Die Julisonne lässt das Wellblech der Unterstände knacken, wo früher die Angebote eines dubiosen Gebrauchtwagenhändlers auf Käufer warteten. Jetzt steht das Gelände leer. Die Zeit zieht hier nur noch an einer Ansammlung rostigen Geräts undefinierbarer Bestimmung und der altmodischen Zapfsäule in ihrem stumpfen Grün vorbei. So wie die Autos an Ruth und Marie vorbeiziehen, die vor dem Gelände in einer Parkbucht der Bundesstraße nach Bonn eifrig die Daumen heraus halten und die Insassen der Fahrzeuge freundlich anlächeln. Bevor sie aufgebrochen sind, haben sie die Spülmaschine ausgeräumt, das Wohnzimmer gesaugt, eine Maschine Wäsche angestellt und vorsichtshalber zusätzlich das Bad geputzt und die Haustürklingel mit dem Namensschild aus Messing poliert. Auf dem Küchentisch haben sie einen Zettel hinterlassen: Sind mit Simone und Claudia ins Jugendzentrum gegangen und spätestens um 18.30 Uhr wieder zu Hause. Und dann nichts wie ab nach Bonn auf die Hofgartenwiese, wo sich das Leben abspielt.
Die Autofahrer sind heute sehr stur. Gegen den Frust und die zähe Wartestellung beginnt Marie, hessisch zu sprechen. Sie hat ein außerordentliches Talent für Dialekte, vor allem für das Hessische und das Sächsische. »Ei du klaans gälwes Audohsche, nu halt doch emol.« Das gelbe Auto blinkt tatsächlich und fährt auf den Parkstreifen, aber als Ruth und Marie sich anschicken hinzulaufen, winkt die Fahrerin ab. Sie will auf den gegenüberliegenden Friedhof und stellt bloß ihr Auto ab. Endlich hält ein Familienvater in einem dicken Peugeot, der sie bis zur Kennedybrücke in Beuel mitnehmen kann. Er nehme immer die jungen Leute mit, erzählt er, er habe selber zwei Kinder, an die müsse er immer denken usw. Ruth und Marie kennen diesen Gesprächsverlauf und führen während der nächsten 15 Minuten eine nichts sagende, aber freundliche und entspannte Unterhaltung.
Der Hofgarten ist enttäuschend, weder Simone und Claudia, noch Uwe oder Jan tauchen auf. Nur ein junger Obdachloser gesellt sich zu ihnen und kaut ihnen ein Ohr ab, versucht sie mit einer Postkarte zu beeindrucken, die Ernst Bloch ihm angeblich geschickt hat, und behauptet schließlich, er liebe Ruth. »Völlig bescheuert«, sagt Ruth, »Was soll der Quatsch?«. Sie wollen, dass dieser Kerl sie in Ruhe lässt, es reicht, wenn die Mutter sie ständig vollquatscht. Letztlich gelingt es dem Aufdringling, Ruth ihr letztes Geld aus den Rippen zu leiern, weil er Hunger habe und sich eine Wurst kaufen wolle, die koste zweiachtzig. Ruth hat nur noch ein Fünfmarkstück, selbstverständlich wird der den Rest sofort zurückbringen. Selbstverständlich tut er genau das nicht. Ruth erwartet es auch nicht wirklich, ist aber trotzdem ein wenig überrascht.
Es ist 17.30 Uhr, eigentlich müssten sie sich nun auf den Heimweg machen, aber sie hoffen zu sehr, dass doch noch etwas Erfreuliches passiert und so bleiben sie noch eine Viertelstunde auf der Wiese sitzen, drehen eine letzte Zigarette und verlängern ihren Aufenthalt um weitere 10 Minuten. Um 17.55 Uhr brechen sie hektisch auf, im Laufschritt geht es zur Trampstelle an der Kennedybrücke. Sie sind jetzt sehr nervös, am Morgen war die Mutter zwar halbwegs gelaunt, aber das heißt nichts für den Abend. Die Autos der ersten Ampelphase rauschen vorbei, die der zweiten und dritten ebenfalls.
Die Uhr zeigt 18.10 Uhr, sie überlegen schon, ob sie noch genug Geld für die Straßenbahn haben und wann die nächste wohl fährt, da hält ein weißer Mercedes mit zwei Männern an. Der jüngere Fahrer sieht sympathisch aus, aber der ältere Schnauzbärtige auf dem Beifahrersitz wirkt nicht gerade Vertrauen erweckend. Ruth gibt einen leisen angewiderten Ton zwischen Ä und Ü von sich, als der der Ältere schon die Tür öffnet und sie nach ihrem Ziel fragt. Mit einem kurzen, für Außenstehende kaum wahrnehmbaren Blickwechsel verständigen Ruth und Marie sich, den Lift zu nehmen, keinen Nerv auf Höllengezeter zu Hause. »St. Augustin«, sagt Ruth. »St. Augustin«, wiederholt der Schnauzbärtige zum Jüngeren gewandt, »kommen wir da durch?« »Ja, liegt auf der Strecke.« Kaum sind sie eingestiegen, bietet der Schnauzbart ihnen Zigaretten an. Sie lehnen ab. »Raucht ihr etwa nicht?« »Doch, doch, aber nur Selbstgedrehte.« »Keine Ausnahme?« »Nein, Filterzigaretten schmecken nicht.« Der Schnauzbart zündet sich eine Marlboro an, die Ruth und Marie sehr wohl ab und an ganz gerne rauchen, und fordert seine Gäste auf, sich doch einfach eine zu drehen. Dabei wendet er sich ihnen die ganze Zeit so weit zu, wie es die Gegebenheiten erlauben, und da er keinen Sicherheitsgurt angelegt hat, kann er sich recht weit herumdrehen. Aus Höflichkeit und Verunsicherung holen Marie und Ruth ihre Tabakpäckchen hervor. Als der Schnauzbart die Blättchenpackungen mit den abgerissenen Deckeln sieht, lässt ein breites Grinsen seine Goldzähne blitzen. »Hab’ ich’s mir doch gedacht, dass meine beiden Hübschen hier kiffen.« Ruth und Marie müssen sich sehr zusammenreißen, um ihre aufwallende Angst nicht zu deutlich zu zeigen.