Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 (1/5)

2

Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 (1/5)

Am 14.08.2018 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 8. Oktober 2018 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 11. September 2018 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren 2016 und 2017 mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweiliges Gelaber? In den kommenden Tagen lesen Sie in 5 Teilen Maltes Meinung zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Susanne Fritz, Arno Geiger, Franziska Hauser und Anja Kampmann.

Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind

Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind

Vermutlich wie in jeden anderen Menschen. Was unterscheidet denn ein Kind von einem anderen Menschen? Das Alter? Seltsamer Titel. Es folgt das Motto von einem gewissen John Berger: »Die Seele ist vor allem der Ort einer anderen Zeit.« Hat das jetzt was mit einer Kinderseele zu tun? Auf zum Text!

Ein Ganzkörperscanner findet ein von der Ich-Erzählerin in der Hosentasche vergessenes, zerknülltes Papiertaschentuch und wird von der Security zur Rede gestellt, schließlich sei ihr gesagt worden, dass absolutely nothing in den Taschen sein dürfte. Dann wird berichtet, was so alles noch geschieht bei dieser Kontrolle im Flughafen. Muss wohl in Trumpland sein, zumindest kenne ich derlei Ereignisse aus vielen Berichten von Menschen, die unbedingt das Land der Freien besuchen wollten.

Im nächsten Kapitel entschuldigt sich die Ich-Erzählerin dafür, dass ihr »diese Geschichte von der ganzheitlichen Durchleuchtung und meiner potentiellen Gefährlichkeit« einfällt, als sie über einen Fingerabdruck schreiben muss und ihr die Worte versagen. Es handelt sich um einen Fingerabdruck ihrer Mutter, als diese 14 war und von der sowjetischen Geheimpolizei in ein polnisches Arbeitslager gesteckt wurde usw. usw. usw. Da sucht offenbar jemand nach seinen Vorfahren. Von mir aus. Aber muss ich daran teilhaben? Nein. Entschieden nein! Habe keine Lust, mich weiter zu langweilen.

Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind. Gebundene Ausgabe. 2018. Wallstein. ISBN/EAN: 9783835332447. EUR 20,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

»Im Himmel, ganz oben« beginnt dieser Roman – und schon stutze ich: Wo ist im Himmel ganz oben? Wie wäre es mit am Himmel? Ohne ganz oder halb oben? Jedenfalls konnte der Ich-Erzähler einige ziehende Wolken erkennen und erkannte daran, dass er überlebt hatte, und stellte später fest, dass er doppelt sah. Dann hatte er wohl mehr Wolken gesehen, als tatsächlich da waren. Je nun. Dann werden allerlei Kriegsverletzungen und sonstige Wehen aufgezählt, die der Ich-Erzähler erlitten hatte.

Alle Knochen taten weh, Rippenfellentzündung, Geruchssinn weg, vom Krachen verschluckt und der ohnehin alles verschluckenden Steppe und den ohnehin alles verschluckenden Flüssen an diesem groben Knie des Dnjepr. Unter seinem Schlüsselbein lief das Blut heraus »in leuchtenden Bächen«, und er schaute hin.

Fein. So ist das wohl im Krieg. Aber 1944 interessiert mich überhaupt nicht. Auch nicht das unbeschreibliche Gefühl, das man empfindet, wenn man überlebt hat. Auch nicht das euphorische Gesülze: Was kann es Besseres geben, als am Leben zu bleiben?

1944 (und nicht nur da!) haben grauslich verstümmelte Soldaten ihre Kameraden angebettelt, sie zu erlösen und zu erschießen …

Arno Geiger: Unter der Drachenwand: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446258129. EUR 26,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin

Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin

Schon beim zweiten Satz wollte ich aufgeben: »Ein Sekundenbruchteil hatte sich angefühlt wie die Ewigkeit, und es ist, als stünde ich hier seit Langem.« Kotz & Würg! Allein schon diese überaus dämliche und genau deswegen ja so überaus beliebte oberkitschige Verknüpfung von Sekunde und Ewigkeit, hier noch gesteigert durch den Sekundenbruchteil!

Doch dann wurde ich unsicher: Wieso sagt dann die Ich-Erzählerin plötzlich seit Langem? Lange ist bei Weitem nicht ewig – zumal lange einen Anfang hat, ewig aber nicht … Hat sie sich hier etwa sofort von ihrem Kitschanfall distanziert?

Hat sie! Sie kann nämlich ganz anders. Was danach folgt, ist sprachlich und inhaltlich vorbildlich! Um den Tod ihrer Mutter geht es, der eintritt, als die Ich-Erzählerin auf der Terrasse steht und raucht. Sie erfährt davon über Handy durch die Polizei.

Das erzählt sie schnörkellos. Personen treten auf, von denen wir (noch) nichts wissen, die aber wohl eine wichtige Rolle gespielt haben oder noch werden. Gegenstände wie z. B ein Fingerring werden genau dann ganz selbstverständlich dann erwähnt, wenn sie eine Rolle spielen. Das entfaltet einen gewaltigen Sog – werde ich ganz lesen!

Fazit: Absolut preiswürdig

Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin. Gebundene Ausgabe. 2018. Eichborn. ISBN/EAN: 9783847906445. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Irgendwie kenne ich das doch? Richtig: Dieser Roman war einer meiner Favoriten für den Preis der Leipziger Buchmesse. Den hat Anja Kampmann nicht bekommen. Aber vielleicht jetzt? Folgendes hatte ich geschrieben:

Mittendrin, statt nur dabei – so wünsche ich mir das! Keine langatmigen Beschreibungen, was wie zusammengehört und wer warum mit wem – das ergibt sich aus dem Text ganz von selbst: dass hier von einem Schichtwechsel die Rede ist, einem Austausch von Bohrarbeitern einer Ölplattform vor Marokko (ist nicht gesichert, nur meine Vermutung, denn der im Text genannte Ort »Sidi Ifni« befindet sich in Marokko, während die Kapitelüberschrift »Cantarell« hinweist auf die Ex-Ölplattform vor Mexiko). Nichts wird erklärt, es ist, wie es ist – einfach spannend und direkt erzählt! Dazu starke Bilder, etwa wenn eine Tasche so groß ist wie ein ausgestopftes Wildschwein. Ich habe die gesamte Leseprobe am Stück gelesen: Dieses Buch ist absolut preiswürdig: Anja Kampmann kann erzählen!

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446258150. EUR 23,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

» Lesen Sie in Teil 2 Maltes Meinung zu den Büchern von Angelika Klüssendorf, Gert Loschütz, Gianna Molinari und Adolf Muschg

2 KOMMENTARE

  1. Diese Pauschal-Urteile über 20 Romane, in die der Rezensent gerade eben einen flüchtigen Blick geworfen hat, bieten sich in einer gänzlich unzulänglichen Sprache, arrogant, geschmäcklerisch und oft mit hämischem Unterton dar – wer will denn (um den Ton mal aufzunehmen) so etwas lesen?! Ich jedenfalls nicht mehr. Ich bin weder besonderer Fan der abgewatschten noch der wenigen gelobten Autoren und Autorinnen, aber so unqualifizierte Sentenzen hat einfach niemand verdient. Diese “Meinungen” sind für mich ein Grund, den Newsletter des Literaturcafés abzubestellen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Nemen ein