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Textkritik: Reise nach Meschuggistan – Romananfang

Eine Textkritik von Malte Bremer

Reise nach Meschuggistan

von Antonia Geyer
Textart: Romananfang
Bewertung: 5 von 5 Brillen

Glas klirrte. Es klirrte in einer Weise, die allen Hörenden aufzeigte, dass soeben ein Mann mit drängenden Fluchtgedanken durch die dünne Fensterscheibe der alten Bibliothek gesprungen war. Ein Pferd wieherte überrascht – vermutlich weil ebenjener Mann auf seinem Rücken gelandet war – und dann hörten die Mönche des Konvents der Wortreichen Brüder nur noch das sich schnell entfernende Geklapper beschlagener Hufe.

Bruder Bibliothekar, Bruder Schreiber und der Novize standen beieinander und beugten sich vorsichtig aus dem Fenster.
»So was«, meinte Bruder Schreiber.
»Ja, sehr ärgerlich«, antwortete Bruder Bibliothekar.
»Müssen sie immer durch das Fenster springen?«, schimpfte Bruder Schreiber. »Das ist das dritte Mal in diesem Jahr, dass Bruder Glaser es ersetzen muss.« Bruder Bibliothekar nickte betrübt.
»Ein Glück, dass Bruder Glaser sehr dünnes Glas verwendet.«
»Oh ja!«
»Das verstehe ich nicht.« Der Novize runzelte die Stirn. »Würde er stabileres Material verwenden, würde die Scheibe doch gar nicht erst brechen.«
»Ha! Einmal hat er es versucht. Der arme Mann, der sich mit Regulus Regastius’ Miserablen Memoiren absetzen wollte, knallte im vollen Lauf dagegen. Die Scheibe hatte trotz allem einen langen Riss und der Dieb … nun ja, es heißt er könne inzwischen wieder einigermaßen deutlich sprechen. Allerdings stottert er noch immer.« Bruder Schreiber schüttelte den Kopf.
»Was hat er eigentlich gestohlen?«
»Das wertvollste Artefakt in unserem Besitz natürlich«, antwortete Bruder Bibliothekar
»Ach, den Atlas der alten Titanen?«
»Nein, natürlich nicht. Dieses Werk ließe sich kaum von einem einzigen Mann transportieren.«
»Dann das Dynastisch-Dämonische Verzeichnis Dämlicher Monarchen
»Nein!«
»Vielleicht das Apo’kryptische Apo’stroph
»Oh, ich weiß es«, beteiligte sich der Novize an dem Ratespiel. »Es ist Madame Elegancias Bilderbuch des erotischen Kochens.«
»N… Woher kennst du dieses Buch?«
»Na was denn nun?« Bruder Schreiber verlor allmählich die Geduld.
»Er hat das Weiße Buch gestohlen.«
Stille folgte. Die Mönche duckten sich und lauschten. Die Gesetze der Dramatik verlangten nach so mysteriös ausgesprochenen Worten eigentlich ein bedrohliches Donnergrollen. Es blieb still. Bruder Bibliothekar räusperte sich verlegen.
»Das Weiße Buch …« Bruder Schreibers Worte gingen im ohrenbetäubenden Getöse des Donners unter. »Himmel noch mal! Also das Weiße Buch …« Es krachte, als ob die Erde entzwei bräche.
»Was ist denn mit dem Weißen Buch?« Novize hielt sich gerade noch rechtzeitig die Ohren zu, bevor erneuter Donner durch das Gebäude hallte, Maus und Mann aus dem Schlaf aufschreckte und kleine Käfer im Flug platzen ließ.
»Verdammt noch mal! Hört doch endlich auf, diesen Titel immer und immer wieder zu erwähnen!«, schimpfte Bruder Bibliothekar.
»Aber was hat es denn mit dem W… dem Nicht-Schwarzen Buch auf sich?«, fragte Novize neugierig. Bruder Bibliothekar versuchte das Pfeifen in seinen Ohren zu ignorieren.
»Es wurde der Bibliothek unseres Ordens vor langer Zeit von der Königin Kreszenzia Ignatia gestiftet. Diese Monarchin hatte eine Schwäche für Dämonologie und Mystik. Was ihr zum einen den Beinamen »Irre Inga« einbrachte, zum anderen dazu führte, dass sie eines Tages urplötzlich verschwand. Es heißt, das W… das Nicht-Schwarze Buch hätte sie verschlungen.«
»Hat man sie je wiedergesehen?«, wollte der Novize wissen.
»Oh ja, man hat. Allerdings auch ziemlich viele Teile von ihr. Und auch an weit auseinander liegenden Orten.«
Bruder Schreiber seufzte. »Wir sollten den Abt von dem Zwischenfall unterrichten. Wie machen wir es diesmal?«
»Wie immer. Wir schicken den Grünling vor – nichts für ungut, Novize – und nachdem sich das wütende Geheul des Abtes wieder gelegt hat, werden wir eine Belohnung auf die Ergreifung dieses Diebes aussetzen.«
»Aber was, wenn er bis dahin das Buch benutzt?«, fragte Novize nervös.
»Nun, das würde uns die Suche wesentlich erleichtern.«
»Ganz recht, Bruder Schreiber. Man müsste einfach nur dem Knall folgen und dann den Krater im Boden suchen, um den sich die meisten Körperteile finden.«

© 2010 by Antonia Geyer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Aberwitzig, humorvoll, bizarr, schräg – beste Unterhaltung: Was will man mehr?

Vielleicht schreien jetzt einige, das klänge verdächtig nach Terry Pratchett! Sehr aufmerksam: Recht so! Genau! Tut es!
Na und?
Ich kann nur dringend empfehlen, mal im Stile anderer Lieblingsautoren zu schreiben: Das schult die eigenen Schreibfähigkeiten enorm! Man erweitert seine Ausdrucksmöglichkeiten, lernt neue Zusammenhänge und Wörter kennen, kann vielleicht komplexere oder einfachere Sätze bilden, die dennoch lesbar sind, man lernt reduzieren (sofern es gute Autoren sind) und dem Leser Raum zu lassen … das hilft ungemein, einen eigenen Stil zu finden. Kopieren tun wir eh, ob bewusst oder unbewusst! Es sei denn, wir läsen erst gar nicht …

Die Kritik im Einzelnen

Fluchtgedanken sind von Haus aus dringlich, sonst kämen sie nicht! Insofern kann auf drängenden restlos verzichtet werden. zurück
Würde hier Hufgeklapper oder klappernde Hufe nicht genügen? Obwohl: Eigentlich kann es auch so bleiben, wie es ist! Denn wenn die Wortreichen Brüder schon an klirrendem Glas zu unterscheiden vermögen, ob da jemand versehentlich durchbricht oder absichtlich durchspringt – warum sollen die nicht auch das Geräusch unbeschlagener Hufe von dem beschlagener unterscheiden können? Doch: Es sollte so bleiben, wie es ist, passt einfach zum Stil! zurück
Hier sei ein Vorgriff gestattet (wer sollte es mir auch verbieten, ich kann hier schließlich tun und lassen, was ich will!): Der Novize taucht häufiger auf, verliert dann aber unverhofft seinen Artikel – da wäre Vereinheitlichung angebracht! Ich würde übrigens der artikellosen Variante den Vorzug geben, weil es wie ein Eigenname klingt, was zu all den herrlich-schrägen Übertreibungen und Überraschungen passt! zurück
Nach so vielen Ds missfallen mir die Monarchen: Wie wäre es mit stattdessen mit Despoten? Passte auch besser zu dämonisch – welchselbiges eigentlich weniger mit Monarchen im Allgemeinen zu tun hat und deswegen etwas hilflos in der Luft hängt! Für die gäbe es bessere Möglichkeiten: diaphorisch (=den Unterschied betonend), diaphoretisch (=schweißtreibend), dialogisch usw. – ähm, also, irgendwie verliere ich den Faden! Statt hier rumzuschwafeln, sollte ich mich lieber wieder konzentrieren – der anregenden Lektüre zum Trotz! zurück
Das ist jetzt zu viel! Den Apostroph kann eh niemand sprechen – deswegen zöge ich eine apostrophenfreie Schreibversion vor, vielleicht auch ohne das erfundene apokryptisch: Vielleicht der Apokalyptische Apostroph? (Malte! Jetzt reicht’s!) zurück
Was war bei der Aussprache mysteriös? Ist hier mystisch gemeint? Oder geheimnisvoll? Wurde der Titel geflüstert? Das bedarf der Klärung! zurück
Was ein verrückt-grandioses Bild! Noch nie wurde mir so anschaulich vor Augen geführt, was Schalldruck ist! zurück
Das geht logisch nicht: Man kann nicht die irre Inga ganz sehen und gleichzeitig auch noch in Teilen. Vorschlag: Oh ja, man hat. Allerdings als viele Einzelteile. Und auch an weit auseinander liegenden Orten. zurück

© 2010 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.