten beschäftigen Wilde Kinder die mythische und literarische Imagination, von Romulus und Remus bis zu Kiplings Wolfsjungen Mowgli. Historische Fälle isoliert aufwachsender Kinder haben teil an der mythischen Kraft des Topos und verstärken sie zugleich. Im 7. Jahrhundert v. Chr., so berichtet Herodot, ließ der Ägypterkönig Psammetich zwei Säuglinge von Ammen versorgt, aber ohne Sprache aufziehen, um die Ursprache der Menschheit zu erkunden. Meist aber führten Vernachlässigung und Aussetzung zu ungeplanten »Isolationsexperimenten«. Im 18. Jahrhundert wurden Wilde Kinder besonders heftig debattiert. Sie verkörperten die Grenze zwischen Natur und Kultur und boten, so schien es, einen Blick auf den Menschen im Naturzustand, unberührt von gesellschaftlichen Einwirkungen — wenn auch nur in vereinzelten Exemplaren.
     Kaspar Hauser ist eine späte Blüte und der Höhepunkt einer langen Folge Wilder Kinder in Europa. 1828 tauchte er in Nürnberg auf, kaum fähig zu gehen oder zu sprechen. Seine Ankunft in den Mauern der Stadt sprach sich bald herum. Hausers Aufenthalt auf dem örtlichen Gefängnisturm geriet zur reinsten Menagerie. Der Findling wurde zur Touristenattraktion.
     Eine Bekanntmachung des Bürgermeisters Binder bestaunte Hausers »höchste Unschuld der Natur« und sprach von dessen langjähriger Einkerkerung. Wegen seiner »herrlichsten Anlagen des Geistes, Gemüths und Herzens«, eine Art natürlicher Nobilität, spekulierte Binder, dass dem Knaben auch »sein Vermögen, wohl gar die Vorzüge vornehmer Geburt« entgangen sein könnten. Das Findelkind wurde flugs als entführter Prinz deklariert. Die Gazetten druckten die Geschichte allerorten nach und die paneuropäische Sensation war perfekt.
     Die amtlichen Ermittlungen übernahm der Jurist Anselm von Feuerbach. Er kam zu dem Schluss, Hauser sei ein aus Erbfolgegründen beiseite geschaffter Spross des Badischen Großherzogs. 1830 ließ jedoch Polizeirat Merker aus Berlin verlauten, Hauser sei wohl eher ein gewöhnlicher Betrüger. Inzwischen ist es Historikern, allen voran Hermann Pies, gelungen, einen erstaunlich dichten Indizienbeweis für die Prinzentheorie zu erbringen. Aber der Streit zwischen Befürwortern und Zweiflern tobt nach wie vor mit großer Heftigkeit, wie nicht zuletzt der Sturm im Blätterwald anlässlich der vom Spiegel in Auftrag gegebenen DNS-Analyse im November 1996 gezeigt hat.
     Kaspar Hauser verbrachte insgesamt fünfeinhalb Jahre unter den wachsamen und sensationslüsternen Augen der Öffentlichkeit. Der Gymnasiallehrer G. F. Daumer lehrte ihn Sprechen, Lesen und Schreiben. Auch Zeichnen, Aquarellieren und Schachspielen standen auf dem Programm. Ein Attentatsversuch im Oktober 1829 schlug fehl, doch der Täter konnte entkommen.
     Im Jahr 1831 erschien Lord Stanhope auf der Bildfläche, ein Exzentriker aus altem englischen Adel, der in der Hauseraffäre als Agent Badens tätig war. Er zeigte großes Interesse an Hauser und übernahm dessen Pflegschaft. Auch von Adoption, die aber nie zustande kam, war die Rede. Der Lord veranlasste Hausers Umzug nach Ansbach, zu Lehrer Meyer, einem Mann, der allem Anschein nach so bieder wie engstirnig war. Dort verbrachte Kaspar Hauser die letzten zwei Jahre seines Lebens, bis er im Dezember 1833 dem Dolch eines Mörders erlag und mit seinem unzeitigen Tod den Interpreten in Psychologie und Juristerei, Geschichtswissenschaft und Pädagogik, in der Medizin und in den Künsten das Feld überließ.


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