Startseite»Bis Klagenfurt anruft«Der gute Gott vom Wörthersee: Cornelia Travnicek über das Lesen beim Bachmann-Preis

Der gute Gott vom Wörthersee: Cornelia Travnicek über das Lesen beim Bachmann-Preis

Cornelia Travnicek gewann in Klagenfurt 2012 den mit 7.000 Euro dotierten PublikumspreisUnter dem Titel »Bis Klagenfurt anruft« berichtet die Österreicherin Cornelia Travnicek seit 2006 im literaturcafe.de aus dem Leben einer Jungautorin. Nachdem sie zunächst Kurzgeschichten in österreichischen Verlagen veröffentlicht hatte, erschien im Frühjahr 2012 ihr erster Roman Chucks bei DVA.

Und dann rief Klagenfurt tatsächlich an, und Cornelia Travnicek gehörte zu den 14 Autorinnen und Autoren die bei den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur (»Bachmann-Preis«) gelesen haben.

Cornelia Travnicek gewann am Ende den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis und wird 2013 Stadtschreiberin der Kärtner Landeshauptstadt sein.

Hier ist ihr Bericht von den Tagen am Wörthersee.

Großartige Literatur in Klagenfurt – und umgekehrt

Klagenfurt ist eine interessante Stadt. Nur hier kann man sich vorstellen, dass so etwas überhaupt funktioniert: den halben Literaturbetrieb der deutschsprachigen Länder für vier bis fünf Tage auf engem Raum zu versammeln (in mehrfacher Hinsicht: denn das Studio des ORF Kärnten ist nicht groß, der Lendhafen – wo man die Lesungen auf Großbildschirmen verfolgen konnte – ist nicht weit davon entfernt, und überhaupt ist Klagenfurt erstaunlich übersichtlich), sich mehr als fünf Stunden am Tag quasi gegenseitig etwas vorlesen zu lassen und am Schluss zu den ziemlich gleichen Urteilen zu kommen wie das Jahr davor, sowie zu der überraschenden (#not) Erkenntnis, dass selbst innerhalb dieses Betriebes unterschiedliche Leute die unterschiedlichsten Dinge für großartige Literatur halten – und umgekehrt.

Aber: Alle Jahre wieder. Ich bin jedenfalls dieses Jahr um die Erfahrung reicher, dass es vor Ort noch um einiges mehr Spaß macht, als diese Veranstaltung vor dem Fernseher und im Internet mit Gleichgesinnten zu teilen, vor allem weil der abendliche Teil am Lendhafen (und in Folge im Theatercafe && || im Teatro) nicht übertragen wird. Auch entgehen einem vor dem Fernseher der Hugo-getränkte Empfang anlässlich der Eröffnungsveranstaltung und die bürgermeisterliche Einladung (»Hugo« stellt sich übrigens für die Niederösterreicherin schnell als ordinärer »Kaiserspritzer« heraus, den findige Kärntner mit ein paar Minzblätter südländisch veredelt haben). Man süffelt also in Klagenfurt den Hugo, bewundert die unwirklich himmlische Farbe des Wörthersees und sinkt dabei mit den Absätzen der schönen Schuhe weiter und weiter in den Rasen ein.

Hugo süffeln und Kanu fahren

Kathrin Passig, Bachmann-Preisträgerin 2006 (vorn), und Bewerb-Spezialistin Angela Leinen (»Wie man den Bachmann-Preis gewinnt«) reisen mit dem Kanu zur Lesung anKlagenfurt ist auch die einzige Stadt, in der ZuhörerInnen im Kanu angereist kommen (wenige) oder sich unter Lebensgefahr mit Fahrrädern am hier ebenfalls südländisch anmutenden Straßenverkehr beteiligen (viele), um nach langen Nächten mit dazu korrelierend zu kurzen Schlafphasen vor dem Studio oder am Kanal darauf zu warten, dass die Jury endlich aufhört nett zu sein. Irgendwie hat man nämlich schon insgeheim eingesehen, dass es unsinnig ist, jedes Jahr wiederholt darauf zu warten, das Rad werde neu erfunden. Auch die Hoffnung auf Goetz’sche Aktionskunst ist weitgehend unberechtigt, muss man sich eingestehen, da dergleichen von LiteratInnen heute eher als peinliche Effekthascherei gesehen wird. (Beispiel dazu: Nackt ausziehen auf der Bühne im Literaturhaus Wien während eines Poetry Slams? Reaktion: Müdes Abwenden im Publikum.) Was wäre das auch für eine Literatur, die ohne den performativen Akt nicht mehr auskommt.

Cornelia Travnicek

berichtet im literaturcafe.de seit 2006 von ihrer bisherigen Autorenlaufbahn und davon, wohin es führen kann, wenn man eines Tages beschließt zu schreiben. Interessant für alle, die Ähnliches selbst erlebt haben, noch erleben wollen oder sich vielleicht nach der Lektüre entschließen, es doch besser zu lassen. Seinerzeit schrieb Cornelia unter dem Motto »Bis Klagenfurt anruft« sieben Berichte und einige Bonusfolgen u.a. über Veröffentlichungen, Preise, Lesungen, Literaturforen und die eigene Website.

Cornelia Travnicek: Chucks (Buchcover)Im Frühjahr 2012 erscheint Cornelia Travniceks erster Roman »Chucks« in der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA). Wie ergeht es einem als österreichische Autorin, wenn man zu einem großen deutschen Verlag wechselt? Erfüllt sich ein Autorinnentraum? Ist es der Karrieredurchbruch?

Unter dem Titel »Bis Klagenfurt anruft. Reloaded« setzt Cornelia Travnicek 2012 ihre Berichte im literaturcafe.de fort.

Im Juli 2012 las sie dann tatsächlich in Klagenfurt und gewann den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis. 2012 ist sie Stadtschreiberin in Kärnten.

Klicken Sie hier, um alle bislang erschienenen Teile zu lesen »

www.corneliatravnicek.com

Cornelia Travnicek: Chucks: Roman. Taschenbuch. 2014. btb Verlag. ISBN/EAN: 9783442747023. EUR 8,99 » Bestellen bei amazon.de Anzeige)

So geben sich SchriftstellerInnen, VerlegerInnen und Jury der süßen Versuchung des kollektiven Hugo-Rausches hin, schwingen fast unsichtbar zur leise wehmütigen Musik am Lendhafen die Hüften und freuen sich des Lebens. Wem dabei zu heiß wird, der fährt zum See, manch einer versucht so in türkiser Badebekleidung mit dem Wasser (optisch) und dem Moment (innerlich) eins zu werden. Auch die anwesenden Vertreter der Medien hugon sich ein bisschen ein, vergessen darüber manchmal, wer von wem eingeladen wurde und warum überhaupt alle hier sind, außer weil es so schön ist. Wenn Gott irgendwo wohnt, dann am Wörthersee, denke ich mir ein-, zweimal, wenn abends die Sonne darin versinkt und die Segel sich mühen, das letzte Licht zu fangen, als wären die Boote solarbetrieben und hätten es nötig.

bepreist wie unbepreist

Am Sonntag geht auf einmal alles ganz schnell und jeder ist plötzlich etwas oder nicht, ich im konkreten Fall Stadtschreiberin von Klagenfurt für das nächste Jahr – das trifft sich gut, ich wollte sowieso wiederkommen. Beim letzten Essen in Maria Loretto stellt sich ein Mann mit freundlichem Gesicht und etwas längerem, ergrautem bis erweißtem Haar zu mir, duzt mich vertraulich, ohne sich vorzustellen, erzählt mir von zwei Kindern und lädt mich ein, mich im nächsten Jahr zu melden, gerne dürfe ich ihn besuchen, wenn ich wieder hier in Klagenfurt bin. Aber seine Telefonnummer gibt er mir nicht. So unvermittelt wie er aufgetaucht war, ist er wieder weg, zurück bleibt nur das Gefühl, dass ich ihn hätte kennen sollen, kurz denke ich gar, dass es vielleicht der Wörthersee-Gott war, der Literatur-Gott oder sonst eine göttliche Erscheinung. Die Kandidaten um mich herum, bepreist wie unbepreist, haben noch ein bisschen Kraft zum Lächeln, wir lächeln gemeinsam den diesjährigen Abschied herbei.

Bubbletea-Bashing von White-Choco-Macchiato-Frappe-Trinkern

Am Bahnhof lese ich die ersten Mails mit Benachrichtigungen über Medienberichte. Wie es scheint wurde ich – unter dem Einfluss der »Backshop-Prosa« (Zitat Jurydiskussion) meiner Vor-Leserin und meines eigenen Videoporträts – zu einer Art »Working Class Heroine«. Manche müssen sich wundern, dass die »Betreiberin« eines dieser »dämlichen Bubble-Tea-Läden« durchaus annehmbare Prosa zustande bringt und ich denke ganz, ganz heimlich bei mir, dass im Vorteil ist, wer Autorinnenbiografien lesen kann, beziehungsweise, dass es manchmal auch nicht geschadet hätte, wenn statt weißem Wein grüner Tee im Hugo gewesen wäre. Überhaupt scheint Bubbletea-Bashing gerade ein wenig in Mode, was von Leuten, die ich verdächtigen würde, zu Konsumenten von »White Choco Macchiato Frappe« zu gehören, ein wenig unreflektiert ist.

Beim Warten auf den Zug frage ich aus einer Eingebung heraus Leopold Federmair, ob es sein kann, dass der grauhaarige Mann von eben Josef Winkler war, woraufhin sich Leo an die Stirn fasst, weil ihm einiges klar wird. Nachdem Herr Winkler auch von Herrn Federmair nicht erkannt wurde, obwohl sich die beiden schon einmal mehrere Tage lang gemeinsam in heißen japanischen Quellen einweichten, fühle ich mich nur mehr halb so schuldig.

Wo liegt der Hund begraben?

Leopold Federmair fotografiert während der Diskussion über seinen Text die Jury (Foto: ORF/bachmannpreis.eu)
Foto: ORF / bachmannpreis.eu
Zum Abschied denke ich noch einmal an die Jurydiskussionen, zum Beispiel die von Leo Federmair, der die Jury fotografierte, um der Situation Herr zu werden, sein Herz zu beruhigen, und nicht angesichts der Kritik einer Rhythmusstörung zu erliegen, und an meine, besonders an die Stelle, an der Paul Jandl sagte, ihm sei nicht klar, wo im Text der Hund begraben liegt, und ich zum Glück den Mund halten und verhindern konnte, dass mir herausrutscht: »Steht doch da! Unter dem Kirschbaum!«

Cornelia Travnicek
twitter.com/frautravnicek

Cornelia Travnicek: Chucks: Roman. Broschiert. 2012. Deutsche Verlags-Anstalt. ISBN/EAN: 9783421045263. 4,99 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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