Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 (1/5)

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Deutscher Buchpreis 2019 - Die Longlist

Am 21.08.2019 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 14. Oktober 2019 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 17. September 2019 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren zuvor mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweilig? Lesen Sie den 1. von 5 Teilen zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Andrea Grill, Angela Lehner, Emanuel Maeß und Katerina Poladjan.

Andrea Grill: Cherubino

Andrea Grill: Cherubino

Dieses Werk beginnt mit »Über das Buch« – vermutlich der Klappentext! Da erfahren wir, dass die Protagonistin eine Sängerin ist, Iris Schiffer heißt und demnächst ihr Debut als Cherubino gibt usw. Ach ja: Sie wird überrascht von ihrer Schwangerschaft, und die Geburt kollidiert irgendwie mit einer Premiere … Und weil die Autorin offenbar nicht weiß, dass Personen sich durch ihre Handlungen usw. charakterisieren, wird uns Lesern halt einfach mitgeteilt, dass Iris zielstrebig und selbstbewusst ist und sich auf gutem Karriereweg sich befindet. Je nun.

Nachdem auch noch eine Menge Personen aufgezählt werden, die wohl irgendwann einmal eine Rolle spielen, ist das Werbe- bzw. Informationsblatt beendet. Der erste Akt kann beginnen, und genauso beginnt er auch: Erster Akt

Und wie: Er fängt so an, wie kein Text anfangen sollte, nämlich mit einer der Todsünden: Die Protagonisten »sah wieder aus dem Fenster«! Ein auf jeden Fall zu vermeidender Anfang, gerne gewählt von Anfängern. Weiter mag ich das nicht lesen, denn jede Leselust ist mir bereits gründlich ausgetrieben worden.

Andrea Grill: Cherubino: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. Paul Zsolnay Verlag. ISBN/EAN: 9783552059498. EUR 23,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Angela Lehner: Vater unser

Angela Lehner: Vater unser

Welch fulminanter Beginn! Wie erfrischend jetzt Angela Lehners Text: Mitten rein, ohne Drumrum-Geschwafel! Da sitzt jemand mit auf dem Rücken verbundenen Händen und lehnt den Kopf an eine blickdichte Scheibe. Die Sitzpolster erzählen der Person von vergangenen Nikotingenüssen. Blickdichte Scheibe? Etwa eine Polizeiwagen? Ist die Person ein Mann oder eine Frau oder eine Diverse? Unwichtig! Wird sich klären, wenn nötig. Vor der Person befindet sich ein Gitter: Der Verdacht auf Polizeiauto nimmt Konturen an. Vor dem Gitter sitzt eine Beamtin, deren Pferdeschwanz im Fahrtwind tänzelt – woraus folgt, dass die Seitenscheibe geöffnet ist. Die Person ist überrascht, dass die Klimaanlage ausgeschaltet ist, denn »hätte ich die österreichische Polizei einschätzen müssen, hätte ich gesagt, dass die die Klima einschalten und gleichzeitig das Fenster runterkurbeln würden. Aber nein. Haben sie gar nicht gemacht. Ganz vernünftig sind die.«

Aus diesem Anfang ergibt sich alles weitere: Die gefesselte Person ist kommt nicht aus Österreich, hat ein Vorurteil, ist aber bereit, das zu korrigieren. Das werde ich weiterlesen!

Angela Lehner: Vater unser. Gebundene Ausgabe. 2019. Hanser Berlin. ISBN/EAN: 9783446262591. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Emanuel Maeß: Gelenke des Lichts

Emanuel Maeß: Gelenke des Lichts

Der Titel erscheint mir doch sehr gewollt: Was sollen denn die Gelenke des Lichts sein? Da, wo es bricht? Sich in Spektralfarben auflöst? Wie auch immer: Vielleicht wurde dieser vom Verlag empfohlen? Aber das ist letztlich auch egal: Schließlich macht ein Titel noch keinen Roman! Beginnen wir mit der ersten Zeile:

»Vor einigen Jahren, als ich einen Abend lang vergeblich auf Dich wartete, ergab sich die Gelegenheit, wieder einmal einem Mond zuzusehen.«

Der Text beginnt mit einer unscharfen Erinnerung: Der Protagonist füllt ein vergebliches Warten auf ein Du mit dem Betrachten eines Mondes. Warum nicht DES Mondes? Wie viele haben wir denn hier auf Erden? Unsere wartende Person ärgert sich über den Mond, weil dieser gelassen und ein wenig selbstgefällig aufging und seine ewige Bahnen zog. Mit Verlaub: Selbstgefällig ist hier die Ich-erzählende Person! Sollte der Mond sich etwa um die Ungeduld des Ich-Erzählers kümmern? War dieser dermaßen frustriert, dass er vom Mond Hilfe einforderte? Offenbar, denn jetzt wird er immer pathetischer: Wieso habe man ihn so lange warten lassen, wo er sich doch aus einfachen Verhältnissen in eine erhabene Position emporgearbeitet habe und um ein Dich kreiste wie der Mond um die Erde usw. Schließlich ließ er sich nochmal »unsere Geschichte durch den Kopf gehen, während der alte Blender (damit ist der Mond gemeint) das Licht an ließ und Du Dich irgendwo mit den Nachtgeistern herumtriebst.«

Aha: Jetzt folgen dann wohl die Erinnerungen bis zu diesem Kitschgebilde. Doch dem will ich mich aussetzen: Die Leiden eines gealterten und verbitterten Werthers langweilen schon jetzt.

Emanuel Maeß: Gelenke des Lichts: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. Wallstein. ISBN/EAN: 9783835334397. EUR 20,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Katerina Poladjan: Hier sind Löwen

Katerina Poladjan: Hier sind Löwen

36 Kapitel umfasst dieses Werk. Sind das etwa drei Jahre? Bin mal gespannt! Im ersten Kapitelchen namens Hic et Nunc (Hier & Jetzt) schaltet jemand ein Deckenlicht ein und untersucht ohne Handschuhe Papierstapel und Pergamentrollen in einem Archiv, macht sich Gedanken, wo die Bücher wohl herkommen: lagen diese vielleicht unter dem Kissen eines Kranken? Wer war dabei? Was war sonst los? Das ist seltsam spannend, weil man als Leser so gar nicht weiß, was eigentlich los ist – aber da ist das Kapitel schon zu Ende! Das zweite Kapitel Istanbul ist lang: Das Ich war wieder in Istanbul und fährt im Bus von einem Flughafen zum anderen. Unterbrochen wird es durch eine Strick- bzw. Häkelanleitung: Was geht da vor? Eine junge Mutter setzt dem Ich ihr Kind auf den Schoß. Wir erfahren zudem, dass das Türkisch des Ich nach all den Jahren holzig klang. Wo war Ich denn gewesen? Allmählich klären sich Zusammenhänge, einiges aus der Vergangenheit des immer noch namenlosen Ich, und ganz beiläufig folgen häppchenweise Erinnerungen und Informationen. Aber was wird da gehandarbeitet und wofür? Mehr! Das werde ich ganz lesen!

Katerina Poladjan: Hier sind Löwen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103973815. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

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3 Kommentare

  1. Dass man ein Buch nach einer einführenden Erklärung und einem einzigen Satz schon beiseite legt, finde ich mutig und arrogant.
    Dass man ein Buch mit dem berühmten Blick aus dem Fenster beginnt, finde ich genauso mutig und arrogant.
    Jahrzehntelang werden uns Blicke aus dem Fenster vorenthalten, weil das ein Anfängerfehler ist. Niemand traut sich mehr!
    Zwischen dem peniblen Befolgen und der ungehorsamen (oder naiven) Missachtung unzähliger, sich nachplappernder Schreibratgeber liegt noch viel Potential für gute Bücher.
    Mich schreckt der besagte Satz jedenfalls nicht ab. Das Buch kommt auf meine Leseliste. Nach solch einem ersten Satz kann‘s ja nur besser werden.

  2. Hallo,

    die Zeit direkt nach Verkündung der Longlist ist fast meine Lieblingszeit im Bloggerjahr. Immer wieder spannend, wie die ersten Eindrücke sind und wer sich entscheidet, welche Bücher (vor der Preisverleihung oder auch nicht) zu lesen.

    Wie in den letzten Jahren habe ich mich dank Onleihe und Netgalley wieder eingedeckt mit meiner ersten Auswahl: dieses Mal “Kintsugi”, “Winterbienen”, “Das flüssige Land”, “Brüder”, “Miroloi” und “Die Leben der Elena Silber”.

    LG,
    Mikka

  3. Irrtum bei “Vater Unser”, die Protagonistin ist Österreicherin.
    Ist doch schlau, wenn an beim Erzählen über die eigenländische Polizei weiß, dass es anderswo anders ist.
    Andererseits: die Autorin nutzt durchaus eine gewisse Österreich-ist-schwer-in-Mode Attitüde.

    Das Verfahren hier ist einerseits arrogant ja, aber dann auch:wieder: soviel Zeit hat man ja nicht, deshalb doch interessant.

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