Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: Cover: Brennendes Geheimnis

Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.

Einfach weg
von Ursula Roffler, 8804 Au / ZH (Schweiz)

Die Zeit rast, ich muss unbedingt noch einkaufen. Also los, zum Supermarkt. Eigentlich hasse ich diesen Riesenladen, so ein kleiner von Tante Emma wäre mir lieber. Aber Tante Emma ist längst weggezogen.
Im Laden beginne ich, meine Siebensachen zusammenzusuchen. Das und das und das. So, nun zur Kasse. Au weh, diese Warteschlange. Aber jammern nützt da nichts, anstehen schon eher.
Langsam rückt die Menschenreihe Richtung Kasse vor. Komisch, nun will plötzlich die Zeit nicht mehr vergehen. Vor mir ein kleines Mädchen, sieben Jahre vielleicht. Nettes Kind, sauber gekleidet, gut erzogen, eine Tafel Schokolade im Körbchen.
Ist das Kind allein hier? Endlich. Die Kleine vor mir bezahlt, und die Hinten-anstehenden werden unruhig, weil ich vor mich hin träume. Also los. Alles aufs Band, durch den Scanner, und wieder in den Rolli. Am Eingang sehe ich das Mädel verschwinden. Komm gut nach Hause, Kind.
So, geschafft, ab und heim. Kaum angekommen, schrillt die Türklingel. Ja, bitte? Die neue Nachbarin. Nette Person. Ob zufällig ihre Kleine bei mir...? Nein, leider.
Abends Nachrichten im TV. Da – ein Kind wird vermisst. Beschreibung. Ein Bild. Dieses Kind hab ich doch irgendwo... Das kleine Mädchen im Supermarkt. Es ist nicht gut nach Hause gekommen.
Die Türklingel schrillt. Wieder die neue Nachbarin. Sie weint. Ihre kleine Evi, einfach weg. Soeben im TV, vermisst. Entführt? Ein Verbrechen? Wo ist diese Kleine? Mein Gott. Hätte ich doch heute morgen.
Ich geh mit in ihre Wohnung. Kisten und Kartons, noch alles eingepackt. Seit drei Tagen erst sind sie da. Und jetzt das. Sie braucht Hilfe. Meine, weil keine andere vorhanden. Wenn sie wüsste. Das Telefon klingelt immer wieder. Wohlmeinende Leute, Bekannte aus dem alten Wohnort. Neugierige...Die Polizei. Noch nichts. Angst und Verzweiflung. Immer wieder Anrufe. Da wurde das Kind gesehen, dort auch. Einer sagt, ja, er habe genau das Kind gesehen. Um zwölf Uhr dreissig, am Bahnschalter. Es kaufte ein Ticket. Ja, wieso denn? Am Bahnhof, um Gottes Willen, was wollte sie dort? Man muss sie suchen. Schnell, die Polizei. Wieder klingelt das Telefon. eine Nachbarin vom alten Wohnort, aus dem alten Haus nebenan. Sie hat kein TV. Das Kind vor ihrer Tür. Brachte ihr Schokolade. Wollte die Katzen besuchen. Die hatten so traurig geschaut, als der Möbelwagen wegfuhr. Und in der Stadt ist es nicht schön. Da wollte es einfach wieder weg.

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Wenn man fünf Jahr' alt ist
von Giselheid J.Schwarz, 72076 tübingen (Deutschand)

Wenn man fünf Jahr' alt ist
ist die welt überschaubar und klein
wenn man fünf Jahr' alt ist
kann man fast alles allein
wenn man fünf Jahr' alt ist
heißt der beste Freund Teddybär
wenn man fünf Jahr' alt ist
gibt man ihn niemals her
wenn man fünf Jahr' alt ist
kann man mit Teddy erzählen und träumen
wenn man fünf Jahr' alt ist
kein abenteuer wird man mit ihm versäumen
wenn man fünf Jahr' alt ist
und mit dem Bär schaut zu Sternen und Mond
wenn man fünf Jahr' alt ist
weiß man genau, wer dort oben wohnt
wenn man fünf Jahr' alt ist
und es rufen nachts wundersame Fee'n
wenn man fünf Jahr' alt ist
fürchtet man sich nicht, wird mit Teddy geh'n
wenn man fünf Jahr' alt ist
kennt man die stadt schon genau
wenn man fünf Jahr' alt ist
ist man wirklich schon schlau
wenn man fünf Jahr' alt ist
und Teddy möcht' ins Märchenland reisen
wenn man fünf Jahr' alt ist
ist man so klug, ihn nicht abzuweisen
wenn man fünf Jahr' alt ist
man schokokeks und sparschwein in den rucksack stopft
wenn man fünf Jahr' alt ist
läuft man zum Bahnhof, auch wenn das Herz schneller klopft
wenn man fünf Jahr' alt ist...

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Ein seltsames Gefühl
von Liane Grafe, 49080 Osnabrück (Deutschand)

Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.

Existiert es also doch? Ist es nicht nur ein Hirngespinst - ein Produkt meiner überstrapazierten Nerven.
Gestern - auch Vorgestern habe ich dieses Kind gesehen. Wenn ich andere Passanten fragte - niemand sonst hatte es gesehen. Nun endlich jemand anderes der so sieht wie ich. Ich verstehe nicht weshalb es mir erscheint. Verstehe nicht was passiert. Erst dieses Kind - dann immer ein Knall. Gestern auf der Brücke, mein Nachbar, der mit Vollgas die Absperrung durchfuhr. Davor eine Frau, hochschwanger - warf sich vor einen Zug.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken - wofür mochte es heute der Bote sein. Drei Uhr - vor einer halben Stunde - es mußte nun bald etwas geschehen . Starr wartete ich auf das Unausweichliche. Doch auch nach 2 Stunden war nichts geschehen. War diese Erscheinung etwa doch nur meiner Phantasie entsprungen?
Am darauffolgenden Tag - die Schlagzeile - das Bild - der Herr der neben mir auch noch das Kind sah - erhängt. Ein Zufall? Glauben kann ich es nicht. Ich sitze in meiner Dachkammer - versuche mich durch das monotone Schaukeln meines Stuhls zu beruhigen - sehe den Flammen des Kaminfeuers zu. Spüre dennoch Kälte - fühle mich gejagt. Verstehe nicht was mit mir geschieht - ein Messer - mein Brotmesser - weshalb in meiner Hand - ich begreife nicht - schon ist der Schmerz vorüber - noch ein kleiner Moment - ich sehe dieses Kind - dieses mal lächelt es sogar - es wartet - freut sich auf mich....

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Mein geliebter Freund
von Anna Tschirschke, 20459 Hamburg (Deutschand)

London W2, den 7. Juni 1921
Mein geliebter Freund,
schon seit Stunden schreibe ich immer wieder denselben Brief an Dich, und jeder Versuch war erfolgloser als der vorangegangene. Alles zerfließt mir. Ich bin seit zwei Tagen in furchtbarster Aufregung, die ich vor allen verbergen musste, und Du bist nicht weniger daran schuld als ich: denn ich bin schwanger. Von Dir.
Seit einiger Zeit ahnte ich es, war voll gefährlicher Vermutungen und Befürchtungen, doch erst vorgestern nachmittag, als ich auf dem zugigen Flur des Marylebone Hospital ein Stück Papier mit dem Befund in der Hand hielt, wurde mir meine Lage wirklich bewusst. Der Herr Doktor war sehr freundlich, doch die Nachricht erschreckte mich über alle Maßen und ich brachte kaum das glückliche Lächeln auf die Lippen, das man von einer verheirateten Frau in diesem Augenblick erwartet.
Meine Gedanken rasten. Wie sollte ich es C. erklären, der seit Monaten nicht mehr zu mir gekommen ist, kommen durfte? Er hätte eine furchtbare Szene gemacht. Und irgendwann hätte er herausgefunden, dass Du der Vater bist. Was wäre dann aus uns geworden?? Unmöglich!!
Ich habe alle Möglichkeiten durchdacht und nur eine blieb übrig. Ich habe das Leben noch vor mir, vielleicht kann ich es sogar eines Tages mit Dir teilen. Doch solange ich an diesen Mann gefesselt bin, müsste unser Kind in seinem Haus nach seinem Willen und seinen Vorstellungen leben, die, wie Du weißt, gegen alles verstoßen, was mir teuer ist. Es ist bitter genug, dass ich gezwungen bin, mit ihm zu leben. Unser Kind darf dieses Schicksal nicht teilen. Ich könnte es nicht ertragen. Nein, nein, in drei Teufels Namen: Nein!
Es ist jetzt vier Uhr morgens, die ersten dummen Vögel singen schon vor dem Fenster. Zeit, zu schlafen. Mein Entschluß ist gefasst. Am kommenden Dienstag (in drei Tagen schon!) kannst Du mich am Bahnschalter von Victoria Station treffen. Ich werde den Fünfuhrzug nach Brighton nehmen - offiziell, um meiner Tante Sarah einen längeren Besuch abzustatten. Der alte Dr. Manners erwartet mich am Mittwoch morgen in seiner Praxis. Alles wird sehr diskret verlaufen. Ich habe Angst, aber es geht nicht anders. Verzeih.
Oh mein Geliebter. Heute wünschte ich für einen Augenblick, ich hätte Dich nie gesehen. Doch gleich darauf war ich sicherer denn je, dass mein Leben ohne Dich vollkommen sinnlos wäre. Komm am Dienstag, ich bitte Dich; küsse mich und wünsche mir Mut.
In Liebe
Deine E.

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Pekoe Punkt Fünf
von Stefanie Raasch, 18461 Neubauhof (Deutschand)

Das Varieté stand grau im Regen. Norá schlich mit angespannter Schulter zum Hof der Verés. Niemandem war es recht, daß sie ihre Trauer seit dem Tod ihrer Tochter begoss und regelmäßig im Sauren lag. Ganz zu schweigen von der Ignoranz, die sie ihrem Sohn León entgegenbrachte, wie die Familie Veré sich einig war. Norá öffnete die Tür zur Idylle und trat in den Salon. Mit der Gestik eines Kleinkindes glotzte sie erstaunt in den Raum: Die edlen Spitzen der Gardinen waren zerschnitten, das gute Porzellan lag in Form eines Kreises auf dem weißen Edelteppich. In der Mitte des Sammeltassenhäufchens stand mit Kohle geschrieben: Au Revoir Pekoe. Norá begann zu lachen, was niemand im Raum verstehen konnte. Denn war León nicht mehr aufzufinden! "Gütiger Himmel! Jemand hat unseren León entführt. Nicht auszudenken, was noch geschah!", rief Madame Veré. Schweißnaß stand die alte Dame im Türrahmen und wirkte wie ein billiges Gemälde. Es blieb unbestimmt, welch Kummer größer war: die zerschnittenen Spitzen oder das Verschwinden Leóns. Man beauftragte die halbe Stadt, nach dem Kind zu suchen. Nur Norá wirkte gelassen und vereinte ihre Lippen entschlossen mit dem Whiskeyglas. "Vielleicht entschied er sich fürs Leben", lispelte sie ins Zimmer, das wie im Spott lag. Dann läutete es an der Tür. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. "Ach was, Kind! Ein Mann ist mein León. Der einzige hier, wie es mir scheint. Was wissen Sie schon, Gustave!", sagte Norá mit ernster Stimme. "Liebe Norá, du kennst diesen Herrn?", entgegnete die Schwester mit überraschtem Gesicht. Der Herr Überbringer nahm seinen Hut und eilte mit schnellem Schritt aus der Villa. "Was, liebe Schwester, tut dies zur Sache?", entgegnete Norá schnippisch. Abwesend schlenderte sie zum Diwan. Eine Schwermut legte sich über die Frau. Der Whiskey ihrer vergangenen Jahre stieg zu Tränen auf. Wie erbärmlich sie doch alle waren.
Einem ertrunkenem Fisch gleich empfand sie sich selbst. Ertrunken im eigenen Meer. Ihr Gesicht färbte sich zu weißem Elend. Dann begann sie, leise zu singen: Non, la vie n´est pas triste. Im Zug aber saß León, der auf dem Weg zum Vater war. Es mußte doch ein Entkommen aus der lächerlichen Tragik des Hauses Veré geben. Mit warmen Händen malte er an die kühlnasse Fensterscheibe: Non, la vie n´est pas triste et le bonheur existe.

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