Was man wissen sollte, ist, dass meine Ohren sehr eng an meinem Kopf anliegen, nicht mal ansatzweise Segelohrencharakter, ja, wenn ich mich manchmal im Spiegel betrachte, finde ich sogar, dass es so aussieht, als wären sie an meinem Schädel festgetackert. Naja, das musste jetzt erst einmal gesagt werden, nicht dass ich dann plötzlich als schmuddliger Kerl abgestempelt werde, weil es ja auch immer sehr schwer ist, aus dieser Schmuddelecke wieder raus zu kommen. Auf jeden Fall ging es mir den Großteil meines Lebens ziemlich beschissen, obwohl, das stimmt wieder nicht ganz, weil diese Apathie erst mit circa 15 Jahren kam, also wäre es richtig zu sagen, dass es mir fast mein halbes Leben beschissen ging. Den genauen Grund dafür kannte ich nicht, ich fühlte mich einfach schlecht, andere protestierten, kämpften für ihre Überzeugungen, und ich saß einfach nur da, es schien mir immer alles so weit weg, so als ob das alles gar nicht hier und jetzt geschehen würde. Krieg? Was Krieg, wo Krieg. Verdammt noch mal, wo liegt den Uganda, ist das morgen? Mit 18 suchte ich zum ersten Mal einen Arzt auf, irgendwie hatte ich das Gefühl, jedem auf die Nerven zu gehen, der Schreibmaschinenkraft hinter ihrem Tresen, »Na was hat den unser Kleiner, besonders krank sieht er ja nicht aus, will wohl blau machen«, den anderen Patienten im Wartezimmer, »Suuuper, wenn das jetzt n` Privatversicherter ist, können wir noch länger warten, der sieht ja schon so aus«, und schließlich dem Arzt, »Hoffentlich hat er eine Krankheit, die in meiner Abschlussprüfung vorkam«. Ich versuchte ihm mein Problem möglichst verständlich näher zu bringen.
»Mir geht es sehr schlecht.«
»Aha, was denn genau?«
»Wie was denn genau?«
»Was für Beschwerden haben sie denn?«
»Wie ich bereits sagte, mir geht es schlecht.«
»Dann sagen sie mir doch bitte, warum es ihnen schlecht geht.«
»Hmm, ich dachte eigentlich, dass sie mir das sagen würden.«
»Ich glaube, wir haben hier ein kleines Verständigungsproblem.«
»Das glaube ich allerdings auch.«
Wir sahen uns stumm in die Augen.
»Also,« begann ich von Neuem, »mir ist eigentlich immer übel, ich fühle mich wie unter einer Glaskuppel, ich nehme nichts richtig war, ich höre und sehe zum Beispiel nichts so wie es ist, aber vielleicht will ich das auch einfach nicht, ich weiß es nicht.«
»Also haben sie Wahrnehmungsstörungen?«
»Vereinfacht ausgedrückt, – ja.«
»Haben sie genug Schlaf?«
»Meistens ist mir zu übel um zu schlafen.«
Das Gespräch dauerte noch etwa 10 Minuten, dann zum Routinecheck, mir fehlte absolut überhaupt nichts, »kerngesund« war ich. Besser wurde es trotzdem nicht, dann kamen die Drogen, aber auch die halfen nicht, ich war ziemlich ratlos, und dann kam dieser Tag, als ich 26 war. Ich stand vor dem Spiegel und mein linkes Ohr juckte ganz fürchterlich. Ich klappte es nach vorne und sah da, in der engen Nische zwischen meinem Kopf und meinem Ohr vier dicke eitrige Pickel, die so aussahen, als würden sie jeden Moment aufplatzen. Als ich sie genauer betrachtete, fiel mir auf, dass sie pulsierten, als wären sie eigenständige Organismen. Gegen den Ratschlag vieler Ärzte versuchte ich den untersten auszudrücken, er platzte auf, Blut und Eiter schossen heraus, und dann fühlte ich irgendetwas Festes unter meiner Haut, ich drückte weiter, bis ich etwas Weißes sah, das offensichtlich zu groß war, um durch die kleine Wunde zu passen. Ich drückte weiter, dann begann es herauszutreten, ich musste unweigerlich an eine Geburt denken, dieses feste Ding, dass sich durch eine viel zu kleine Öffnung zu zwängen versucht. Spagetthi, kleine feste Stränge, etwa fünf an der Zahl, in sich gedreht wie ein Tau, drangen hinter meinem Ohr ins Licht. Schleimig wie Eiter, umsponnen von Blut. Ich drückte weiter, ein Zentimeter, drei, vier, es wollte gar nicht mehr aufhören, je mehr davon aus der Wunde quoll, desto kleiner wurden die übrig gebliebenen Pickel, ich drückte circa eineinhalb Meter von diesem Eiterseil aus meinem Kopf. Das Endstück flutschte mit einem lauten »Plopp« heraus, wie man es vom Öffnen einer Flasche kennt. Angewidert sah ich das Ding an und fühlte mich schlagartig besser, dieser graue Schleier vor meinen Augen, diese schalldämmende Wand vor meinen Ohren, wie weggeblasen. Ich konnte wieder atmen, mir war nicht mehr schlecht, meine Gedanken waren von einer unglaublichen Klarheit. Ich bekam mein Leben in den Griff, war endlich frei, niemand konnte mir sagen, was da geschehen war, aber das ist ja auch egal. Heute lebe ich glücklich in einem Bezirkskrankenhaus, und manchmal darf ich sogar spazieren gehen. Das Eiterseil fand ich nie wieder.