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Textkritik: Malte tröstet die Form für eine Brille

Nach der Sonderrunde mit Romananfängen widmet sich unsere Textkritiker Malte Bremer diesmal wieder einem lyrischen Werk.

Im ebenfalls frisch renovierten Bereich von »Maltes Meinung« ist die Begeisterung des Kritikers jedoch eher verhalten bis nicht vorhanden: nur eine von fünf Brillen wird für das Gedicht vergehen.

Einzig die Form kann es vor dem Untergang retten, der Inhalt ist »herzlich wirr«.

Ende Gelände

von Martin Giaco
Textart: Lyrik
Bewertung: 1 von 5 Brillen

In subkutane Regionen, wo
Übel sich hin zurückziehen, wenn
Sie den Augen entkommen müssen, wer
Will denen schon hinterher steigen?

Doch wohl nur der Herr Doktor, der
Ohne zu zucken im Darm wühlt, die
Wunde erneut aufbricht um jenen, die
Dieses Schauspiel interessiert, das
Ergebnis mit wichtiger Miene zu verkünden:

»Da ist nichts zu machen

© 2010 by Martin Giaco. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ziellos-unentschiedenes Herumfuhrwerken mit Wörtern und Einfällen.

Das einzige, was ein kleines bisschen tröstet, ist die Form: nämlich dass die letzte Wörter der Verse vor der Schlusszeile jedes Abschnittes durch Komma abgetrennt sind und jeweils mit dem gleichen Konsonanten beginnen! Das rettet zumindest 1 Brille! Bedauerlicherweise hat jedoch bereits der zweite Abschnitt eine Zeile mehr.

Und noch viel besser wäre es gewesen, böte der erste Abschnitt ein wer-wie-was und die zweite ein der-die-das. Aber sowas wäre selbstverständlich mit Arbeit verbunden …

Die Kritik im Einzelnen

Das Auseinanderziehen von wohin ist sprachlich sehr ungünstig, zumal das hin direkt auf zurück trifft: Warum darf es nicht beieinander bleiben? Die geplante Alliteration w an den Zeilenenden wird davon nicht berührt, und ein Metrum ist nicht vorgesehen!
Dass »subkutane Regionen« sich unmittelbar unter der Haut befinden, merken wir uns – für später! zurück

Warum müssen Übel den Augen entkommen? Viele Krankheiten – und darum geht es ja wohl – blühen prächtig auf der Haut – bis auf die, für die Haut ein unwirtlicher Ort ist. Die sieht man nicht, man spürt sie vielleicht, und dann nützt dann auch kein Rückzug in subkutane Regionen. Dann sucht man einen Arzt auf – und erst recht, wenn Übel auf der Haut prangen. Was also soll diese erste Strophe? Will die witzig sein oder gar humorvoll? zurück

Der Doktor hat die »subkutanen Regionen« entschieden verlassen, er befindet sich sehr viel tiefer – ein Zusammenhang zum ersten Abschnitt besteht nicht mehr, außer dass da wohl im Darm ein Übel ist. Die erste Strophe ist neben dem Unfug also auch noch völlig isoliert und könnte folgenlos gestrichen werden. Und dass ein Darmarzt beim Darmdurchwühlen nicht zuckt, ist wohl selbstverständlich, wird hier aber als etwas Besonderes hervorgehoben. zurück

Der Arzt wird jetzt zu einem Sadisten: Er bricht eine entdeckte Wunde auf, weil er die Absicht hat (um zu ), den Interessierten eine möglichst schlechte Nachricht zu verkünden. Aber vielleicht ist der Arzt gar kein Sadist, sondern ein Organhändler, der vorsätzlich für Tote sorgt, um sich an den Überresten dumm und dämlich zu verdienen, so was wie ein gewiefter Manager? Und vielleicht ist das Gedicht ein Protest gegen solche Gestalten? Wer weiß das schon – ich jedenfalls nicht: Das ist alles herzlich wirr! zurück

Hach: Die Pointe!! Angekündigt durch einen Doppelpunkt bekommt sie eine Extrazeile und Anführungszeichen. Aber wovon ist das die Pointe? Dass – wie es schon geschrieben stand – der Doktor seinen Patienten bewusst umbringt? zurück

© 2010 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.