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Beitrag vom 29. April 2013 | Rubrik: E-Books, Schreiben, Self-Publishing

Tom Liehr: »Self-Publishing ist keine Alternative – und erst recht kein Allheilmittel«

Abfall für den Stromkasten?Vorab: Dieser Text von Tom Liehr richtet sich nicht an jene, die mit der Selbstveröffentlichung irgendwelcher Texte via KDP & Co. ein schönes Hobby für sich entdeckt haben, sondern an Menschen, die sich mit der Idee, Schriftsteller zu werden, zu sein und zu bleiben, ernsthaft auseinandersetzen, aber möglicherweise irrtümlich annehmen, die Aufgabe der Verlage bestünde allein darin, Bücher herzustellen.

Lotto

Der Mann, der in der Kiosk-Schlange vor mir steht, füllt einen Lottoschein aus. Das geschieht routiniert; flink setzt er bei vier Tipps jeweils seine sechs Kreuzchen auf dem Schein, den er mit einem Magazin stützt, alles im Zahlenbereich unter der 32 (also durchweg Geburtsdaten). Dann kreuzt er die Zusatzoptionen an – Spiel 77 und diese Sachen.

»Was würden Sie mit den Millionen machen?«, frage ich freundlich. 27.000.000 € sind in dieser Woche im Jackpot. Siebenundzwanzig Millionen. Nett.

Tom Liehr (Foto:privat)Tom Liehr
Jahrgang 1962, Berliner, ist freier Schriftsteller. Im Aufbau Verlag sind seine Romane »Radio Nights« (2003), »Idiotentest« (2005), »Stellungswechsel« (2007), »Geisterfahrer« (2008) und »Pauschaltourist« (2009) erschienen. Bei Rütten & Loening sind »Sommerhit« (2011) und »Leichtmatrosen« (2013) erhältlich. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, darunter im »Playboy« und in der »c’t«, außerdem Prominentenportraits im österreichischen Magazin »DATUM - Seiten der Zeit« und diverse Sachtexte zum Thema Schreiben im »Autorenkalender«. Er ist Mitbegründer des gemeinnützigen »42erAutoren - Verein zur Förderung der Literatur e.V.«, der u.a. den »Putlitzer Preis« auslobt und den »Autorenkalender« herausgibt und dessen Vorsitzender Liehr jahrelang war. Für eine enorm medienwirksame Aktion schufen die 42er im Sommer 2009 die fiktive Autorenperson »Rico Beutlich«, mit deren Hilfe sie sog. Druckkostenzuschussverlagen erfolgreich auf den Zahn fühlten.

Links:
Autorensite:
www.tomliehr.de
42erAutoren:
www.42erAutoren.de

Romane:
Radio Nights (2003)
Idiotentest (2005)
Stellungswechsel (2007)
Geisterfahrer (2008)
Pauschaltourist (2009)
Sommerhit (2011, soeben als Taschenbuch)
Leichtmatrosen (2013)

Er dreht sich zu mir und setzt ein verträumtes Lächeln auf.

»Das meiste würde ich verschenken«, sagt er nickend. »Ich würde verreisen. Mir vielleicht ein schönes Haus in der Toskana kaufen. Und ein neues Auto.«

»Seit wann spielen Sie?«

Der Mann runzelt kurz die Stirn, er ist in den Siebzigern, schätze ich.

»Seit 1965.«

»Und haben Sie schon mal was gewonnen?«

Wieder dieses Lächeln. »Ja, ein Vierer. 1982.«

Ich rechne kurz – der ältere Herr hat also fast 10.000 Tipps abgegeben. Wahrscheinlich verzockt er seit 2.500 Wochen regelmäßig ungefähr 10 Euro. Damit ließe sich zwar noch kein Haus in der Toskana finanzieren, aber bei etwas geschicktem Investment hätte er sich Reise und Autokauf schon vor Jahren leisten können. Ich lächle, die Schlange rückt vor, der Mann bezahlt und geht. Er wird nie gewinnen – um das zu erreichen, hätte er 14.000 Mal so viele Tipps ausfüllen müssen. Rechnerisch könnte er das in etwa 670.000 Jahren erreichen, aber so alt wird er nicht werden. Sicher wäre es selbst in diesem Fall nicht, denn die Möglichkeit besteht auch, dass seine Zahlen erst in einer Million Jahren kommen. Oder nie.

Die Wahrscheinlichkeit, den Jackpot beim Lotto zu gewinnen, ist mit eins zu einhundertvierzig Millionen in etwa so hoch wie jene, mit einer besonders obskuren Todesart den »Darwin-Award« zu erlangen, und es ist dramatisch wahrscheinlicher, bei einem Flugzeugabsturz oder durch einen Blitztreffer zu sterben. Aber so sind die Menschen: Sie fürchten sich kaum vor Ereignissen, die relativ wahrscheinlich sind (Fliegen gilt als eine der sichersten Transportarten, aber der Tod bei einem Flugzeugabsturz ist viel wahrscheinlicher als ein Lotto-Jackpot, ganz zu schweigen vom Dahinscheiden im Straßenverkehr), hoffen aber absurderweise darauf, bei einem Spiel mit noch viel, viel geringeren Chancen den Haupttreffer zu landen. Die Dinge, die für uns gut wären, können noch so unwahrscheinlich sein – wir glauben fest an sie, ob es nun Gottesmythen oder eben Lottogewinne sind. Was uns bei dieser Denkweise hilft, das sind die Erfolgsberichte der wenigen, die die Wahrscheinlichkeit ausgehebelt haben. Bei den positiven Erwartungen kaprizieren wir uns gern auf Ausnahmen. Die vielen Millionen Mitmenschen, denen das Schicksal nicht so wohlgesonnen ist, ignorieren wir geflissentlich (wobei uns die Medien aktiv unterstützen). Bei schrecklichen Vorgängen denken wir genau andersherum: Das, was dem und dem gerade passiert ist, wird mir dann wohl nicht mehr zustoßen.

Buchverkäufe

PapierablageIn Deutschland werden jährlich ungefähr 350 Millionen Bücher gekauft, jeder Deutsche erwirbt also im Schnitt viereinhalb Stück – Fachbücher, Sachbücher, Kinderbücher, Romane, Ratgeber, Gesetzestexte, Bildbände, Geschenkbücher, Biografien, Reiseberichte, Kalender und Adresssammlungen. Gut 30 Prozent der Umsätze fallen auf Belletristik, was knapp 120 Millionen Bücher wären (also anderthalb pro Nase – Bibliophile, die mehr als zwanzig Romane pro Jahr lesen, sind Ausnahmen!). Ungefähr einhunderttausend Neuerscheinungen sieht der deutsche Buchmarkt jährlich. Da sich die 350.000.000 verkauften Titel längst nicht nur aus diesen speisen (was rechnerisch je Buch 3.500 verkaufte Exemplare ergäbe), sondern zum Großteil aus den stetig wachsenden Backlists (Publikumsverlage halten Titel in aller Regel um die zehn Jahre vor), liegt die theoretische Verkaufszahl der einzelnen Belletristik-Neuerscheinung vermutlich im sehr niedrig vierstelligen, eher aber im dreistelligen Bereich. Diese Rechnung zerstören Bestseller, die hunderttausend-, gar millionenfach über den Tresen gehen, da sie den verbleibenden Kuchen für die Nicht-Bestseller verkleinern. Nur 100 Bücher, die jeweils 100.000 Mal verkauft wurden, verringern die verfügbare Menge um fast 10 Prozent. Anders gesagt: Den erreichbaren Käufermarkt. Der von jeder belletristischen Neuerscheinung also knapp 1.000 Exemplare erwirbt, sehr großzügig gerechnet.

Dieser Käufermarkt wird vom Buchhandel bedient, vom stationären wie vom Online-Handel, der zur Zeit etwa ein Fünftel abdeckt; allein Amazon hält ungefähr 17 Prozent. On- wie Offline-Buchhandel verkaufen die meisten Bücher an Gelegenheitsleser (zwei bis vier Bücher pro Jahr), die tatsächlich das Marktgeschehen ganz entscheidend bestimmen, und diese greifen überwiegend nach Bestsellern und »Spitzentiteln«, also jenen Romanen, die im Portal beworben oder auf Stapeln bevorratet, gar als »Buch des Monats« präsentiert werden (wofür die Verlage viel Geld bezahlen). Im Gegensatz zum Internethandel kann der Präsenzbuchhandel nur eine eingeschränkte Auswahl anbieten, also lediglich ein paar tausend Bücher für die Stöberer – ein Bruchteil der verfügbaren Gesamtmenge. Es gilt, dass Regalware seltener gekauft wird als Stapelware – und das gilt auch für den Online-Handel. Wer in einer Bestenliste etwa bei Amazon ist, hat gute Chancen, dort auch vorläufig zu bleiben, denn das System befruchtet sich selbst, weil die Listen Orientierungshilfen für Spontankäufer sind. Umgekehrt verkauft sich der theoretische Platz 101, der nicht auf der Liste ist, deutlich schlechter als Platz 100, der eben noch präsentiert wird. Das ist eine simple Wahrheit, die auch in der internetfreien Zeit schon Bestand hatte. Je größer das Angebot wird, umso willkommener sind einfache Möglichkeiten, etwas auszuwählen, und zwar aus einer kleinen Teilmenge.

Anders gesagt: Die wenigen Bücher, die sich gut verkaufen, verkaufen sich im Vergleich zu den anderen sehr gut. Aus Verlags- und Autorensicht gibt es also kaum etwas Schlimmeres, als Bestenlisten knapp zu verfehlen. Die Onliner helfen hier mit genrebezogenen Unterlisten, die aber gerade für Gelegenheitskäufer kaum Bedeutung haben. Für Amazon-Kunden gibt es das (nicht von Amazon stammende) Tool NovelRank, das es gestattet, ungefähre Verkaufszahlen beliebiger Bücher abzurufen, und es ist sehr informativ, dies vor allem bei solchen Titeln zu tun, die an den Bestenlisten vorbeigeschrammt sind.

Perspektivprobleme

AblageplatzSchriftsteller neigen – wie die Angehörigen aller anderen Berufsgruppen auch – dazu, im eigenen Saft zu schmoren. (Neue) Autoren schließen sich zu Gruppen zusammen, organisieren sich in Foren, tauschen Informationen aus und beobachten gemeinsam Neuentwicklungen. Sie kaufen die Bücher der »befreundeten« Autoren, lesen überhaupt relativ viel, und kennen die Techniken und Strategien ziemlich gut. Noch bevor es von der Masse wahrgenommen wurde, haben sie Amazons »Wunschlisten«-System und die gemutmaßte Wirkung der »Hilfreich«-Klicks bei Rezensionen für sich entdeckt. Sie nehmen sehr interessiert zur Kenntnis, wer womit warum (vermeintlich) erfolgreich war, und ziehen umgehend ihre Schlussfolgerungen, um den Versuch zu starten, diese für sich zu adaptieren. Sie durchstöbern die sozialen Netze, twittern und bloggen, und irgendwann denken sie, dass diese – ihre – Welt die reale wäre. Dass also alle »da draußen« auch über ihren Kenntnisstand und ihre Erwartungshaltung verfügen würden und die gleiche (übrigens durchaus engstirnige) Perspektive einnehmen, die sie selbst auf den Buchmarkt haben.

Das ist nicht so.

Egal

Den meisten Lesern sind die Geschehnisse und Neuentwicklungen auf dem Buchmarkt völlig egal. Sie kaufen ein Buch, konsumieren es, stellen es ins Regal, und zwei Monate später kaufen sie das nächste. Sie wissen nicht, dass es da draußen selbsternannte »Indie-Autoren« gibt oder Zuschussverlage, Book on demand, KDP, geklaute E-Books und weiß der Geier was noch. Für sie sind Bücher alltägliche Unterhaltungsprodukte, denen sie kaum mehr Aufmerksamkeit schenken als irgendeiner Fernsehserie oder einem Theaterbesuch, der beim nächsten längst vergessen ist. Sie nehmen den Buchmarkt nicht so wichtig wie wir. Ganz im Gegenteil: Er hat für sie fast überhaupt keine Bedeutung. Das gilt generell für das menschliche Konsumverhalten. Wir kaufen, konsumieren und kompostieren. Davor und danach gibt es in aller Regel nicht viel. Vielleicht schreibt man noch einen netten Leserbrief, aber auch das geschieht (umgerechnet auf den Buchkonsum – wir erinnern uns: 350 Millionen Bücher pro Jahr) selten. Der gemeine Leser weiß nicht, dass es das Selfpublishing-Programm »KDP« bei Amazon gibt, er weiß nicht einmal, dass es Bezahlverlage gibt (das wissen allerdings auch nicht alle Autoren), oder dass »Book on Demand« kein Verlag ist. Er hat das gleiche Nichtwissen über »unsere« Branche, das wir auch über andere Kunstbranchen oder etwa die Automobilproduktion haben. Das bedeutet: Er kauft auch Bücher nicht nach Kriterien, die hiermit irgendwas zu tun hätten. Er greift nicht zu, weil eine spannende technische Neuentwicklung hinter der Produktion dieses Titels stecken würde. Oder weil dieses Buch vom Autor selbst veröffentlicht wurde. Er erwirbt Bücher, die omnipräsent angeboten werden. Einfach gesagt: Er ist nicht wie wir. Das zu verstehen, ist ein viel wichtigerer Aspekt unseres Autorendaseins als die intime Kenntnis aller Pseudonyme, unter denen irgendwelche scheinmächtigen Amazon-Rezensenten unterwegs sind.

Ich, die Ausnahme

Leuchtende AusnahmeWomit wir kurz zu unserem Lottospieler zurückkehren.

Die neuen Methoden, die für die Selbstveröffentlichung von »Büchern« zur Verfügung stehen, generieren in Autorenforen regelmäßig solche Dialoge:

F: »Ich habe ein Vertragsangebot eines Verlags, bin aber nicht sicher, ob ich unterschreiben soll, denn ich muss 500 Pflichtexemplare abnehmen.«

A (zehn Sekunden später): »Hast Du schon mal über Selfpublishing nachgedacht?«

Es ist nicht weniger als genial, dass man heutzutage mit wenig Arbeit ein Romanmanuskript in ein auf dem Markt (jedenfalls auf einem Teil davon) verfügbares «Buch« (warum ich diesen Begriff hier in Anführungszeichen setze, erkläre ich später) verwandeln kann, sogar kostenlos und mit einer Marge, von der manch ein erfolgreicher Schriftsteller nur träumt, der gerade mal 10 Prozent vom Nettoladenpreis seiner Bücher bekommt, womit er fast schon in der Spitzengruppe liegt. Die bestechende Einfachheit dieser Möglichkeit, verbunden mit – theoretisch – hohen Renditechancen und dem Lieblingsargument aller Selbstveröffentlicher, die »volle Kontrolle« über den Prozess zu haben, ließ die Zahl der dieserart publizierten Texte während der vergangenen zwei Jahren explosionsartig steigen. Zähneknirschend nahm man zwar zur Kenntnis, dass die Titel auf das Medium »Elektrobuch« beschränkt und oft nur über einen einzelnen Anbieter erhältlich waren, aber es war noch nie schneller und kostengünstiger möglich, den Traum, den eigenen Namen auf einem Romancover zu sehen, auch zu verwirklichen. Im Prinzip gibt es mit KDP & Co. fast keine Latenzen mehr zwischen dem Tippen des Wörtchens »Ende« und der Veröffentlichung des Manuskripts. Warum sollte man sich in dieser Situation die monatelangen Wartezeiten auf Verlags-Formablehnungen oder die teilweise jahrelange Wartezeit bis zur Romanpublikation bei erfolgreicher Verlagsakquise noch geben?

Auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort: Weil man so keine Bücher verkauft. Jedenfalls nicht in der Menge, die möglich wäre. Wenn überhaupt.

Ja, aber. Nika Lubitsch hat von ihrem selbstveröffentlichten Krimi »Der 7. Tag« über hunderttausend Exemplare nur per Amazon verkauft (aber sofort zugesagt, als der »mvg Verlag« einen Vertrag anbot, der übrigens auch Martina Gerckes Kinsella-Plagiat »Holunderküsschen« vom Selfpublisher-Markt kaufte), und von ein paar anderen KDP-Teilnehmern hört man ähnliche Zahlen (überall, und es sind immer dieselben Namen). Stimmt. In einigen Fällen hat das Prinzip »Wer auf der Liste ist, bleibt auch auf der Liste« funktioniert, allerdings verkauft sich die Taschenbuch-Version von Lubitschs Krimi längst nicht so gut wie die Elektrofassung. Die Annahme sei gestattet, dass ein Teil der soliden Verkaufszahlen auch dadurch generiert wurde, dass interessierte Autoren eine Antwort auf die Frage suchten, wie es zu diesem Erfolg kommen konnte. Aber das ist nebensächlich. Die Hauptsache markieren zwei Aspekte: Es handelt sich nur um sehr wenige Erfolgsgeschichten, und im Vergleich sinkt ihre Anzahl auch, wie Amazon selbst kürzlich mitteilte. Und zweitens: Kaum auszudenken, welchen Erfolg diese Titel hätten haben können, hätte ein richtiger Verlag seine Produktions- und Marketingmaschine angeworfen.

Vor allem den Teil der Maschine, der die Qualität sichert. Lektorat. Korrektorat. Ausstattung. Programmgestaltung. Marketing.

Davon abgesehen: Amazon hält fast 70 Prozent des deutschen E-Book-Marktes – dessen Verkaufszahlen aber dennoch weit, weit hinter jenen gedruckter Bücher liegen! Amazon und der Buchmarkt sind nicht dasselbe, aber viele scheinen genau das zu denken.

Der fatale, der Selbstpublikation vorausgehende Irrtum besteht darin, anzunehmen, Leser würden – irgendwelche – Texte in Buchform kaufen, nur weil es sie gibt. So aber verhält sich kein Konsument. Produkte, die wir erwerben und konsumieren, müssen gut sein, und/oder günstig – oder als Statussymbol dienen können. Oder man hat sie uns erfolgreich aufgeschwatzt. Punkt.

Würde man dem Mann in der Kiosk-Schlange detailliert erklären, was man als »Selfpublisher« plant, würde der vermutlich wieder lächeln, um anzumerken: »Spielen Sie lieber Lotto.« Und er hätte Recht.

Müllhalde

MüllhaldeEs ist schon originell, was so im Rahmen der Selbstpublikation auf den Markt kommt. Da sind einerseits die gestandenen Autoren, die ausprobieren, wie es ist, ohne Verlag zu arbeiten, oder die Schubladen-Texte auf den Markt werfen, das Prinzip »Names sell« – mehr oder weniger erfolgreich – anwendend. Diese Option ist fraglos reizvoll, aber auch mit Gefahren verbunden. Wenn das Regulativ »Lektorat« abgeschaltet ist, gelangt dieserart so manch ein Buch zum Leser, das geeignet ist, den eigentlich guten Ruf des Schriftstellers zu beschädigen. Denn betriebsblind sind wir fast alle und halten unsere Babys für die schönsten der Welt. Alle Autoren produzieren Ausschuss, auch seit Jahren erfolgreiche Autoren. Manch einem Schriftsteller gelingt der Genrewechsel nicht, den er per Selbstpublikation ausprobiert – und von dem ihm ein wohlwollender Verlagslektor oder Literaturagent abgeraten hätte.

Dann die »Erotik«. Man könnte den Eindruck gewinnen, diese Techniken wären nur für die Hersteller simpel gestrickter Sexgeschichten entwickelt worden. Epigonen, Regionalkrimis, Fanfiction. Lebensbeichten. Und, ja, vermutlich eine Menge Plagiate auf verschiedenen Niveaus. Die Schleusen stehen weit offen, ohne jede Kontrolle, und wer – wie ich – seit langen Jahren in Autorenforen Textarbeit leistet, weiß, was das für Geschichten sind, die da auf den vermeintlichen Markt gespült werden. Jeder Autor glaubt von sich, den großen Wurf gelandet zu haben. In der Realität gilt das vielleicht für einen von zweihundert – äußerst positiv geschätzt.

Der Selfpublisher-Markt ist nichts weiter als eine Müllhalde; ein kurzer Blick auf die Leseproben genügt, um das zu bestätigen. Eine große, stinkende, die auch noch unaufhörlich wächst. Und der ganze Müll erstickt die wenigen Perlen, die irgendwo zwischen dem Dreck und Unrat zu finden wären. Von den »normalen« Lesern aber wird ohnehin beides kaum wahrgenommen.

Es nutzt nicht viel, theoretisch 70 Prozent vom Verkaufspreis zu bekommen, den aber niemand zu zahlen bereit ist, selbst wenn er im Cent-Bereich liegt.

Verkaufsförderungsprogramme wie die »Gratis-Tage« ändern daran wenig; zudem verfügen solche Kampagnen bestenfalls über einen Strohfeuereffekt. Dass vorwiegend Müll auf Kindle & Co. geladen wurde, merken aber selbst jene, die das nur aus Sammlerwut getan haben. Merke: Herunterladen und lesen ist nicht dasselbe. Schriftsteller schreiben jedoch für Leser. Nicht für Käufer oder Herunterlader.

Jüngere Geschichte

Mitte der Neunziger entstand das Abrufbuch, anglizistisch »Book on demand« oder »Print on demand« betitelt, wodurch vor allem (aber nicht nur – ja, stimmt) Autoren, die bei der Verlagssuche scheiterten, in die Lage versetzt wurden, Produktions- und Vermarktungsprozesse weitgehend selbst zu übernehmen. Seinerzeit nannte man sich zwar noch nicht »Selfpublisher« (eine ohnehin bedeutungslose Worthülse, wie viele dieser professionell klingenden Anglizismen), jubelte aber mit, dachte man doch, nunmehr an den bösen, mainstreamigen, verschnarchten und sowieso nur Auslandslizenzen einkaufenden Großverlagen vorbei die Schriftstellerkarriere starten zu können. Das Abrufbuch existiert nach wie vor, ist deutlich günstiger geworden, aber auf dem Buchmarkt spielt es auch fünfzehn Jahre danach nicht die allergeringste Rolle – und exakt genauso wird es dem selbstverlegten Elektrobuch gehen. Diejenigen, die es auf diesem Weg geschafft haben, nennenswert Bücher an interessierte Leser zu bringen, kann man an zwei Händen abzählen, und sie sind fast allesamt zu den bösen, bösen Publikumsverlagen gewechselt, als sich die Chance anbot. Das gleiche gilt für alle anderen Arten der Eitelkeitsveröffentlichung, ob es nun um Zuschussverlage oder eben das aktuelle »Selfpublishing« über KDP oder auch »CreateSpace« (das »Book on demand« ist) geht. Der Irrtum hat sich verlagert, ist aber derselbe geblieben: Leute kaufen Texte nur, weil es sie gibt. Falsch!

Eine Revolution, die keine ist

Was ist das?Womit endlich die Anführungszeichen-Frage beantwortet werden kann: Was ist das eigentlich, ein Buch?

Ich höre die Formulierung »Ich schreibe (an) ein(em) Buch« immer wieder äußerst gerne. Sie ähnelt der Mitteilung »Ich mache ein Kind« von jemandem, der gerade Sex hat. Tatsächlich schreibt man keine Bücher, sondern Geschichten, Romane. Man verfasst Manuskripte. Ein Buch ist ein Produkt, das am Ende eines Produktionsprozesses steht, von dem die Textarbeit, also das Schreiben selbst nur ein Teil ist. Ein Text wird nicht zum Buch, einfach nur, weil man ihn so nennt.

Korinthenkackerei? Mitnichten.

Literaturwettbewerbe, seien sie noch so gering dotiert, und Anthologieaufrufe, stammen sie auch von noch so kleinen Verlagen, generieren regelmäßig verblüffend viele Einsendungen, nicht selten im vierstelligen Bereich. Wer das fragliche Glück hatte, mal in einem entsprechenden Auswahl- oder Entscheidungsgremium gesessen zu haben, wird die erschütternde Erkenntnis teilen, dass weit über neunzig Prozent der Einsender besser darauf verzichtet hätten, den Beitrag abzuschicken. Dennoch nahm jeder von ihnen an, einen guten, gar preiswürdigen Text eingereicht zu haben. Das hat mit der oben bereits genannten Betriebsblindheit zu tun, aber auch mit der grundsätzlichen Fehleinschätzung, jeder Text, der sich halbwegs an der Rechtschreibung orientiert und wenigstens bei gutem Willen verständlich ist, wäre auch veröffentlichungswürdig, gar ein professioneller, unterhaltsamer, in irgendeiner Weise interessanter Text. Ließe man all die Darsteller, die ihre Wochenenden mit Laienschauspielerei verbringen, auf ein großes Publikum los, würde etwa der Fernsehkonsum – endlich, es hätte also etwas Gutes – deutlich sinken. Wer mal im Laientheater war, wird das nur bestätigen können.

Die vermeintliche Revolution des Buchmarkts, die das Selfpublishing angeblich möglich macht, verbunden mit der Aushebelung der Machtposition der Publikumsverlage, ist letztlich keine, sondern nur eine Möglichkeit, aus all dem Schrott öffentlich verfügbaren Schrott zu machen, der keinen interessiert. Die Selfpublisher können sich – und die Ausnahmeerfolge einzelner – noch so sehr feiern; dem gemeinen Leser geht das weiterhin am Arsch vorbei, und zwar nicht etwa, weil er am Gängelungsband der Großverlage hängt, sondern weil er kein Laienschauspiel will, weil er nicht goutiert, welche Mühe sich die Selbstveröffentlicher fraglos machen. Er erwartet ein stimmiges, professionell hergestelltes Produkt. Er ist Konsument – und nicht etwa der Mäzen, der gerne ein bisschen Scheiß liest, weil das die Ambitionen jener stärkt, die sich irrtümlich für Schriftsteller halten.

Chance und Geduld

Wie angedeutet, mögen die neuen Techniken auch ihre Vorteile haben. Lyrik oder ambitionierte Anthologien verkaufen sich in aller Regel auch dann schlecht, wenn sie von namhaften Verlagen publiziert wurden, und für diese sehr kleine Käuferschicht lohnt auch kaum das Anwerfen der umfangreichen Maschinerie, die einen Verlag ausmacht. Dennoch mag so manch einer wirklich gute Gedichte oder Geschichten verfasst haben, und wenn dann noch ein halbwegs bekannter Name auf dem selbstveröffentlichten Büchlein steht, findet es vielleicht sogar sein Publikum, wenigstens Liebhaber. Lektoren und Agenturen raten regelmäßig ab, wenn ein Autor den Genrewechsel probieren möchte, und die Selbstveröffentlichung mag die Chance bieten, ihnen das Gegenteil zu beweisen – oder furios zu scheitern. Vielleicht lagert so manch ein recht guter, älterer Roman auf Festplatten oder in Schubladen, der zwar seinerzeit abgelehnt wurde, aber wenigstens die Fans begeistert:  Selbstveröffentlichung als Merchandising. Und natürlich bietet sich hier die bislang einmalige Möglichkeit, nach dem Vertragsablauf (üblicherweise zehn Jahre) solche Bücher noch verfügbar zu halten, die ihr Potential ausgereizt haben und nur noch wenige hundert Abgänge pro Jahr verzeichnen, weshalb die Verträge nicht verlängert werden. Das Wörtchen »vergriffen« verliert seine bedrohliche Wirkung: Von der Backlist wandert der Titel einfach in die Selbstpublikation, als Elektro- und/oder Abrufbuch. Das Marketing ist schließlich längst erledigt.

Die Hoffnung, dieser Weg könne ein Sprungbrett sein, ist aber meistens nichts weiter als ein Lottospiel. Eines, bei dem häufig Zahlen angekreuzt sind, die nicht gewinnen können.

Jenen, die ernsthaft daran arbeiten, Schriftsteller zu werden, sei deshalb dringend hiervon abgeraten. Die Scheuklappensicht, mit der sich Selbstveröffentlicher ausgestattet haben, verzerrt das Bild auf zwar angenehme, aber äußerst unrealistische Weise: Die vermeintlichen Erfolge des (in jeder Form einmalig erfolgreichen) Viralmarketings, die E-Book-Verkaufszahlen, die sich großartig anhören, unterm Strich aber lächerlich sind, die vielen hundert Freundschaftsrezensionen, all dieser sich selbst befruchtende Quatsch: Der Klüngel schmort im eigenen Saft. Da draußen interessiert das keinen.

Der Weg über die Buchproduktion – mit all ihren Fallstricken, Wartezeiten und Ablehnungen – ist nach wie vor der einzig sinnvolle, um auch den richtigen Buchmarkt zu erreichen, wenn man das entsprechende Potential hat. Dazu noch ein Rechenbeispiel: Theoretisch können in einem Jahr insgesamt 1.400 Belletristiktitel auf den Hardcover- und Taschenbuch-Bestsellerlisten landen, nämlich 200 pro Woche, tatsächlich aber sind es weit weniger, da sich viele Bücher – siehe oben – wochenlang halten; wer drin ist, bleibt vorläufig drin. Diese Titel markieren die Spitze eines Eisbergs, der unterhalb der Oberfläche gewaltig groß ist. Hunderte namhafter Verlage publizieren tausende von Neuerscheinungen, die um jene Listenplätze buhlen, was selbst mit exzellenter Presse, solidem Marketing und wirklich guten Büchern den meisten nicht gelingt: Die Zahl der Titel, die bestenfalls Achtungserfolge werden, ist um ein Vielfaches größer als die der Bestseller. Die Idee, man könne ganz ohne flächendeckende Werbung und unter Umgehung all jener qualitativen Schranken, die die Verlage aufgestellt haben, trotzdem den Olymp der Auserwählten erreichen, grenzt ans Absurde. Der Volkssport Selbstveröffentlichung »demokratisiert« den Buchmarkt nicht – er verkürzt nur den Weg, den möglicherweise potente Manuskripte an der Formablehnungsorgie vorbei zur Müllhalde nehmen. Außerdem sollten sich Autoren in der Hauptsache damit befassen, gute Texte herzustellen – und nicht damit, sie im virtuellen Bauchladen an den Mann zu bringen. Die Beherrschung beider Aspekte ist nämlich – richtig! – auch wieder eine Ausnahme.

Missverständnis

Dem Selfpublishing-Phänomen liegt das gleiche Missverständnis zugrunde, das hunderttausende unbegabte Jugendliche zu Opfern der Demütigungsshows im Stil von »DSDS« hat werden lassen: Nämlich dass Wollen und Können dasselbe ist. Dass man schneller erfolgreich wird, indem man einfach den vermeintlich kürzeren Weg nimmt, vorbei an allen anderen. Man erreicht zwar definitiv schneller etwas, aber Erfolg ist das nur in sehr seltenen Fällen, und dann meistens nur ein vorübergehender. Wäre es tatsächlich so simpel, ein namhafter, professioneller Künstler zu werden, gäbe es in Deutschland Millionen davon.

Ein nennenswertes Stückchen von dieser zwar großen, aber unglaublich oft zerteilten Torte abzukriegen, ist in der Realität deutlich schwieriger, komplexer und an reichlich Vorbedingungen geknüpft. Und das schafft man nur mit viel Geduld und intensiver Arbeit an sich selbst. Sonst bleibt man ewig Laiendarsteller, Lottospieler. Die Ausnahmen bestätigen diese Regel nur. Alles andere ist Selbstbetrug.

Euphorie und Realität

Die Realität?Natürlich kann ich die Begeisterung nachvollziehen, denn die Argumente, die ich im Abschnitt »Egal« vorgetragen habe, gelten möglicherweise ja auch umgekehrt: Wenn sich der gemeine Leser nicht dafür interessiert, wie der Buchmarkt funktioniert, wird er vielleicht auch keinen Unterschied zwischen professionell und selbst verlegten Büchern machen, solange seine Erwartungshaltung befriedigt wird. Anders gesagt: Wenn er per Klick richtig gute Texte kaufen kann (womit nicht »literarisch wertvoll« o.ä. gemeint ist, sondern schlicht ein einwandfreies, den Erwartungen entsprechendes, halbwegs fehlerfreies Produkt), bleibt für ihn vielleicht auch belanglos, welche Prozesse hinter der Veröffentlichung standen. Neben der sich aufdrängenden Frage, ob das so ist, er also brauchbare Produkte erhält, die leider in den meisten Fällen mit einem klaren Nein beantwortet werden muss, stellt sich vor allem die bedeutungsvollere danach, warum er das tun sollte. Verlage investieren viel Geld und Zeit, um ihre Titel ins Gespräch zu bringen, sei es per Klinkenputzen bei den Buchhändlern oder über prall gefüllte Marketing-Kriegskassen, während die Selbstpublizierer auf schmalste Etats blicken und darauf hoffen müssen, dass die Selbstvermarktung über soziale Netze u. ä. Früchte trägt (wovon die Communities inzwischen überwiegend angewidert sind). Selfpublishing-Bücher sind in aller Regel auf digitale Formate und/oder Abrufbücher bestimmter Anbieter beschränkt, also nicht flächendeckend und nicht im Präsenzbuchhandel erhältlich, oft nicht einmal auf Bestellung. Neben dem Fehlen der gesamten Vermarktungsmaschine (die, zugegeben, auch von Publikumsverlagen nicht für jeden neuen Titel angeworfen wird), wird die erreichbare Zielgruppe, die, wie wir am Anfang erfahren haben, ohnehin nicht sehr groß ist, abermals beschnitten. Das ist, als würde eine talentierte Popgruppe Musik nur für solche Leute produzieren, die einen bestimmten MP3-Player eines bestimmten Herstellers besitzen – Musik auch noch in der Qualität von Demotapes, die nie einen Produzenten oder gar ein Profistudio gesehen hat. Das kann erfolgreich sein, aber es spricht mehr dafür, dass das höchstens sehr selten eintreten wird.

Es steckt viel Arbeit dahinter, wirklich gute, unterhaltsame, interessante, spannende, originelle Texte zu fabrizieren. Genau diese Aspekte beschreiben die Tätigkeit von Schriftstellern. Von denen dann einer oder zwei nennenswerten Erfolg per Selfpublishing haben, während die anderen – und zwar nahezu alle anderen – praktisch leer ausgehen. Wie es auch nur einen Sieger bei »DSDS« gibt, während die zehntausend anderen Castingkandidaten bestenfalls Spott und Häme einfahren.

Macht es nicht zum Lottospiel, mit Eurer guten Arbeit erfolgreich zu werden. Sondern überlasst das Verkaufen jenen, die es können. Und vergesst nicht: Es mag (derzeit noch) pro Halbjahr ein, zwei Selbstveröffentlichungs-Erfolgsgeschichten geben (wie das auch in den Anfangszeiten von »BoD« der Fall war), aber zugleich Dutzende Debüts bei richtigen Verlagen – mit deutlich nachhaltigerer Wirkung.

Tom Liehr

58 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Cornelia Lotter schrieb am 29. April 2013 um 09:41 Uhr

    Lieber Tom, danke für den – wie immer – sehr informativen, sachlichen und zum Nachdenken anregenden Text zu einem Thema, das auch mich seit ca. 2 Jahren umtreibt. Meine Erfahrungen mit SP sind sehr unterschiedlich. Während ich von einem einzigen Buch innerhalb von knapp 2 Jahren ca. 3000 Stück verkauft habe (Erotik), dümpeln die anderen so vor sich hin. Aber der “Verdienst” (vor Steuern) von über 10.000 Euro ist etwas, den ich ohne KDP eben nicht gehabt hätte. Und allein dafür war mir diese Erfahrung wichtig. Allerdings bleibt mein Ziel weiterhin, neben den Kleinverlagen, bei denen ich auch veröffentliche, einen Publikumsverlag für meine Sachen begeistern zu können.

  2. rolf degen schrieb am 29. April 2013 um 09:44 Uhr

    Das Geniale am Selfpublishing, besonders bei Amazon, ist doch im Augenblick gerade die Chance, die es für professionelle Autoren bietet, die schon lange im Geschäft sind. Der Buchhandel, und zwar selbst die großen Läden in den Städten, sind doch schon lange nicht mehr in der Lage, die Middle List, geschweige denn die Backlist – also die älteren Bücher der Profis anzubieten. Es gibt fast nur noch die Stapel der Autoren, die letzte Woche Ihre Nase in eine Kamera halten durften, am besten bei Markus Lanz. Eine traurige Entwicklung, übrigens auch für neue und Hobbyautoren. Amazon bietet uns eine wunderbare Möglichkeit, unsere “Klassiker” anzubieten, mit ordentlichem Umsatzanteil und extrem günstigen Preis für die Kunden. In den USA ist die Selbstpublizierung älterer Profibücher gerade der Trend. Danke, Jeff Bezos!

  3. Selfpublisher schrieb am 29. April 2013 um 10:04 Uhr

    Hat hier jemand Angst, dass ihm andere die Butter vom Brot nehmen?
    Nika Lubitsch hat für ihren selbstverlegten Roman nur die Vertriebsrechte an mvg abgetreten, sie produziert sogar die Printversion des Buches noch selbst, die ebooks veröffentlicht sie nach wie vor selbst und ohne Verlag.

    Auch ich habe einen Erfolgstitel bei kdp geschafft und habe die Printrechte für das Taschenbuch an einen Verlag abgetreten. Die ebook-Rechte habe ich behalten, weil sowohl Verlag als auch Agentin angesichts der bisherigen Umsätze blass geworden sind und natürlich kein adäquates Angebot machen konnten.
    Der Vorschuss, den ich für die Printrechte bekommen habe, betrug übrigens ungefähr 1/5 der bisherigen ebook-Einnahmen, und der war schon fünfstellig. Noch viel besser: Ich kann meine Bücher dann rausbringen, wann ich will, und muss nicht 1-2 Jahre auf einen Verlag warten. Das erste Geld fließt direkt zwei Monate nach der Veröffentlichung. Ich mache Titel und Cover selbst und muss mich nicht ärgern, dass der Verlag an der Zielgruppe vorbei produziert hat. Werbung machen Großverlage sowieso nur für Spitzentitel, der Rest der Autoren dümpelt vor sich rum und ist auf Selbstvermarktung angewiesen. Mache ich auch, aber dafür behalte ich auch einen Großteil der Tantiemen selbst.
    Lektorat und Grafik kann ich mir einkaufen, was anderes machen die Verlage in der Regel auch nicht mehr. Lektoren und Grafiker freuen sich jedenfalls über die aktuelle Entwicklung, denn so gefragt wie im Moment waren ihre Dienstleistungen nie.

    Um mit dem Taschenbuch das zu verdienen, was ich in fünf Monaten bei kdp mit dem ebook verdient habe, müsste der Verlag übrigens 250.000 Bücher verkaufen (sic!).

    Nein, wir sind keine kleinen Spinner mehr, die glauben, mit einem ebook steinreich werden zu können. Schreiben ist für alle von uns viel und harte Arbeit, egal, ob unser Werk anschließend bei einem Verlag oder in Eigenregie das Licht der Welt erblickt. Nur: als Selbstverleger schreibe ich für die Leser. Und für mich. Mir sagt niemand, was und wie ich schreiben soll, das entscheide ich allein. Mir sagt niemand, dass mein Roman nicht markttauglich ist und in kein Programm passt. Und ich erspare mir zahlreiche deprimierende Absagen von Großverlagen, die lieber teure Auslandslizenzen einkaufen als deutschen Autoren eine Chance zu geben. Ich bin sehr froh, dass es diese Möglichkeit gibt und werde sie auch zukünftig für mich nutzen, trotz Agentur und Großverlag im Rücken.

    Und wie so oft hilft der Blick über den großen Teich. Da verzweifeln die Verlage langsam, weil der Trend zum Selfpublishing immer größer wird und renommierte Autoren ihre Werke lieber in Eigenregie rausbringen. Gründe dafür gibt es viele, einige wurden sogar im Text oben (unbeabsichtigt?) sogar genannt …

  4. rolf degen schrieb am 29. April 2013 um 10:18 Uhr

    Zitat: “Es steckt viel Arbeit dahinter, wirklich gute, unterhaltsame, interessante, spannende, originelle Texte zu fabrizieren.” Die Frage ist nur, ob die Verlage so etwas überhaupt wollen. Oder ob sie nicht längst auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind und nur noch nach Autoren fahnden, die bei Markus Lanz & Co ihre Nase in die Kamera gehalten haben, oder, demnächst halten werden. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein junger, unbekannter Autor und haben gerade den epochalen Roman geschrieben, so was wie “Lolita” oder den “Fänger im Roggen”. Glauben Sie, dass die Verlage Ihnen das aus den Händen reißen werden? Wenn die Alternative darin beseht, die neue Alkoholentzugsautobiographie von Jenny Elvers-Elbertzhagen zu drucken, die schon für 17 Talkshows gebucht ist. Ich kenne die Branche, hinter vorgehaltener Hand geben die den Trend selbst zu und sind traurig darüber.

  5. Nika Lubitsch schrieb am 29. April 2013 um 10:24 Uhr

    Warum so episch giftig? KDP ist eine wundervolle Möglichkeit für Autoren, sich selbst am Markt auszuprobieren, bzw. ihre Backlist zu relaunchen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die von Verlagen meinen Büchern verpassten Cover mir durchweg nicht gefielen und Druckfehler aufwiesen. In den nächsten Wochen werde ich meine gesamte Backlist bei KDP einstellen und gehe mit Ihnen eine Wette ein, dass ich von jedem meiner Bücher mehr über KDP verkaufe als es jemals einem Verlag gelungen ist. Ich bin im übrigen weiterhin überzeugte Selfpublisherin, die Druckversionen meiner E-Books werden von mir selbst publiziert und von mvg vertrieben.

  6. Susanne Gerdom schrieb am 29. April 2013 um 11:12 Uhr

    Tom, Lieber, du verpasst gerade eine Entwicklung. Märkte verändern sich. Die Zeiten des Verlagsmonopols gehen zu Ende. Sei nicht traurig, du hast den Fuß so fest im Verlagsgeschäft, dass du doch über SP gar nicht nachzudenken brauchst. Aber der Rest von uns, der muss. Und tut auch.
    Ich sag nur: Qindie …

  7. Maarten Donders schrieb am 29. April 2013 um 11:41 Uhr

    Hi Tom,
    ich gebe Dir in folgenden Punkten völlig Recht:
    – Der Indie-Markt ist vor allem eine riesige Müllhalde
    – mit einigen vereinzelten Perlen
    – Die Werbung läuft über social communities im Netz
    – die zum größten Teil davon mittlerweile angewidert sind

    Aber: Der jetzige EBook-Markt ist NICHT BoD. BoD konnten nicht preisgünstig angeboten werden und gleichzeitig eine ordentliche Marge für den Autor erwirtschaften. Der jetzige EBook-Markt ermöglicht das sehr wohl. Derzeit sehe ich die selbstverlegten EBooks vor allem als eine Verdrängung der niedrigqualitativen Heftromane, aber die Entwicklung wird weitergehen.

    Für mich als Leser sind z.B. die Backlists etablierter Autoren interessant: Da bekomme ich Verlagsqualität zum kleinen Preis mit einer guten Marge für den Autor. Ein Win-Win für beide Seiten.

    Für mich als Leser sind aber auch die Bücher interessant, die trotz hervorragender Qualität nicht bei einem Verlag erscheinen, beispielsweise, weil sie nicht den Mainstream bedienen. Nischenbücher, die sonst nicht veröffentlicht würden.

    Und für mich als Leser ist es auch interessant, wenn der etablierte Autor, den ich ohnehin lese, sein Buch dank Selbstverlegung zu geringeren Kosten anbieten kann. Und er gleichzeitig mehr dafür bekommt. Wieder ein Win-Win.

    “Das Abrufbuch existiert nach wie vor, ist deutlich günstiger geworden, aber auf dem Buchmarkt spielt es auch fünfzehn Jahre danach nicht die allergeringste Rolle – und exakt genauso wird es dem selbstverlegten Elektrobuch gehen.”

    Deswegen glaube ich, dass Du mit dieser Sicht komplett danebenliegst. Der Markt wird sich fundamental ändern. Geld regiert die Welt, das gilt auch, wenn es um Kleingeld geht. Und hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen BoD und dem selbstverlegten EBook-Markt, eben auch für etablierte Autoren dank großartiger Margen.

    In dem Sinne gebe ich Susanne Gerdom Recht: Die Zeiten des Verlagsmonopols gehen zu Ende. Denn dem Kunden ist es egal, von wem er ein gutes Buch kauft. Nur gut muss es sein. Die Marge bietet da genug Möglichkeiten, auch wenn die wenigen guten Autoren durch eine riesige Müllhalde derzeit wenig sichtbar sind. An dieser Sichtbarkeit wird gearbeitet werden müssen.

    Viele Grüße,
    Maarten

  8. Hans Peter Roentgen schrieb am 29. April 2013 um 12:07 Uhr

    Lieber Tom, du hast zwar recht, dass ein Erfolg beim Selfpublishing so wahrscheinlich ist, wie ein Lottogewinn.

    Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Lotto und KDP. Während der Lottogewinn nicht davon abhängt, wie gut du den Lottoschein ausfüllen kannst, also nicht von deinen Fähigkeiten, hängt der Erfolg im Selfpublishing sehr wohl von deinen Fähigkeiten als Autor ab. Die mißglückten Geschichten floppen auf jeden Fall (nicht alle geglückten werden zum Erfolg, auch das ist richtig).

    Kein Wunder, dass vor allem die Autoren Erfolge feiern, die schreiben können – die meisten Erfolgsgeschichten, die ich kenne, stammen von Autoren, die durchaus schon bei Verlagen veröffentlicht haben, jetzt ihre Backlist als Selfpublishing herausbringen oder eben (wie du ja geschrieben hast), Schubladenwerke.

    Und auch, wenn die Zufallsleser nichts über den Buchmarkt wissen, das kaufen, was auf den Grabbeltischen im Thalia Tempel liegt: Mund zu Mund Propaganda ist immer noch die beste Werbung. Insofern sind die Vielleser sehr, sehr wichtig: Sie geben nämlich an Wenigleser im Freundeskreis Empfehlungen. Die Zirkel sind nicht so voneinander abgeschottet, wie du schreibst.

    Allerdings gibt es die Empfehlungen der Vielleser nur, wenn sie ein Werk auch begeistert hat. Wobei wir wieder am Anfang sind. Wenn das Manuskript nicht begeistert, sind die Chancen geringer als im Lotto. Und 99,9% der Selfpublishing Werke scheitern hier.

    Ich lese auch gerade Texte als Jurymitglied für einen Wettbewerb. Oft gute Ideen – aber sie scheitern, weil den Autoren das Handwerk fehlt, die Fähigkeit, aus einer guten Idee eine packende Geschichte zu machen.

    Ich habe die gleiche Entwicklung bei der SOftware erlebt, als die PCs auf den Markt kamen. Auch damals gab es die Illusion, dass jetzt jeder seine Programme selbst vermarkten kann. Auch damals ist die Euphorie bald realistischeren Einschätzungen gewichen.

    Heute bestimmen 80% des Marktes Softwarefirmen. Daneben gibt es aber eine lebendige Szene der “Open access” Programme. Die meisten PC Benutzer wissen gar nicht, dass es sie gibt, die entsprechenden Programm haben Benutzerschnittstellen, die Otto Normalbenutzer verzweifeln lassen. Dennoch gibt es Linux & Co und zwischen beiden Marktsegmenten einen regen Austausch. So hermetisch abgeschlossen ist der Markt nicht.

    Ich denke, das gleiche wird sich im Selfpublishing entwickeln. Und die Autoren, die schreiben können, werden doppelgleisig fahren. Verlage, wo möglich (und lukrativ), Selfpublishing sonst.

  9. Eva Jancak schrieb am 29. April 2013 um 12:14 Uhr

    Ich denke, das vieles in diesem langen Artikel stimmt, selbst wenn er nach Tom Liehrs bewährter Art wieder sehr selbstbewußt und etwas übertrieben aufgetragen daher kommt. Für die, die es bei Rowohlt oder Suhrkamp schaffen, ist Amazon sicher nicht zu empfehlen oder wenn nur, um sich seine Bedingungen zu verbessern oder abgelaufene Texte für die man die Rechte hat, zu veröffentlichen. Ich würde mich nicht als Hobbyautorin bezeichnen, sondern füreine, für die das Schreiben sehr sehr wichtig ist, die es aber, aus welchen Gründen immer, nicht in die “Verlagswelt “, schaffte, die sich daher ihre Bücher schon seit dreizehn Jahren in einer fünfzig Stückanzahl drucken läßt und sie seit fünf auf ihren Blog präsentiert. Ich habe noch nichts bei Amazon eingestellt, weil ich auch dachte, da dümple ich in den hinteren Rängen, bin aber trotzdem sehr froh ist, daß es das gibt, weil vorher litt man ja sehr, wenn man sein selbst gemachtes Buch herzeigte.
    “Welcher Verlag und Eigenverlag wollen wir nicht!”, war da immer das erste und die Gerüchte, daß man da nie mehr bei einem Verlag etwas machen kann, nicht beim PEN-Mitglied werden oder lesen darf, konnte man ja wahrscheinlich auch hier lesen.
    jetzt hat sich das Image, denke ich, wenigstens ein bißchen aufgebessert und, daß sehr viele Leute schreiben wollen, habe ich immer gewußt, mehr als Rowohl,t Suhrkamp und die diversen anderen Verlagen bringen können. Sie sind von den Zuschußverlagen geschröpft worden oder zumindest wurde damit gedroht, daß man das ja nicht tun soll, warum sich trotzdem einer freiwillig schröpfen läßt, habe ich auch nie verstanden, aber wahrscheinlich, weil endlich einer kam und sagte “Schau, dein Manuskript ist gut!” und das wollen wir ja hören und ich persönlich glaube nicht, daß neunzig Prozent der eingesandten Texte Schrott sind, bin aber auch vorsichtig bei den Geschichten, daß man bei “Amazon” reich und berühmt werden kann, obwohl ich einige Autoren, wie Bela Bolten, zum Beispiel kenne, die sehr damit zufrieden sind. Das habe ich nie geglaubt, weil ich ja auch denke, daß sich der Durchschnittsmensch nicht so sehr für Bücher interessiert, muß er auch nicht und die, die schreiben, lesen oft auch noch sehr wenig und dann gibt es die Veränderungen im Buchmarkt und da beobachte ich seit einem Jahr auch sehr interessiert, was da passiert, habe mir gedacht, daß jetzt vielleicht nicht mehr soviele Leute bei den Durckkostenverlagen reinfallen, weil sie sich ihre Bücher selber machen können. Daß das auch ein bißchen bedrohlich sein kann, kann ich mir vorstellen, aber ich beobachte auch interessiert, wie das Literaturcafe damit umgeht und da findetman ja sehr viel.
    Jan Drees hat jetzt auf seinen Blog eine Serie gestartet, wie das mit den Zahlerschreibeschulen und Druckkostenverlagen ist und natürlich, zwischen Leipzig und der Cornelia Goethe Akademie gibt es einen Unterschied, aber wieder denke ich sehr naiv, wenn wir alle ein bißchen mehr wertschätzender miteinander umgehen, uns für das, was die anderen so schreiben interessieren und vielleicht auch ein bißchen mehr lesen, dann ist vielleicht schon viel gewonnen.
    Wenn Suhrkamp bei mir anklopft, werde ich dort unterschreiben und rate, das auch allen anderen zu tun, wenn nicht, ist das Book on Demand, die nächste Drucker oder auch Amazon eine gute Lösung, die man nützen kann!

  10. Tom Liehr schrieb am 29. April 2013 um 12:24 Uhr

    Liebe Kommentatoren,
    danke für die Stellungnahmen – auch für jene, die noch folgen.
    Ich habe mit Wolfgang Tischer, dem Herausgeber des “Literaturcafés”, vereinbart, dass ich auf Kommentare in einem gesonderten Antwortbeitrag eingehen werde, der dem eigentlichen Beitrag dann in zwei, drei Wochen folgen wird. Bis dahin sitze ich auf meinen Fingern und übe mich in Zurückhaltung. ;)
    Herzlich,
    Tom Liehr

  11. Cathy McAllister schrieb am 29. April 2013 um 13:07 Uhr

    Zitat: “Von denen dann einer oder zwei nennenswerten Erfolg per Selfpublishing haben, während die anderen – und zwar nahezu alle anderen – praktisch leer ausgehen.”

    Die Autoren, die durch SP keinen Erfolg haben, hätten es zu 99.9 % auch nicht in ein Verlagsprogramm geschafft. Hingegen sind aber viele Autoren, die von Verlagen nicht angenommen wurden, jetzt erfolgreich als Indie unterwegs. Ich zähle mich auch dazu, denn ich kenne beide Seiten. Ich habe früher unter anderem Namen für Ullstein und Bertelsmann geschrieben und wenn ich dabei bleiben würde, könnte ich vielleicht max. 2 Bücher pro Jahr verlegen und damit im Jahr so viel Vorschuss kassieren, wie ich jetzt mit meinen Büchern in einem Monat verdiene. Wenn überhaupt. Verlage sind einfach zu unnahbar gewesen, was sich im Moment offenbar etwas lockert, weil die, wie auch Sie offensichtlich, ihre Felle davonschwimmen sehen. Jetzt treten vermehrt Verlage an SP Autoren heran und sind oft nicht in der Lage, ein reizvolles Angebot zu unterbreiten, da viele der Autoren als Indies schlicht besser verdienen. Und meine Leser, mit denen ich zum Teil über Facebook & Co kommuniziere, haben oft mehr Indies auf ihrem Kindle, als Verlagsbücher. Verlags-Ebooks sind überteuert. Indie Ebooks kosten meist von 99 Cent bis 3.99 Euro.
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie ein bisschen entspannter werden, denn da scheint mir wirklich mein Vorrredner recht zu haben, dass Sie Angst haben, dass SP Autoren Ihnen die Butter vom Brot nehmen. Ich gönne Ihnen Ihren Verlagsvertrag und Ihren Erfolg. Gönnen Sie auch mir und meinen Indie Kollegen unseren Erfolg. Leser gibt es genug, kein Grund, dass eine Seite die andere abwertet.
    In diesem Sinne kollegiale Grüße aus UK
    Cathy McAllister

  12. Wolfgang G. Wettach schrieb am 29. April 2013 um 13:32 Uhr

    Irreführend finde ich an dem Text nicht die Kritik des Selfpublishing sondern das implizierte Hochjubeln der Verlagsarbeit – auch “Publikumsverlage” machen oft lausiges Lektorat, unterbezahlte KorrektorInnen (soweit noch vorhanden) übersehen Fehler Buchblock-weise – und Nebentitel verkommen im Programm, verfehlen den stationären Handel und sind nach 2 Jahren fast alle vom Markt. Mein Problem mit dem Artikel ist also: Die Chance als AutorIn beim Publikumsverlag “reich und berühmt” zu werden ohne vorher wenigstens eins von beidem zu sein ist auch nicht wirklich höher als beim Verlag oder beim Lottospielen.

  13. rolf degen schrieb am 29. April 2013 um 13:33 Uhr

    Jason Merkoski, der die Entwicklung des Kindle bei Amazon mit geleitet hat, entwirft in seinem neuen Buch ein faszinierendes Bild von der nahen Zukunft des Buchmarktes:

    “Burning the Page: The eBook revolution and the future of reading” (selbst publiziert!)

    http://www.amazon.de/Burning-Page-revolution-reading-ebook/dp/B00BEXP52K/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1367234374&sr=1-1&keywords=burning+the+Page%3A+The+eBook+revolution+and+the+future+of+reading

    Die Buchläden werden (ähnlich wie die Musik-CD-Läden) sowohl an Zahl als auch an Größe dramatisch schrumpfen. Es wird dort überwiegend nur noch die TV-Visagen-Bücher geben, die gerade als Sau durch Dorf getrieben werden. Im EBook-Bereich selbst schwindet der Unterschied zwischen “klassisch” und selbst verlegten Büchern weitgehend, zumal er für die meisten Kunden kaum wahrnehmbar ist. Der Buchpreis wird massiv sinken, da keine Zwischenhändler, Druck- und Papierkosten, Transport usw mehr erforderlich sind. Kleine Pointe am Rande: Der Autor schildert, wie sich schon beim Siegeszug der Gutenberg-Presse die gleichen Fisimatenten ereigneten wie jetzt beim Siegeszug des EBook: Die Leute (meist Adlige oder Großbürger), die noch die handkopierten Bücher aus den Klöstern gewohnt waren, beschwerten sich, die neuen Bücher hätten nicht den richtigen Geruch und die richtige Haptik.

  14. McGarrett schrieb am 29. April 2013 um 15:16 Uhr

    Nur die Verlage produzieren aufgrund ihrer professionellen Korrektorate und Lektorate qualitativ hochwertige Produkte. Nur die Verlage können aufgrund ihrer Marketingmaschine Bücher auf dem Markt zum Erfolg führen. Dies scheinen die Hauptprämissen für die vorgetragene These zu sein. Die darauf aufbauende Wahrscheinlichkeitsrechnung überzeugt mich jedoch nicht.

    Ist es nicht schon ein Lottogewinn, auch mit einem guten Manuskript bei einem Verlag überhaupt angenommen zu werden? Ist es nicht ein weiterer Lottogewinn, wenn für das angenommene Manuskript die Marketingmaschine nach der erwähnten jahrelangen Wartezeit auch wirklich angeworfen wird?

    Und gesetzt den Fall, ein Selfpublisher erstellt ein zu Verlagsbüchern technisch ebenbürtiges Produkt (was im E-Book-Bereich nicht schwierig ist). Ist dann die Chance des Selfpublishers auf seinen Lottogewinn wirklich soviel geringer? Ich glaube das nicht.

  15. Irene schrieb am 29. April 2013 um 15:58 Uhr

    Kaum auszudenken, welchen Erfolg diese Titel hätten haben können, hätte ein richtiger Verlag seine Produktions- und Marketingmaschine angeworfen.

    Vor allem den Teil der Maschine, der die Qualität sichert. Lektorat. Korrektorat.

    Ja, hätte, würde, wenn!

    Ich habe vor kurzem einen Bestseller (eine Mischung aus Ratgeber und Erfahrungsbericht) aus dem erwähnten MVG-Verlag gelesen, den keine Selbstverlegerin, sondern eine Journalistin dort veröffentlicht hatte. Das Buch enthielt etliche Fehler und war offenbar kaum oder gar nicht korrigiert und lektoriert, sondern schnell auf den Markt geworfen worden.

  16. Edmund Sackbauer schrieb am 29. April 2013 um 16:21 Uhr

    Der Artikel beweist eines: Es ist in der Zeit von Selfpublishing nicht nur schwerer Geld als Autor zu verdienen, sondern auch als Verleger, drum so einen langen Artikel zu einem so banalen Thema. Konkurrenz macht das Leben schwer. Der bei weitem überwiegende Teil der lektorierten Bücher wird auch nicht verkauft, nicht einmal die namhafter Verlage. Schreiben ist wenn man auf einen finanziellen Gewinn hofft, immer ein Lotteriespiel. Im Selfpublishing ist das los billiger.
    Man sollte nicht schreiben um Geld zu verdienen, sondern weil es einem Spass macht. Vielleicht macht es dann auch dem Leser Spass.
    Wenn man einen Brotjob braucht geht man am besten zum Arbeitsamt. Das gilt für Autoren wie Verleger. Beides ist kein Beruf sondern Hobby

  17. j-b schrieb am 29. April 2013 um 19:35 Uhr

    Die Bezeichnung “Elektrobücher” packen wir wohl lieber in die Kiste mit der Aufschrift “reaktionäre Skurrilitäten” und verlieren den Schlüssel dazu in einem idyllischen Hochmoor.
    Wenn schon nicht e(-)Books, warum nicht zumindest “Digitalbücher”?
    Nun gut.

    Die meisten e-Books werden inzwischen auf Tablets und Handys gelesen. Völlig unabhängig davon ob sie von einem Verlag oder KDP kommen. Kindle-App macht es möglich. Erst danach kommen e-Reader. (Kindle, Kobo, Sony, …)
    KDP-Autoren beschränken sich also keineswegs auf einen “bestimmten MP3-Player …”

    Der qualitative Unterschied bei Büchern von Verlagen und KDP wenn es um bissige Schüler, reitgepeitschte Studentinnen, streunende Trosshuren, Humpeldumps, … geht, wird wohl auch maßlos überschätzt. Auch bei allen vor- und unvorstellbaren Arten von Pornoliteratur.
    Bei den Selbstverlegten kriegt man diesen Junk zumindest zum angemessenen Preis. €1,99, nicht €11,99.
    Ein fairer Preis und für anspruchslose Vielleserinnen durchaus ein Argument.

    Auch kann man BoD nicht mit KDP vergleichen. Hinter KDP steht die Vertriebsplattform Amazon. Hinter BoD stand und steht marktetingtechnisch: nichts.
    BoD ist nicht im Buchhandel angekommen, richtig. KDP will gar nicht im Buchhandel ankommen. Was soll es dort?

    Überhaupt, warum dieser Lotto-Vergleich? Auch bei den regulär Verlegten grundeln die Allermeisten im Abseits herum. Und das sind schon die von Verlagen Ausgewählten. (beinahe hätte ich geschrieben Ausgesiebten). Also 5% A-Autoren, 95% das Alphabet durch. Nichts neues.
    Ach ja, welche Marketingmaschinerie wirft denn so ein durchschnittlicher klein- und mittelgroßer Verlag an? Die ist doch so gut wie nicht existent.

    Der ganz Artikel enthält mir zu viele Spekulationen; auch die beeindruckenden Zahlen beweisen eigentlich gar nichts.

  18. Stefan Schäfer schrieb am 29. April 2013 um 20:13 Uhr

    Gut geschriebener Artikel, aber einen ganz wichtigen Faktor vermisse ich.
    Da sind auf der einen Seite die Selfpublisher, die ihre Geschichten dilettantisch ins böse Internet stellen und auf der anderen Seite, die guten “echten” Autoren, die es verdienen, als solche bezeichnet zu werden? Ich lese sehr viel, wirklich sehr viel. Altes, wie Neues. Leider ist das Neue, selten anders, als das Alte. Soll heißen, da sind keine Geschichten die mich wirklich überraschen, keine Geschichten die mich absolut in ihren Bann ziehen, die mir eine neue Sichtweise ermöglichen, mir die Augen öffnen oder einfach und schlicht gesagt, richtig “rocken”. Da passt der DSDS Vergleich. Es geht nicht um Qualität im eigentlichen Sinn, sondern lediglich um Mainstream Tauglichkeit.
    Das ist natürlich nicht nur im Bereich der Literatur der Fall, sondern bei Musik, Film usw. nicht anders. Seichte Unterhaltung für den seichten Verstand?
    Natürlich ist es große Kunst, einen guten Roman zu schreiben, aber eine grössere Kunst ist es diesen zu finden, denn nur weil ein Buch von einem grossen Verlag veröffentlicht wird, heißt es nicht, dass dieses auch Qualität im kreativen Bereich aufweist. Ganz im Gegenteil. Ist ein Buch ein Bestseller, weiß ich, es würde mir mehr Spaß machen, mit dem Hammer auf dem Fuß rumzuhauen, als diesen Mist zu lesen. Und sieht man mal von den Rechtschreibfehlern bei den Selbstpublishern ab, finde ich dort doch häufiger unkonventionelle Ansätze.

  19. Dr. Angela Fetzner schrieb am 29. April 2013 um 20:16 Uhr

    Herr Liehr, ich empfinde Ihren aggressiven Artikel und Ihre Herabwürdigung von Indie-Autoren als beleidigend und auch zum großen Teil unzutreffend.
    Ich persönlich habe viele Bücher von Indie-Kollegen gelesen und bin der Meinung, dass diese den meisten auf dem Verlagsweg produzierten – ich gebrauche diesen Ausdruck – Büchern das Wasser reichen können, wenn nicht sogar besser sind…Ich jedenfalls kann gerne auf weitere Verlagsbücher verzichten, welche irgendwelche Geschichten von Ex-Prostituierten reißerisch auf den Markt werfen – auch brauche ich keine Autobiographien vom “Integrationsberater” Bushido oder von “DSDS”-Superstars…

  20. Frank Kandziora schrieb am 29. April 2013 um 22:39 Uhr

    Oliver Kahns Einleitungssatz in seiner Biografie: Die Scheidung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.” Verlagsbuch, eines von tausenden im Müllhaufen der Verlagsproduktionen.

    Indies machen so etwas auch – aber deutlich preiswerter.
    Ihr Artikel hat jetzt schon verdient, als der falscheste und irregeleiteste Beitrag des Jahres 2013 gekürt zu werden. Ein Gewinn.

  21. Christa S. Lotz schrieb am 29. April 2013 um 22:59 Uhr

    Ich finde es gut, dass nach den vielen Jubelartikeln über die neue Freiheit des Self Publishing auch mal einer kommt, der sich kritisch und sicher auch etwas überspitzt damit auseinandersetzt. Er könnte durchaus für einige Autoren, die schon bei Printverlagen veröffentlicht haben, eine Entscheidungshilfe sein. Und so empfinde ich diesen Artikel auch. Dass er nicht die vielen Autoren abwerten soll, die sehr viel gearbeitet haben, um ihr Ziel als Self Publisher zu erreichen, sondern dazu ermutigen, den schwierigeren, aber auch nachhaltigeren Weg über die Verlage zu gehen. Wenn ein selbstverlegtes, professionell erstelltes E-Book gut läuft, ist es zweifellos verlockend, damit schneller mehr Geld zu verdienen. Und sicher kann man sich auch so allmählich als seriöser Autor aufbauen.
    Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst ein vergriffenes, selbst wiederaufgegelegtes Buch zum Problem werden kann, wenn es trotz Umsonstaktionen, weitaus billigerem Preis und vielen Aktivitäten in Social Media einfach nicht sichtbar wird. Die Zeit ist mir für das Schreiben und andere Dinge verloren gegangen. Gut ist für mich auch die Warnung, einen Genrewechsel nicht über SP zu probieren. Es gibt aber noch eine Sache, die in Toms Artikel nicht erwähnt wurde, die mir wichtig ist. Bei den Publikumsverlagen muss man sich an viele Vorgaben halten, die ein Buch massentauglicher machen sollen, erst dann wird, wenn man Glück hat, bei Veröffentlichung die Vermarktungsmaschinerie angeworfen. Für diese Bücher, die nicht “mainstreamtauglich” sind, durchaus aber viele Leser interessieren könnten, halte ich die Veröffentlichung in kleineren Verlagen oder aber das Self Publishing für eine gute Alternative. Vorausgesetzt, man hat die Mittel und die Lektoren, Grafiker usw. an der Hand und ist nicht auf das Schreiben angewiesen, um davon leben zu können.

  22. Rouven schrieb am 30. April 2013 um 04:13 Uhr

    In den AGB von amazon findet man auch einen Paragraphen, der besagt, das man amazon das Recht gibt den Titel/das Buch Dritten zum Kauf anzubieten, das heißt also, dass amazon die KDP-eBooks beispielsweise auch Thalia und Weltbild anbieten kann. Das gilt auch für die gedruckten Bücher, die über amazon’s CreateSpace auf den Markt kommen. So, wieso sind dann nicht schon alle KDP- und CreateSpace-Bücher überall erhältlich? Amazon will diesen Sektor noch ausbauen, so habe ich das von mehreren Stellen gehört. Wird das noch geschehen? Ich denke, ja! Amazon wird nicht auf eine ordentliche Portion Gewinn verzichten, das wäre unwirtschaftlich und eine Aktiengesellschaft muss wirtschaftlich arbeiten, sonst verliert sie das Vertrauen der Aktionäre, dann gibt es einen neuen Chef oder die Firma wird aufgelöst. So einfach könnte man argumentieren.

    Das ist aber eigentlich egal. Wie der werte Autor des obigen Artikels bereits erklärt hat, werden von den „normalen“ Büchern so wie so nur wenige von den Kunden/Lesern gekauft werden. Ob ich als Autor (wenn ich einer wäre) jetzt 1000 oder 5000 Stück mehr verkaufe, dafür aber die große Wackelpartie in kauf nehme, die darüber entscheidet, ob mein Buch überhaupt gedruckt wird, nur um sicherzustellen, dass es von einigen Lektoren gelesen wurde. Ich glaube, das lohnt sich nicht. Auch die, die schreiben, nur um Geld damit zu machen, achten darauf, dass das Gebotene den Preis des Buches widerspiegelt. Und da kommen wir zum größten Punkt. Die die schreiben um an Geld zu kommen die sollten es tatsächlich nicht tuen. Die die schreiben: für sich selbst, zum sehen, ob sie es können, die die schreiben, um uns zu erfreuen, die die schreiben, um uns von den großen Tatsachen in diesem Universum in Kenntnis zu setzen. Die sollten schreiben. Die schreiben auch so oder so, ob sie jetzt davon schwer reich werden oder nicht. Das sind genau die Autoren, die ich lesen will. Sowas gibt es bei Verlagen auch, aber nicht so oft, denn Verlage bringen pro Jahr 300000 neue Bücher raus, Bücher, die kaum jemand will, sonst wären alle Bestseller.

  23. Fruchtwein schrieb am 30. April 2013 um 06:24 Uhr

    Lieber Herr Liehr,

    vielen Dank für diesen Artikel. Leider verstehe ich nicht, was er mir sagen soll.
    Ich stimme Ihnen zu, dass das Selfpublishing kein Allheilmittel ist. Eine Alternative zum deutschen Verlagswesen ist es aber dennoch.

    Ich wundere mich auch, dass Sie als etablierter Verlagsautor anscheinend über die Massen der „schreibenden Hausmütterchen“ erbost sind? Könnten Ihnen diese nicht egal sein? Ich meine, Sie haben es doch geschafft? Sie veröffentlichen nach eigenen Angaben in kurzen Zeitabständen verschiedene Romane und sollten sich doch damit ein nützliches Zubrot verdienen können? Oder liegt hier der Hase begraben? Das es nur ein nützliches Zubrot ist und manch anderer, verachteter Selfpublisher gut am neuen System verdient?
    Ich weiß es nicht und will mir ehrlich gesagt darüber auch kein Urteil anmaßen.

    Sie beschweren sich, dass das Selfpublishing sich als Erfolg darstellt, dabei lesen Sie doch immer nur einige sich wiederholende Namen. Wie kann es also ein Erfolg sein, wenn man nur eine Handvoll an Namen hört? Nun ja, nicht jeder möchte sich in die Öffentlichkeit schieben – Neider gibt es genug und dies vor allem bei den bereits „etablierten Autoren“.

    Alleine dieses Jahr habe ich schon über 14.500 eBooks verkaufen können – als 100% Nicht-Verlags-Autor. Ich könnte alleine von meinem Passiveinkommen ein sehr gutes Leben führen. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt um einen Verlag bemüht, da ich meine eigenen Fähigkeiten als nicht ausreichend angesehen hatte. Ich sehe meine Tätigkeit eher aus der Sicht des Unternehmers, denn des Künstlers. Immerhin sprechen wir auch von Bestsellern und nicht Bestwritern. Meine Texte würde ich als mittelmäßig bezeichnen und trotzdem: Meine Verkaufszahlen geben mir recht.

    Bei einem deutschen Verlag hätte ich mit meinen Texten keine Chance gehabt. Dank der Entwicklung des Selfpublishing habe ich jedoch eine Chance bekommen, mich auf dem Markt zu beweisen. So, wie viele tausend Andere ebenfalls. Auf einem freien Markt kann nicht jeder Erfolg haben, es werden immer Produkte und Leute auf der Strecke bleiben, letztendlich aber kommen neue Gesichter ans Licht, werden Nischen besetzen, Kunden gefunden und sich durchgesetz. Das dies den Verlagsautoren und deren Verlagen nicht schmeckt, das kann ich mir gut vorstellen. Immerhin war der Buchmarkt vorher immer schön geordnet und in fester Hand. Und nun kommen Tausende und wollen ein Stück vom Kuchen haben. Ein paar Hundert bekommen ihn auch. Und das sind nun nicht mehr nur die Alteingesessenen. Finden Sie sich damit ab – der Markt ist in Bewegung. Entweder Sie passen sich an, oder Sie fliegen raus.

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Zeichen der Zeit richtig deuten können und alles Gute für die Zukunft.

    Mit besten Grüßen aus dem sonnigen Kathmandu
    Fruchtwein

  24. Alexandra schrieb am 30. April 2013 um 11:08 Uhr

    Leider ist mir der Artikel zu einseitig, zu schwarz-weiß. Das Eine schließt doch das Andere nicht aus? Wer sagt denn, dass “Verlagsautoren” nicht auch das eine oder andere Projekt selbst verlegen können? Und wer sagt, dass nicht der eine oder andere Selfpublisher auch Werke bei Verlagen unterbringt (vorausgesetzt, die Werke sind gut genug)?

    Fakt ist, dass die neuen Möglichkeiten auch etablierten Verlagsautoren eine große Chance bieten. Nämlich die Chance, Konditionen selbstbewusster zu verhandeln. Noch vor zwei Jahren hätte ich jeden Verlagsvertrag mit Kusshand entgegengenommen und mich tierisch darüber gefreut. Heute sieht das anders aus, weil ich weiß, dass ich darauf nicht (mehr) angewiesen bin. Kommen nur unattraktive Angebote von Verlagen, kann ich diese heute ohne Gewissensbisse ablehnen. Entweder, der Verlag zeigt sich zur Nachverhandlung bereit, oder eben nicht. Dann mache ich das Buch halt selbst.

    E-Book-Tantiemen in derselben Höhe wie die Taschenbuchtantiemen nehme ich jedenfalls nicht mehr entgegen. Auch einen lächerlichen Vorschuss kann ich ablehnen, weil ich weiß, in welchem Zeitraum ich diesen Umsatz selbst erwirtschaften kann. Ich kann bei den Dienstleistungen mitreden, die ich vom Verlag für mein Buch erwarte (Marketing, Satz, PR, Cover …), denn wenn die nicht stimmen, brauche ich den Verlag nicht. Alles andere kann ich selbst. Und wir machen uns nichts vor: Auch unter den Verlagsautoren profitieren nur die wenigsten von einer guten (und teuren) Vermarktung.
    Wo ist denn der Unterschied, ob mein Verlag einen teuren Tischplatz in einer Filiale für mich erkauft, oder ob ich es aus eigener Kraft in die Amazon-Charts schaffe, um dort dieselbe Sichtbarkeit zu erreichen?

    Leser kaufen selten Bücher nach Verlag. Ich kenne niemanden, der in der Buchhandlung nachsieht, was Rowohlt, Lübbe, Heyne ….. gerade Neues zu bieten haben. Ich kenne dafür sehr viele Leser, die gezielt nach ihren Lieblingsautoren suchen. Und das tun diese inzwischen überall, bevorzugt im Internet und weniger in der Buchhandlung.

    Es wird auch gern übersehen, welche zunehmend kleinere Rolle der stationäre Buchhandel in Zukunft spielen wird. Wer das nicht glaubt, kann ja mal einen “Plattenladen” in seiner Stadt suchen … Früher gab es davon viele, wo sind die denn heute in den Zeiten von mp3 und itunes? Ein ähnliches Schicksal zeichnet sich doch auch im Buchhandel ab, zumal die Ketten diese Entwicklung auch forcieren.
    Unsere Thalia-Filiale hat jedenfalls inzwischen mehr “Kram” als Bücher feilzubieten. Und die Mayersche hat eine ganze Etage zum Kinderspielzeugparadies ausgebaut. Mit diesem schwindenden Einfluss wird es künftig für Verlage und Autoren schwieriger, gesehen zu werden. Es wird andere “Schaufenster” geben als die Buchhandlung, und wer heute dabei ist, sich dort einen Platz zu erkämpfen, wird in ein paar Jahren lachen können. Egal ob Selfpublisher oder nicht.

    Zu den Zahlen kann ich sagen, dass ein ebook in den Top20 bei Amazon sich mindestens 200 mal am Tag verkauft, in den Top5 sprechen wir schon von mindestens 400 Verkäufen am Tag. Das macht allein für die Top20 der Amazon-ebooks locker 150.000 Ebook-Verkäufe im Monat. Gut die Hälfte der Plätze wird regelmäßig von Selfpublishern besetzt. Wer hier “keinen Markt” sieht, der sollte sich schnellstens um einen guten Augenarzt bemühen …
    Alle weiteren Rechenarbeiten überlasse ich gerne denen, die besser rechnen können als ich.

  25. Cathy McAllister schrieb am 30. April 2013 um 11:29 Uhr

    Stimme Alexandra voll zu. Auch was die Verkäufe angeht, denn das weiß ich, weil ich es mit zwei Bücher bis auf Platz 2 im Kindle Shop gebracht habe.
    Ich war auch früher ein “Holzhuch-Fan”, doch mittlerweile lese ich zu 99 % nur ebooks und davon sind gut 80% Indies, meist US oder UK Indies, da ich seit ein paar Jahren fast ausschließlich englische Bücher lese.

  26. Dahlia Mertens schrieb am 30. April 2013 um 12:18 Uhr

    Wenn ich mir denke, daß man als Mikrobiologe, der ein Patent anmeldet, nur 10Cent/Monat bekommt, weil das andere das Labor einstreift, ist man als Indie-Autor schon fast Millionär!! :) (Erklärung siehe unten)
    Der Autor dieses Artikels hat sicher recht. Wie bei diesen casting shows gibt es viele Menschen, die sich überschätzen und – soweit sie es computertechnisch schaffen, denn da gibt es wirklich eine Hürde :) – zu Indie-Autoren werden.
    Ich muß ehrlich sagen, daß ich mir das früher auch nicht vorstellen konnte, aber in so manchen Autorenforen hab ich Erfahrungen sammeln können, und gemerkt, daß es etliche unentdeckte Talente gibt, die aber kein Geld haben und auch nicht die Zeit, zu Verlagen zu hatschen und deshalb die Form des Indie-Autorentums aufnehmen. Außerdem sind Bücher Geschmackssache. Mir hat der Harry Potter, der so erfolgreich war nie gefallen. Aber es ist toll, daß diese Autorin solch einen Erfolg einfahren konnte.
    Witzig ist, daß Verlage immer so hochgejubelt werden, doch zb: „Die Strudelhofstiege“ – ein Verlagsbuch, steht höchstens irgendwo im Regal, wird weiter vererbt, aber gelesen hat das Buch keiner. Nicht mal ich hab es als Kind geschafft – wo ich noch genug Zeit hatte und alles, was lesbar war, gelesen habe – dieses Buch zu lesen.
    Und letztens kam mir ein „VERLAGSBUCH“ unter – vielmehr es wurde mir empfohlen – das war so grottenschlecht, es hat mich direkt gewundert, daß das von einem Verlag kam. Rechtschreibfehler, aber die wären vielleicht noch nicht so schlimm gewesen, aber Grammatikfehler! Das waren keine Sätze, das war nix! Und das Buch wurde so was von toll beworben, hatte „super-überdrüber“ Rezensionen… Da fragte ich mich echt, ob die Rezensisten überhaupt das Buch gelesen hatten, oder, ob die Rezensisten unter Folterandrohung solch gute Rezensionen schrieben?
    Aber, womit der Autor dieses Artikels recht hat, ist, daß Indie-Autoren meist in der Masse verschwinden, weil keine starke Werbemaschinerie dahinter steckt und man das meist nebenbei macht. Ich persönlich habe das mit dem ebooks-Schreiben angefangen, weil ich von verschiedenen Leuten, die meine biologisch angehauchten G`schichterln, mit denen ich eigentlich ganz gegen meinen Willen wildfremde Menschen stundenlang unterhielt, witzig fanden, permanent angesprochen wurde, doch Bücher zu schreiben. Sogar Menschen, die selber Autoren waren, meinten, ich sollte es tun. Sicherlich ist es ein beschwerlicher Weg, weil man keine große Werbung dahinter hat, aber, wer keine Vampirg´schichterln schreibt und schreiben kann (ich kann es nicht), muß mit wenigen Verkaufszahlen vorlieb nehmen. Es ist nun mal so, daß Liebesromane und Vapirsachen, Horror und so was halt mehr gelesen werden, als Wissenschaftliches. Das ist eben eine Tatsache, die man sich immer vor Augen führen muß. Aber wer Genetik-Artikel publiziert ist schon über Miniverkaufszahlen happy. :) Ich finde, man sollte das ganze biologisch sehen. Wer seine Nische findet, sollte es mal ausprobieren. Und, wenn ich mir denke, daß man als Mikrobiologe, der ein Patent anmeldet, nur 10Cent/Monat bekommt, weil das andere das Labor einstreift, ist man als Indie-Autor schon fast Millionär!! :) Als Mikrobiologe/Genetiker macht man soviel Unentgeltliches, daß man über die ebook-Verkäufe echt nicht jammert. :)

  27. Frank Kandziora schrieb am 30. April 2013 um 14:55 Uhr

    Alexandra zeigt Bartel, wo der Most hängt. Der stationäre Buchhandel schwindet dahin, wie die Gletscher unter der klimaerwärmenden CO2-Glocke. Gerne der Zeiten gedenk ich, als all meine Glieder gelenkig und es in meiner Heimatstadt noch drei Familienbetriebe gab, die kompetent Bücher handelten. Die raffte es dahin -lange bevor das Internet ins Spiel kam- und einige Jahre konnte man nur im “Kaufhof” ein spärliches Angebot durchstöbern. Dann kamen die Ketten. WoW! Die Mayersche hat es vor zwei Wochen erwischt – Laden dicht. Thalia hält sich noch und Weltbild. Die “Christliche Buchhandlung” hat am 1. April die Waffen gestreckt. Wo wollen die Verlage denn nun noch ihre Marketingmoneten reinstecken? Ins Internet? Da sind sie dem Wolf “Amazonistan” ausgeliefert, der sie ausweidet und sich satt an ihnen frisst. Ebook haben Verlage schon vor Jahren verpasst. Kaum ein Kunde ist noch so bescheuert, eine Datei für 16 Euro zu kaufen, wenn er vergleichbare Qualität für knapp 3 Euro einkaufen kann. Der durchschnittliche Verkaufspreis sinkt kontinuierlich und rapide. Alles Indie-Werk. Von wegen “Bücher der Selfpublisher werden nicht wahrgenommen”! Toms “Gefickt” gibt es für schlappe 4,99 – für ein Verlagsbuch ungewöhnlich. Er als Verlagsautor hat davon natürlich nur 48 Cent. Knapp ober-und unterhalb des momentanen Verkaufsrangs von Tom treiben sich in seinem Genre Indies rum, die das drei- bis fünffache pro Verkauf verdienen. Klar ist der sauer. Aber seinen Kolleginnen und Kollegen einreden wollen, Selfpublishing sei eine Sackgasse für sie, ist unschön. Das altbekannte Rumhacken auf der Szene der “Möchtegernschreiberlinge” sei ihm verziehen.

  28. Ariela Sager schrieb am 30. April 2013 um 14:58 Uhr

    Ich würde mich gerne als Leserin hier zu Wort melden, die ich Literaturwissenschaft studiert habe und nach dem Ende der Klassikerlektüre auf dem hiesigen, von den Verlagen verantworteten Markt, völlig enttäuscht bin. Ich muss mich definitiv auf den ausländischen Märkten umsehen, wenn ich nach Anspruch, Experimentierfreudigkeit und inhaltlichem Niveau suche. Oder bei den Indies. Inzwischen führe ich mit zwei anderen Lesern zusammen einen Blog über gute Texte, die von Indie-Autoren veröffentlicht werden. Ja, die Suche ist mühsam, aber man findet sie, die guten Texte, bei denen ich mich frage, wieso schlafen die Verlage eigentlich weiter ihren Dornröschenschlaf, statt diese Texte zu veröffentlichen? Irgendwann wird autorenfreiheit.de hoffentlich eine Plattform sein, die von Lesern angesteuert wird, wenn sie nach jungen, niveauvollen, preisangemessenen Indie-Texten suchen. Derzeit ist die Plattform aber schon ein Beweis, dass nicht alle Autoren unter den Indies talentfreie Schreiberlinge sind, wie es dieser, für mein Empfinden viel zu polemische, Artikel behauptet.

  29. Dahlia Mertens schrieb am 30. April 2013 um 15:13 Uhr

    Bin schon genug Beschimpfungen gewohnt. Teilweise reagieren Autoren, die an Verlage gebunden sind, so agressiv. Aber es ist klar, jeder, der sein Mampfi schwinden sieht, reagiert so. Auch meine Häsin , die sehr geduldigt war, biß eine doofe, fiese Mitschülerin (der hat es echt gebührt), als sie ihr das Karöttlein fladern wollte. … Recht so! Finde ich. Ich hätte die auch gebissen. :) Die hat nur einmal die Karotte gefladert! :) Nur mußten wir dann kämpfen, weil diese fiese Karottenfladerin von Tollwut sprach!! Aber, meine Argumente hat sogar die Prof verstanden. :)
    Genauso muß man es mit den Leuten sehen, die über Indieautoren pauschal schimpfen. :) Beiß…. Beißkorb wäre nicht schlecht. :)

  30. A. M. schrieb am 30. April 2013 um 15:21 Uhr

    Schriftstellerkarriere? Ja, da lach ich auch bloß, jedoch aus anderen Gründen als Herr Liehr …

    Meine “Schriftstellerkarriere” begann “vielversprechend” in einem Literaturforum, in dem die Leute meine Texte ausgesprochen gerne lasen. Es waren überwiegend Gedichte und Kürzestgeschichten, weshalb ich ohnehin zur Gruppe der niemals Geküßten zählen dürfte, außer ich heiße Grass und veröffentliche seit dem Altpleistozän.
    Meine damaligen Bemühungen um einen Verlag kann man als “nachlässig” bezeichnen; eigentlich strengte ich mich gar nicht an und hatte auch kaum Lust, Gedichtwettbewerbe, Poetry Slams und was sonst noch an “Castingveranstaltungen” für hoffnungsvolle Jungschriftsteller zur Verfügung steht, zu nutzen. Trotzdem lasen die Leute weiterhin meine Gedichte und Kurzgeschichten und es machte mir Freude, ihnen mit den Texten eine Freude zu machen. Deshalb schreibe ich und nicht, weil ich es in irgendeiner Form nötig hätte, mit den dicken Fischen in Konkurrenz zu treten. Ich schreibe zufällig ganz gerne.

    Vor Jahren lernte ich durch einen Zufall Leute kennen, die tatsächlich mal einen echten Lektor in echt gesehen und auch in echten Verlagen echte Bücher veröffentlicht hatten. Mir wurde Potential bescheinigt, was meinen Ehrgeiz für kurze Zeit aufflammen ließ, ehe er wieder erlahmte. Ich bin eben schnell gelangweilt und die Tatsache, daß viele, auch in der Literaturszene nachhaltig in Erscheinung getretene, mit einigen Preisen und Stipendien ausgezeichnete Personen im Alter von der Grundsicherung leben müssen, erschütterte meine Annahme, mit der Schriftstellerei irgendwie nennenswertes Geld verdienen zu können, sobald man sich erst mal einen Namen gemacht hat, erheblich. Die dicken Fische gibt es natürlich, ich kenne einige von ihnen persönlich. Doch sie sind, bei alledem, was die Verlage jährlich ausstoßen, bei weitem in der Unterzahl – wie Herr Liehr ganz treffend bemerkt hat.

    Wie sich vor einigen Jahren herausstellte, war ich wohl nicht nachhaltig genug erschüttert gewesen, denn als sich mir die Gelegenheit bot, meinen Gedichtband (der zunächst eigentlich bei BOD hätte landen sollen) in einem richtigen Verlag veröffentlicht zu sehen, mit einer richtig dicken Auflage, einem richtigen Honorar, richtigen Lesungen und richtiger Werbung, setzte mein Verstand kurz aus … Oder vielmehr für ein knappes Jahr … Der Verlag galt als seriös. Der Verlag hatte Publikationen, war nicht unbekannt. Der Verlag machte schöne Bücher, literarische Bücher, selbstgedruckte Bücher. Sozusagen handgeklöppelte Bücher mit wunderschönen Umschlägen. Der Verlag hatte Herrn Z. als Herausgeber für die Reihe, in dem auch mein Gedichtband erscheinen sollte, verpflichtet. Jener Herr Z., der einmal ein wahrhaftiges literarisches Genie verlegt, seinen Verlag aber letztendlich vor die Wand gefahren hatte (Ein häufiges Schicksal von Verlagen übrigens, denen sowohl ihr Mißerfolg als auch ihr Erfolg zum Verhängnis werden kann), war zahlreichen Kritikern persönlich bekannt. Mein Verstand setzte aus … Habe ich schon nebenbei erwähnt, daß mein Verstand aussetzte?

    Ein halbes Jahr später hielt ich einen der ersten Bände dieser Reihe in der Hand und war verwundert über die schlechte Verarbeitung, das Kopierpapier, das durch das Kopierpapier bedingte, unterirdische Druckbild und die zahlreichen Fehler, die sich laut der Autorin in das Buch eingeschlichen hatten. Kinderkrankheiten, dachte ich. Gar kein Problem – bei mir hat er das vermutlich im Griff, dachte ich, und bedauerte ein wenig die Kollegin (wir erinnern uns, mein Verstand … Ich dachte wirklich schon in Kategorien von Kollegin), die sozusagen für den Probelauf hatte herhalten müssen. Bei dem Treffen und der Besichtigung der verlagseigenen Druckerei einige Zeit später war das befremdliche Gefühl schon so gut wie verflogen und ich machte während einer Diskussion einige Vorschläge, die in den anderen Kollegen den Eindruck erweckt haben mußten, ich sei in irgendeiner Weise kompetent …

    Also wurde ich eines Tages, mein Veröffentlichungstermin stand noch bevor, von einem dieser Kollegen angerufen, der sich darüber beklagte, daß für sein fertiges Buch keine ISBN angemeldet worden sei, es also nicht im Verzeichnis lieferbarer Bücher auftauchen könne und in den nächsten Tagen einige Pressetermine anstünden … Ich faltete Verleger und Herausgeber kurz und halbwegs höflich zusammen und bat darum, die ISBN anzumelden, was dann auch geschah. Gleichzeitig wurde auch die ISBN für mein Buch angemeldet, was ja in Ordnung war, denn es würde ja drei Monate später erscheinen … Daran glaubte ich zumindest bis etwa drei Wochen vor dem Erscheinungstermin. Bis dahin war die Verkaufsseite auf Amazon um den Umschlagentwurf und einen Vorabdruck des titelgebenden Gedichts ergänzt worden. Leider hatte der Verleger meinen Nachnamen falsch geschrieben und einen Fehler in dem etwa acht Zeilen langen Gedicht untergebracht, obwohl er digitale Vorlagen erhalten hatte. Meinen Bitten um Korrektur war man trotz mehrfacher Aufforderung nicht nachgekommen, hatte aber weitere 26 Seiten Gedichte angefordert, weil das Buch sonst nicht auf die erforderliche Seitenzahl gekommen wäre.

    Etwa drei Wochen vor dem Erscheinungstermin wurde ich unruhig, denn man hatte mir erklärt, daß die Fahnen normalerweise vier Wochen vor dem Erscheinungstermin geprüft werden müßten. Okay, es war ein Gedichtband und da konnte man ja nicht besonders viel falsch machen, nicht wahr? Eineinhalb Wochen vor dem Termin kriegte ich den Herausgeber ans Telefon, der mir erklärte, daß es gerade ungünstig und die Veröffentlichung verschoben worden und die Lesung mangels Flyern abgeblasen sei. Dieser Aufprall war hart. Dieses Buch war mein Erstling und ich hatte vorgehabt, Familienmitglieder zur Buchpremiere mitzunehmen, und einige Bekannten eingeweiht … Natürlich hatte ich bis zuletzt nicht an sein Erscheinen geglaubt, insgeheim aber doch darauf hingefiebert. Je näher der Termin rückte, desto so unwahrscheinlicher sei es doch … Im kommenden Oktober? Vielleicht sogar schon im September? Okay …

    Scheißendreck. Nichts im September, ebensowenig im Oktober, Veröffentlichungstermine anderer Kollegen verstrichen, ohne daß etwas passierte. Irgendwann wurde selbst unter der Zuhilfenahme mehrerer rosaroter Brillen und völligem Realitätsverlust klar, daß dieses Buch niemals erscheinen würde und es dennoch für die kommenden Jahre an diesen Verlag gebunden sein würde, ohne die Chance, es einem anderen Verlag anzubieten. Irgendwann, als ich genug gewartet hatte, löste ich den Vertrag. Irgendwann, sehr viel später, verschwand auch der Eintrag dieses Buches wieder aus der VLB und den Buchhandelsportalen, weil meine Drohungen irgendwann konkret wurden und fruchteten. Irgendwann ist dieses Buch doch noch erschienen. Mit einer ISBN drauf. Als Book on Demand. Ich hab’s von vorne bis hinten selbst gestaltet. Ich, der dämliche Wicht, der das dem tollen Verlag überlassen sollte.

    Nicht, daß es sich verkaufen würde. Es dümpelt so vor sich hin und spielt nicht einmal die Vorhaltegebühr ein. Darüber hinaus ist BOD auch noch ein Druckdienstleister, der sich wie ein Verlag aufführt und den Leuten, die die Classic-Variante buchen, neuerdings aufzwingt, ihre Bücher auch als e-Books zu veröffentlichen. Weil er es kann. Ist nicht schön, aber immer noch besser als das oben Beschriebene, was ich in Variationen von den nunmehr Ex-Kollegen betreffs anderer Verlage aufgetischt kriegte. Ganz abgesehen davon, daß die meisten Special-Interest-Verlage mittlerweile verkappte Zuschußverlage sind, weil sich alles nur noch um öffentliche und private Förderungen dreht, die erst mal beantragt werden wollen, ehe man ein Buchprojekt überhaupt in einem solchen Verlag unterbekommt.

    Ich weiß, daß es da draußen wirklich gute Verlage gibt, die sich kümmern. Eine Handvoll Verlage. Diese Verlage werden von Horden mehr oder weniger talentierter Manuskripteinreicher überrannt, ebenso wie die Agenturen, die einem mitteilen, was vom Marketingstandpunkt her nicht reicht, obwohl man gut schreiben würde (nicht ich, eine Ex-Kollegin). Mag ja sein, daß ich Lotto spiele, kein echter Schriftsteller mich auch nur eines Blickes würdigt, daß ich nicht preis- und stipendienwürdig, geschweige denn PEN-würdig bin, doch ich halte mein Buch in der Hand. Es ist verdammt schön geworden und wer es haben will, kann es haben.

    Habe ich nun gewonnen oder verloren, Herr Liehr?

  31. Patrick Reiter schrieb am 30. April 2013 um 15:51 Uhr

    Hallo Tom,

    vielen Dank für den aussagekräftigen Artikel. Ich habe großen Respekt vor deiner Leistung und vielen Punkten stimme ich dir zu, wie zum Beispiel der Aussage, dass viele Perlen im Müll ersticken. Besonders deinen Standpunkt zu DSDS kann ich nur unterstreichen.
    Ein Thema, das für mich sehr wichtig ist, wurde jedoch nicht angerissen – auch nicht in den Kommentaren: Der Wille zur Selbstverwirklichung.

    Damit man meinen Kommentar richtig einordnen kann, möchte ich zunächst einen kurzen Abriss über meine Person darstellen. Ich bin kein Autor. Ich hatte das Glück, dass ich mich leidenschaftlich für Softwareentwicklung interessiere und konnte mir damit eine einkommensfreundliche Karriere sichern. Während dem Studium habe ich für Klasse 5-12 Nachhilfe in Mathe gegeben und habe dabei einige Kinder und Jugendliche kennengelernt. Die meisten davon waren karrieretechnisch absolut antriebslos und begnügten sich damit, dass Oma die Flatrate für das neue IPhone bezahlt. Diese allgemeine Lethargie, die heutzutage vorherrscht, macht mich traurig. Mein Kommentar konzentriert sich darum auf potenzielle Einsteiger, die den Mut haben, einen Schritt vor die Tür zu machen.

    Ich habe das Gefühl, in einer Welt zu leben, in der nur das Perfekte als „gut genug“ gilt. Frauen ohne 90-60-90 sind potthässlich, Sänger müssen jeden Ton treffen, Nachrichtensprecher dürfen sich nicht verhaspeln, Künstler müssen fotorealistische Bilder malen und Autoren werden auf den Scheiterhaufen geworfen, wenn sie nicht an „Herr der Ringe“ herankommen. Wenn ich da an meine Nachhilfeschüler zurückdenke, kann ich deren Depression nur allzu gut verstehen. Der Olymp scheint unerreichbar und jeder Gedanke, sich auf den Weg zu wagen, wird mit erhobenen Zeigefinger kommentiert: „Spiel lieber Lotto und räum bei Aldi Regale ein.“

    Sicher, aller Anfang ist schwer. Besonders wenn man Musiker, Künstler oder Autor werden will, muss man durch Fehler lernen und es ist völlig normal, dass bei den ersten Versuchen Müll herauskommt. Wie soll man also unter konventionellen Umständen Fuß fassen? Soll man sich im Keller verstecken und alleine üben? Ich habe den Eindruck, dass dies kaum machbar ist – als würde man auf eine Autobahn fahren wollen, die anstelle eines Beschleunigungsstreifens einen Feldweg mit Stoppschild hat. Der Verkehr wird immer dichter und die eigenen Fahrkünste sind völlig egal, wenn man kein 200PS-Auto besitzt oder das Glück hat, dass sich eine ausreichend große Lücke ergibt.
    Ich habe in einer FanFiction-Community Leute kennengelernt, die sich sehr ehrgeizigere Ziele gesetzt haben. (Ich persönlich sehe für mich das Schreiben nur als spannendes Hobby.) Da sind Jugendliche und Erwachsene, die bei Aldi Regale einräumen, jedoch kein Lotto spielen wollen. Da gibt es Energie, Kreativität und Tatendrang. Im Deckmantel der Anonymität konnten sie aus sich herausgehen, mit Protagonisten experimentieren, Luftschlösser bauen und… selbstbewusst werden!
    Selbstverständlich kommt in dieser Szene irgendwann die Frage auf, wie man mit dieser Leistung Geld verdienen kann. Doch die Wartezimmer der Verlage sind überfüllt und solange es keine Perlen-Aussortier-Maschine gibt, sind die Angestellten mit dem Sondieren völlig überfordert. Der Weg über Selfpublishing verleitet zwar auch mäßig talentierte Schreiber, unfertige Geschichten zu vertreiben, doch was ist daran so verwerflich? Ist es nicht bemerkenswert, wenn sich Jugendliche und alleinerziehende Mütter mit 400€-Job an das Thema heranwagen? Verdient ein Lagerist keinen Respekt, wenn er trotz Hauptschulabschluss eine einigermaßen brauchbare Rechtschreibung zustande bringt? Wie lächerlich ist ein Mensch wirklich, wenn er seinen Namen preis gibt und sich den Kritikern und Verrissen stellt?

    Ich finde, die neuen Möglichkeiten des Internets bieten die notwendigen Beschleunigungsstreifen auf die Autobahn der Großen. Sie helfen den Verlagen, Talente zu entdecken und motivierte Menschen zu fördern. Denn wer ein Buch herausbringt, stellt nicht nur seine kreative Leistung auf den Prüfstand, sondern beweist auch Rückgrat und den Willen, einen Lebenstraum zu verwirklichen.

    Viele Grüße,

    Patrick

  32. Hannah Kaiser schrieb am 30. April 2013 um 17:39 Uhr

    Die Problematik dabei, ein Buch über einen Verlag verlegen zu lassen, liegt ja nicht zuletzt darin, überhaupt erst einmal einen Verlag zu finden.

    Ich kenne viele Autoren, die so oft abgelehnt worden sind, dass sie es irgendwann einfach aufgegeben haben. Dafür, dass zwischen der Einschätzung eines Verlages und der tatsächlichen „Verkaufbarkeit“ eines Buches manchmal Welten liegen, ist ja nicht zuletzt J.K. Rowling mit der Harry Potter Reihe eines der prominentesten Beispiele.

    Der Indie-Markt verzeichnet bestimmt teilweise Defizite in der Qualität eines Buches (die wenigsten Bücher kommen ja in den Genuss eines Korrektorats oder gar Lektorats), diese Defizite machen sie aber beim Preis wieder wett.

    Der häufige Preis von 2,99€ ist fast günstiger als ein Kaffee am Bahnhof, ich persönlich nehme dafür auch ein paar Fehler gerne in Kauf.
    Mal abgesehen davon kenne ich auch genügend „Verlagsbücher“ die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt werden. Und mit meist 7,99€ sind sie eben auch in der E-Book-Variante deutlich teurer. Wenn man vom Lesen so besessen ist, wie ich es bin, dann steigt man ziemlich schnell auf „Indie“ um und liest Verlagsbücher nur noch selten. Zumal, wie bereits gesagt, einen Verlag zu finden ja auch nicht unbedingt ein Gütekriterium ist.

    Vielleicht sollte ich Lotto spielen, aber ich habe meinen ersten Roman in den zwei Monaten, die er jetzt erschienen ist ca. 3.000 Mal verkauft. Und das ohne Werbung dafür gemacht zu haben. Bei 2,99 kann sich jeder selbst ausrechnen, wie viel mir davon, vor Steuern, übrig bleibt. Ich möchte mal behaupten, das wäre bei einem Verlag für ein Erstlingswerk der Mittelklasse eher schwer zu bekommen gewesen. Durch den günstigen Verkaufspreis macht es dann eben auch einfach die Menge, die man bei einem teureren Preis wohl nicht unbedingt erzielen würde. Ein E-Book in der Top 40 verkauft sich ca. 60 Mal am Tag. Das bedeutet aber, dass,jedes E-Book in der Top 100 durchaus eine ansehnliche Summe am Monatsende umsetzt.

    Es gibt eine Menge Indie-Autorinnen und Autoren, die jede Menge Romane verkaufen. Erfolgsgeschichten sind hier also keine Einzelfälle. Mir fallen da spontan z.B. Emily Bold, Melanie Hinz und Cathy McAllister ein, die mehr als einmal in der Top 20 vertreten waren. Aber natürlich gibt es auch jede Menge Bücher, die einfach so untergehen. Aber mal ehrlich: Ist das bei einem Buch, das in einem Verlag erschienen ist, wirklich anders? Ich glaube eher nicht.

  33. Horst-Dieter Radke schrieb am 30. April 2013 um 17:57 Uhr

    Es ist doch immer wieder spannend zu lesen, wie manche sich die Realität zurecht bieten. Der Untergang des Abendlandes wurde auch schon vor zig Jahren prophezeit. Leider warten wir noch darauf. Jetzt sind es die gedrückten Bücher die morgen verschwunden sind oder die Buchhandlungen die gerade alle schließen. Dabei schaut niemand genau hin. Was zählt, sind die eigenen Wunschvorstellungen. Der Online-Buchhandel macht gerade 18 % vom Gesamtbuchhandel aus (nicht Amazon, sondern der ganze Onlinebuchhandel!). Die restlichen 82 % schließen gerade? Oder der Anteil der E-Books – nicht mal 5 %. Die verbleibenden 95 % für gedruckte Bücher deuten natürlich darauf hin, dass niemand mehr auf Papier gedruckte Bücher liest. Sehr schön auch, wie die ganze Debatte emotional aufgewertet wird: Die Verlage haben plötzlich ein Monopol. Ja welches denn? Dass sie Bücher verkaufen? Dann hat die Autoindustrie auch ein Monopol. Der Lebensmittelhandel auch. Und so fort. Ich habe da eher den Eindruck, dass diejenigen, die so reden, gar nicht wissen, was ein Monopol ist. Noch schöner diejenigen, die immer noch von einer Contentmafia reden, wenn sie Verlage meinen. Schaut man sich aber mal an, welche Dimensionen die Verlage einnehmen, was Größe und Umsatz anbelangt und hält dagegen die Konzerne, die tatsächlich von Content profitieren: Google, Yahoo, Dotcom usw. dann zeigt sich, dass man gegen David wettert und Goliath im Rücken für eine Sozialeinrichtung hält. Über die Bedeutung von “mafia” sage ich jetzt mal nichts.

    Schöne neue Welt.

  34. Hans Peter Roentgen schrieb am 30. April 2013 um 20:57 Uhr

    Lieber Horst Dieter, alles schön und gut, ich glaube auch nicht, dass die Verlage verschwinden werden. Dennoch gibt es mittlerweile im Ebookbereich für viele Autoren eine Chance gibt. Nicht nur für die paar Namen, die immer in der Presse genannt werden. Sondern für viele, die zwar nicht die Superumsätze erzielen, aber dennoch einiges verkaufen und manchmal mehr, als im Print möglich ist (und manchmal auch weniger, so ist es eben).
    Das ist die Krux von Toms Artikel: Da werden nur die Bestseller im Print betrachtet, nur die Bücher die auf die Spiegel Liste kommen. Aber 95% aller Autoren im Printbereich kommen nie auf Bestsellerlisten und für die reicht es eben auch aus, wenn sie nur die Vielleser erreichen.
    Gleiches gilt im Ebookbereich. Neben den paar Bestsellerautoren, über die alle ständig lesen, gibt es viele, die eben nicht auf den Bestsellerlisten erscheinen, aber dennoch ganz erfolgreich sind.
    Dass es daneben jede Menge Schrott gibt, den niemand lesen will, ist unbestritten.
    Ach ja, der Buchhandel wird natürlich nicht verschwinden. Aber er umfasst auch nicht 82% vom Buchmarkt, sondern knapp unter 50%. Und der Ebookbereich ist bei vielen Verlagen längst auf 10% oder mehr gewachsen. Doch das sind alles Zahlen. Wenn ein Autor seine Fanbasis hat, kann er im Ebookbereich einiges erzielen (und im Printbereich im klassischen Verlag auch).
    Diese Entweder-Oder Haltung halte ich für sehr unrealistisch.

  35. Horst-Dieter Radke schrieb am 30. April 2013 um 21:28 Uhr

    Lieber Hans Peter, ich habe nicht gegen den E-Book-Markt angeschrieben, ganz im Gegenteil, ich halte den für wichtig und glaube, dass er eine Ergänzung zum bestehenden Buchmarkt ist. Ich habe gegen die die sinnlosen Argumente angeschrieben, die immer wieder geäußert werden und die die Situation nicht klären. Ich habe auch nichts gegen “Selfpublishing”. Leider hat Tom aber m.E. im wesentlichen (noch) Recht. Im Augenblick bietet diese Art der Veröffentlichung nicht die gewünschte Wirkung, gerade auch weil es kaum noch eine Hemmschwelle gibt. Es kostet ja nichts, ein E-Book bei KDP einzustellen. Entsprechend sehen die meisten aus. Tom übersieht allerdings die Chancen, die aber bislang nur von wenigen wahrgenommen werden (z.B. altgediente Autoren mit ihrer Backlist). Autorenverbände wie z.B. das Syndicat lehnen derzeit noch das E-Book ab und nehmen niemanden auf, der ausschließlich E-Books veröffentlicht hat, selbst dann nicht, wenn dies über einen Verlag geschah. Die Veränderungen passieren langsamer, als manche das wahrhaben möchten. So erkläre ich mir hier auch manches sehr emotional gehaltene Statement. Da wird lieber ein Feindbild (die bösen Verlage) erklärt, als an positiven Veränderungen zu arbeiten. Ansätze dafür gibt es. Insbesondere habe ich da einen selten gebrauchten Buchstaben aus dem Alphabet im Auge.

  36. Sigrid schrieb am 30. April 2013 um 22:18 Uhr

    Es ist schon viel Wahres dran an Tom Liehrs Beobachtungen und Bemerkungen, stellenweise habe ich aber doch auch laut lachen müssen.
    Besonders über die “prall gefüllten Marketing-Kriegskassen” und die Marketingmaschine, die richtige Verlage anwerfen – Herr Liehr, Herr Liehr, ich will das Kraut, das Sie geraucht haben, auch!

    Ich erinnere mal an die Umfrage, die gerade unter Verlagsautoren stattgefunden hat, wonach 52 Prozent unzufrieden sind mit der PR-Arbeit ihrer Verlage.
    Oder, um die Dinge noch ein bißchen weiter zurechtzurücken, empfehle ich mal einen Blick in den Blog von Gesine von Prittwitz (“Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine”).
    Dann trübt sich die rosarote Verlagsbrille doch etwas.

  37. Hans Peter Roentgen schrieb am 1. Mai 2013 um 10:54 Uhr

    Lieber Horst Dieter, du hast recht, da wird oft mit rosaroter Brille, XXXL Ausführung, auf das Selfpublishing geschaut. Das nervt mich auch oft.
    Aber ebenso nervt diese Zahlenspielerei: 20% Online, 50% Buchhandel. Nur sagt das über das Buch XY gar nichts aus. Ich kenne Bücher, die verkaufen sich zu 98% über den Buchhandel und andere, die verkaufen sich zu 95% über Amazon (vor allem die von Kleinverlagen).
    5% Ebook mit 70% Autorenhonorar, 50% Buchhandel mit 7% Autorenhonorar. Scheint doch ausgewogen zu sein? Natürlich ist das eine Milchmädchenrechnung. Erstens wird vergessen, dass Selfpublisher viel Geld oder viel Zeit für Cover, Lektorat etc. aufwenden müssen. Zweitens sagen solche Zahlen überhaupt nichts über das Projekt XY aus und darüber, ob es besser im klassischen Printverlag oder im Selfpublishing herauskommen kann.
    Und ein wenig verstehe ich diese Abneigung gegen die Verlage schon. Denn viele davon sind verunsichert und fahren die “Me too” Schiene, bringen also nur noch das, was andere bereits erfolgreich verkauft haben. Lange Zeit haben sie “Nur Mittelalter verkauft sich” wie ein Mantra wiederholt und 19. Jahrhundert abgelehnt. Dann wurde das Buch mit deutschen Auswanderer nach Chile ein Erfolg und prompt wurde 19. Jahrhundert überall herausgebracht. Dass dann Verlagskaufleute, statt sich auf das zu konzentrieren, was sie können, nämlich verkaufen, den Autoren hereinreden, weil sie glauben, dass sie besser wissen, wie man ein Buch schreibt, hat die Stimmung unter den Autoren auch nicht verbessert.

  38. Frank Kandziora schrieb am 1. Mai 2013 um 11:39 Uhr

    Schauen wir doch mal. Wie lange hat es gedauert, bis sich der Buchdruck durchsetzte? Wie lange hat es gedauert, bis Selfpublishing überhaupt Thema wurde?

    Leute, das ist noch ein Kindlein mit Kinderkrankheiten. Das wächst sich aus. Ziemlich schnell. Die Szene vernetzt sich. Erste Bestrebungen sind im Gange, Qualitätsstandard festzulegen, Organisationsstrukturen werden entwickelt (ewriter.eu, Qindie, FB-Gruppen). Immer mehr Plattformen entstehen, die sich kompetent bemühen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Es kocht, es gärt, es entwickelt sich…
    Was tut sich in der traditionellen Branche? Nüschte! “Same procedere as every year, James.”

    Ebook wird spätestens 2015 explodieren. Schon allein, weil immer mehr Altenpflegerinnen und Betreuer diese für ihre Schützlinge entdecken. Ein alter Mensch, ein Mensch mit Parkinson oder Multiple Sklerose kann einfach keinen kiloschweren Papiertrumm in Händen halten. Auch wenn er es gerne wollte. Einen Ereader schon. Macht denen übrigens große Freude. Ein Beispiel nur. Junge Menschen denken praktisch. Denen ist das Kulturgut “gedrucktes Buch” piepegal. Die wollen ihre Unterhaltung überall konsumieren können ohne Schlepperei. Aber der Bereich ebook ist fast schon komplett in Händen der Indies. (ich übertreibe gerne). Selfpublishing hat es ermöglicht, am Ältestenrat, der bestimmt, was das Volk zu lesen bekommt, vorbei zu schleichen. Vielen, wirklich vielen ist es gelungen. Wer davor die Augen verschließt ist in Ordnung. Wer aber hilflos versucht, diese Entwicklung rückgängig zu machen, ist entweder perfide oder engstirnig.

  39. Christa S. Lotz schrieb am 1. Mai 2013 um 12:14 Uhr

    Was Hans-Peter anspricht, möchte ich bestätigen und habe es in meinem Kommentar ja auch schon angedeutet. Als Autorin historischer Romane habe ich immer wieder gesagt bekommen, dass nur bestimmte Dinge “gehen” würden, nämlich Frau als Hauptfigur, Mittelalter oder Renaissance und nach Möglichkeit ein Happy End. Das 18. Jahrhundert sei das größte No Go. So sind wir in bestimmte Ecken hinein getrieben worden, in die wir ursprünglich nicht wollten. Hätte es vor zehn Jahren schon die Möglichkeit des SP gegeben wie heute, wer weiß, ob ich den dornigen Verlagsweg auf mich genommen hätte. Und doch bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin, weil er mich in eine Position gebracht hat, aus der heraus ich wählen kann. Ich kann meine Backlist selbst herausbringen, wenn ich denke, dass ein Bedarf danach besteht.
    Self-Publishing ist keine grundsätzliche Alternative und natürlich kein Allheilmittel. Aber diese Entwicklung ist ein deutliches Zeichen für die Verlage und die Autoren, dass die Autoren allein die Basis für den Mehrwert Buch sind, den sie alle miteinander schaffen. Dabei ist SP die Direktvermarktung an den Leser, ohne die Umwege über Agent, Lektor, Verlag, Vertreter und Buchhandel. Wenn ich ein Buch selbst publiziere, würde ich das nicht ohne Lektorat machen. Und da ich nicht weiß, ob die Verkäufe die Kosten wieder reinspielen, kommt das wohl auch nicht in Frage. So wichtig wäre mir der mögliche Mehrverdienst nicht, wenn ich ein 0,99-Buch voller Fehler anbiete.

  40. chSchlesinger schrieb am 1. Mai 2013 um 14:36 Uhr

    Sehr geschickt natürlich, von Anfang an Menschen wie Friedrich Nietzsche auszunehmen, die mit der Selbstveröffentlichung irgendwelcher Texte ein schönes Hobby für sich entdeckt haben. Denn solche Hobbyschriftsteller werden selbstverständlich immer noch nachgefragt, auch wenn längst kein Verlag mehr für sie wirbt.
    Hier geht es ums Geld, ums große Geld. Ein Massenmarkt, der befriedigt sein will. Ob Profis es der Kundschaft besser besorgen können? Es geht um Gebrauchswaren. Etwas, das man am Flughafen kauft, während des Fluges benutzt und nach dem Auschecken in den Müll wirft.
    Amateurerzeugnisse lassen sich genauso gut benutzen wie Profiware, davon bin ich überzeugt. Gerade dieses Indie-Feeling, Kunde zu sein, wo nicht jeder schon Kunde war. Obendrein an dem Produkt bloß sehr wenig von Interesse ist: Bestialische Morde müssen die Handlung voranpeitschen, bluttriefende Klingen und so, und der Kunde will umblättern können. Umblättern. Umblättern. Umblättern. „Abschalten“ will der Kunde. Kaum ein Kunde erinnert am Ende des Buchgebrauchs noch, um was es am Anfang ging.
    Der gemeine Kunde mag es „billig“. Darüber wundere ich mich, seit ich mit 18 in der Videothek bei den Erwachsenen stöbern darf: Low-Budget. Vorhersehbare Handlung. Action. Action. Action.
    Amateure müssen noch gewitzter werden in ihren Verkaufsversprechen, das ist wahr. Da viele Selbstverleger auf den Abverkauf nicht wirklich angewiesen sind, scheuen sie mitunter davor zurück, Laufkundschaft schamlos anzumachen.
    Ansonsten wird der immer zahlungsschwächer werdende Markt sich bald an einem „Geheimtipp“ nach dem anderen erregen. Aktuelles Angebot: Reader und fünfundzwanzig E-Books für 44 Euro!

  41. raaknor schrieb am 1. Mai 2013 um 19:16 Uhr

    Servus,

    zuerst einmal möchte ich mich bei Tom Liehr für den informativen Artikel bedanken. Es ist immer spannend, verschiedene Meinungen zu hören.
    In den letzten Beiträgen wurde bereits angeschnitten, dass Verlage oft bewährte Schienen fahren. Unlängst durfte ich in einem Schreibforum eine Diskussion mitverfolgen, in der ein Kleinverleger diese Sicht vertreten hat, und zwar recht überzeugend. Ich möchte nur zu bedenken geben, gerade darin könnte der Vorteil der Selbstverleger liegen. Werke strotzen manchmal vor frischen Ideen, die ein Verlag abgelehnt hätte, weil sie einfach zu riskant gewesen wären. Ich persönlich bin erst durch ungewöhnliche Geschichten von englischen Schreibplattformen zur Leseratte geworden (und infolge dessen zum Hobbytipper). Auch andernorts kam die Feststellung auf, Geschichten im Internet wären oftmals origineller als Schmöker aus der Buchhandlung. Stellt dies vielleicht einen Grund dar, warum Leser bereit sind, auch für handwerklich \’schlechtere\’ Texte Geld hinzulegen?
    Abseits davon möchte ich anmerken, der Artikel wirft in meinen Augen ein schlechtes Licht auf die Verlage. Werden die Selbstverleger runtergeputzt, impliziert dies, man sieht sich als etwas Besseres. Obendrein leuchten einem Bilder vom Mülleimern entgegen.

    Liebe Grüße,
    D.

  42. Harald Timm schrieb am 2. Mai 2013 um 00:03 Uhr

    Wer Geld verdienen möchte, sollte nicht schreiben, sondern anderen Leuten irgendetwas aufschwatzen und verkaufen. Natürlich immer dann am erfolgreichsten, wenn es wertloses Zeugs ist. Vielleicht Autos oder Wertapiere oder Versicherunsgpolicen oder so was.
    Wer “Erfolg” durchs Schreiben nach abenteurliichen Listen oder Leserzahlen für sich fest macht, kann auch bei DSDS vorsingen. Da gibt es wenigstens die Nervenzusammenbrüche der Kandidaten als Belohnung für die vage Hoffnung “vorn” zu landen. Insofern hat der Artikel völlig recht.
    Aber:
    Wer schreibt, sollte es nur tun, weil er es muss. Für sich. Nicht wegen eines zweifelhaften Wettbewerbs um Anerkennung.
    Und das ist eine gute Sache. Von mir aus für die Nachwelt, das ist nicht wichtig. Bei KDP veröffentlichen heißt ja kein Geld einzahlen zu müssen wie bei diesen Zuschussverlagen und vielleicht finden sich sogar 7 Leser, die es mögen. 7 Leser reichen völlig aus. Das ist aber auch nicht wichtig.
    Um Leser zu erreichen, kann man sogar mehrmals kostenlose Tagesanbote festlegen. Über die große Anzahl der Leute, die diese herunterladen, kann ich immer wieder staunen. Nach meiner Ansicht ist das wie das Internet überhaupt eine gute Zukunft für diese Form von Kreativität. Schreiben, veröffentlichen ganz demokratisch, um gelesen zu werden, nicht um Geld zu verdienen. Es wird noch viele Jahre dauern, aber es wird sich da am Ende in irgendeiner Form sogar Qualität durchsetzen. Klar, das meiste ist jetzt noch “Müll”, irgendwann spricht es sich herum, dass es kein Weg ist reich zu werden bzw. anerkannt – und übrig bleiben nur die, die schreiben müssen vielleicht… aber das sagte ich schon anfangs :-), so sollte es sein.
    Meine Honorare dort sind schon völlig überraschend hoch und befriedigend, wenn ich dafür mit einem guten Kumpel zweimal im Monat auf ein paar Biere gehen kann…
    Bei einem “richtigen” Verlag dagegen betteln zu gehen, wäre mir echt peinlich.

  43. Rouven schrieb am 2. Mai 2013 um 04:05 Uhr

    Zitat Harald Timm:
    “Wer schreibt, sollte es nur tun, weil er es muss.”

    Ich weis nicht so recht. Ich bin entschieden gegen Sklaverei.
    “Wer schreibt, sollte es nur tun, weil er es will,…”

  44. Sabine schrieb am 2. Mai 2013 um 10:46 Uhr

    Also, dann fasse ich Beitrag #42 einmal zusammen:

    Unschuldigen Zeitgenossen irgendeinen nichtverschriftlichten Müll aufzuschwatzen, ist cool.
    Unschuldigen Zeitgenossen Müll aufzuschwatzen, für den sie jahrelang bezahlen müssen, ist noch cooler.
    Sich per DSDS vor Millionen Zuschauern aus Geltungssucht oder Mami-hat-mich-nicht-lieb-deshalb-müsst-ihr-mich-liebhaben selbst zu demütigen, ist obercool. Vor allem, wenn der Selbstdemütigung ein Nervenzusammenbruch folgt.
    Sich selbst auszubeuten, weil man “schreibt, weil man muss” und trotzdem zwecks Notwendigkeit der Lebenserhaltung einen Fulltimejob braucht, folglich sein Schreibbedürfnis nur nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub befriedigen kann, weshalb das Privatleben gestrichen wird, ist am allercoolsten.

    Schreiben, um damit per KDP Geld zu verdienen, ist uncool.
    Schreiben, um damit bei Wettbewerben den ersten Platz zu besetzen, ist noch uncooler, denn dabei geht’s ja um Anerkennung und um sonst nichts.
    Sein Opus einfach mal ganz frech per KDP zu veröffentlichen und den Markt entscheiden zu lassen, ist alleruncoolst, denn dabei könnte ja ein wenig Kohle rübergefahren werden.

    Das darf jedoch nicht sein, denn wer sowas macht, der muss sein Opus entweder dem Markt kostenlos zur Verfügung stellen, oder er darf das auf diese uncoole Weise eingesammelte Geld ausschließlich in Biere mit Kumpel investieren.

    Zusammenfassung der Zusammenfassung:

    Auf ehrliche (!), unschädliche (!), sozialverträgliche (!) und demokratische Weise Geld zu verdienen, ist nur erlaubt, wenn dabei nicht mehr rüberkommt, als für zwei Bierabende mit dem Kumpel benötigt wird. Sollte dieser Betrag auch nur um einen Cent überschritten werden, ist das Opus sofort vom Markt zu entfernen oder zu verschenken.

    Und damit sind wir bei Tom Liehrs Artikel:

    Ich frage mich schon lange, weshalb etablierte Verlagsautoren so unsäglich giftig auf die KDP-Selbstveröffentlicher reagieren. Über die handwerkliche oder literarische Qualität der allermeisten selbstveröffentlichten Elektrobücher brauchen wir nicht zu diskutieren; da sind wir uns wohl alle einig. Weshalb aber sollten wir unzähligen Lesern verbieten, solche zweit- oder drittklassigen Bücher zu lesen? Sie wollen es doch ganz offensichtlich so haben; es zwingt sie ja niemand, sich das Zeug kostenpflichtig herunterzuladen. Eine ausführliche Leseprobe wird auch in jedem Fall angeboten – die Leute wissen also, was sie tun. Weil diese Sorte von Herunterladern sicher nie literarisch anspruchsvollere Bücher lesen würde, nehmen sie auch literarisch anspruchsvolleren Schriftstellern nichts weg. Sie verderben ihnen also keineswegs das Geschäft. Für das Sterben des Sortimentsbuchhandels kann man sie auch nur verantwortlich machen, wenn man die wahren Ursachen nicht sehen will – dieses Sterben begann ja immerhin schon vor dreißig Jahren.

    Vermutlich liegt der Hund ganz woanders begraben:

    Selbstveröffentlicher veröffentlichen ihr Zeug, obwohl keine anerkannte Autorität ihnen vorher die Genehmigung dazu erteilt hat. Sie machen einfach, was sie wollen, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten. Ein ungeheuerlicher Vorgang!

    Wer endlose Jahre schreibt und schreibt und schreibt, um das Handwerk zu lernen und von Tag zu Tag besser zu werden, wer dann trotzdem Absage auf Absage von allen auch nur halbwegs seriösen Verlagen kassiert (möglicherweise, weil das eigene Buch nicht der hundertste Abklatsch der Grauen Schatten oder die tausendste Kopie der Story über einen pubertierenden Zauberlehrling ist), der bekommt unweigerlich die Krise, wenn er jetzt mitansehen muss, wie einfach es doch sein kann, mit dem Schreiben wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Das darf nicht sein, denn wenn es mir jahrelang schlecht geht und ich mich jahrelang quälen muss, dann sollen sich alle anderen bitteschön mindestens genauso quälen. Wenn anerkannte Autoritäten in den etablierten Verlagen das Zeug dieser – von etablierten Verlagsautoren stets “Möchtegernautoren” und “Schreiberlinge” genannten – Menschen ablehnen, dann haben sie sich gefälligst und gehorsamst vom Markt fernzuhalten. Dass vielen Menschen dadurch die Lektüre von minderwertigem Zeugs unmöglich gemacht wird, obwohl sie sowas lesen wollen, spielt dabei keine Rolle. Schließlich handelt es sich bei Literatur um ein wertvolles Kulturgut und das muss gepflegt und geschützt werden. Solche Leute sollen dann entweder ihren jämmerlichen Bildungszustand aufmöbeln oder aufhören zu lesen.

    Demokratie und seelische Reife sehen anders aus.

    Apropos seelische Reife: Da las ich kürzlich in einem anderen Artikel hier auf dieser Website, dass ein guter Verleger einer ist, der nachts um drei seinen Autor von der Autobahn aufsammelt, wenn der dort mangels Sprit gestrandet ist. Mir fiel damals buchstäblich die Kinnlade runter. Sowas ist schlicht unkommentierbar. Diese Story fällt in dieselbe Kategorie wie diejenige über einen fertig ausgebildeten katholischen Priester, einen Gemeindepfarrer, die ich vor einigen Jahren irgendwo las. Dieser Priester reagierte vollkommen hilflos und wusste beim besten Willen nicht, was zu tun war, als im Winter in seiner Kirche die Heizung ausfiel. Von solchen unreifen Kleinstkindern in Erwachsenengröße will ich weder Absolution haben, noch will ich irgendwas von ihnen lesen.

  45. Frank Kandziora schrieb am 2. Mai 2013 um 12:25 Uhr

    Das Internet vergisst bekanntlich nicht. Darum habe ich mal einen Artikel der “Welt” aus dem Jahr 2006 ausgegraben, der nicht nur zum “sich beömmeln” ist, sondern auch ein Schlaglicht auf die kleinen Verlagszampanos wirft. Ich beömmel mich noch immer:
    http://www.welt.de/print-welt/article190459/Auch-Literatur-hat-ein-Verfallsdatum.html

  46. Frank Kandziora schrieb am 2. Mai 2013 um 12:49 Uhr

    Achtung!! Ich hatte den Kommentar zu hastig geschrieben. Diesen wertvollen Artikel habe nicht ich, sondern Isabell Schmitt-Egner, eine erfolgreiche Indie-Autorin (“Follower” – die Geschichte einer Stalkerin) noch im Gedächtnis. Ich bitte für diese missverständliche Formulierung “ich” um Entschuldigung.

  47. Sabine schrieb am 2. Mai 2013 um 14:00 Uhr

    @Frank Kandziora

    Das Peinliche an diesem Artikel und dem Test ist doch, dass der Artikel 2006 erschienen ist. V.S. Naipaul hat jedoch erst 2001 den Literaturnobelpreis bekommen – nur fünf Jahre vor dem Test und nicht etwa um 1950 herum. Die nicht vorhandene Belesenheit der getesteten Verlage und Agenten ist doch einigermaßen tragisch.

    Wenn die vier Lektoren des S. Fischer Verlags jedes Jahr mit 4.500 Manuskripten bombardiert werden, ist es schlicht ein Akt der Barmherzigkeit, diese armen überlasteten Menschen nicht noch mehr zu quälen, sondern seinen Krempel selbst zu veröffentlichen. Dann muss man sich auch nicht mehr grämen, dass die Praktikanten, an die die Lektoren ihre Arbeit delegieren und die selbst bestenfalls SMS und Tweets lesen, einen zukünftigen Bestseller nicht erkennen.

  48. Michael Blasius schrieb am 2. Mai 2013 um 15:22 Uhr

    Die Frage, die sich viele Autoren (und freie Lektoren, freie Übersetzter…) inzwischen stellen: Sind Verlage unsere Freunde? Und die Antwort fällt häufig negativ aus. Aktuell wird viel darüber nachgedacht, ob es nicht auch ohne die Verlage geht, die ihre Kernkompetenzen vernachlässigen, ihren Werbeetat in einige wenige Großprojekte stecken, die Honorare drücken und das Lekotorat outsourcen. Dafür soll ich mich als Schaffer eines Werkes mit knapp 10 Prozent vom Ladenpreis zufriedengeben? Früher fragte man, was die Verlage ohne die Autoren wären, heute lautet die gängige Einstellung: was seid ihr Autoren ohne uns Verlage? Eine harte Frage, und die Antwort wird womöglich den Verlagen nicht gefallen. Die Zeit wird es zeigen…

  49. Isabell Schmitt-Egner schrieb am 2. Mai 2013 um 16:33 Uhr

    Lieber Frank,
    den Artikel habe ich nicht ausgegraben, er ist aus einem anderen Forum. Auch ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken. Ist auch egal. Und so erfolgreich bin ich auch nicht, ich werds erst noch. Wenn man sieht, wie viel andere Selfpublisher verkaufen … aber damit sind wir wieder beim Thema. Ich habe mehr als einmal den Satz von Verlagsautoren gehört: “Von meiner Marge kann ich einmal mit Freunden nett essen gehen. Das wars.” Wer sich als Selfpublisher etwas anstrengt und sorgfältig arbeitet, der hat garantiert mehr davon als einmal nett essen gehen. Es gibt sehr viel mehr erfolgreiche bis sehr erfolgreiche SP als man denkt. Klar, dass das nicht jeder gern sieht, der mühsam die Verlage abtingelt, während der ambitionierte Selfpublisher bequem vom Sofa aus bei einer Tasse Kaffee sein Buch hochlädt. Und welche Argumente kann man schon bringen außer “Müll”?

  50. Cornelia Lotter schrieb am 2. Mai 2013 um 17:39 Uhr

    Lieber Michael Blasius, ich glaube, deine letzte Frage müsste umgekehrt lauten. :-)

  51. Thorsten Nesch schrieb am 3. Mai 2013 um 15:57 Uhr

    Was hat der Lottospielen und das Romanschreiben gemein?

    Man sollte weder das eine noch das andere des Geldes wegen tun.

    Bevor ich veröffentlicht wurde dauerte es 15 Jahre.

    Bis dahin habe ich selbstveröffentlicht (Literaturschmuggel ist nachzulesen auf meinem Blog), und ich höre gewiss nicht damit auf.
    Die Reaktionen der LeserInnen geben mir recht.

  52. Hexarkun schrieb am 3. Mai 2013 um 16:24 Uhr

    Wer entscheidet, was gute und was schlechte Literatur ist? Letztlich nicht der Autor oder der Leser, sondern der Verlag mit der größten Marketingkriegskasse.
    Was hier wohl schon für Perlen in der Einheitsmasse verloren gegangen sind? ;)

  53. Harald Baum schrieb am 4. Mai 2013 um 14:15 Uhr

    Ich wollte mich zuerst über diesen in meinen Augen recht einseitigen Meinungsartikel aufregen. Aber dann sah ich, wie die Verkaufszahlen von Tom Liehrs eigenem Self Publishing Buch (ja, der macht das auch) plötzlich rasant zunahmen.
    Also kann ich über den Artikel nur grinsen und frage mich, wann ihn Tom Liehr umschreiben wird. ;-) Böses böses Self Publishing aber auch!

  54. Tom Liehr schrieb am 4. Mai 2013 um 14:42 Uhr

    @Harald Baum: Nein, ich veranstalte KEIN “Selfpublishing”. Man sollte sich die Dinge schon etwas genauer anschauen, bevor man sie triumphierend als entlarvendes Beweisstück hervorzieht. ;) Der fragliche Titel ist über einen durchaus als solchen zu bezeichnenden Verlag veröffentlicht worden, der bei mir angefragt hat, ob ich noch etwas in der Schublade hätte. Und die Verkaufszahlen haben auch nicht jüngst “rasant zugenommen”. Der Text verkauft sich schon seit dem Herbst vergangenen Jahres kontinuierlich auf diesem Niveau.

    Ich verzichte an dieser Stelle darauf, Dieter Nuhr zu zitieren. :o)

    Herzlich,
    Tom Liehr

  55. Thorsten schrieb am 5. Mai 2013 um 23:17 Uhr

    Jenseits jeglicher Bewertung Ihres Beitrages, möchte ich zuerst gerne auf etwas Anderes hinweisen: Viele Menschen regen sich heutzutage über die verwaisten Innenstädte auf. Über Einkaufsstraßen, in denen jeder zweite Laden leersteht und die somit immer reizloser für ihre Besucher werden. Viele Branchen, welche vom Internethandel vollständig ausradiert wurden, kennen unsere Kinder doch nur noch vom Hören/Sagen. Wenn eines nicht allzu fernen Tages auch die Buchhändler komplett aussterben, geht damit nur eine weitere Branche vor die Hunde, die für meine Generation noch selbstverständlich ist.
    Schuld an der ganzen Entwicklung sind in meinen Augen allerdings die Verlage, denn auch dort geht es keineswegs um Qualität, sondern ausschließlich um ökonomische Gesichtspunkte. Eine Lektor kann heute nur noch schwer zwischen einer Perle oder Schund unterscheiden. Dafür bleibt ihm doch nicht einmal mehr die Zeit.
    Ich empfinde die Schilderung in Ihrem Beitrag als sehr einseitig und wenn man die Entwicklung in den USA betrachtet, dann auch als extrem weltfremd.
    Einen Grundsatz vergessen Viele: Der Markt wird von Angebot und Nachfrage bestimmt.
    Trotzdem ist Ihr Beitrag sehr interessant, denn er verdeutlicht, wie fest verwurzelt manche Einstellung noch ist und wie verzweifelt manch Einer an den guten, alten Zeiten festhalten möchte.
    Viel Glück dabei …

  56. Coralin schrieb am 8. Mai 2013 um 18:51 Uhr

    hm. Also Satzweiss als “Verlag” zu bezeichnen ist schon, naja, zumindest fragwürdig. Meines Wissens ist das ein reiner Distributionsdienstleister und arbeitet mit der Chichili-Agentur zusammen. Es gibt zwar eine Schmalspur-Redaktion, aber alle anderen Verlagsleistungen wie Pressearbeit, Marketing, Positionierung bei den Händlern gibt es m.W. nicht.

    Eigentlich wollte ich aber ganz was anderes anmerken: Amazon hat keinen Marktanteil von 70% – sondern eher um die 45 % – das sind die offiziellen Zahlen: http://www.boersenblatt.net/597708/ – und Selfpublisher kommen auch via neobooks, feir oder andere Distributoren zu allen anderen Händlern, sind also mitnichten nur auf den einen Händler beschränkt. Vielleicht schaffens diese Daten ja in den Antwort-Artikel ;).

  57. Jan Freisleben schrieb am 9. Mai 2013 um 18:44 Uhr

    Wow! – Lieber Herr Liehr und Kommentierende, das sind ja wirklich tolle Beiträge, denen ich in vielen Punkten zustimmen kann.

    Aber ich wundere mich schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr über die Menschen, die sich seit Jahrzehnten “ihr kleines Glück” durch die Vorfreude auf einen Lottogewinn erkaufen. Lassen wir ihnen doch ruhig diese kleine Freude und stellen sie nicht als “Volltrottel” hin; zumal sie damit ja auch eine “fast” gute Sache unterstützen: Immerhin bekommt der Staat durch diese “lieben Träumer” viele, viele Millionen Euro geschenkt.

    Aber selbstverständlich kann ich den Ärger und womöglich auch die Enttäuschung eines Schriftstellers verstehen (und den Neid, der sich ebenfalls, Hand aufs Herz, falls vorhanden, mit daraus ergibt), wenn dieser feststellen muss, dass es eine Plattform für “störende Schreiberlinge” gibt, die mit ihren Zeilen dann teilweise sogar noch mehr Geld verdienen, als ein armer Poet, der nur ca. 10 % vom Verlagsreibach abbekommt.

    Wer das Schreiben für sich als einzige Berufung erkannt hat und dazu über kein anderes Einkommen verfügt, als nur auf die Gnade seines Verlages angewiesen zu sein, der kann sich in seiner Not wirklich derartige Gedanken machen, wie hier auch der Autor Herr Liehr.

    Doch eines wundert mich schon sehr: Herr Liehr führt die “schlechten Müll-Romane” an (er hat es feiner formuliert), die den “Abverkauf” des “edlen Geschreibsel`s” behindern. – Dem kann aber doch wohl kein/e AutorIn zustimmen, welche/r sich mit ihrem/seinem “Herzblut” über einen teilweise jahrelangen Zeitraum dafür eingesetzt und es schließlich auch geschafft hatte, bis zum Ende durchgehalten zu haben, bis dass das “Werk” fertig war.

    Als ich vor Jahren einen historischen Roman, welcher nicht gerade meinen persönlichen Geschmack traf, dennoch bis zum Ende gelesen hatte, wurde ich dafür belohnt; da ich unter “Ende” den Eintrag “Gott sei Dank” fand – was aber noch nicht die Belohnung war, sondern darunter stand dann auch noch geschrieben: “Schreib deinen eigenen Roman und meckere nicht über die Werke anderer Autoren!” Das kann ich nur unterstreichen!

    Aber woher wissen eigentlich die “edlen Schriftsteller”, dass e-Books nur von schlechten Schreiberlingen verfasst worden sind? Sollten diese etwa alle tatsächlich meinen Roman: Ritterspiele – Eine Traumreise in die Vergangenheit? http://www.Ritterspiele-Buch.de gelesen haben? – Dann stände ihnen ein solches Urteil zwar zu (ich meine, man sollte sich persönlich nicht immer nur ernst nehmen, dabei bleibt der Humor gänzlich auf der Strecke), wobei ich, immerhin!, ein “echtes” Verlagsangebot nur deshalb abgelehnt hatte, da ich dazu auch gleich alle meine Rechte an meinem “Papier-Baby” mit hätte abgeben müssen. Und das ist ja gerade so, als würde man eines seiner Kinder adoptieren lassen!

    Da ich zum Glück nur ein sogenannter “reiner Spaßschreiber” bin und selbst keinen Anspruch auf die Zugehörigkeit zu denjenigen anmelde, die sich lauthals über andere Menschen, die sich, siehe oben, mit ihrem “Herzblut” an die Schreibarbeit begeben, hermachen, da diese ihnen so womöglich einen winzigen Krümel von dem Kuchen, der von den Verlagen an sie verteilt wird, wegnehmen könnten, freue ich mich über jedes verkaufte e-Book meines Romans wie ein Vater, dessen Kind das erste Zeugnis – völlig egal mit welchen Zensuren, wenn hoffentlich nur nicht sitzengeblieben! – mit nach Hause gebracht hat.

    Lasst Euch also nicht entmutigen! – Und wenn nur einer alleine Euer Buch lesen sollte … dann hat es sich schon gelohnt, es geschrieben zu haben … Sonst wäre dieses ja schließlich nicht möglich gewesen! Stellt Euch mal vor: im nächsten Jahrhundert, womöglich sogar noch in zwei oder drei Jahrhunderten, liest jemand, wenn auch nur durch Zufall, Eure Bücher und weiß so, dass Ihr gelebt hattet … Und hättet Ihr es nicht geschrieben, dann ist das fast so, als hättet Ihr niemals gelebt …

    Viel Spaß weiterhin beim frohen und teilweise auch mühevollem Schaffen wünscht Euch allen, ob Müll- oder Nobelpreis-AutorIn, Jan Freisleben

  58. Redaktion schrieb am 10. Mai 2013 um 00:35 Uhr

    Vielen Dank für die vielen Kommentare!

    Tom Liehr hat wie angekündigt einem Antwort-Beitrag geschrieben, daher schließen wir die Kommentare an dieser Stelle.

    Selbstverständlich kann beim neuen Beitrag »Suizid im Hirschkostüm« wieder kommentiert werden.

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