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Ungerechter Bachmannpreis? Jörg Piringer ist das Shortlist-Opfer

Jörg Piringer bei seiner Lesung (Foto: Screenshot/ORF)
Jörg Piringer bei seiner Bachmannpreis-Lesung (Foto: Screenshot/ORF)

Vor 14 Tagen ging der Bachmannpreis völlig verdient an Helga Schubert. Nach der Würdigung der Gewinnerin ist es nun an der Zeit, auf den großen Verlierer des diesjährigen Wettbewerbs hinzuweisen: Jörg Pieringer. Obwohl ihn 5 von 7 Juror*innen auf der Shortlist sehen wollten, war er dort nicht zu finden. Piringer hatte somit keine Chance mehr auf einen Jurypreis. Die teilweise geheime Abstimmung wirkt weiterhin ungerecht – trotz Reform im letzten Jahr.

Der Bachmannpreis ist einer der transparentesten Literaturwettbewerbe im deutschen Sprachraum. 14 Autor*innen stellen ihre Beiträge bei einer öffentlichen Lesung im Fernsehen vor. Die siebenköpfige Jury diskutiert live über den Text und am Schluss werden die Gewinner*innen der vier Jurypreise in einer öffentlichen Abstimmung vergeben.

Zuvor wird jedoch in einer nicht-öffentlichen Abstimmung die Shortlist ermittelt. Auf dieser stehen nur noch 7 der 14 teilnehmenden Autor*innen. Nur wer auf dieser Liste steht, hat überhaupt noch eine Chance auf einen der vier Jurypreise.

Bereits im Vorjahr hatten wir beispielhaft vorgerechnet, dass nicht unbedingt die sieben besten Autor*innen auf der geheim ermittelten Shortlist landen.

Die Veranstalter ORF und Stadt Klagenfurt haben auf diese Kritik reagiert und bereits im letzten Jahr die Abstimmung zur Shortlist geändert. Zum einen dürfen die Juror*innen nicht mehr für die eigenen Kandidat*innen stimmen und zum anderen wird nachträglich veröffentlicht, wer für wen gestimmt hat.

Nachwievor geheim bleibt, wie die Jury-Mitglieder ihre Punkte vergeben haben. Jede*r Juror*in kann 1 bis 7 Punkte vergeben. Die sieben Autor*innen mit den meisten Punkten sind auf der Shortlist. Bei Gleichstand gibt es nochmals Stichwahlen.

Auf der Website des Bachmannpreises ist nachträglich veröffentlicht, wer für wen gestimmt hat. Wer jedoch wem wie viele Punkte gegeben hat, bleibt geheim.

Zählt man allein die Nennungen ohne Berücksichtigung der Punktegewichtung zusammen, ergibt sich folgende Reihenfolge:

Egon Christian Leitner 6
Helga Schubert 6
Laura Freudenthaler 6
Jörg Piringer 5
Matthias Senkel 5
Hanna Herbst 4
Levin Westermann 4
Lisa Krusche 4
Katja Schönherr 3
Jasmin Ramadan 2
Leonhard Hieronymi 2
Meral Kureyshi 2

Anders ausgedrückt: Die Liste zeigt, welche Autor*innen die Juror*innen gerne auf der Liste gehabt hätten.

Jörg Piringer ist hier zusammen mit Matthias Senkel mit jeweils 5 Nennungen auf dem 2. Platz. Allein auf Basis der Nennungen landen Hanna Herbst, Levin Westermann und Lisa Krusche auf dem dritten Platz. Gäbe es auf dieser Basis eine Stichwahl, müsste sie zwischen diesen letzten drei entscheiden.

Und so sah die offizielle Shortlist unter Berücksichtigung der geheimen Gewichtung aus (aber nach Nennungen sortiert):

Egon Christian Leitner 6
Helga Schubert 6
Laura Freudenthaler 6
Matthias Senkel 5
Hanna Herbst 4
Lisa Krusche 4
Levin Westermann 4

Die Gegenüberstellung macht deutlich: Der große Verlierer der Shortlist-Abstimmung ist Jörg Piringer. Obwohl ihn 5 von 7 Jury-Mitgliedern auf der Shortlist sehen wollten, war er dort nicht zu finden. Stattdessen stand auf der offiziellen Shorlist Levin Westermann, den nur 4 Jurymitglieder auf der Liste sehen wollten.

Doch Masse schlägt Mehrheit, Westermann erhielt mehr Punkte von weniger Juror*innen und war auf der Shortlist.

Lediglich Insa Wilke hat keine Punkte für Piringer vergeben. Die einladende Nora Gomringer durfte laut den neuen Regeln nicht für »ihren« Autor Piringer stimmen.

Wie war das im Jahr 2019?

Bereit im letzten Jahr wurde nach diesen Modalitäten abgestimmt. Allerdings sieht man mit Blick auf die Angaben vom letzten Jahr, dass es wieder eine Änderung bei den Abstimmungsregeln gab: Im Jahr 2019 durften pro Juror*in nur 1 bis 5 Punkte vergeben werden, im Jahre 2020 waren es wieder 1 bis 7, wobei weiterhin nicht für die beiden eigenen Autor*innen gestimmt werden durfte.

Nach Nennung ergibt sich für das Jahr 2019 folgende Reihenfolge:

Birgit Birnbacher 6
Leander Fischer 6
Julia Jost 5
Katharina Schultens 3
Ronya Othmann 3
Sarah Wipauer 3
Yannic Han Biao Federer 3
Daniel Heitzler 2
Tom Kummer 2
Ines Birkhan 1
Martin Beyer 1

Die offizielle Shortlist unter Berücksichtigung der geheimen Gewichtung (aber nach Nennungen sortiert):

Birgit Birnbacher 6
Leander Fischer 6
Julia Jost 5
Yannic Han Biao Federer 3
Ronya Othmann 3
Sarah Wipauer 3
Daniel Heitzler 2

Nach Masse statt Mehrheit berechnet, zeigt sich, dass Katharina Schultens im letzten Jahr die Verliererin der Shortlist-Abstimmung war.

Das Fehlen Jörg Piringer auf der diesjährigen Shortlist fiel deutlicher auf, da sich insbesondere die Favoritinnen in diesem Jahr bei den Beobachter*innen des Wettbewerbs deutlich abzeichneten. Allerdings waren viele Expert*innen davon überzeugt, dass es Piringer auf die Shortlist schaffen würde, da sein Text über das Themengebiet Computer/Internet/KI wesentlich innovativer war als der von Lisa Krusche. Das scheint auch die Häufigkeit der Nennungen zu belegen.

Fazit: Lieber Mehrheit statt Masse

Die halbtransparente Shortlist bleibt ein Problem und kann ungerecht wirken. Die Shortlist wäre vollkommen transparent und würde gerechter wirken, wenn künftig auf die geheime Punktegewichtung verzichtet würde und die sieben Jury-Mitglieder gleichgewichtet sieben Namen nennen, die später veröffentlicht werden. Bleiben im ersten Wahlgang mehr als sieben Kandidat*innen übrig, gibt es – wie bereits jetzt – eine Stichwahl zwischen den Texten mit den wenigsten Punkten.

Dass sich dann in der finalen Preisabstimmung nochmals ganz andere Reihenfolgen ergeben können, ist okay und im Sinne des spannenden Wettbewerbs. Denn hier wird ohne Punktegewichtung vor den Augen aller abgestimmt.

Wolfgang Tischer

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