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Beitrag vom 16. September 2011 | Rubrik: Literarisches Leben

»Das blaue Sofa« im ZDF: Den alten Mann bitte nicht mehr!

Wolfgang Herles begrüßt seine Zuschauer in »Das blaue Sofa«

Foto: ZDF

Wer kam auf die bescheuerte Idee, Wolfgang Herles eine Literatursendung moderieren zu lassen? Zusammen mit Christine Westermann hatte er schon einmal bewiesen, dass man Bücher verschnarchter nicht präsentieren kann.

Nach Ulrich Wickert wieder einer dieser eitlen selbstgerechten Medienmänner, die an Büchern scheitern.

Gebt Elke Heidenreich Schlaftabletten und Tranquilizer, und heraus kommt ein Herles.

Eine schlechte Kopie von Denis Schecks »Druckfrisch«

Und wie unoriginell ist es, Interviews mit Schriftstellern an ungewöhnlichen Orten zu führen! Das macht schon Denis Scheck und der macht es wunderbar witzig, erfrischend und 1.000 Mal besser als dieser ZDF-Dino Herles. Wenn Scheck »Druckfrisch« ist, ist Herles »Altpapier«.

Wenn mir im Straßencafé Leute mit Sonnenbrille gegenübersitzen und sich mit mir unterhalten, dann ist das mehr als unhöflich und unsensibel. Wolfgang Herles begrüßt sogar seine Zuschauer mit Sonnenbrille. Das hat Symbolcharakter.

Herles lässt zum Interview ein blaues Sofa sogar auf einen Gletscher transportieren.

Dass es irgendwie ironisch und sarkastisch gemeint sein könnte, dieses Sofa in Schnee und Eis zu platzieren und darauf mit Ilija Trojanow über die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen zu reden? Nein, das kann es nicht sein. Man vermutet eher Dummheit. Dass Trojanow das mitmacht?

Keine Talkshow? Aber auch keine Leseshow!

Schon Herles’ zweiter Gast macht vieles nicht mehr mit. Der Schauspieler, Gastwirt und Schriftsteller Josef Bierbichler sitzt mit Herles auf Stühlen vor dem Sofa und man ahnt, dass Bierbichler da einfach nicht dekorativ auf einer grünen Wiese auf dem blauen Sofa sitzen wollte. Er möge Talkshows nicht, sagt Bierbichler später, als Herles die Sache thematisiert. »Diese Sendung«, versichert Herles, »ist garantiert keine Talkshow.«

Ja was denn dann? Eine Leseshow sicherlich auch nicht, selbst wenn Herles immer wieder Textstellen schlecht vorliest.

Aber gut befragen kann er die Schriftsteller auch nicht. Wie bei einem Anfänger kreist sein Gesprächsthema fast ausschließlich um die Frage, wie viel von seinen Interviewten in den Romanen stecke und wie sie selbst die ein oder andere Szene aus dem eigenen Roman interpretieren. »Ich war froh, dass es mir so eingefallen ist«, antwortet Bierbichler wunderbar lakonisch, und seine ihm anzumerkende Aversion vor dieser Talkshow-Situation bleibt das einzig Unterhaltsame an dieser Sendung. Man hätte es ihm nicht übel genommen, wäre er aufgestanden und gegangen.

Was soll dieses blöde blaue Sofa?

Schon Herles’ zweiter Gast macht es also offensichtlich: Was soll dieses blöde blaue Sofa? Warum wird es für die Sendung überall hingekarrt? Ist es der Strohhalm für Herles, der auf einem blauen Sofa auf Buchmessen schon seit Jahren Schriftsteller interviewt? Soll er sich da heimisch fühlen? Ist das Sofa sein Alterssitz? Warum dieser logistische Schnickschnack, der ebenfalls nicht zündet?

Wieder bei Scheck schlecht kopiert verlässt Herles den Interview-Ort und wird dabei gefilmt und mit Musik untermalt. Im Nachschlag gibt es einen Verriss von Oskar Roehlers »Herkunft«. Doch Herles fehlt die Leidenschaft von Reich-Ranicki. Seine Verriss – mit Ferdinand von Schirachs »Der Fall Collini« gibt es in seiner Sendung deren zwei – sind aufgesagte Textlein ohne Esprit, die jemand anders geschrieben haben könnte und die Herles wie ein schlechter Schauspieler aufsagt und dabei wie ein Moderator in Ulrich Meyers »Akte«-Sendung durchs Berliner Landgericht läuft. Dabei gelingt Wolfgang Herles der Verriss von Roehler weitaus besser, denn er belegt die Schwächen des Romans sehr gut mit hanebüchenen Textstellen. Aber es zündet wieder nicht. Und wenn man weiß, dass Herles selbst ebenfalls nicht der begnadetste Schriftsteller vor dem Herrn ist, wirkt es anmaßend. Oft wird Kritikern vorgeworfen, sie mögen es selbst einmal besser machen und einen guten Roman schreiben. Bei Herles weiß man, dass er schon gescheitert ist.

Hinzu kommen überflüssige kurze Einspielschnipsel aus dem Archiv, die scheinbar die Romanfiguren zeigen. Warum? Achso, ist ja Fernsehen, da muss man ja was zeigen.

Wobei: Das stimmt nicht! Vielleicht ist es ja Herles’ heimliche Absicht, dass die Zuschauer den Bildschirm genervt abdrehen und sich mit einem guten Buch ins Bett verziehen – so sie nicht eingeschlafen sind.

Wolfgang Herles ist farblos, da hilft auch kein blaues Sofa

Die Sendung hat genau so wenig Flair und Esprit wie ihr Vorgänger »Die Vorleser«. Wolfgang Herles ist farblos, da hilft auch ein blaues Sofa nicht. Sein Ego trägt und erträgt die Sendung nicht.

Wobei: Ein Ort würde mir da schon einfallen, wo Herles mit seinem Sofa gut platziert wäre: Schießt sie einfach auf den Mond!

Und produziert verdammt noch mal hier unten auf der Erde einfach eine gute Literatursendung! So schwer kann das doch nicht sein! Nehmt engagierte Moderatoren ohne altmännliches Eitel-Ego und Sendungsbewusstsein (in jeder Hinsicht!), verlasst die ausgetrampelten Pfade und 0815-Standardbilder wie Interviews auf Sofas, nehmt nicht nur Hanser- und Suhrkamp-Autoren, traut euch auch mal, mit einer Lübbe-Autorin zu sprechen. Und: Bringt Witz rein!

Kurz und gut: Macht es einfach genau so nicht, wie Herles auf dem blauen Sofa.

Wolfgang Tischer

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10 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Angela Leinen schrieb am 17. September 2011 um 00:54 Uhr

    Danke, dass Sie mich am Fernseher vertreten haben, das war sehr tapfer von Ihnen! Ich hatte mir am Nachmittag schon das Wackelvideo angeschaut, indem Herles die Bücher benennt, die es nicht in die Sendung geschafft haben.
    Auch wieder nur Kaffeefahrt.
    Heute morgen in der Zeitung gelesen, dass Herles selbstverständlich “Schoßgebete” nicht bespricht, denn das sei ja keine Literatur. Da ließ ich alle Hoffnung fahren. Er muss es ja nicht besprechen, kann ja sogar sein, dass es schlechte Literatur ist (ich habe es nicht gelesen) – aber KEINE Literatur?

  2. Sean O'Connell schrieb am 17. September 2011 um 01:07 Uhr

    Komisch, dieser Artikel liest sich irgendwie wie eine Kopie des Artikels auf spiegel-online, oder bilde ich mir das nur ein?
    Jedenfalls fand ich, im Vergleich zu Herrn Tischler, die Sendung durchaus kurzweilig, und technisch gesehe,n strotzte sie sogar vor Qualität (was Fernsehen heutzutage nicht mehr per se aufzuweisen vermag). Das bezieht sich vor allem auf Beitrag 1 – die Montage war durchaus schnell und ansprechend, auch wenn der Autor allzu routiniert (aber gekonnt) antwortete.
    Bei Bierbichler (zweites Interview) war die Sache schon anders. Bierbichler selbst trug ja zu allerlei Unterhaltung bei, wobei ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er denn nun wirklich den Überblick über das von ihm verfasste Werk besitzt oder nicht. Er war ein Kauz. Dass er das Sofa nicht mochte, hm, passte irgendwie ins Bild. Aber es stellt sich schon die Frage, ob die oben genannte Kritik an Herles berechtigt ist oder nicht. Ich finde, der Mann hat seinen Job gut gemacht. Er stellt Fragen (was durchaus in einer Literatursendung angemessen ist), Kollegin Heidenreich hat in ihrer Sendung durchgehend nur ihre Meinung kundgetan (und meinst, meiner unbedeutenden Meinung nach, wenig fundiert, durch allerlei wie auch immer geartete Vorurteile vorbelastet), und das ist, für mich erstmal ein nicht zu vernachlässigender Unterschied. Sie dozierte, er stellt Fragen. Was gefällt mir da besser? Gut, zwei Verrisse hat sich Herles auch geleistet. Die müssen wir ihm (ohne die betroffenen Werke gelesen zu haben) so abnehmen, es klang aber schlüssig.
    Nein, ich denke, die Sendung hat es verdient fortgesetzt zu werden. Und was das doofe Sofa betrifft . . . nun, das kann man zur Not auch ignorieren. Es kommt ja auf die Inhalte an.

  3. Fyona schrieb am 17. September 2011 um 06:09 Uhr

    Ich kann diese Ktitik beim besten Willen nicht nachvollziehen. Das ist vermutlich auch eine Mentalitätsfrage; mir jedenfalls gefiel Herles’ eher ruhige Art viel besser als Heidenreichs nervende Hyperaktivität.

    Zu ein paar Punkten von Herrn Tischers Kritik: “Altmännliches Eitel-Ego”? Mal abgesehen davon, dass mir Herles eher uneitel vorkam: Das Nonplusultra an Literaturkritik im TV ist doch wohl immer noch Reich-Ranicki, der gewiss noch ein paar Jahre älter ist als Herles und alles andere als uneitel.

    Der Rezensent fordert “Esprit” und “Witz” ein. Tja, da hätte er nach der vorher laufenden “heute-show” abschalten sollen! Wenn ich eine Büchersendung sehe, dann will ich über Bücher informiert werden – mal ganz davon abgesehen, dass es doch wohl etwas albern ist, Esprit und Witz von einem uneitlen Moderator zu fordern.

    Ebenso widersprüchlich ist es, einerseits die (angebliche) Farblosigkeit der Sendung zu beklagen und sich andererseits über die Versuche zu mokieren, etwas Farbe in die Sache zu bringen, indem man passende Schauplätze aufsucht. Richtig ist freilich, dass eine ziemliche Ironie dahinter steckt, wenn man eine ganze TV-Crew auf einen Gletscher transportiert, um dort ein Buch mit Umwelt-Thematik zu besprechen … Aber wer schon mal bei strahlendem Sonnenschein auf einem Gletscher stand, wird die Sonnenbrille zu schätzen wissen!

    Erfrischend fand ich auch die relativ unaufgeregte (manchmal fast erfrischend naive) Art, in der Herles Lob und Kritik verteilte; speziell letzteres ist seit dem Ende des Literarischen Quartetts arg selten geworden. Interessanter wäre es freilich gewesen, wenn sich die Herren Roehler und Schirach auf das blaue Sofa gesetzt hätten … Ach ja, das blaue Sofa. Nun, warum nicht? Vielleicht eine Hommage an Loriots grünes Sofa?

    Fazit: Endlich mal wieder eine Büchersendung, die ich wohl des öfteren sehen werde!

  4. David@AUR schrieb am 17. September 2011 um 10:21 Uhr

    “Und produziert verdammt noch mal hier unten auf der Erde einfach eine gute Literatursendung!”:
    Die gibts doch: Bücherjournal auf N3! Einfach mal reinschauen, müsste dort auch in der Mediathek sein.
    Ansonsten braucht man der Kritik hier nicht hinzufügen…

  5. Eva Jancak schrieb am 17. September 2011 um 23:08 Uhr

    Was mir aufgefallen ist, ist die starke suggestive Kraft und die starken Wertungen des Moderators, die Leichtigkeit mit der mit sehr emotionalen Blick, erklärt “Das ist ein schlechtes Buch, so nicht!,.”etc und ist dabei sehr manipulierend, denn ich will mir als Leserin meine Meinung selber machen und nur hören, wie es der Moderatur empfunden. So wird der Zuschauer zu so später Stunde, der sich für Literatur interessiert, doch sehr entmüdigt und eingeengt und die Leute die sich Nachts Büchersendungen anschauen, sind meistens schon so kompetent, daß sie selber denken können.Der Moderator hat auch versucht, die Autoren zu manipulieren, interessant, daß es ihm bei beiden nicht gelungen ist.

  6. Angela Leinen schrieb am 18. September 2011 um 12:53 Uhr

    Es ist wie bei Elke Heidenreich: Mit dahingeworfenen Leer-Sätzen wird das Urteil “toller Roman”, “noch’n toller Roman”, “große Abenteurergeschichte”… vorgeblich begründet. Eigentlich: Wertung wird mit Wertung begründet.
    Anders geht es m.M. nach fast nur im Diskurs, wie eben beim literarischen Quartett oder in Klagenfurt: Wenn Leser/Kritiker streiten, ihr Urteil verteidigen, Argumente, Belege für ihre Wertung suchen müssen.
    Das ist auch nach (und ohne) Reich-Ranicki möglich, auch mit wechselnden Gästen, die gar nicht aus dem “Betrieb” kommen müssen.
    Aber mich fragt ja keiner.

  7. Seitenspinner schrieb am 22. September 2011 um 09:09 Uhr

    …Für uns stellt die Fragetechnik des Moderatoren das größte Problem dar: Wolfgang Herles hätte wohl in seinem Einführungskurs Literaturwissenschaft besser aufpassen sollen, lernt man dort doch in der ersten Stunde, dass die Figuren des Autors und des Erzählers strikt voneinander zu trennen sind. Scheint die Frage an Trojanow, was er persönlich von der Klimaerwärmung halte, noch einigermaßen legitim, so gehört der Versuch aus Bierbichler herauszukitzeln, dass er in einer Klosterschule missbraucht wurde (wie sein Protagonist) in die unterste Schublade der Literaturkritik. Bild-Niveau bei ZDF.

    Doch was macht Herles falsch? Was bieten Kritiker wie Heidenreich und Scheck, was Herrn Herles fehlt? Es ist Authentizität. Sie beschreiben, wieso sie persönlich denken, dass man ein Buch lesen sollte. Sie bringen Bücher nicht nur in ihre Sendung, um sie schlecht zu finden (Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste, weil das die Bücher sind, die gekauft werden und hinterfragt damit kritisch, ob das auch die Bücher sind, die gelesen werden sollten). Doch Wolfgang Herles zerreißt Bücher und vor allem deren Autoren in der Luft, versucht seine Thesen mit gelben Post-Its und Textauszügen, die auf dem Bildschirm erscheinen, zu untermauern…

    Mehr unter http://seitenspinner.wordpress.com/2011/09/21/books-on-tv/

  8. Amelie Beda schrieb am 30. September 2011 um 16:49 Uhr

    Herr Tischer bringt es auf den Punkt. Bravo!!!
    Ich kann noch einiges hinzufuegen: Wo blieben die Frauen, die Autorinnen? Nach welchen Kriterien hat er die Buecher ausgewaehlt?
    Mein blaues Sofa hat eine L-Form, da sitzt man sich wenigstens fast gegenueber, bei einem richtigen Gespraech doch wohl wuenschenswert … und wenn man muede wird, kann das blaue Sofa aufgeklappt werden, um ein kleines Nickerchen zu machen.

  9. Ruth Spreng schrieb am 1. Oktober 2011 um 14:54 Uhr

    Bravo Herr Tischer. es ist aber auch so was auf den Punkt gebracht; ich tue mir die Sendung nicht mehr an. Alle, die Frau Heidenreich nachgefolgt sind, koennen es nicht – Ausnahme Denis Scheck.

  10. Seitenspinner schrieb am 13. November 2011 um 09:13 Uhr

    Dieses Mal aber absolut sehenswert gewesen. Dank Siegfried Lenz! http://seitenspinner.wordpress.com/2011/11/13/auf-dem-blauen-sofa/

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  1. Literatursplitter « Literaturgefluester verlinkte am 18. September 2011 um 16:54 Uhr

    [...] ob das damit zusammenhängt und die Sendungen werden selber meistens zerissen. So ist das literaturcafe z.B. gar nicht damit eingefallen und ich habe, abgesehen davon, daß mir die autoriäre Haltung des [...]

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