Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 (3/5)

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Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019

Am 21.08.2019 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 14. Oktober 2019 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 17. September 2019 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren zuvor mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweilig? Lesen Sie den 3. von 5 Teilen zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Ulrich Woelk, Tom Zürcher, Norbert Zähringer und Raphaela Edelbauer.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

Der erste Satz lautet: »Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.« Aha. Wo ist da ein Zusammenhang? Im Sommer 1969 dürfte sich allerlei ereignet haben oder nicht ereignet haben: Woodstock z. B. war schon zwei Jahre früher! Jedoch wurde in München im Sommer 1969 beispielsweise der Grundstein für die Olympiabauten gelegt: Hat seine Mutter das noch mitbekommen? Oder war sie da schon weg? War doch was Besonderes!  Der erste Satz könnte demnach auch lauten: Im Sommer 1969, ein paar Wochen nachdem der Grundstein für die Olympiagrundstätten gelegt wurde, nahm sich meine Mutter das Leben.« Und in Köln war bestimmt doch auch was los! Da gab es doch eine berühmte Betonskulptur namens Ruhender Verkehr. Allerdings nicht da, wo die Familie wohnte, nämlich irgendwo am landwirtschaftlichen Stadtrand von Köln, wo sich eine kleine romanische Kirche und eine neue neuere, größere aus Backstein zum Rhein hin scharten. Wer mehr von der Szenerie wissen will, möge es lesen. Mich langweilt so ein liebloses Aufzählen von einem fünfzig Zentimeter tiefen Konvektorschacht oder das Problem der Fußkälte durch große Fensterflächen oder eine Beschreibung, wie Mutter kochte, nämlich als agiere sie in einem Cockpit: Ich sehe geradezu den Steuerknüppel in ihrer Hand und die gefährliche Schräglage, als der Ellenbogen den Kühlschrank streift: Einfach nur strunzlangweilig!

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter. Gebundene Ausgabe. 2019. C.H.Beck. ISBN/EAN: 9783406734496. EUR 19,95 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Norbert Zähringer: Wo wir waren

Norbert Zähringer: Wo wir waren

Mich interessieren normalerweise weder Klappentexte noch das Leben von Autorinnen jedweden Genders, sondern nur der Text! Jetzt hatte ich gleich zu Anfang ein Déjà-Vu: Da war im Klappentext die Rede von der ersten bemannten Mondlandung! Hatten wir genau das nicht gerade schon im Text von Ulrich Woelk? Was für ein Bohei um diese Landung, die uns angeblich die Teflonpfanne bescherte

Auf zum Text: Der Mond ist versunken, die schwarze Nacht ist da. Aha. Erfreulich, dass es nicht die helle Nacht war, denn dann wären wir ja nördlich des Polarkreises. Und wenn die schwarze Nacht da ist, gibt es angeblich kein Zurück, weiß zumindest der auktoriale Erzähler und teilt uns mit, dass ein er in der Finsternis des Schlafsaals der Jüngeren lag und dem Atmen der anderen Kinder – waren das die Jüngeren und er illegal bei denen, da er eigentlich im Schlafsaal der Älteren zu liegen hätte? (Was mir so alles im Kopf rumgeht! Und das nur, weil ich gerne verstehen will.)

Jedenfalls war dieser Namenlose müde von der Feldarbeit und hatte sich gezwungen, wach zu bleiben. Dann erfahren wir, dass der Schlafsaal der Jüngeren der größte war im ganzen Heim (und der mittelkleinste im halben? Wozu dieses Adjektiv?). Wir erfahren zudem, dass es sich bei diesem Schlafsaal um ein Ex-Mönchs-Dormitorium handelt, wo die vier- bis neunjährigen Jungen schliefen. Die Mädchen hingegen durften bis zum Alter von zwölf bei den ganz Kleinen schlafen, und die älteren Jungen und Mädchen schliefen in einem Hospitaltrakt nebenan.

Frage: Wann bitte fängt jetzt endlich der Roman an? Wozu diese ermüdenden Ausführungen? Das könnte man doch so schreiben, dass sich das organisch ergibt aus der Handlung der Kinder, statt das so bräsig auszuwalzen! Ich jedenfalls habe die Nase voll ob all dieser Beschreibungen: Die ersten drei Absätze einfach streichen!

Denn jetzt fängt der eigentliche Roman erst an: Der immer noch Namenlose hört den kleinen Schröder im Traum mit seinen Eltern reden und weiß zudem, dass Schröder danach mit seinen Haustieren sprechen würde und seinen Brüdern und wer sonst noch alles in dem Auto gewesen war.

Das wäre ein starker Anfang gewesen! Mittendrin statt nur dabei! Mitten in Konflikten und Problemen. Hier beginnt endlich der Roman, und zwar großartig!

Mein Tipp: Überspringen Sie die ersten drei Absätze und beginnen Sie mit »Im Nachbarbett hörte er den kleinen Schröder im Traum mit seinen Eltern reden.«

Norbert Zähringer: Wo wir waren. Gebundene Ausgabe. 2019. Rowohlt Buchverlag. ISBN/EAN: 9783498076696. EUR 25,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Tom Zürcher: Mobbing Dick

Tom Zürcher: Mobbing Dick

»Am Anfang ist Dick nur zu seinem Arm böse.« Wie kann man zu einem Arm böse sein? Was tut man da? Und warum? Was kann einem denn ein Arm antun? Egal: Dick ist böse zu seinem Arm, indem er immer wieder hineinbeißt – bis er zum Arzt muss. Nichts wissen wir von Dick. Und das Gespräch mit dem Arzt hilft auch nicht weiter.

Aber uns schon: Eigentlich würde Dick ausführlich mit dem Arzt sprechen – aber der ist eben auch der Arzt seiner Eltern. Dennoch tut er es. Wir erfahren nichts vom Inhalt dieses Gesprächs, nur Brocken: Jurastudium, Reihenhaus, vom Nachrichten hörenden Vater, der im Keller Unterhosen waschenden Mutter. Alles nur Brocken, aus denen wir unser eigenes Bild schaffen können.

Tom Zürcher erzählt famos, humorvoll, lakonisch, direkt. Vorbildlich: Für mich ein Kandidat für die Shortlist!

Tom Zürcher: Mobbing Dick. Gebundene Ausgabe. 2019. Salis Verlag ein Imprint der Elster & Salis AG. ISBN/EAN: 9783906195834. EUR 24,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Ein miserabel recherchierter Anfang! Die Protagonistin wird frühmorgens von einem (angeblichen?) Polizisten angerufen, der ihr »ohne die Umschweife einer ausführlichen Begründung« mitteilt, dass ihre Eltern vergangene Nacht bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren.

Erstens: Woher will die Protagonistin denn wissen, dass das ein Polizist ist, der sie anruft? Hat er sich vorgestellt? Welche Nummer zeigt das Display?

Zweitens: Angehörige werden bei einem Todesfall nicht einfach angerufen! Das geschieht nur bei schweren Verletzungen, nämlich um den Angehörigen mitzuteilen, in welches Krankenhaus die Verletzten gebracht worden sind.

Drittens: Bei einem Todesfall kommt die Polizei persönlich vorbei, meist in Begleitung von speziell dafür geschulten Menschen z. B. von den Maltesern, der Caritas oder dem Roten Kreuz oder auch Seelsorgern.

Klappe zu, Affe tot.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land: Roman. Shortlist - nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019. Gebundene Ausgabe. 2019. Klett-Cotta. ISBN/EAN: 9783608964363. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

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5 Kommentare

  1. Andererseits kann man sich aber auch ruhig auf Ulrich Woelk einlassen und bekommt einen wunderbaren Familienroman im Kolorit wundersamer Zeiten, eine Coming of Age Geschichte, die funktioniert, sowie die Faszination der Mondlandung geliefert, mit ein paar sehr interessanten Wendungen. Man kann sich aber natürlich auch anstellen, wie der Autor dieses Textes und gleich nach ein paar Seiten die Waffen strecken. Schlimmer als der unsägliche Dennis Scheck, hier.

    • Es geht aber nicht um Woodstock, was mit keinem Wort im Roman erwähnt wird, es geht tatsächlich um die Mondlandung, weil sich der Protagonist eben dafür interessiert. Mag sein, dass sich der Autor dieser Kritik für Woodstock interessiert, der Protagonist und der Autor des Buches tun es eben nicht.

  2. ich denke, die mondlandung hat 1969 alles überstrahlt. und wenn sich eine mutter das leben nimmt, unmittelbar danach, so wird sich tochter/sohn sicher und mit einiger wahrscheinlichkeit daran erinnern.
    also dieser komentar zu diesem anfang ist einfach blöd und nicht logisch und auch nicht gerechtfertigt.
    im gegensatz zur kritik am afang von diesem flüssiegen land mist, da ging es mir beim lesen genauso. und egal ob das später alles komplett surreal wird, diesen anfang nehme ich nicht ab. selbst wenn ich glaube, dass die autorin das so wollte, eine unsicherheit erzeugen wollte, ein anruf, nichts greifbares… eine mitteilung die alles verändert. aber nein: jeder leser wird denken, nee, so nicht.
    ansonsten halte ich diesen hype hier um roman-anfänge für völlig unnötig. ulysses beginnt vollkommen unspektakulär, bei infinty chest muss ich auch erstmal durch etliche seiten durch, um reinzukommen, selbst anna karenina, das ich kürzlich mal wieder anlas, beginnt eher verhalten und braucht eine ganze weile (anders als krieg und frieden, da machts sofort BUMM und ich bin dran an pierre besuchow), um in fahrt zu kommen. ebenso die fahrt zum leuchtturm von woolf. ich meine, man soll einem buch ne chance geben, wir sind doch eh schon viel zu sehr fragementiert heutzutage, das hat doch übeles rtl2 niveau hier teilweise.

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