Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 (2/5)

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Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017

Am 21.08.2019 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 14. Oktober 2019 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 17. September 2019 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren zuvor mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweilig? Lesen Sie den 2. von 5 Teilen zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Norbert Scheuer, Eva Schmidt, Saša Stanišić und Marlene Streeruwitz.

Norbert Scheuer: Winterbienen

Norbert Scheuer: Winterbienen

Ich-Erzähler teilt uns mit, wo er wohnt: In einem Bergarbeiterstädtchen, das an einem Fluss liegt, der sich durch einsame, zerklüftete Landschaften schlängelt, zudem gibt es kleine Dörfer und Magerwiesen, Fichten-, Kiefern- und Buchenwälder, die sich bis zur belgischen Grenze erstrecken (Dort werden sie wohl nicht durchgelassen). Das schlurt uninspiriert und langweilig vor sich hin, nix wird deutlich: Worum geht’s? Spielen Bäume und Dörfer irgendeine wichtige Rolle? Gibt es denn nichts zu erzählen? Was bringt es zu berichten, dass das schon immer eine karge Region war? Entstanden dermaleinst durch Erosion des »variszischen Urgebirges«? Das sagt mir nichts! Also werde ich mich brav auf Wikipedia schlau machen, muss ja irgendeine bedeutende Bedeutung haben, kann ja nicht einfach nur Wichtigtuerei sein – das soll ja ein Roman werden! Und siehe da: variszisch bezeichnet ein Streichen in Nordost–Südwest-Richtung. Und was Streichen bedeutet, steht da auch! Und dass ein Benediktiner namens Ambrosius (»Der Unsterbliche«) wegen einer Liebesbeziehung zu einem Bauernmädchen 1492 sein Kloster verließ und eine Familie gründete … was soll diese historische Faktenklauberei? Anbrosius ist längst tot, auch das Bauernmädchen! Will einer zeigen, dass einer brav recherchiert hat, bevor einer einen Roman schreibt? Kann einer aber nicht! Ich meine: einen Roman schreiben: Quälende Wichtigtuerei verbreitet lediglich Langeweile pur! Ab in die Tonne!

Norbert Scheuer: Winterbienen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. C.H.Beck. ISBN/EAN: 9783406739637. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin

Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin

1 Motto und 23 Kapitel warten auf uns Leser. Bin bereits gespannt: Schließlich geht es ums Lügen! Könnte sich lohnen … Doch zunächst wird uns Maren vorgestellt. Sich selbst darf sie nicht vorstellen. Schade. Wäre auf diese Lügen gespannt gewesen, die sich dann allmählich in einen Wahn steigerten oder gar in eine Katastrophe mündeten. Man kann nicht alles haben. Vielleicht wird’s ja noch! Wird aber nicht. Irgendwie. Habe auch noch nichts von einer Lügnerin bemerkt. Brav wird auktorial berichtet, was sich da ereignet oder nicht. Ist nicht unbedingt langweilig, aber auch nicht spannend. Es ist so, als würde jemand einen Film erzählen, den er irgendwann mal gesehen hat. Nüchtern. Uninspiriert. Schleppend. Kann man durchaus lesen. Muss man aber nicht. Ich jedenfalls wende mich lieber anderen Werken zu!

Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. Jung u. Jung. ISBN/EAN: 9783990272305. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić: Herkunft

Starker Anfang: Die Großmutter als Großmutter und gleichzeitig als Mädchen! Und der Verfall der Großmutter: Sie steigt drei Stockwerke hinunter – aber nicht etwa langsam oder beschwerlich – nein: als ob Erzähler (?) bzw. Erzählerin (?) Zeuge ist und kommentiert: »Und das dauert, das dauert, die Knie, die Lunge, die Hüfte«! So werden wir Leser unfreiwillig zu Zeugen und können mitleiden! Oder die freche Behauptung: »Großmutter ist siebenundachtzig Jahre alt und elf Jahre alt!«

Dann dieser Bruch: Keine Großmutter mehr, sondern es folgt ein Bericht an die Ausländerbehörde – und der hat es in sich: Nicht Fakten sind es, die verstören, sondern der Bericht, in dem berichtet wird, wie er schon mal einen Bericht an eine Ausländerbehörde geschrieben hat und was darin stand und wie er unsicher wurde und manches wieder gelöscht hatte und und und – Einfach nur überraschend großartig!  DAS muss ich unbedingt lesen!

Saša Stanišić: HERKUNFT: Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2019. Gebundene Ausgabe. 2019. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630874739. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Marlene Streeruwitz: Flammenwand.

Marlene Streeruwitz: Flammenwand.

Die einzelnen Kapitel enthalten zu Beginn nicht durchlaufende Kapitelnummern (gerade so, als würde manches lieber verschwiegen) sowie Datum und Wochentag. Nun denn – frau oder Lektor*in werden sich dabei was gedacht haben. Muss ich aber nicht nachvollziehen. Im Telegrammstil wird zunächst ein Poster beschrieben, auf dem ein von oben – nein: von hoch oben wird sofort korrigiert – aufgenommener junger Mann mit nacktem Oberkörper im Ruderboot sich sonnend klein in der Mitte des Posters befindet. Rund um ihn war Wasser, und zwar »Himmelblau. Dünkler Blau«. Habe keinen Schimmer, was Dünkler Blau sein soll, finde auch nichts im WWW! Dann ging eine sie schnell »aus der Mall hinaus«. Eiwei: Aus dem Haus heraus! Immer wieder diese sprachlichen Schlampereien: man bzw. frau geht nicht aus dem Haus, sondern aus dem Haus heraus! Oder durch die Tür hindurch, wie man ja auch durch das Fenster hindurch schaut usw.

Das wirft kein gutes Licht, wenn es schon so anfängt! Jedenfalls wollte sie das Plakat, das sie gerade so genau beschrieben hat, nicht genauer anschauen (???). Aha. Auch einen alten Mann neben dem Plakat wollte sie nicht anschauen. Aber dass er alt war, das hatte sie schon gesehen?

Wer’s mag, soll sich das antun. Ich verzichte!

Marlene Streeruwitz: Flammenwand.: Roman mit Anmerkungen. Gebundene Ausgabe. 2019. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103973853. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

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