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Textkritik: Treppenwitze – Romananfang

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Die Julisonne lässt das Wellblech der Unterstände knacken, wo früher die Angebote eines dubiosen Gebrauchtwagenhändlers auf Käufer warteten. Jetzt steht das Gelände leer. Die Zeit zieht hier nur noch an einer Ansammlung rostigen Geräts undefinierbarer Bestimmung und der altmodischen Zapfsäule in ihrem stumpfen Grün vorbei. So wie die Autos an Ruth und Marie vorbeiziehen, die vor dem Gelände in einer Parkbucht der Bundesstraße nach Bonn eifrig die Daumen heraus halten und die Insassen der Fahrzeuge freundlich anlächeln. Bevor sie aufgebrochen sind, haben sie die Spülmaschine ausgeräumt, das Wohnzimmer gesaugt, eine Maschine Wäsche angestellt und vorsichtshalber zusätzlich das Bad geputzt und die Haustürklingel mit dem Namensschild aus Messing poliert. Auf dem Küchentisch haben sie einen Zettel hinterlassen: Sind mit Simone und Claudia ins Jugendzentrum gegangen und spätestens um 18.30 Uhr wieder zu Hause. Und dann nichts wie ab nach Bonn auf die Hofgartenwiese, wo sich das Leben abspielt.

Die Autofahrer sind heute sehr stur. Gegen den Frust und die zähe Wartestellung beginnt Marie, hessisch zu sprechen. Sie hat ein außerordentliches Talent für Dialekte, vor allem für das Hessische und das Sächsische. »Ei du klaans gälwes Audohsche, nu halt doch emol.« Das gelbe Auto blinkt tatsächlich und fährt auf den Parkstreifen, aber als Ruth und Marie sich anschicken hinzulaufen, winkt die Fahrerin ab. Sie will auf den gegenüberliegenden Friedhof und stellt bloß ihr Auto ab. Endlich hält ein Familienvater in einem dicken Peugeot, der sie bis zur Kennedybrücke in Beuel mitnehmen kann. Er nehme immer die jungen Leute mit, erzählt er, er habe selber zwei Kinder, an die müsse er immer denken usw. Ruth und Marie kennen diesen Gesprächsverlauf und führen während der nächsten 15 Minuten eine nichts sagende, aber freundliche und entspannte Unterhaltung.

Der Hofgarten ist enttäuschend, weder Simone und Claudia, noch Uwe oder Jan tauchen auf. Nur ein junger Obdachloser gesellt sich zu ihnen und kaut ihnen ein Ohr ab, versucht sie mit einer Postkarte zu beeindrucken, die Ernst Bloch ihm angeblich geschickt hat, und behauptet schließlich, er liebe Ruth. »Völlig bescheuert«, sagt Ruth, »Was soll der Quatsch?«. Sie wollen, dass dieser Kerl sie in Ruhe lässt, es reicht, wenn die Mutter sie ständig vollquatscht. Letztlich gelingt es dem Aufdringling, Ruth ihr letztes Geld aus den Rippen zu leiern, weil er Hunger habe und sich eine Wurst kaufen wolle, die koste zweiachtzig. Ruth hat nur noch ein Fünfmarkstück, selbstverständlich wird der den Rest sofort zurückbringen. Selbstverständlich tut er genau das nicht. Ruth erwartet es auch nicht wirklich, ist aber trotzdem ein wenig überrascht.

Es ist 17.30 Uhr, eigentlich müssten sie sich nun auf den Heimweg machen, aber sie hoffen zu sehr, dass doch noch etwas Erfreuliches passiert und so bleiben sie noch eine Viertelstunde auf der Wiese sitzen, drehen eine letzte Zigarette und verlängern ihren Aufenthalt um weitere 10 Minuten. Um 17.55 Uhr brechen sie hektisch auf, im Laufschritt geht es zur Trampstelle an der Kennedybrücke. Sie sind jetzt sehr nervös, am Morgen war die Mutter zwar halbwegs gelaunt, aber das heißt nichts für den Abend. Die Autos der ersten Ampelphase rauschen vorbei, die der zweiten und dritten ebenfalls.

Die Uhr zeigt 18.10 Uhr, sie überlegen schon, ob sie noch genug Geld für die Straßenbahn haben und wann die nächste wohl fährt, da hält ein weißer Mercedes mit zwei Männern an. Der jüngere Fahrer sieht sympathisch aus, aber der ältere Schnauzbärtige auf dem Beifahrersitz wirkt nicht gerade Vertrauen erweckend. Ruth gibt einen leisen angewiderten Ton zwischen Ä und Ü von sich, als der der Ältere schon die Tür öffnet und sie nach ihrem Ziel fragt. Mit einem kurzen, für Außenstehende kaum wahrnehmbaren Blickwechsel verständigen Ruth und Marie sich, den Lift zu nehmen, keinen Nerv auf Höllengezeter zu Hause. »St. Augustin«, sagt Ruth. »St. Augustin«, wiederholt der Schnauzbärtige zum Jüngeren gewandt, »kommen wir da durch?« »Ja, liegt auf der Strecke.« Kaum sind sie eingestiegen, bietet der Schnauzbart ihnen Zigaretten an. Sie lehnen ab. »Raucht ihr etwa nicht?« »Doch, doch, aber nur Selbstgedrehte.« »Keine Ausnahme?« »Nein, Filterzigaretten schmecken nicht.« Der Schnauzbart zündet sich eine Marlboro an, die Ruth und Marie sehr wohl ab und an ganz gerne rauchen, und fordert seine Gäste auf, sich doch einfach eine zu drehen. Dabei wendet er sich ihnen die ganze Zeit so weit zu, wie es die Gegebenheiten erlauben, und da er keinen Sicherheitsgurt angelegt hat, kann er sich recht weit herumdrehen. Aus Höflichkeit und Verunsicherung holen Marie und Ruth ihre Tabakpäckchen hervor. Als der Schnauzbart die Blättchenpackungen mit den abgerissenen Deckeln sieht, lässt ein breites Grinsen seine Goldzähne blitzen. »Hab’ ich’s mir doch gedacht, dass meine beiden Hübschen hier kiffen.« Ruth und Marie müssen sich sehr zusammenreißen, um ihre aufwallende Angst nicht zu deutlich zu zeigen.

© 2010 by Dorothée Leidig. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Präzise, Lebendig, humorvoll: So wünsche ich mir Romane!
Die wenigen negativen Kritikpunkte sind absolut marginal!

Die Kritik im Einzelnen

Das ist schon mal ein sehr guter Anfang: Statt von einem heißen Juli zu faseln, wird dem Leser die Intensität der Sonne akustisch verdeutlicht, und auch die dubiose Gegend wird klar, wo der Roman seinen Anfang nimmt! zurück
Ist die Zeit grün? Zumindest kann der Satz so verstanden werden, da sowohl Zeit als auch Zapfsäule weiblich sind und in ihrem stumpfen Grün auf beide bezogen werden kann; durch eine einfache Umstellung ließe sich das vermeiden: Die Zeit zieht hier nur noch an einer Ansammlung rostigen Geräts undefinierbarer Bestimmung vorbei und der altmodischen Zapfsäule in ihrem stumpfen Grün. zurück
Und wieder wird lebendig erzählt statt öde berichtet: Ein mündiger Leser kann hier seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen: Ruth und Marie sind also wohlerzogene Geschwister, die im Haushalt mithelfen und den offenbar berufstätigen Eltern (oder nur ein Elter?) Bescheid geben, wo sie sich aufhalten. Diese(r) Elter(n) sind wohl streng, denn es werden vorsichtshalber noch das Bad geputzt und – nachgeradezu komisch, weil den beiden nichts Wichtiges mehr einfällt – das Messingtürschild poliert, damit die von der Arbeit Zurückkehrenden strahlend begrüßt werden … Sicher dient das auch einer möglichen Beschwichtigung, denn sie lügen ja, was ihren Aufenthaltsort angeht! Das alles sagt viel mehr über die Beziehung aus als eine dröge Aufzählung von Charaktereigenschaften! zurück
Industrieruine und gegenüber ein Friedhof: Kein Wunder, dass sich da das Leben nur woanders abspielen kann! Und da sich der ehemalige Gebrauchtwagenmarkt im Rücken der Geschwister befindet, bekommt das Knacken des Wellblechs noch eine logische Begründung im Nachhinein – hier hat der Erzähler eine klare Vorstellung von der beschriebenen Örtlichkeit – auch DAS ist leider häufig nicht der Fall! zurück
Das ist etwas ungeschickt formuliert, da hier Simone und Claudia als Einheit behandelt werden (zudem müsste das Komma nach Simone entfallen) – besser wäre eine Steigerung, denn es scheint, als seien Uwe und Jens der eigentliche Anlass für den Hofgartenbesuch: weder Simone noch Claudia noch Uwe oder Jan tauchen auf. zurück
Ein Ohr abkauen, vollquatschen, aus den Rippen leiern: Dieser Jargon ist eine Gratwanderung – es sei denn, hier würde die Erzählperspektive gewechselt, was sich letztlich erst im Gesamtroman zeigen kann: Immer wenn der Leser die Gedanken und Gefühle der Geschwister unmittelbar beobachtet (weil der Erzähler ihn daran teilhaben lassen will), müssten dieser Jargon verwendet werden. zurück
Spielt das Stück in unserer Vergangenheit bzw. wurde hier ein älterer Text eingesandt? Sollte der Text heute spielen, müsste es sinnvollerweise „Fünfeuroschein“ heißen – im anderen Fall wäre zu überprüfen, welchen Jargon Jugendliche anno dunnemals gepflegt haben. zurück
Die Eltern bekommen mehr Konturen: Es scheint nur ein Elter zu geben, nämlich die berufstätige Mutter. Das wirft automatisch die Frage nach dem Erzeuger bzw. Vater auf und weckt so Interesse. Freilich hätte das auch gleich am Anfang berichtet werden können – aber warum? Die Mutter wird jetzt wichtig für die beiden – es gab keinen Grund, sie vorher zu erwähnen! zurück
a name=“b10″>In diesem kleinen Satz drängeln sich gleich drei Uhren: nämlich eine Uhr, die achtzehn Uhr zehn Uhr zeigt. Die letzte ließe sich problemlos entfernen: »Die Uhr zeigt 18.10.« Die zweite Uhr entsteht lediglich im Kopf und ist wohl kaum wegzubekommen, es sei denn durch angestrengte Formulierungen wie »Die Zeiger wiesen bereits auf zehn nach sechs« oder »die Uhr zeigte zehn nach sechs« – was überhaupt nicht passte, da zuvor die Uhrzeit ebenfalls in Ziffern angegeben wurde. zurück
Ein unsympathischer Mensch mit Goldzähnen – das klingt verdächtig nach einem Gangster-Klischee! Allerdings lässt sich das hier noch nicht eindeutig feststellen, da wir ja nicht wissen, wie der Roman weiter geht! Vielleicht entpuppt er sich ja als ein netter Mensch – dann wäre das Klischee bewusst verwendet worden. zurück

Rede: Warum man in der Schule das Schreiben nicht lernt

Kloster ObermachtalIm barocken Spiegelsaal der Klosteranlage Obermachtal auf der Schwäbischen Alb wurden gestern, am 15. Juli 2010, die Gewinnerinnen und Gewinner des 1. Schreibwettbewerbs der Stiftung Katholische Freie Schule der Diözese Rottenburg-Stuttgart bekannt gegeben. »Reisen« lautete das Thema zu dem 27 Schulen insgesamt 76 Prosa-Texte eingereicht hatten. In vier Altersgruppen wurden je drei Preise überreicht, zudem vergab die Jury einen Sonderpreis. Über 100 Schüler, Lehrer, Eltern und Gäste waren bei der Preisverleihung dabei.

Das literaturcafe.de unterstützte den Schreibwettbewerb als Sponsor, und Herausgeber Wolfgang Tischer war Mitglied der fünfköpfigen Jury.

In seiner Rede als Jurysprecher fasste Tischer die Arbeit der Preisrichter zusammen und berichtete von persönlichen Eindrücken. Zwischen dem Schreiben, wie man es in der Schule gelehrt bekomme und dem Schreiben, wie es später in speziellen literarischen Schreibschulen vermittelt werde, bestehe durchaus ein großer Unterschied, so Tischer.

Nicht alles, was man in der Schule lernt, ist fürs literarische Schreiben optimal.

Video: Wie Sie Gewinnspiele im Web erfolgreich umsetzen – Tipps nicht nur für die Buchbranche

Gewinnspiele im Internet: Tipps, Hinweise, WarnungenGewinnspiele im Internet sind bei Teilnehmern und Veranstalter gleichermaßen beliebt. Verlosungen scheinen ein billiges Mittel zu sein, um ein Buch, einen Autor, eine Facebook-Site oder eine Homepage bekannt zu machen. Und die Web-Surfer lassen sich bereitwillig locken.

Doch viele Gewinnspiele erfüllen trotz mehreren Tausend Teilnehmern nicht ihren Zweck. Bei der Konzeption oder der technischen Umsetzung wurden entscheidende Fehler gemacht.

Wolfgang Tischer, Herausgeber von literaturcafe.de, hat beim BuchSW-Branchentreffen am 30. Juni 2010 die wichtigsten Tipps, Hinweise und Warnungen zum Thema Gewinnspiele zusammengefasst. Die Anregung dazu kam aus dem Teilnehmerkreis.

Wer nicht vor Ort sein konnte, der kann sich den Vortrag hier auf literaturcafe.de als halbstündiges Video ansehen oder sogar für unterwegs als Video- oder Audio-Datei aufs iPhone oder den iPod laden.

Die Tipps für die Konzeption erfolgreicher Gewinnspiele helfen nicht nur Verlagen oder Buchautoren, sondern allen, die Gewinnspiele im Internet durchführen wollen.

Buchtipp: Wie man den Bachmannpreis gewinnt

Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt»Mit der DDR sind die aus der BRD immer noch leicht zu kriegen.« Mit dieser Feststellung aus ihrem Ratgeber »Wie man den Bachmannpreis gewinnt« hat Angela Leinen auch in diesem Jahr Recht behalten. Der Hauptpreis beim alljährlichen Wettlesen in Klagenfurt ging an Peter Wawerzinek, der eine Kindheit in der DDR beschreibt.

Doch das Buch von Angela Leinen mit dem Untertitel »Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben« will kein Kriterienkatalog für den Preisgewinn sein, wie etwa die Automatische Literaturkritik der Riesenmaschine. Leinens Buch ist eben so wenig eine humoristische Anekdotensammlung noch eine Art Geschichtsbuch über Preisträger und Jury-Mitglieder.

Nein, Angela Leinens Buch »Wie man den Bachmannpreis gewinnt« ist ein hervorragender und intelligenter Ratgeber für literarische Texte, der Gutes und Schlechtes anhand von Bachmannpreistexten aufzeigt. So hilft das Buch Autoren und Lesern gleichermaßen.

Textkritik: Wenn ein Roman zu viel erzählt

Ein SchreibStar erklärt nicht vielDie fünfte Kritik eines Romananfangs ist online. In Kooperation mit dem Verlag Nagel & Kimche werden insgesamt sechs Kritiken von Malte Bremer auf SchreibStar.tv zu lesen sein, der Website zum aktuellen Roman »Möchtegern« von Milena Moser.

Die aufgezeigten Fehler im heutigen Text sind symptomatisch, und man findet sie bei vielen Schreibanfängern, die sich an einem Roman versuchen. Anstatt mitten in die Handlung zu springen und den Leser dorthin mitzunehmen, wird dieser sofort ausgebremst, indem lang und floskelhaft erzählt wird »was bisher geschah«. Nebenbei bemerkt: auch langatmige Prologe und Vorbemerkungen sind bei Schreibneulingen beliebt – nicht jedoch beim Leser.

Erklären und erläutern sind typische Schreibanfängerfehler. Die Leserin oder der Leser ist klüger als Sie glauben!

Zur Textkritik zu »Schönenbergers« »

Textkritik: Schönenbergers – Romananfang

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Montagmorgen, 8 Uhr früh. Hatte zufällig noch einen freien Parkplatz erwischt, vor dem Spital, rannte auf den Eingang zu, wo mich die automatische Schiebetür zu einem kurzen Halt zwang. Beim Empfangschalter wurde ich zum zweiten Mal gezwungen, anzuhalten, ich stammelte:  »Joseph? Joseph McPhee? Mein Sohn. Er wurde gestern Abend eingeliefert.« »1. Stock, Zimmer 101.« Die Dame schien meine Verunsicherung zu bemerken, nickte mir kurz aufmunternd zu, dann wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Ich hatte fast kein Auge zugetan letzte Nacht. Sie hatte sich dahin gezogen. Und hatte mich durch alle Ebenen stürzen lassen. Schweißgebadet wälzte ich mich in meinem Bett hin und her. Schreckliche Gedanken quälten mich, klammerten sich fest. Es waren Fragen über Fragen. Ich machte mir schreckliche Vorwürfe. Ich machte Wilfred, meinem Mann schreckliche Vorwürfe. Was wäre gewesen, wenn … Hätte ich doch .. Hätten wir doch … Am Ende blieb mir nur noch eine Frage, was sage ich morgen zu Joe, wenn ich zu ihm gehe? Was sagt man überhaupt zu seinem Kind in solch einer Situation? Ich rang verzweifelt nach Worten, lebensbejahenden Worten, – drehte und wendete sie. Bis ich sie fand. Die richtigen Worte. Ich wurde ruhiger und schlief wenigstens ein bisschen. Mein Sohn musste wegen einer Überdosis an Tabletten ins Spital eingeliefert werden. Ich dachte immer, so was komme in Filmen, im Fernseher, in Büchern vor, aber nicht in Wirklichkeit, nicht in meiner Wirklichkeit, bis jetzt, bis gestern Abend, bis es passierte. Auch jetzt konnte ich es noch nicht fassen. Es fühlte sich so unwirklich an, wie ich auf das Zimmer 101 zulief, kurz anklopfte, dann eintrat – die Tür hatte offen gestanden -. Da fand ich Joey wieder, in dem einzigen Bett in diesem Zimmer, eingebettet in weißem weichen Bettzeug. Sein Gesicht mit dem hellen Haarwuschel erschien mir bleich, seine Nase breiter, seine Gesichtszüge markanter, ein anderes Mal waren sie weicher. Von seinen Lippen kam ein schwaches, aber deutliches »Hallo Mam«. »Wie geht es Dir?« Ich fasste nach seiner Hand. Das tat gut, seine Hand in meiner. Eine robuste Pflegefachfrau trat hinzu mit frischem Tee, freundlich lächelnd sagte sie, »Guten Morgen, Frau McPhee? Josephs Mutter? Hab ich Recht?« Mit einem Anflug von Trotz bejahte ich, »das bin ich, Joes Mutter.« Wilfred, mein Mann, hätte das gar nicht gerne gehört, diesen Namen, meinen früheren Namen. Aber er war nicht da und er würde auch nicht kommen. Ich fühlte mich sicher. Sie fuhr fort: »Joseph hat alle paar Stunden Kohletabletten mit Flüssigkeit verabreicht bekommen, zur Beruhigung seines Magens. Die Nacht war wohl etwas kurz, aber sonst, denke ich, geht es meinem Patienten heute Morgen schon wieder viel besser, nicht wahr, Joseph?« und hakte mit einem fröhlichen Zwinkern nach, »Ruh dich erstmal aus.« »Und, Frau McPhee, Doktor Brunschweiler wird bald eintreffen, falls Sie auf ihn warten möchten.« »Ja, ich bleibe noch ein bisschen.« Dann verabschiedete sie sich: »Ich gehe jetzt nach Hause. Wie ich mich auf mein Bett freue! Alles Gute. Mach’s gut, Joseph.« Beneidenswert, die sprudelnde Fröhlichkeit dieser Frau trotz eines langen harten Dienstes! Ob sie wohl auch Kinder hat? Sie wäre eine gute Mutter. Da war ich mir sicher. Geduldig, bestimmt, fröhlich. Nicht so wie ich. Ich hatte plötzlich das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. Als Mutter versagt zu haben. Ich konnte nun endlich sagen, was worüber ich mir letzte Nacht den Kopf zerbrochen hatte, »Bitte, mach das nie wieder! Versprich es mir, ja?«»Ja.« Es war ein leises, aber deutlich hörbares Ja. Das wollte ich hören. In diesem einen Moment. Mehr nicht. Es war, wie wenn wir an einer Weggabelung angekommen waren, müde und erschöpft. Wir wussten beide nicht mehr weiter. Hatten hart gekämpft, jeder auf seine Art (und Weise). Nun gönnten wir uns eine Verschnaufpause. Im Spital. In diesem einen Zimmer, mit Blick auf das Dächermeer der Stadt, der riesigen Apparatur in der einen Ecke, vom Gang her das unverkennbare dumpfe Aufeinanderklatschen von sich nähernden und wieder entfernenden in Pantoffeln steckenden Füßen, dem fernen Klingeln eines Telefons, dem gedämpften Stimmengewirr, hie und da verhaltenes Gekicher. Da fühlten wir uns geborgen, ungestört, ganz einfach legitimiert zusammen zu sein. Zuhause war das schwierig geworden, zeitweilig fast unmöglich. Es klopfte. Dr. Brunschweiler, Joes behandelnder Arzt stand neben uns, begrüßte uns mit einem festen Händedruck. Wir kannten uns, hatten gestern Abend miteinander telefoniert. Er kam gleich zum Kern der Sache, Joseph werde vorübergehend in die Psychiatrie verlegt. Zur Überwachung und weiteren Abklärungen. Joes Lächeln verschwand. Er fuhr unbeirrt fort, versuchter Suizid, das erfordere, er wiederholte, eine Einweisung in die Psychiatrie. Die übliche Handhabung. Zum Wohle des Patienten. Das saß. Das Schreckgespenst hatte einen Namen bekommen. Suizidversuch!

© 2010 by Bernadette Scheuber. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Standardanfang und Leserbevormundung: So wird das nichts!
Gefühle der Protagonisten des langen und breiten schildern, statt Gefühle im Leser zu erzeugen; einen Text anfangen und sofort unterbrechen, um zu erläutern, was »vorher« gewesen ist, statt das im Laufe des Textes anhand der Entwicklung der Charaktere zu zeigen; einen Text assoziativ verfassen, ohne klaren Plan, sodass sich Widersprüche und Ungereimtheiten ergeben …

Die Kritik im Einzelnen

Da haben wir gleich drei Anfänge auf einmal: den des Romans, den der Woche und den des Tages – das ist ein bisschen viel! Ich würde das streichen – komplett! zurück
Woher will die Protagonistin das wissen? Sie arbeitet nicht im Spital – es könnte ja sein, dass da immer Parkplätze frei sind! Und da es um Eile geht (wie das fehlende Subjekt zu Recht suggeriert), wäre glücklicherweise besser geeignet: Dann hätte die Protagonistin zuvor Angst gehabt, sie müsste nach einem Parkplatz suchen! zurück
Was nun folgt, ist kein stammeln – es sind vollständige Wörter. Das klingt von selbst aufgeregt, ohne dass es betont werden müsste; Also: kein »ich stammelte«, sondern direkter Anschluss der direkten Rede. zurück
Wieso freut sich die Protagonistin nicht einfach über das aufmunternde Nicken, statt sich in überflüssigen Mutmaßungen zu ergehen? Die Dame nickte mir aufmunternd zu – und fertig! zurück
Von hier bis da empfehle ich dringend eine vollständige Streichung! Bislang haben wir den Eindruck von einer aufgeregten Person, die im Spital zu ihrem Sohn will. Warum die Person aufgeregt ist, wissen wir auch: Der Sohn wurde am Abend zuvor eingeliefert. Jeder, der seine 7 Zwetschgen beieinand hat, kann sich denken, wie es diesem Menschen in der Nacht ergangen ist, denn problembeladene Nächte kennt jeder!
Offenbar ist der Ich-Erzähler jedoch ganz anderer Meinung und breitet die ganze Palette ausgelutschtester Klischees aus, was ein Mitfühlen schon im Ansatz verhindert: fast kein Auge zugetan, schweißgebadetes Herumwälzen, schreckliche Gedanken, Fragen über Fragen, man hätte, was soll ich dem anderen sagen, so was komme immer nur in Filmen, im Fernsehen in Büchern vor …
Aufgabe eines Textes ist es, dem Leser Gefühle zu ermöglichen oder Gefühle in ihm zu erzeugen, und nicht, die der Protagonisten auszuwalzen. zurück
Wenn das Vorige gestrichen ist, sollte hier zum besseren Verständnis Joeys Gesicht stehen. zurück
Dieses »ein anderes Mal« gibt Rätsel auf: Wechselt die Wahrnehmung seiner Gesichtszüge? Erscheinen sie der Mutter einmal markanter, dann wieder weicher? Waren sie sonst weicher als jetzt, wo sie markanter sind? Im ersten Fall müsste es im Satz logisch heißen: »erschien[en] […] seine Gesichtszüge mal markanter, mal weicher«, im zweiten Fall wäre weicher zu streichen, da es automatisch in markanter enthalten ist und somit nur noch redundant wäre. Aber »ein anderes Mal« hat hier keinen erkennbaren Sinn. zurück
Wieso Frau McPhee die Frage nach der Mutterschaft mit einem Anflug von Trotz bejaht, kann ich nicht nachvollziehen, denn eine Mutterschaft ist schließlich immer fraglos! Allerdings sollte sie als Mutter sich entscheiden, wie sie ihren Sohn nennt: Taufnahme ist wohl Johannes – aber nennt sie ihn nun Joe oder Joey? Bekommt er zwei Namen wie die Hunde, nämlich einen, wenn er brav ist, und einen anderen, wenn er ermahnt werden muss? zurück
Das wissen wir bereits: Der Mann hätte das nicht gerne gehört, aber er würde auch nicht kommen! Folge? Eben – also streichen! zurück
Warum redet sie nicht einfach weiter? – Es hört sich an, als habe sie den Gedanken der Protagonistin zugehört, bevor die weiterredet … Streichen! zurück
Wenn Medikamente verabreicht werden, geschieht das nach den Anwendungsvorschriften – die müssen aber in einem Text nicht mitgeliefert werden. zurück
Das ist kein Nachhaken – denn sie will ja nicht etwas genauer wissen -, sondern ein Aufforderung oder ein Rat! Ich würde den ganzen Satz streichen und die Pflegekraft sich gleich an die Mutter wenden lassen. zurück
Wieso wird das bisschen hier so betont? Ist ihr Joe oder Joey so unwichtig, dass sie nur noch ein bisschen bleiben will? zurück
Und wieder ein völlig überflüssiger Hinweis: Die Pflegekraft sagt es doch direkt anschließend! zurück
Auch hier: zu viel! Nach der Charakterisierung der Pflegekraft bezüglich derer vermuteten Mütterqualitäten folgt ein völlig ausreichendes, lapidares »Nicht so wie ich« – das muss nicht mehr erläutert werden! Folge? Streichung bis hier! zurück
Da der Text im Präteritum verfasst wurde, ist hier Vorzeitigkeit angesagt, da sie es ja gehört hat: »Das hatte ich hören wollen«. zurück
Diese beiden Sätzlein bringen nicht Erhellendes – warum also nicht einfach streichen? zurück
Auch die Weggabelung (oder Kreuzung) ist ein ziemlich abgegriffenes Bild – aber lassen wir das einmal beiseite; sinnvoller wäre in jedem Falle, dass beide nicht wussten, wohin, und sich deswegen eine Verschnaufpause gönnten – auf das Kämpfen kann dabei getrost verzichtet werden. zurück

Apples iBooks: 10 Tipps und Warnungen fürs Lesen auf dem iPhone

Books - Die Zukunft des Lesens sieht aus wie ein IKEA-RegalAb sofort steht Apples eBook-Lesesoftware »iBooks« für alle iPhones und fast alle iPod-touch-Modelle und natürlich fürs iPad bereit. Parallel dazu öffnet sich in Deutschland Apples eBook-Store für die mobilen Geräte, sodass Bücher gekauft und heruntergeladen werden können. Steve Jobs rühmte sich auf der Entwicklerkonferenz am 7. Juni 2010 in San Francisco damit, dass Apple nun der weltweit größte Buchhändler für elektronische Bücher sei.

Zum Start in Deutschland ist die Zahl der aktuellen, käuflichen eBooks noch gering, doch immerhin sind beispielsweise die Bestseller-Krimis von Stieg Larsson mit dabei.

literaturcafe.de zeigt Ihnen, wie Sie iBooks auf dem iPhone oder iPod touch installieren und gibt Tipps fürs Lesen auf dem Apple-Handy.

Zuschussverlage sind keine Verlage, meint Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Quelle: wikipedia.de)
Quelle: wikipedia.de

Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hat eine viel beachtete Rede zum Urheberrecht gehalten. Besser als diese nichtssagende Phrase lässt sich der Inhalt ihrer Worte vor der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eigentlich nicht zusammenfassen. »Buzzword-Bingo«-Spieler hätten ihre Freude gehabt.

In der Rede war so ziemlich alles drin, doch nichts gesagt und bloß nichts konkret festgelegt. Die vielfältigen Reaktionen auf die Rede zeigen, dass jeder das heraushören konnte, was ihm urheberrechtlich in den Kram passt.

Und trotz Leutheusser-Schnarrenbergers konkreter Feststellung: »Wir können nicht einfach die Mechanismen der analogen Welt eins zu eins auf die digitale Welt übertragen« wurde zwischen den Zeilen deutlich: »… aber wir werden es dennoch versuchen«.

Mehr verblüffte ein Detail am Rande: So ganz nebenbei definierte die Justizministerin den Begriff »Verlag« und machte deutlich, dass sie Zuschussverlage und Selbstzahlerverlage nicht als Verlage betrachtet.

SchreibStar und Textkritik: Gründen Sie eine Schreibgruppe in Meschuggistan

Website: SchreibStar.tvFür den Schweizer Verlag Nagel & Kimche (zu Hanser gehörend) hat das literaturcafe.de die redaktionelle Betreuung der Website SchreibStar.tv übernommen. Die Website stellt Milena Mosers Roman »Möchtegern« vor, in dem es um eine fiktive TV-Castingshow für Schriftsteller geht. Im »Trainingscamp« auf der Website kann man sich selbst in Schreibaufgaben aus dem Buch versuchen.

Heute startet die 7. und letzte Runde, die bis zum 4. Juli 2010 läuft. Die Schreibaufgabe lautet: »Gründen Sie eine Schreibgruppe« – natürlich nur auf dem Papier und nicht länger als 1.500 Zeichen. Die Teilnehmer aller 7. Runden können einen eintägigen Schreibkurs mit Milena Moser in der Schweiz gewinnen – Anreise und Hotel inklusive.

Außerdem bespricht unser Kritiker Malte Bremer exklusiv sechs Romananfänge, die man ihm zusenden konnte. Seit letzte Woche ist Kritik 4 online. Diesmal fiel sie wieder sehr positiv aus. Lernen Sie aus der »Reise nach Meschuggistan«.

Zur Website SchreibStar.tv mit Schreibaufgabe und Textkritik (archive.org) »

Textkritik: Reise nach Meschuggistan – Romananfang

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Glas klirrte. Es klirrte in einer Weise, die allen Hörenden aufzeigte, dass soeben ein Mann mit drängenden Fluchtgedanken durch die dünne Fensterscheibe der alten Bibliothek gesprungen war. Ein Pferd wieherte überrascht – vermutlich weil ebenjener Mann auf seinem Rücken gelandet war – und dann hörten die Mönche des Konvents der Wortreichen Brüder nur noch das sich schnell entfernende Geklapper beschlagener Hufe.

Bruder Bibliothekar, Bruder Schreiber und der Novize standen beieinander und beugten sich vorsichtig aus dem Fenster.
»So was«, meinte Bruder Schreiber.
»Ja, sehr ärgerlich«, antwortete Bruder Bibliothekar.
»Müssen sie immer durch das Fenster springen?«, schimpfte Bruder Schreiber. »Das ist das dritte Mal in diesem Jahr, dass Bruder Glaser es ersetzen muss.« Bruder Bibliothekar nickte betrübt.
»Ein Glück, dass Bruder Glaser sehr dünnes Glas verwendet.«
»Oh ja!«
»Das verstehe ich nicht.« Der Novize runzelte die Stirn. »Würde er stabileres Material verwenden, würde die Scheibe doch gar nicht erst brechen.«
»Ha! Einmal hat er es versucht. Der arme Mann, der sich mit Regulus Regastius’ Miserablen Memoiren absetzen wollte, knallte im vollen Lauf dagegen. Die Scheibe hatte trotz allem einen langen Riss und der Dieb … nun ja, es heißt er könne inzwischen wieder einigermaßen deutlich sprechen. Allerdings stottert er noch immer.« Bruder Schreiber schüttelte den Kopf.
»Was hat er eigentlich gestohlen?«
»Das wertvollste Artefakt in unserem Besitz natürlich«, antwortete Bruder Bibliothekar
»Ach, den Atlas der alten Titanen?«
»Nein, natürlich nicht. Dieses Werk ließe sich kaum von einem einzigen Mann transportieren.«
»Dann das Dynastisch-Dämonische Verzeichnis Dämlicher Monarchen
»Nein!«
»Vielleicht das Apo’kryptische Apo’stroph
»Oh, ich weiß es«, beteiligte sich der Novize an dem Ratespiel. »Es ist Madame Elegancias Bilderbuch des erotischen Kochens.«
»N… Woher kennst du dieses Buch?«
»Na was denn nun?« Bruder Schreiber verlor allmählich die Geduld.
»Er hat das Weiße Buch gestohlen.«
Stille folgte. Die Mönche duckten sich und lauschten. Die Gesetze der Dramatik verlangten nach so mysteriös ausgesprochenen Worten eigentlich ein bedrohliches Donnergrollen. Es blieb still. Bruder Bibliothekar räusperte sich verlegen.
»Das Weiße Buch …« Bruder Schreibers Worte gingen im ohrenbetäubenden Getöse des Donners unter. »Himmel noch mal! Also das Weiße Buch …« Es krachte, als ob die Erde entzwei bräche.
»Was ist denn mit dem Weißen Buch?« Novize hielt sich gerade noch rechtzeitig die Ohren zu, bevor erneuter Donner durch das Gebäude hallte, Maus und Mann aus dem Schlaf aufschreckte und kleine Käfer im Flug platzen ließ.
»Verdammt noch mal! Hört doch endlich auf, diesen Titel immer und immer wieder zu erwähnen!«, schimpfte Bruder Bibliothekar.
»Aber was hat es denn mit dem W… dem Nicht-Schwarzen Buch auf sich?«, fragte Novize neugierig. Bruder Bibliothekar versuchte das Pfeifen in seinen Ohren zu ignorieren.
»Es wurde der Bibliothek unseres Ordens vor langer Zeit von der Königin Kreszenzia Ignatia gestiftet. Diese Monarchin hatte eine Schwäche für Dämonologie und Mystik. Was ihr zum einen den Beinamen »Irre Inga« einbrachte, zum anderen dazu führte, dass sie eines Tages urplötzlich verschwand. Es heißt, das W… das Nicht-Schwarze Buch hätte sie verschlungen.«
»Hat man sie je wiedergesehen?«, wollte der Novize wissen.
»Oh ja, man hat. Allerdings auch ziemlich viele Teile von ihr. Und auch an weit auseinander liegenden Orten.«
Bruder Schreiber seufzte. »Wir sollten den Abt von dem Zwischenfall unterrichten. Wie machen wir es diesmal?«
»Wie immer. Wir schicken den Grünling vor – nichts für ungut, Novize – und nachdem sich das wütende Geheul des Abtes wieder gelegt hat, werden wir eine Belohnung auf die Ergreifung dieses Diebes aussetzen.«
»Aber was, wenn er bis dahin das Buch benutzt?«, fragte Novize nervös.
»Nun, das würde uns die Suche wesentlich erleichtern.«
»Ganz recht, Bruder Schreiber. Man müsste einfach nur dem Knall folgen und dann den Krater im Boden suchen, um den sich die meisten Körperteile finden.«

© 2010 by Antonia Geyer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Aberwitzig, humorvoll, bizarr, schräg – beste Unterhaltung: Was will man mehr?

Vielleicht schreien jetzt einige, das klänge verdächtig nach Terry Pratchett! Sehr aufmerksam: Recht so! Genau! Tut es!
Na und?
Ich kann nur dringend empfehlen, mal im Stile anderer Lieblingsautoren zu schreiben: Das schult die eigenen Schreibfähigkeiten enorm! Man erweitert seine Ausdrucksmöglichkeiten, lernt neue Zusammenhänge und Wörter kennen, kann vielleicht komplexere oder einfachere Sätze bilden, die dennoch lesbar sind, man lernt reduzieren (sofern es gute Autoren sind) und dem Leser Raum zu lassen … das hilft ungemein, einen eigenen Stil zu finden. Kopieren tun wir eh, ob bewusst oder unbewusst! Es sei denn, wir läsen erst gar nicht …

Die Kritik im Einzelnen

Fluchtgedanken sind von Haus aus dringlich, sonst kämen sie nicht! Insofern kann auf drängenden restlos verzichtet werden. zurück
Würde hier Hufgeklapper oder klappernde Hufe nicht genügen? Obwohl: Eigentlich kann es auch so bleiben, wie es ist! Denn wenn die Wortreichen Brüder schon an klirrendem Glas zu unterscheiden vermögen, ob da jemand versehentlich durchbricht oder absichtlich durchspringt – warum sollen die nicht auch das Geräusch unbeschlagener Hufe von dem beschlagener unterscheiden können? Doch: Es sollte so bleiben, wie es ist, passt einfach zum Stil! zurück
Hier sei ein Vorgriff gestattet (wer sollte es mir auch verbieten, ich kann hier schließlich tun und lassen, was ich will!): Der Novize taucht häufiger auf, verliert dann aber unverhofft seinen Artikel – da wäre Vereinheitlichung angebracht! Ich würde übrigens der artikellosen Variante den Vorzug geben, weil es wie ein Eigenname klingt, was zu all den herrlich-schrägen Übertreibungen und Überraschungen passt! zurück
Nach so vielen Ds missfallen mir die Monarchen: Wie wäre es mit stattdessen mit Despoten? Passte auch besser zu dämonisch – welchselbiges eigentlich weniger mit Monarchen im Allgemeinen zu tun hat und deswegen etwas hilflos in der Luft hängt! Für die gäbe es bessere Möglichkeiten: diaphorisch (=den Unterschied betonend), diaphoretisch (=schweißtreibend), dialogisch usw. – ähm, also, irgendwie verliere ich den Faden! Statt hier rumzuschwafeln, sollte ich mich lieber wieder konzentrieren – der anregenden Lektüre zum Trotz! zurück
Das ist jetzt zu viel! Den Apostroph kann eh niemand sprechen – deswegen zöge ich eine apostrophenfreie Schreibversion vor, vielleicht auch ohne das erfundene apokryptisch: Vielleicht der Apokalyptische Apostroph? (Malte! Jetzt reicht’s!) zurück
Was war bei der Aussprache mysteriös? Ist hier mystisch gemeint? Oder geheimnisvoll? Wurde der Titel geflüstert? Das bedarf der Klärung! zurück
Was ein verrückt-grandioses Bild! Noch nie wurde mir so anschaulich vor Augen geführt, was Schalldruck ist! zurück
Das geht logisch nicht: Man kann nicht die irre Inga ganz sehen und gleichzeitig auch noch in Teilen. Vorschlag: Oh ja, man hat. Allerdings als viele Einzelteile. Und auch an weit auseinander liegenden Orten. zurück

Twitter-Lyrik-Preisträgerin Simone Kremsberger: »Je weniger dasteht, desto weniger lenkt ab«

Simone Kremsberger (Foto: Nadja Meister/Info-Media)
Simone Kremsberger (Foto: Nadja Meister/Info-Media)

Simone Kremsberger heißt die Gewinnerin des diesjährigen Twitter-Lyrik-Wettbewerbs von literaturcafe.de und BoD mit richtigem Namen. Sie twittert unter @SalonSimone.

Selbst der Jury des Wettbewerbs ist der Twitter-Name vor der Gewinn-Entscheidung nicht bekannt. Die Teilnehmer-Tweets sind in einer Excel-Tabelle gelistet, die Namen der Einsender ausgeblendet.

Da ist es spannend zu sehen, ob der Gewinner-Beitrag von einem bekannten oder unbekannten Twitterer kommt und was sie oder er sonst noch twittert und wohin ein etwaiger Link im Twitter-Profil führt.

Überraschung diesmal: Im Twitter-Profil @SalonSimone wird fast ausschließlich Lyrik getwittert.

Simon Kremsberger alias @SalonSimone kann sich nun über den gewonnenen iPod touch freuen. Wir wollten mehr über die Gewinnerin 2010 wissen und haben mit ihr gesprochen.

Sexy Buchhändlerinnen: Ein Bericht vom Fotoshooting für den Erotikkalender

Buchhändlerin Pia beim Shooting für den KalenderDürfen sich Buchhändlerinnen nackt fotografieren lassen? Schadet oder nützt es dem Ruf, den sie in der Öffentlichkeit haben? Und werden beim geplanten Erotik-Kalender tatsächlich nackte Brüste zwischen Buchdeckeln zu sehen sein?

Tatsache ist: Seitdem das Projekt eines erotischen Fotokalenders mit Buchhändlerinnen als Models angekündigt wurde, wird darüber eifrig diskutiert. Derszeit finden die Shootings für die Monatsblätter statt, und obwohl den Kalender noch niemand gesehen hat, malen sich einige plastisch aus, wie die Fotos wohl aussehen werden. »Hat die junge Buchhändlerin eine andere Art, einen Slip zu tragen?«, will beispielsweise Jörg Sundermeier auf buch-pr wissen.

Nachdem wir das Projekt unlängst auf literaturcafe.de vorgestellt und mit Projektleiterin Simone Pfeifer gesprochen hatten, haben sich zahlreiche Buchhändlerinnen als Model beworben.

Sind Buchhändlerinnen also weniger prüde als die Kritiker des Projekts?

literaturcafe.de wollte es genau wissen und war bei einem der Fotoshootings dabei. Hier ist unser Bericht mit Bildern.

Gewinner-Beitrag des 2. Twitter-Lyrik-Wettbewerbs: Bestes Twitter-Gedicht kommt aus Österreich

Der 2. Twitter-Lyrik-Wettbewerb von literaturcafe.de und BoD ist beendet. Die Jury hat alle eingereichten Beiträge gesichtet und vergibt den Preis für das beste Twitter-Gedicht 2010 an @SalonSimone.

Gewinner Beitrag von @SalonSimone: An der Trauerweide rütteln / bis sie fröhlich wedelt, winkt / Auf dem Boot hoch, höher springen / bis es mit nach oben sinkt

Ausführliche Jurybegründung unter www.twitter-lyrik.de »

Blutrünstiger Klassiker: Stolz und Vorurteil und Zombies

Cover-Ausschnitt aus "Stolz und Vorurteil und Zombies"Was hat den Heyne Verlag geritten, solch hanebüchenen Quark zur deutschsprachigen Ausgabe von Jane Austens »Pride and Prejudice and Zombies« zu schreiben?

Der Roman sei »die alternative Version des großen Klassikers«, die man »in den Archiven der Universität Oxford entdeckt« habe. Jane Austens Co-Autor Seth Grahame-Smith habe das Werk abgetippt, und seither habe man nicht mehr von ihm gehört. Ein Nachwort-Geschwurbel  von »Prof. Waldemar Knochen, Universität Leichburg« und fiktive Anzeigen für weitere Klassiker wie Thomas Manns »Der Zombieberg« sind im Anhang zu finden.

Will der Verlag mit diesem Unsinn das die deutsche Ausgabe interessanter machen? Das ist reichlich misslungen und schadet dem Werk. Denn dieses ist interessant genug.

Tatsächlich hat Seth Grahame-Smith – Jahrgang 1976 und wohlauf – Jane Austens Klassiker mit blutigen Zombie-Szenen durchsetzt. Was nach einer literarischen Freveltat klingt, funktioniert erstaunlich gut.

Totalüberwachung: Welche Gefahren der »Gefällt mir«-Button von Facebook birgt

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Blutiger DaumenFür kurze Zeit war er auch im literaturcafe.de eingebaut: der kleine »Gefällt mir«-Button von Facebook unter jedem unserer Beiträge. Immer häufiger sieht man ihn auf Blogs und anderen Websites.

Wer auf Facebook eingeloggt ist und einen solchen Link klickt, auf dessen Facebook-Seite erscheint ein entsprechender Hinweis. Parallel sieht man auf der jeweiligen Website – je nach Konfiguration des Buttons – wer den Beitrag ebenfalls gut fand. Facebook arbeitet psychologisch raffiniert, indem an erster Stelle die eigenen Freunde angezeigt werden, die den Button ebenfalls geklickt haben. Wer kann sich da dem Gruppenzwang entziehen?

Doch hinter dem scheinbar harmlosen Web-Gimmick steckt mehr. Facebook kann auf diesem Weg Nutzerstatistiken externer Websites und personenbezogene Nutzerprofile erstellen. Ist der Button nach deutschem Recht überhaupt zulässig?