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StartseiteBuchkritiken und TippsMaltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 (1/5)

Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 (1/5)

Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 wurde verkündet

Am 18.08.2020 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 12. Oktober 2020 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 15. September 2020 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren zuvor mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweilig? Lesen Sie den 1. von 5 Teilen zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Helena Adler, Birgit Birnbacher, Bov Bjerg und Valerie Fritsch.

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links

Kaum schlage ich das Buch auf, bekomme ich eine Aufgabe: Nehmen Sie ein Gemälde von Pieter Bruegel. Nun animieren Sie es. Ich habe aber kein Bild von Pieter Bruegel, weder vom Älteren noch vom Jüngeren! Folglich gibt’s da nix zu animieren!

Aber was soll das? Etwa ein besonders toller Anfang sein? Zeigen, dass frau einen oder sogar zwei Pieter Bruegels kennt? Und dass frau in seinem Stil malen will, aber leider nur schreiben kann, wenn überhaupt?

Was auch immer! Jedenfalls essen das lyrische Ich und Angehörige im Parterre eine schwarze Regensuppe zum Nachtmahl. Schön. Schwarze Regensuppe. Kein Schimmer, was das schon wieder ist. Hört sich allerdings nicht sehr lecker an und heißt auf Englisch boiling soup rain. Hilft mir aber auch nicht weiter. Da sitzen sie also zusammen, die Ich-Erzählerin samt bösartigen Geschwistern, sogar die beiden unbeweglichen Urgesteine, die den ersten Stock bewohnen. Wer sie bewegen will, beiße angeblich auf Granit. Nun: Ich denke, man muss die Urgroßeltern ja auch nicht gleich beißen, nur weil sie nicht runterkommen wollen …

Zäh & dröge schlappt das vor sich hin: Ich habe nicht einmal den ersten Absatz ohne dauerndes Aufstöhn & Kopfgeschüttel geschafft …

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Jung und Jung. ISBN/EAN: 9783990272428. 20,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

So ist es recht: »Da ist es wieder, dieses Licht!« Schon ist Leser:in aufmerksam: Was ist das für ein Licht? Was das Besondere? Dass es frühmorgens war und auf alle gefallen ist, auch auf Arthur? Und warum sollte sich Arthur vor dem Herbst fürchten, ja: Warum sollte sich überhaupt jemand vor einer Jahreszeit fürchten? Was ist das da los? Arthur ist schließlich ein freier Mensch unter vielen.

Ganz allmählich verdichtet die Autorin das Arthur-Bild: Nachdem er den Zug verlassen hat, steuert er auf die Uni zu – aber will nicht kann nicht, traut sich nicht allein in die Aula. Und dann kommt endlich der Knackpunkt: Arthur will nicht als Unrechtmäßiger erkannt werden, also nicht als der Haftentlassene, der er nun einmal ist.

Wie Birgit Birnbacher das behutsam und deswegen ungemein spannend entwickelt, ist ausgesprochen stark! Chapeau! Gehört unbedingt auf die Shortlist!

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Paul Zsolnay Verlag. ISBN/EAN: 9783552059887. 23,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Bov Bjerg: Serpentinen

Bov Bjerg: Serpentinen

»Um was geht es?«, fragt der Ich-Erzähler seine Tante, die unter einer Dauerwelle sitzt, und er erfährt, dass sein Urgroßvater im Jahr 1900 ausgewandert sei. Dazu macht er sich Notizen auf einem Blatt mit dem Titel »Ahnentafel«. Handelt es sich um reines Interesse, oder steckt mehr dahinter, da es sich um den Vater, den Großvater und den Urgroßvater handelt? Der Ich-Erzähler stellt an Hand einer Passagierliste fest, dass das Auswandern nicht stimmt, sondern alle drei sich selbst umgebracht haben. Oder doch nicht? Stattdessen ertränkt, erschossen, erhängt? Der lakonische Beginn macht neugierig!

Szenenwechsel: »Um was geht es?«, fragt der Ich-Erzähler und fährt fort mit »Ich rannte los, immer schneller.« Es wird schnell klar, dass es sich um einen missglückten Fußballschuss handelt. In der Folge erwacht der Ich-Erzähler vor Schmerz: Man & frau muss schon sehr aufmerksam lesen, um nicht einen möglichen (?) Faden zu verlieren bzw. richtige Schlüsse zu ziehen! Das hat was Spannendes, Aufmerksamkeit-Heischendes: Das kann man nicht einfach nur so weglesen!

Bov Bjerg: Serpentinen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Claassen. ISBN/EAN: 9783546100038. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson

Erste Bezüge: Es wird Nabokov zitiert, der gesagt habe, die Geschichte der Menschheit sei die Geschichte des Schmerzes. Das kann ich zwar keinesfalls nachvollziehen – denn dann wären wir voll im mittelalterlichen Jammertal – je nun: Wer’s braucht? Und es wird David Bowie zitiert: Tomorrow belongs to those who can hear it coming. Das wiederum ist trefflich trivial.

Doch wenden wir uns den Herzklappen zu: Es beginnt mit der Feststellung, dass ein Kind namens Alma ungeduldig war, denn es konnte bei Brettspielen nicht verlieren, sondern betrog und schrie lieber, als zu schweigen, und ballte seine Fäuste auch im Schlaf noch. Das Elternhaus war immer leer »kathedralisch, zu groß für einen kleinen Menschen«. Und wenn das Telefon klingelte, dachte man, es läutete im eigenen Kopf.

Ja, schön und gut: Aber wann fängt es endlich an? Warum muss ich wissen, dass das riesenhafte Wandbild mit Trauben so lebensecht war, dass Vögel des Sommers durch die offenen Fenster flogen und versuchten, sie von der Leinwand zu picken? Dass man sonntags manchmal mit dem Großvater im Garten zu Mittag aß? Das zieht sich und zieht sich und zieht sich …

Nein, danke! Werde ich nicht weiter lesen!

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518429174. 21,95 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Maltes Meinung: Longlist Deutscher Buchpreis 2020

3 Kommentare

  1. Schade, daß Sie das Fritsch-Buch nicht weiterlesen wollen, denn es ist sehr poetisch mit wunderschönen Wortschöpfungen, so daß man sich Satz für Satz aufschreiben möchte, ich habs bei dem O-Tönen im Museumwuartier im Stehen getan und freue mich auf das Lesen, Serpentinen hat mir nicht so gefallen, die beiden anderen Bücher muß ich erst lesen, auf das Birnbacher-Buch bin ich aber auch sehr gespannt!

  2. Das beste und originellste Buch der Saison ist anscheinend nicht auf der Longlist und ich ahne auch warum: Es war den Juroren wohl zu dick , der Titel nicht ansprechend genug.
    Gemeint ist der wunderbare Roman „Für immer die Alpen“ von Benjamin Quaderer , in dem auf fast 600 Seiten die Geschichte des Datendiebs aus Liechtenstein entwickelt wird, eines neuen, sehr heutigen Pikaro, der ein würdiger Nachfolger von Simplicissimus und Oskar, dem Meister der Blechtrommel ist.

  3. ich lese jetzt Helena Adler und muß wieder den Kopf schütteln beziehungsweise kommentieren, denn daß das ein tolles Buch ist, hat sichm glaube ich, inzwischen schon herumgesprochen, sprachlich mindestens Valerie Fritsch Niveau, wenn nicht darüber, ich bin zwar erst auf Seite siebzehn, habe mir aber schon soviele Formulierungen angestrichen, daß ich nicht anders kann, als ihnen wieder zu raten, das Buch, das inzwischen auch für den österreichischen Buchpreis nominiert ist, vielleicht doch noch einmal zur Hand zu nehmen und weiterzulesen!
    Gut, es ist sehr stilistisch und das mögen Sie vielleicht nicht, hat dann aber satirische Formulierungen, wie den “”ÖVP- Schnitt”, das ist die österreichische Volkspartei, also die des Kanzler Kurz, der sich inzwischen auf türkis umfärbte, also ganz aktuell und sprachlich ungewöhnlich frisch, ein neues österreichisches Talent, das vermutlich auf die Shortlist kommt auf die eine oder andere, würde ich vermuten, auf meiner ist es schon und für mich wieder ein Beweis, daß man ein Buch nach ein paar Seiten nicht beurteilen sollte, obwohl ich das gerade tue, denn das war mir schon nac h ein paar Zeilen klar, obwohl ich schreien muß, daß ich wegen dem Cover bisher einen Bogen darum machte, wenn ich hörte, wie es überall gelobt wurde!

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