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Buchmesse 2008: Amazon erzählt nichts Neues über das Kindle-eBook

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Amazons präsentiert den KindleDie Presse hatte diesen Termin als das große Ereignis angekündigt: Amazon präsentiert den Kindle, das elektronische Wundergerät, das eBook wird kommen – und nichts wird mehr so sein wie zuvor.

Tatsächlich ist es aber genauso gekommen, wie vom literaturcafe.de vorhergesagt: Auf einer Präsentation hielt ein Vertreter (bzw. eine Vertreterin) von Amazon das Kindle hoch und erzählte und präsentierte in einer für amerikanische Firmen erstaunlich langatmigen Präsentation das Gerät.

Aber es wurde dort nichts gesagt oder verkündet, was man nicht auch schon seit einem Jahr auf der Website des Buchversenders hätte nachlesen können.

Die wirklich spannenden Frage wurden auf der Bühne nicht beantwortet: Wann kommt das Kindle nach Deutschland? Wer wird der Partner im Mobilfunkbereich für die Übertragung der Inhalte sein? Gibt es schon erste Vereinbarungen mit Verlagen über die Inhalte?

Auf unsere Nachfrage lacht die Amazon-Repräsentantin nur: »Nein, darüber wann das Kindle nach Deutschland oder Europa kommt, könne man noch nichts sagen.«

Buchmesse: Sven Regener bloggt auf SPIEGEL ONLINE wie arte ihn bei Interviews filmt

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Regeners Messe im SPIEGEL OnlineGestern Nachmittag ein Anruf des Kultursenders arte in der Redaktion des literaturcafe.de.
»Ich habe Ihre Telefonnummer vom Eichborn Verlag. Sie interviewen doch auf der Messe auch Sven Regener.«
»Ja.«
»Ich wollte nur fragen, ob es in Ordnung ist, wenn wir das filmen?«
Der Angerufen ist kurz verwirrt. arte will unser Interview mit Sven Regener filmen? Womöglich dann auch noch gleich im Abendprogramm ausstrahlen?
»Äh ja.«
»Wir machen nämlich einen Film über Sven Regener auf der Messe und wollen auch zeigen, wie oft er interviewt wird.«
»Achso ja, klar, filmen Sie nur.«

Und ab heute bloggt Regener auch auf SPIEGEL ONLINE über die Buchmesse. Unter anderem auch darüber, dass arte ihn bei Interviews filmt. Was er wohl noch machen muss? Strichliste darüber führen, wie oft er welche Frage von den Interviewern gestellt bekommt? Das ist aber alles meta Meta. Am besten wir fragen ihn im Interview, wie es ist zu bloggen, dass man gefilmt wird, während man Interviews gibt. Meta, meta, meta in dieser Woche im Buchmesse-Podcast 2008 des literaturcafe.de.

Paulo Coelho auf der Buchmesse: »Die Buchbranche steht dem Internet mit einem gewissen Mangel an Verständnis gegenüber«

Paulo CoelhoDer Mann ist knapp über 60, Marketingmenschen würden ihn daher als »Silver Surfer« bezeichnen, doch wie kaum ein anderer Buchautor hat er das Internet verstanden. Der Bestseller-Autor Paulo Coelho nutzte seine heutige Eröffnungsrede (Download als PDF-Datei, 90 kByte) auf der Frankfurter Buchmesse wieder einmal dazu, um der Buchbranche zu erklären, wie das Internet funktioniert und wie man es gewinnbringend einsetzt.

»Die Menschen tauschen das, was sie für wichtig halten, kostenlos untereinander aus, und sie erwarten, dass dasselbe auch für die Massenkommunikation gilt«, stellt Coelho fest. Die Musikindustrie und die Filmindustrie seien die ersten »Opfer« des Internets gewesen, da sie dies nicht verstanden hätten. »Die Manager der multinationalen Plattenfirmen zogen es vor, die Preise für Musik nicht zu senken sondern stattdessen Anwälte ins Feld zu schicken.«

Das sei jedoch der falsche Weg. Fast genüsslich erwähnt Coelho, dass der von der Unterhaltungsindustire polemisch benutze Begriff »Pirat« im Ursprung auch bedeutet habe »sein Glück auf See zu finden«.

Tagesspiegel sucht die »junge Literatur« während sie das U_mag bereits präsentiert

Literatur-Oktober auf Umagazine.deDer Literaturagent Alexander Simon stellt im Tagesspiegel fest, dass die Debütromane von heute schwer in den Regalen liegen – oder es gar nicht mehr in die Buchhandlungen schaffen. Er nennt interessante Zahlen, so z.B. dass selbst große Verlage von deutschsprachigen Werken deutlich weniger als 1.000 Exemplaren verkaufen. Die Verlagskosten für eine Veröffentlichung beziffert Simon auf 30.000 Euro.

Da ist die Initiative des U_mag, dem Magazin der Popkultur und Gegenwart, löblich, das in seiner aktuellen Oktober-Ausgabe am Kiosk und auf Umagazine.de junge Autoren und ihre Bücher vorstellt. Jede Woche werden auf der Website des Magazins im »Literatur-Oktober« lesenswerte Erstlingswerke präsentiert.

Mit dabei ist auch Alina Bronsky, deren Debüt »Scherbenpark« gerade für den aspekte Literaturpreis nominiert wurde. Bronskys Roman spielt im Milieu der russischen Spätaussiedler, und ihr gelingt es, das triste und von einem brutalen Verbrechen überschattete Leben der 17-jährigen Sascha mit Witz und Humor darzustellen. Klingt widersprüchlich? Klappt aber. Mit Alina Bronsky werden wir uns in dieser Woche übrigens auch in unserem Buchmesse-Podcast 2008 unterhalten.

Grrroßartig: Reich-Ranicki lehnt Deutschen Fernsehpreis ab und kritisiert »diesen Blödsinn«

Deutscher FernsehpreisDamit hatte niemand gerechnet: In der Selbstbeweihräucherungsgala »Deutscher Fernsehpreis«, in der sich Stars und Sternchen gegenseitig loben und nach Drehbuch Preise überreichen und sich freuen, wollte einer nicht mitspielen. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, dem der Preis für sein Lebenswerk überreicht werden sollte, lehnte diesen auf offener Bühne ab. Wie DWDL.de und andere Medien berichten, sagte Reich-Ranicki vor dem verdutzten Publikum: »Ich habe nicht gewusst, was mich hier erwartet. Ich finde es schlimm, dass ich das hier viele Stunden ertragen musste. Diesen Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben.«

Wie die Medien weiter berichten, ging Moderator Thomas Gottschalk offenbar sehr souverän mit der unerwarteten und für die Veranstalter peinlichen Situation um. Er bot Reich-Ranicki an, dass die Stifter des Deutschen Fernsehpreises ARD, ZDF, RTL und SAT.1 mit ihm eine eine einstündige Sendung produzieren, in der über die Qualität des Fernsehens diskutiert werde. Unter dieser Bedingung erklärte sich Reich-Ranicki nach der Aufzeichnung offenbar bereit, den Preis doch »symbolisch« anzunehmen. Der Literaturkritiker wurde nach seinem Auftritt offenbar recht gut gelaunt angetroffen.

Touchscreen oder Kästchen, die die Welt bedeuten

Zeigt das eBook mehr vom Autor als das BuchVor kurzem konnte man auf perlentaucher.de lesen, wie stark die chinesische Literatur im Online-Bereich boomt. In diesem Artikel scheinen Zahlen auf, die manche europäische Autorinnen schwindelig werden lassen. Der Amazon Kindle scheint die Papierproduzenten heimlich zum Zittern zu bringen, und das eBook an sich gilt als der ultimative Todesstoß für die Druckindustrie. Aber ist das nun wirklich die letzte Runde, in der sich gedrucktes Buch und digitaler Text im finalen Kampf gegenüberstehen, und ist es tatsächlich so vorhersehbar, dass das Buch zu Boden gehen wird?

Ich habe einen Traum. Und ich denke, mit mir haben diesen Traum viele bücherverliebte Menschen, die das gedruckte Buch nicht aussterben werden lassen. Immerhin werden noch immer Platten gepresst und Plattenspieler gebaut, während wir von der Kassette über die CD bis hin zum iPod jede Entwicklung mitgemacht haben.

Amazon bietet Print-on-Demand-Dienstleistungen nun auch in Deutschland an

Amazon-PressemeldungIn einer Pressemeldung hat der Buchversender Amazon.de heute angekündigt, dass er künftig auch in Deutschland für seine Kunden aus der Verlags- und Musikbranche Print-on-Demand-Dienstleistungen anbieten wird. Vergriffene oder bislang noch gar nicht angebotene Bücher, CDs und DVD können so von Amazon bei Bestellung in Einzelstücken produziert und an Endkunden ausgeliefert werden. Verlage oder Musiklabels müssen dazu die digitalen Daten ihrer Produkte an Amazon liefern – im Bücherfall reicht die PDF-Datei. Amazon hält für seinen »Buchdurchsuchdienst« Seach Inside! ohnehin bereits etliche Werke digital vor.

Den »Druck bei Nachfrage« bietet Amazon in den USA bereits seit einiger Zeit an, nachdem man sich dort Anfang 2005 den POD-Dienstleister BookSurge und dessen Know-how einverleibt hatte.

Derzeit stellt Amazon den POD-Service in Deutschland nur für größere »Content-Eigentümer« bereit. Wird der Dienst mittelfristig auch für Autoren und Kleinverleger günstig verfügbar sein? Wird Amazon somit demnächst ein Konkurrent für bod.de und lulu.com?

Onkel Dieters Märchenstunde: Der Bohlenweg beginnt

Dieter Bohlen liest vor (Quelle: yahoo.de)
Quelle: yahoo.de

Es ist soweit. Dieter Bohlen hat wieder ein Buch veröffentlicht. Diesmal steht als Autor tatsächlich sein Name allein auf dem Cover. Daher schrieb also offenbar nicht BILD-Chefredakteursgattin Katja Kessler das Buch, sondern ein Ghostwriter, der gegen entsprechendes Geld auf die Namensnennung verzichtet hat.

Und leider geht es jetzt wieder los, dass man an allen Ecken und Enden die Leute über das Buch lästern hören wird: Der Bohlen? Der kann doch gar nicht schreiben! Was hat das bitteschön mit Literatur zu tun!?

Und die vielen kleinen Hobbyschreiber, die ihre schlechten Romane vergeblich und zu Recht bei keinem anständigen Verlag unterbringen, werden sich wieder darüber echauffieren, dass man als Promi ja wohl jeden Mist als Buch veröffentlichen kann und dass die Leute das auch noch kaufen, während man selbst mit seinem Manuskript (»eine ironische gesellschaftskritische Satire mit autobiografischen Zügen«) als Jung- oder alter Neuautor bei deutschen Verlagen ohnehin keine Chance hat. Aber den Bohlen, den nehmen sie, über den berichten sie, obwohl der ja gar nichts kann und sowieso ein arrogantes Arschloch ist.

Wirtschaftskrise erreicht die Print-on-Demand-Branche: Lulu.com erhöht die Endkundenpreise

lulu.com wird teurerIn einer auf Deutsch etwas unbeholfen klingenden Meldung voller Rechtschreibfehler teilt der Print-on-Demand-Anbieter Lulu.com seinen Kunden mit, dass sich die Endpreise im Lulu-Online-Shop ab dem 28. Oktober 2008 erhöhen werden.

»Niemand ist gefeit gegen unsere momentane Wirtschaftlage (sic!)«, schreibt Lulu-Gründer Bob Young in der Nachricht an die Autoren. »Die Kosten, unser Unternehmen zu leiten sind gestiegen und die Inflation beinträchtigt (sic!) viele unserer existierenden Angebote.« Mit den »erhöhten Kosten für Rohmaterialien, Fracht und Versand« müsse man leider den Grundpreis anheben.

So erhöht sich beispielsweise der Grundpreis für eine Publikation im Format DIN A5 von derzeit 3,85 Euro auf 4,86 Euro. Hinzu kommt der Preis pro Buchseite, der sich von 2 Cent auf 2,2 Cent erhöht. Die Gesamtherstellungskosten eines Buches mit 200 Seiten betragen also derzeit 7,85 Euro und demnächst 9,08 Euro.

Hörspiel von Hermann Mensing für den ARD-Wettbewerb »Premiere im Netz« nominiert

Hermann Mensing ist nominiertDer Schriftsteller Hermann Mensing war und ist immer ein gern gesehener Gast im literaturcafe.de. Mit zahlreichen kreativen literarischen Aktionen und Texten fiel er nicht nur im literaturcafe.de auf, denn auch seine eigene Website ist immer wieder einen Besuch wert und daher schon länger bei unseren Linktipps zu finden.

Jetzt ist Hermann Mensings Kurzhörspiel »Die Prinzessin« für den ARD-Newcomer-Wettbewerbs »Premiere im Netz« nominiert. Sein Hörspiel und die der zehn anderen Nominierten können auf der Website der ARD angehört werden. »Die Prinzessin« wurde von Hermann Mensing produziert, der gleichzeitig auch als Sprecher auftritt. Die Musik des 12 Minuten langen Hörstücks stammt von Marc Brenken, Sven Otte und Bernd Gremm.

Eine Fachjury kürt nun unter den nominierten Werken den Gewinner, der dann auf den ARD-Hörspieltagen am 8. November 2008 im Karlsruher ZKM verkündet wird.

Wir drücken Hermann Mensing die Daumen und sagen: »Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung!«

Meine Lieblingsregel: »Streichen, Streichen, Streichen!«

Maltes Meinung: Streichen, sterichen, streichen!Der Prosa-Text, den sich Malte Bremer für die heutige Textkritik angesehen hat, zeigt exemplarisch erneut einen Fehler, den viele angehende Schriftsteller machen: Sie wiederholen sich unnötig und treten Dinge breit, die dem Leser längst klar sind.

Aus dem gleichen Grund finden sich in den Manuskripten von Anfängern oft ellenlange Vorworte, in denen die Schreiber dem Leser erläutern wollen, warum sie das Werk geschrieben haben, was sie damit ausdrücken wollen etc. etc. etc.

Ein guter literarischer Stoff braucht solche Erläuterungen nicht. Im Gegenteil: Oftmals wird die Geschichte sogar besser, wenn Überflüssiges und Eindeutiges weggestrichen wird. Von überflüssigen Adjektiven wollen wir an dieser Stelle gar nicht reden, denn wir wollen uns ja nicht wiederholen!

Zur Textkritik »

Textkritik: Da will was raus! – Prosa

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Nun sitze ich zum ersten Mal mit einem Psychiater in seinem Sprechzimmer (oder Behandlungszimmer?). Ja, ich möchte behandelt werden, weil die Zeit langsam knapp wird. Ein Gespräch in einem Sprechzimmer wäre eine neue Erfahrung. Zu einem Arzt möchte ich sprechen dürfen, anstatt immer ihm zuzuhören. »Geh zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten, der hört anders zu!« wurde mir geraten. Er soll mir gar nicht anders zuhören! Ich möchte bloß, dass er mich zu Worte kommen lässt und mir Antworten geben kann, die ich verstehe.
Ich muss es schaffen, ihm mit meinen Worten heute noch deutlich zu machen, wie dringend ich seine Hilfe, seine Erfahrung benötige. Wahrscheinlich wird er sowieso am Ende sagen, dass ich bei ihm an der falschen Adresse bin und mich an einen Kollegen überweisen muss. Warum sollte es hier nicht so sein?

Dieser Doktor will wissen, was ich denn für ein Menschentyp war, bevor mein Leben aufgrund der Angst vor den ständigen Schwindelanfällen so stark eingeschränkt wurde, dass ich mein Haus kaum noch verlasse. Er ist mittlerweile der dreizehnte Mediziner, den ich deswegen aufsuche. Aber er ist der erste, der daran denkt, dass es auch ein Vorher gegeben haben muss. Ich hatte es selbst schon beinahe vergessen. Ob Psychiater anders zuhören, werde ich nie erfahren. Jedoch, dass sie andere Fragen stellen, ist nunmehr sicher. Hoffentlich hat der Mann noch mehr davon auf Lager …
Trotz der vielen, vielen Arztbesuche in den vergangenen Jahren, ist es mir dabei nicht gelungen, über meine Suizidgedanken und deren Gründe zu sprechen. Es will raus. Aber ich kann es nicht rauslassen, weil ich weiß, wie gefährlich nah ich dran bin. Ich will mich mitteilen und mache doch im entscheidenden Augenblick einen Rückzieher! Dann fühle ich mich zerrissen.
Es ist bestimmt der richtige Zeitpunkt. Ihm sage ich es jetzt. Schnell! – Aus meinem Mund kommen leise die Worte: »Ich war immer etwas ruhiger und nachdenklicher als Gleichaltrige. — Ich hatte und habe oft Suizidgedanken.« Pause. Herzklopfen. Da war es! Es ist raus! Was wird jetzt passieren? Damit habe ich ihm ein Angebot gemacht, wird er darauf eingehen? Ich sehe in seine plötzlich größer gewordenen interessierten Augen, nimmt der Arzt auch meinen erwartungsvollen Blick wahr? Bestimmt fragt er gleich nach dem Warum für die Suizidgedanken und wir werden weiter darüber reden. Los, frag endlich! Nein, lieber doch nicht!
Der Berufslauscher erkundigt sich bei mir danach, was ich denn mache, wenn ich Suizidgedanken habe. Geschickt umgangen. Respekt. So kann er wohl vorrangig ausloten, inwieweit ein konkreter Plan ausgereift ist, und für mich ist die Frage emotional weniger verhängnisvoll, daher leichter zu beantworten. Bei der Warum-Frage hätte sicher meine Stimme versagt und die Worte wären im Hals stecken geblieben. Ich bin noch nicht soweit
Ich erwidere ruhig, dass ich dann hoffe, dass solch ein Tag schnell zu Ende gehen möge und der nächste Tag besser werde. Oh, ich dumme Nuss! Wie konnte ich nur … Ich habe es total vermasselt! Warum rede ich darüber so larifari, als wäre ich nur über eine kleine Regenwolke betrübt und mit dem nächsten Sonnenstrahl alles wieder gut? Wie soll denn jemand meine Absicht ernst nehmen, wenn ich sie ihm nicht ernsthaft genug vermittle?

Das war es dann wohl … Der Arzt schwenkt eh gerade auf ein anderes Thema um. Er müsste doch mitbekommen haben, dass ich unter Hochspannung stehe, dass ich unbedingt etwas loswerden muss. Mir fällt doch selbst auf, wie ich ständig die Sitzposition wechsle und mit den Fingern spiele. Warum bleibt er nicht dran? Worauf wartet er?
Hätte ich mir nur etwas mehr Zeit für die Antwort gegeben, dann hätte sie so lauten können: »Ich gehe an solchen Tagen nach draußen zu meinen Tieren, um sie zu füttern und zu beobachten. Denke unterdessen über die Methode, den Zeitpunkt und die Liste von den Dingen, die vorher noch zu erledigen sein werden, nach. Bin voller Wut auf den Pädophilen, der mir ein Leben ohne Vertrauen in andere und mich selbst hinterlassen hat! Immer nur Angst, den ganzen Tag, jeden Tag. Dann sehe ich die Tiere an meiner Seite und ihr beneidenswertes Dasein. Wenn der Bauch voll ist und nicht gerade ein Feind vor ihnen steht, aalen sie sich genüsslich in der Sonne und denken an gar nichts. Nicht an das, was gestern war, und schon gar nicht an morgen. Genau das wünsche ich mir für mich auch. Dabei werde ich ruhiger, und anschließend gehe ich zurück ins Haus und schreibe so lange über das, was mich belastet, bis es eine selbstironische Wendung nimmt und ich ein klein wenig darüber schmunzeln kann.« Aber das alles habe ich nicht gesagt!
Während ich da so sitze, mit gesenktem Kopf nur noch der nicht genutzten Chance nachtrauernd und im Geiste schon auf dem Heimweg, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie die Patientenkartei zugeklappt wird, und höre, dass ich mir unbedingt jemanden für eine Psychotherapie suchen sollte.
Ich hatte es doch geahnt: weitergereicht an Spezialist Nummer vierzehn! Ich habe nur ein bis fünf schwindelfreie Tage innerhalb von vier Wochen, an denen ich allein das Haus verlassen kann. Und diese paar Tage verbringe ich nicht etwa bei Freunden, beim Frisör, im Kino oder beim Sport – nein, ich versitze sie in den Wartezimmern verschiedener Fachärzte und erzähle meine Geschichte erneut. Eine sehr kleine Außenwelt
Der Seelentröster bietet mir an, mich weiter zu betreuen, bis ich einen passenden Therapeuten gefunden habe … Ich bekomme eine zweite Chance auf ein Gespräch mit ihm. Er lässt mich nicht allein mit dem Problem. Der Kopf kommt hoch, die Augen glänzen, ein erleichtertes Lächeln geht über mein Gesicht. Dann ist ja alles wieder offen

© 2008 by Uta Mindermann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine einfache, gradlinige und nachdenklich stimmende Erzählung, die leicht zu verbessern ist.
Was an dieser Erzählung vor allem stört, sind die vielen überflüssigen Stellen, die bereits Bekanntes breit treten: Ein Tummelplatz für die Anwendung meiner Lieblingsregel »Streichen, Streichen, Streichen!«

Die Kritik im Einzelnen

Hier würde ich einige wenige Streichungen vornehmen, damit das nicht zu wichtig daherkommt; das betrifft sowohl das nun als auch das behandelt werden wollen: All das wird später allmählich im Text deutlich – da braucht es keine Fingerzeige!
Vorschlag: Zum ersten Mal sitze ich mit einem Psychiater in seinem Sprechzimmer (oder Behandlungszimmer?), denn die Zeit wird langsam knapp. zurück
Das umgangssprachliche bloß umwandelte ich gerne in ein höhersprachliches nur. zurück
Der Leser weiß schon am Anfang, dass die Zeit langsam knapp wird – es gibt keinen Grund, das zu wiederholen. Also: Streichen! zurück
Auch dieser Satz ist verzichtbar, denn die Zweifel des Ich-Erzählers werden im Satz vorher schon deutlich. zurück
Eine Kleinigkeit: Ein einfaches kommaloses Doch leistet dasselbe; jedoch wird in der Regel nachgestellt: Doch ich weiß nicht … bzw. Ich jedoch weiß nicht …zurück
Zunächst muss das Komma weg nach Trotz .. Arztbesuche, schließlich ist das weder ein Satz noch eine verkappte Partizipialkonstruktion. Ein einfaches vielen genügt, schließlich sind es nur 13;  und dies dabei kommt in Schräglage daher, denn es meint bei den Arztbesuchen. Ich würde dieses Wort streichen, da trotz der Arztbesuche stärker ist. Weil aber offenbar gemeint ist, dass der Ich-Erzähler während bzw. bei den Arztbesuchen nicht darüber sprechen konnte, und nicht, dass er prinzipiell nicht darüber reden kann, würde ich das trotz in ein während oder bei verändern – aber auf jeden Fall muss dieses dabei getilgt werden. zurück
Auch hier geht es nur um Streichungen und Umstellungen, da etwas zu deutlich gemacht wird! Literatur wendet sich an mündige Leser, die mitdenken und nicht bloß mitfühlen. Ich stelle den ganzen Absatz mal mit meinen Eingriffen dar: Fett bei Umstellungen und anderen Wörtern, durchgestrichen bei Überflüssigem, und in Klammern kurze Begründungen:
Es Jetzt ist bestimmt der richtige Zeitpunkt. Ihm sage ich es jetzt. Schnell! – Aus meinem Mund kommt leise die Wörter: (Man weiß, dass das Wörter sind – übrigens keine Worte!) »Ich war immer etwas ruhiger und nachdenklicher als Gleichaltrige. — Ich hatte und habe oft Suizidgedanken.« Pause. Herzklopfen. Da war es! (Wir wissen, dass es das war!) Es ist raus! Was wird jetzt passieren? Damit (Diese Frage wiederholt sich am Ende des nächsten Satzes, das sollte doch genügen; und da schließlich die Wörter das einzige Angebot waren, das der Ich-Erzähler bislang getätigt hat, erübrigt sich aus dieses Damit) Ich habe ich ihm ein Angebot gemacht, wird er darauf eingehen? Ich sehe in seine plötzlich größer gewordenen interessierten Augen. (Kurze Sätze verstärken die Spannung.) Nimmt der Arzt auch meinen erwartungsvollen (wiederum überflüssig: ein Leser weiß, dass auf eine Antwort gewartet wird: Der Blick kann erwartungsgemäß gar nicht anders sein als erwartungsvoll! Stünde hier gelangweilter Blick, würde unser Erzähler eine Show abziehen, und das wäre bedeutsam für den Charakter. – das jedoch nur als unpassendes Beispiel, denn selbstredend passte dieses Adjektiv überhaupt nicht zu diesem.) Blick wahr? Bestimmt fragt er gleich nach dem Warum für die Suizidgedanken (wofür auch sonst!!!) und wir ich werden weiter darüber reden (Am Anfang steht: »Ich möchte nur, dass er mich zu Worte kommen lässt« – und es gibt keinen Grund, warum sich das geändert haben soll!). Los, f Frag endlich! N lieber doch nicht! (Wenn die beiden Äußerungen direkt nebeneinanderstehen – auch ein Komma wäre denkbar, wenn auch ungewöhnlich – , wird die angesprochene Zerrissenheit deutlicher als durch den stark trennenden Punkt.) zurück
Wenn bislang die Erkenntnis war, dass es der richtige Zeitpunkt ist, müsste diese jetzt relativiert werden, etwa: Ich bin wohl doch noch nicht soweitzurück
Diese Selbstbeschimpfung passt nicht: ab dem Oh bis zum nur einfach streichen, dann sind wir direkt beim entscheidenden Gedanken! zurück
Sooo ernst kann die Absicht nicht sein, wenn man schon 13 Ärzte aufgesucht hat, was sich über einen Zeitraum von weit mehr als 3 Monaten hingezogen haben muss, wie man (später) nachrechnen kann! Besser also: Wie soll den jemand mich ernst nehmenzurück
Wurde zuvor die Absicht in ein mich verwandelt, so muss das gleiche hier passieren: … wenn ich mich nicht ernsthaft genug vermittle? zurück
Bekommt der Erzähler nur die Art & Weise – also das Wie – des Wechsels mit – oder nicht doch eher die Tatsache, dass die Sitzposition dauernd geändert wird? zurück
Dieses allzu späte nach kann problemlos ganz nach vorne: Denke unterdessen nach über die Methodezurück
Jetzt wird es problematisch: Der Erzähler scheint sehr viel älter zu sein, als dass er etwa ein halbes Jahr zuvor Opfer eines Pädophilen (die bevorzugen ausnahmslos Kinder vor der Geschlechtsreife) hätte werden können – denn die Verstörungen und Verletzungen zeigen sich schon sehr bald – und nicht erst nach Jahren! Dieses Wort gibt dem Text ein pseudoaktuelles Geschmäckle. Ich empfehle dringend, dieses Wort zu entfernen und zu ersetzen, beispielsweise: Bin voller Wut auf den Menschen, der mich vergewaltigt hat, der mir ein Leben ohne Vertrauen… zurück
Den ganzen Teil streichen! Nach der Schilderung der idealisierten Tierwelt wird der Neid erneut ausgesprochen, und danach ist besser als dieses »Obacht, jetzt sag ich euch, worauf ihr achten müsst, wenn ihr jetzt weiterlest, damit ihr nachher versteht, wenn ich es nochmal sage!« Zusätzlich empfehle ich nach dem übrig gebliebenen »Dann sehe ich die Tiere an meiner Seite« einen Doppelpunkt: Denn es folgt, was der Erzähler sieht! zurück
Wer sich etwas wünscht, wünscht es selbstverständlich für sich – sonst würde er jemand anderem etwas wünschen, z. B. mir! Also: für mich streichen! zurück
Eiwei: Der Ich-Erzähler hat soeben sein Problem zum ersten Mal angedeutet – es muss also heißen: … und werde meine Geschichte trotzdem nicht los! Dieser Teil kann aber getrost fehlen – der Leser weiß schließlich von den vergeblichen Versuchen! zurück
Das wissen wir! Hinfort mit den vier Wörtern, weg weg weg weg – so! zurück
Dieser Schluss-Satz ist ebenfalls überflüssig: das Lächeln ist Kommentar genug, wir brauchen keine weiteren Signale, um über die ausweglose Situation des Ich-Erzählers zu erschrecken! zurück

Praxistest: Print on Demand mit BoD und Lulu

Print-on-Demand-Buch im VierfarbdruckRuben Wickenhäuser hat mit zwei Buchprojekten die beiden großen Print-on-Demand-Anbieter BoD und Lulu.com einem Praxistest unterzogen. Hier sein Bericht:

Vor Jahren schlug »Print on Demand« hohe Wellen als technische Möglichkeit für jeden, eigene Bücher ohne Verlagssuche und ohne die enormen Kosten des Eigen- oder gar Zuschussverlags direkt drucken zu können. Tatsächlich ist Print on Demand ein relativ junges Druckverfahren, das es erlaubt, Bücher direkt nach Bestelleingang zu drucken – Einzelstücke also -, wodurch Lagerkosten, hohe Investitionen in eine Startauflage usw. entfallen.

Diese Technologie ist interessant für bereits vergriffene Titel, die so weiterhin verfügbar gehalten werden sollen (beispielsweise um daraus Lesungen halten zu können), oder für Spartenliteratur, die im Angesicht des fehlenden oder geringen Marketings keine Chance auf eine reguläre Veröffentlichung hat.

Audioführung: Calw im Blick und Hermann Hesse im Ohr

Hermann-Hesse-Denkmal auf der Nikolausbrücke in CalwHermann Hesse wurde in Calw in Schwarzwald geboren. Er blieb seiner Heimatstadt stets verbunden, auch wenn der Schriftsteller später am Bodensee und in Italien lebte.

Wer die Geburtsstadt des Literaturnobelpreisträgers besucht, der kann sie akustisch erleben. Das Hermann-Hesse-Portal der gleichnamigen Stiftung stellt einen kostenlosen Audioführer im MP3-Format bereit. Mit dem iPhone oder jedem beliebigen MP3-Player kann man die Stadt an der Nagold akustisch-literarisch erleben.

Wir haben uns mit dem »Hesse-Rundgang« auf den Weg nach Calw gemacht.

»Mann, das gibt’s doch nicht!« – oder »Man, das gibt’s doch nicht!«

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Man(n)?Ab und zu erreichen uns auch Fragen zu Rechtschreibproblemen; nun, das schmeichelt uns, denn wir bemühen uns zwar redlich, sind aber eigentlich keine Spezialisten. Doch in diesem Fall sind wir uns einig: Es muss »Mann, das gibt’s doch nicht!« heißen.

Diese Formeln am Anfang oder Schluss eines Satzes gehören grammatisch zu den Gesprächspartikeln. Sie sollen Aufmerksamkeit hervorrufen, was meist noch durch erhöhte Lautstärke unterstützt wird. Verbreitet sind für diesen Zweck religiöse Beschwörungsformeln wie Jesus, Gott, Joseph & Maria, Herrgott, Teufel noch mal, Himmel u.s.w., häufig erweitert durch die Präposition bei (siehe auch Asterix: Beim Teutates), oder weltliche wie etwa Mensch oder Mann.