Mythos und Misshandlung - Ulrich Struve über Kaspar Hauser
 

Souveräne Unterhaltung: Hauser im Krimi

Auf dem TotenbettIm Herbst 1993 hatte Peter Sehrs Kaspar Hauser: Verbrechen am Seelenleben eines Menschen Premiere, ein weit ausholender Historien- und Kostümfilm, der sich die endgültige Rehabilitation des seiner Identität beraubten Badischen Prinzen aufs Panier geschrieben hatte. Der Film fand großen Anklang und wurde verdientermaßen mit dem Bundesfilmpreis in Gold geehrt. Hauptdarsteller André Eisermann tingelt heute mit einem »großen Bänkelsang« zu Kaspar Hauser durch die Lande.
     Kaum war der Film aus den Kinos verschwunden, da warb ein Krimi um die Gunst des Lesepublikums, der unterhaltsame und in der literarischen Kaspar-Hauser-Tradition sehr eigenständige Roman Feuerblumen: Das Geheimnis des Caspar Hauser von Hans Georg Thiemt und Hans Dieter Schreeb; unlängst ist er als Taschenuch neu aufgelegt worden. Das Autorenteam Thiemt und Schreeb blättert in diesem mitreißenden Schmöker Schritt für Schritt die Geheimnisse und Intrigen um Kaspar Hauser auf. Die erfundene Hauptfigur des Romans, der Notar Winzer, folgt zahlreichen Spuren, die Licht in das Dunkel der mysteriösen Herkunft des Findlings bringen könnten. Immer tiefer dringt Winzer in die Kreise der Verantwortlichen ein, bis er schließlich selbst zum Opfer der Verschwörung wird.
     Thiemt und Schreeb stützen sich auf die Erkenntnisse der historischen Hauser-Forschung, ohne je ihre Freude am Fabulieren zu verlieren. Winzer wird als Spielernatur, als Emporkömmling und Jakobiner gezeichnet, der sich auf Bitten der Großherzogin Stephanie um die Hintergründe des Falls bemüht. Deren Vorleserin wird Winzers Mätresse, zuerst als Entlohnung für riskante Recherchen, später aus Leidenschaft. Nach und nach versteigt sich Winzer so sehr in die abenteuerlichen Verwicklungen des Falls, dass ihn selbst seine Geliebte nicht mehr schützen kann. Als Winzers Hund vergiftet wird, als schließlich gar sein Haus niederbrennt, säen die Autoren Zweifel, ob es sich um Zufälle oder gezielte Warnungen der Verschwörer handelt. Das Grübeln und Kombinieren überlassen sie getrost dem Leser.
     Die Sprache des Romans ist den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts anempfunden, mit gelegentlichen antiquierten Wendungen aus der Welt des Hofes und der Kanzleien. Fast beiläufig, doch mit viel zeitgeschichtlichem Kolorit, erfährt man von den machtpolitischen Winkelzügen Napoleons, die Stephanie nach Baden brachten, von der »bleiernen Decke« der Zensur, die auf ganz Deutschland liegt, und vom Elend der kleinen Leute.
     Auch über die »Umtriebe der Demagogen und Demokraten«, denen der Hauser-Fall gerade Recht kommt, die Fundamente der Fürstenherrschaft zu erschüttern, berichtet der Roman. Die Fantasie der Autoren erfindet dazu packende sinnliche Details. Als Winzer nach dem Brand seine sterbende Haushälterin Käthe am Krankenbett besucht, »nimmt er nur die Äußerlichkeiten war: Die Frau, hergerichtet und reglos wie eine Mumie ... den süßlichen Ruch von Urin, auch den beißenden von Kalk, welchen man zur Desinfektion in den Zimmern und Gängen ausstreut; nein, ... eigentlich und wirklich nimmt er nur den Hautgout von Tod und Fäulnis wahr«.
     Feuerblumen ist ein kühn konzipiertes Buch. Es ist mit Erfolg Vieles in einem: ein kluger und kenntnisreicher historischer Roman der Biedermeierzeit, eine belletristische Studie von Spiel- und Liebesleidenschaft und nicht zuletzt ein spannender Kriminalroman, dessen Seiten man ungeduldig umblättert.


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