Die Nacht hatte er mit ›Nardil‹ überstanden -, verfügte bezüglich Pillen über die freie Auswahl, denn Mutters Medikamentenbestand war schier unerschöpflich.
Und genau deswegen war sie nicht da, als der von ihm erwartete Wagen vorfuhr, kurz hupte, sondern in einem Sanatorium in der Schweiz, einer Art Irrenhaus, das er sich wie den von Thomas Mann beschriebenen ›Zauberberg‹ vorstellte, wenn er an sie dachte; er dachte täglich an sie.
»Einen schönen Gruß von Ihrem Vater, Herr Rausch«, sprach ihn einer der beiden schwitzenden Männer in grauer Uniform mit dem Berliner Bären auf dem Oberarm des Anzugs an, – und blies säuerlichen Atem aus, » … er lässt sich entschuldigen, er hat …«
»Schon gut«, entgegnete Felix schnell, denn allzu oft hatte er die mit säuerlichem Atem vorgetragenen Ausflüchte, seinen Vater betreffend, schon verarbeiten müssen, – hörte den Pirol im Garten rufen, der wohl neben der Grube saß, um in der vom Gärtner eben frisch aufgeworfenen Erde nach Würmern zu suchen.
»Schon gut, – und bringen Sie die Kiste bitte gleich in den Garten!« hinkte er den beiden Männern vorweg.
Einer vorwärts-, der andere rückwärtsgehend folgten ihm die Männer, einen weißen Kasten tragend, auf dem in schwarzen Druckbuchstaben ›Eigentum Gerichtsmedizin Stadt Berlin‹ stand, – in dem sein Hund lag.
Seine Schmerzen, besonders die im Fuß, waren heute fast unerträglich, somit zwang er die Männer hinter sich zur Langsamkeit. Trotzdem stöhnte einer von denen vernehmlich, so, als wenn die zu tragende Last nur schwer zu bewältigen sei.
»Bitte direkt neben die Grube…«, als der aufgescheuchte Pirol das Weite gesucht hatte, »und legen Sie den Hund gleich in das Grab«, als die Männer den Deckel vom Kasten offen hatten.
»Machen wir, Herr Rausch!«, erwiderten die Männer unisono, öffneten die Kiste, wickelten den toten Hund aus der Plastikplane und ließen ihn behutsam in die Grube gleiten.
»Meinen Sie, das ist tief genug?«, fragte der Wortführer der Beiden.
»Wegen der wilden Tiere?«, wollte Felix wissen.
»Ja. Schweine gibt es hier genug, – und die fressen alles!«
»Stimmt. Schweine gibt es genug … aber ich habe Vorsorge getroffen!«
»Eine Grabdecke -, was?«
»Ja, so was Ähnliches.«
»Dann ist es ja gut«, als die Beiden, jeder mit der Hälfte des Eigentums der Stadt Berlin in Form des weißen Kastens in Händen, den Garten verließen.
Am Tor angekommen steckte er ihnen zwanzig Euro zu.
»Das wäre aber…«
»Nehmen Sie schon …; auf Wiedersehen!«
Das Motorengeräusch des Transporters der Gerichtsmedizin war verebbt, lediglich der saure Atem der Beiden hing noch in der Luft, als er am Grab seines Hundes stand und still zu weinen begann.
Wenig später trocknete er seine Tränen mit dem Jackenärmel, legte sich bäuchlings vor das Grab und begann, das Spielzeug vom Hund um dessen Körper herum zu dekorieren und Rosenblätter in der Grube zu verteilen. Über all das breitete er eine Samtdecke aus, und als er gerade mühsam wieder stand, um mit dem an der Seite aufgeworfenen Sand die Grube zu verschließen, quengelten sich Rotorengeräusch in seine Trauerzeremonie.
Suchend blickte er in den Himmel und sah ihn.
Ein ansonst weißer Hubschrauber mit einem roten Kreuz kreiste nicht weit weg vom Haus in ca. einhundert Metern Höhe. Und wie er das Bild in sich wirken ließ, dem Klappern der Rotoren nachspürte, erklang Musik von Stockhausen in ihm, deren Töne rhythmisch-ekstatisch seine Arme und Beine zucken ließen.
Fast unmittelbar war er Streicher in einem Quartett, war das Quartett, befand sich mitten in diesem hüpfenden Aspekt der Symphonie – als schaufelnder Bauarbeiter, der die Löcher der Welt mit Sand verschloss.
Er war eins mit dem Piloten des Helikopter, dem Tontechniker, mit den diversen Menschen an den Fernsehübertragungsgeräten.
Befand sich im Hörsaal der Musikhochschule, war Macher an vier TV-Geräten, Publikum und Lautsprecheranlage, eins mit den Mischpulten, dem Moderator, war Mikrophon, Dirigent, der den Klang der Instrumente einfügte, die letztlich lauter als die Rotorblätter der Hubschrauber waren. Lauter als er, der weinend aus genau einhundert Metern Höhe und eine halbe Stunde lang den Grund der Erde sehen konnte. Der bemerkte, wie sich das Leben im Tod an seinem Maul festfraß und dort verkrustete -, wie die Zeit seines Daseins mit dem Hund, diesem über alles geliebten Tier, zu Nichts gerann.
Letztlich weckte ihn irgendwann imaginärer Applaus -, einer heftigen Art von Morgenkühle gleich – und der aggressive Warnruf des Pirol, dessen wiederholtes djick-jick …
All das holte ihn aus dem Trance in die Wahrheit des Tages, in den Augenblick, in die ewige Gedankenflut, wie es hatte geschehen können, dass er nun ein Krüppel war, dass es ab nun immer so ist, wie es ist und bliebe. Er alleine – ohne Hund.
Offen blieb, wie es dazu kommen überhaupt konnte.
Zunächst beginnt dieser Text gar nicht schlecht – aber spätestens bei den quengelnden Rotorengeräuschen hätte ich die Stirn gerunzelt, und bei der ins Nichts gerinnenden Zeit hätte ich das Buch entnervt beiseite gelegt. Da wird nicht mehr erzählt, da wird geschwafelt missioniert – wofür auch immer …