Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 (2/5)

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Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 (2/5)

Am 14.08.2018 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 8. Oktober 2018 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 11. September 2018 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren 2016 und 2017 mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweiliges Gelaber? In den kommenden Tagen lesen Sie in 5 Teilen Maltes Meinung zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Angelika Klüssendorf, Gert Loschütz, Gianna Molinari, Adolf Muschg.

Angelika Klüssendorf: Jahre später

Angelika Klüssendorf: Jahre später

Eine DDR-Schriftstellerin namens April, begleitet von ihrem 11-jährigen Sohn Julius (der auf seinem Walkman Bob Dylan hört) liest aus einer Untergrundmappe vor zum Thema »Kunst als Medizin« und wird dabei intensiv beäugt von einem älteren Zuhörer, der sie nach der Lesung fragt, warum sie – hübsch und jung – so schreckliche Sachen schreibe.

Wir Leserinnen & Leser erfahren jedoch nicht, was April denn so Schreckliches geschrieben haben soll.

Dafür beginnt jetzt der Kitsch seinen Lauf: Als der »aufgeblasene Fatzke« – als einen solchen bezeichnet sie ihn – April nach ihrem Lieblingsschriftsteller fragt und sie, um diesen Menschen loszuwerden, Samuel Beckett sagt, ist der Fatzke (der hat sich inzwischen vorgestellt als »Ludwig, Chirurg«) hellauf begeistert: Das sei auch sein Lieblingsschriftsteller, er kenne ihn sogar persönlich und könne für sie ein Treffen mit ihm arrangieren.

Und so verbandeln sie sich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Das schlurt vor sich hin, alles so abgedroschen & ausgelutscht & vorhersagbar – dafür ist mir meine Lebenszeit zu kostbar.

Angelika Klüssendorf: Jahre später: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Kiepenheuer&Witsch. ISBN/EAN: 9783462047769. EUR 17,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Gert Loschütz: Ein schönes Paar

Gert Loschütz: Ein schönes Paar

Bereits der Titel dieses Romans und die vorangestellte Elegie von Rilke legen nahe, dass es wieder einmal um Liebe und Leid geht. Und ich bin mir sicher, dass auch der Tod eine Rolle spielt. So ist das halt in den Romanen. Entscheidend ist nur, wie das inhaltlich komponiert und sprachlich gestaltet wird.

Gert Loschütz erklärt uns zu Beginn die Funktionsweise eines Stereoskops und welche Bedeutung dieses Gerät für getrennt lebende Liebespaare und für Kriminologen hätte haben können. Aber nicht hatte.

Als ein Händler ihm den Preis von einem solchen Gerät aus dem Jahre 1919 sagte, lehnte der Ich-Erzähler ab.

Dann sterben kurz nacheinander seine Eltern usw. usf. und Bilder aus der Vergangenheit und Erinnerungen an die Eltern und Pipapo und es zieht sich und zieht sich und zieht sich …

Gert Loschütz: Ein schönes Paar. Gebundene Ausgabe. 2018. Schöffling. ISBN/EAN: 9783895611568. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich

Erschreckend dämliche Forscher entdecken auf einer Insel ein unbekanntes Tierchen, sperren es in ein Glas mit Luftlöchern im Deckel, besaufen sich vor Freude, und als sie sich am nächsten Morgen versammeln, um diesem Tierchen einen Namen zu geben und es zu diesem Zwecke nochmals in Augenschein zu nehmen, war es aus dem Glas verschwunden.

Das ist ein ganz miserabler Anfang! Was sind denn das für Forscher? Geht dieser Roman etwa so weiter?

Wir begegnen der Ich-Erzählerin bei einem Einstellungsgespräch für den Posten einer Nachtwächterin. Sie bekommt ihn und kann in einem leeren Raum der Fabrik schlafen, den sie Halle nennt und der ihr vorkommt, als läge sie im Bauch eines großen Wals … je nun: In einem Zwergwal hätte sie wohl nicht genug Platz! Und sie fragt sich, was wichtig ist und was nicht, und wichtig seien z. B ihre Gliedmaße usw. Und zudem fragt sie sich, wie die Oberfläche ihrer Lunge beschaffen ist, wie dicht das Netz ihrer Blutgefäße und was das Wohnen in der Halle mit ihr machen wird.

Und dann erfährt sie, dass sich ein Wolf auf dem Gelände rumtreibe, und sie forscht nach ihm des nachts auf den vier Monitoren, und dann habe ich aufgehört zu lesen. Die Frau und ihre Tätigkeit und die Fabrik und das Gelände und der Wolf rauschen an mir vorbei, ohne mein Interesse erwecken zu können. DAS war nicht möglich.

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Aufbau Verlag. ISBN/EAN: 9783351037390. EUR 18,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima

Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima

Oha: Fukushima? Wohl so ein aufrütteln sollender Problemroman! Und Heimkehr? War der Erzähler Paul Neuhaus etwa dort mal zu Hause? Und dann dieser Prolog, der keiner ist, sondern eine Vorgeschichte! KEINE Hinwendung an geneigte Leserinnen und Leser, keine Warnung, keine Erläuterung.

Stattdessen ein verstopfter Briefkasten und Post aus Japan: Eingeladen werden Paul Neuhaus und Suzanne zu einer Künstlerkolonie in Fukushima. Und dann wird des langen und breiten ausgewalzt, wie das früher gewesen war mit Suzanne und ihm in den USA und Berlin und Freiburg – Ächz! Muss ich all das wissen und mir merken, bis die beiden endlich in Fukushima sind? Wieso wird hier deren bisheriges Leben ausgebreitet? Warum muss ich wissen, wie das mit Pauls Halsschlagader war und im Krankenhaus und mit dem Nō-Spiel und Ken und der Dissertation über Mangas und Ritter –

Es reicht! Ich weiß nach dem »Blick ins Buch« nicht einmal, wie lange sich diese Vorgeschichte noch hinzieht, ob dieser Roman endlich beginnt …

Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. C.H.Beck. ISBN/EAN: 9783406727023. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Lesen Sie in Teil 3 Maltes Meinung zu den Büchern von Josef Oberhollenzer, Susanne Röckel, Matthias Senkel und Christina Viragh.

2 KOMMENTARE

  1. Na wenn Sie sich da mal nicht gewaltig täuschen, Herr Bremer – Angelika Klüssendorf Kitsch und platte Liebesgeschichten vorzuwerfen, das kann man schon verwegen nennen.

  2. Schließe mich dem an, hab das Buch zwar noch nicht gelesen, aber schon sehr viel Positives darüber gehört und bin nach wie vor der Meinung, die sich mir auch kontinuierlich bestätigt, man muß ein Buch als Ganzes gelesen haben, um es beurteilen zu können und den Ausdruckt “taugt” finde ich sowieso für überheblich, liebe Grüße aus Wien, beziehungsweise Harland bei St. Pölten!
    “Sültzrather” hat mir übrigens sehr gut gefallen, die “Drachenwand” etwas weniger, jetzt ist “Archipel” an der Reihe!

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