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LIMIT live mit Frank Schätzing: Von Steve Jobs über Joachim Bublath zu Mario Barth

LIMIT live: Frank Schätzing im Gespräch mit seiner Romanfigur»Und warum bist du dann heute überhaupt hier?«, fragt mich eine Bekannte erstaunt, die ich im Foyer des Hegelsaals der Stuttgarter Liederhalle treffe.

Frank Schätzings »LIMIT live« soll es heute Abend geben. Keine Lesung, sondern eine multimediale Show auf Basis seines neuen Bestsellers.

Ich hatte gestanden, dass mich Schätzing-Romane nicht interessieren. Zweimal – an Buch und Hörbuch – hatte ich mich vergeblich am »Schwarm« versucht. LIMIT liegt noch eingeschweißt im Buchregal, nachdem im Oktober ein Interview für den Buchmesse-Podcast platzte.

Es ist also nicht der Roman LIMIT oder der Schriftsteller Schätzing, die mich interessieren, sondern es ist die Neugier, wie der Werbe-Mensch und Profi der medialen Selbstinszenierung, Frank Schätzing, an diesem Abend sich und seinen 1.300-Seiten-Wälzer präsentieren wird.

Gut gefüllt, aber nicht ausverkauft

Fast 1.900 Sitzplätze hat der zweitgrößte Saal des Liederhallen-Komplexes, den neulich immerhin auch »Hundeprofi« Martin Rütter mühelos füllte. Schätzing jedoch nicht. Etliche Plätze sind leer, der Saal ist gut gefüllt, aber nicht ausverkauft.

Schätzings Science-Fiction-Roman LIMIT, das weiß man auch als Nicht-Leser, spielt zu großen Teilen auf dem Mond und im Jahre 2025. Sterne, Weltall – bereits beim Betreten des Saales wundere ich mich, dass auf der großen Leinwand an der Bühnenrückseite nur das Motiv des Romancovers projiziert wird. Eigentlich ist das Thema doch wie geschaffen dafür, die Besucher bereits vorab durch entsprechende sphärische Klänge einzustimmen. Auf der Bühne selbst liegt nur ein großer schwarzer Teppich, rechts und links zwei Pulte und Ablageflächen, auf denen jeweils ein Wasserglas steht. Also doch noch eine Reminiszenz an die Volkshochschullesung. Und im Foyer gibt es auch den guten alten Büchertisch, auf dem Schätzings Werke ausliegen.

Dann der Blick ins Publikum. Wer geht zu einer getunten Science-Fiction-Lesung? Erste Erkenntnis: scheinbar nicht das normale literarische Durchschnittspublikum, also die Frauen über 50. Der Schnitt scheint mir an diesem Abend eher bei 40 zu liegen und Männer wie Frauen wirken paritätisch verteilt. Die Frauen kommen offenbar wegen Schätzing, die Männer wegen des Mondes und des technik-affinen Themas.

Lesung aus dem eBook

Es geht los. Auf der großen, aber dennoch für den Saal viel zu kleinen Leinwand schwebt die Erde ein, dann ist im Vordergrund die Mondoberfläche zu sehen und schließlich erneut das LIMIT-Logo. Die hell leuchtenden »Notausgang«-Schilder verhindern, dass der Saal gänzlich ins Dunkel getaucht wird. Das ist unschön.

Dann erwartet man eine Stimme aus dem Off, etwa die von Michael Buffer, die den Autor ankündigt. Stattdessen wechselt die Musik zu Frank Sinatra und der andere Frank betritt die Bühne und beginnt, den Anfang seines Romans zu lesen. Schätzing liest den Text von einem SONY-eBook-Reader ab, an dem eine Leselampe befestigt ist. Stetig läuft der Autor auf der Bühne hin und her. Ohne Frage liest Schätzing nicht schlecht. Er hat schon die Erzähler-Passagen seines eigenen Schwarm-Hörbuchs selbst eingelesen. Dennoch wirkt es etwas befremdlich, wie er dort auf der Bühne auf- und abtigert, als sage er den Hamlet-Monolog auf.

Zweiter Negativpunkt der Veranstaltungshalle: Der Ton ist miserabel, er ist zu schrill, zu kalt, zu hallig, um angenehm zuhören zu können.

Die ständige Musikuntermalung, die das Privatradio irgendwann einmal eingeführt hat, lenkt zu sehr vom Text ab. Da die Musik nicht live gespielt wird, sondern aus der Konserve kommt, hat man ständig das Gefühl,der Vortragende kann sich keine persönlichen Interpretationsspielräume leisten, um nicht zeitlich in Verzug zu geraten. Ein Eindruck, der sich später noch verstärken sollte, wenn Schätzing mit seinen durch Schauspieler (»Ist das nicht der Liefers?«) verkörperten Romanfiguren spricht, die auf die Leinwand projiziert werden.

Wie eine schlechte Kopie von Steve Jobs

Nach dem Lese-Intro und der Projektion einer etwas launigen, aber nicht wirklich 100%ig professionell gemachten fiktiven Nachrichtensendung aus dem Jahre 2025 wendet sich Schätzing erstmals direkt ans Publikum. Mit Jeans und dunklem Oberteil wirkt er auf der dunklen Bühne mit Leinwand wie eine schlechte Kopie von Steve Jobs mit zu heiß gewaschenem Rollkragenpullover.

Einem guten Schauspieler und Entertainer, der Abend für Abend das gleiche Programm abspult, merkt man dies nicht an. Da wirkt jedes Wort so, als sei es spontan und gerade für diesen Abend erfunden.

Doch Schätzing ist kein Schauspieler und Entertainer. Sein Vortrag wirkt nicht ganz so souverän. Jedes Zögern, jedes Nachdenken ist merklich einstudiert. Er gibt zig-mal an anderer Stelle gehörte mäßig witzige Anekdoten über Zukunftsprognosen von sich, und ich bin erstaunt, dass zumindest einige Leute im Publikum noch gnädig darüber lachen.

Aufdringliches Fachwissen aus zweiter Hand

Jetzt wird der Abend doch noch zum Volkshochschulkurs und zur Therapiegruppe: Schätzing macht sich über den Defätismus der Zukunftsprognosen lustig oder referiert, wie man einen Fahrstuhl ins All bauen könnte und wie wohl der Sex in der Schwerelosigkeit sein muss.

Mir wird wieder deutlich vor Augen geführt, warum sich mir die Schätzing-Romane widersetzen: Ich finde es öde, wenn mir jemand technische Dinge erklärt, die er zuvor selbst bei Google zusammengesucht hat. Solch aufdringliches Fachwissen aus merklich zweiter Hand nervt mich in Romanen und Filmen, wenn dort der Wissenschaftler dem Roman-Protagonisten stellvertretend für den Leser technische Zusammenhänge in blumigen Bildern deutlich macht. Hinzu kommen bei dieser Multimedia-Variante noch Animationen, die ebenfalls semi-professionell wirken und die – wie Schätzing stolz anmerkt – vom ZDF stammen.

Und da wird mir plötzlich klar, dass Schätzing von Steve Jobs zu Joachim Bublath mutiert ist: die gestelzt und alles andere als frei wirkende freie Rede, die irgendwie billigen Computeranimationen – abenteuer forschung eben.

Der Geist von Mario Barth

Dann, als Schätzing als »Papa« mit seinen an die Leinwand projizierten Romanfiguren spricht, wird mir das zweite Contra-Schätzing-Argument nochmals vor Augen (und Ohren) geführt: Schätzings unsägliche, von Chauvinismus triefenden Männer-Frauen-Dialoge. Nach Jobs und Bublath schwebt der Geist eines Dritten durch den Raum: Mario Barth.

Nach zwei Stunden ohne Pause ist alles vorbei. Was war es nun? Ein paar gute Ideen schlecht umgesetzt? Effekthascherei, die leider zu unprofessionell war, als dass sie wirken konnte? Weder die Lese-Abschnitte noch die wissenschaftlichen Exkursionen vermochten zu fesseln. Aber ich bin kein Schätzing-Fan. Höre ich daher nach der Veranstaltung nur Stimmen im Publikum, die ich hören will? »Das Buch mit dem Meer war irgendwie besser«, vernehme ich da. Und: »Was für eine merkwürdige Veranstaltung.« Und dann, an der Straßenbahnhaltestelle, schnappe ich doch noch eine positive Bemerkung auf: »Es war einfach eine geniale Inszenierung!« Aber der Sprecher erwähnt den Namen Tim Burton und mir wird klar, dass er nicht in der Liederhalle war, sondern im Kino nebenan »Alice im Wunderland« gesehen hat.

Das Wunderland hat uns Frank Schätzing an diesem Abend nicht gezeigt, wundern konnte man sich jedoch sehr wohl.

Wolfgang Tischer

Werbetrailer zur Veranstaltung bei YouTube:




Frank Schätzing LIMIT live - Trailer zur Tournee 2010

Frank Schätzing LIMIT live – Trailer zur Tournee 2010

15 Kommentare

  1. Interessanter Bericht, der allerdings merkwürdige Erwartungen und Vorurteile des Autors zeigt (vorab: Ich bin auch kein Schätzing-Fan, habe kein Buch gelesen, aber viele Lesungen anderer Autoren erlebt):
    Selbst wenn im Saal nur 1000 Gäste waren, wäre das doch sensationell für eine Autorenlesung. Wer schafft das denn schon in Deutschland außer Bastian Sick? In Köln wird Schätzing voraussichtlich die LanxessArena zur Lit.Cologne füllen…
    Wenn Schätzing eine Dramaturgie für die Lesung einstudiert, ja sich auch ansatzweise nur Gedanken zu seinem Auftrag gemacht hat, unterscheidet ihn allein das vom Gros der lesenden Autoren, zumindest der Autoren, die ich gesehen habe.
    Zusammengegoogeltes Wissen: Kann ich nicht beurteilen, würde ich aber erst prüfen, bevor ich das behauptete. Ich habe ein Interview mit Schätzing gehört, in dem er davon sprach, dass er mit Wissenschaftlern selbst gesprochen hat.
    Chauvinismus: Hätte ich gerne mehr Belege zu gelesen.
    PS: Die Keynotes von Steve Jobs sind übrigens keineswegs so toll, weil der Vortragsstil, sondern in erster Linie die Produkte oft brilliant sind.

  2. Vorneweg: Ich habe die Show (noch) nicht gesehen. Aber ich bin doch sehr schockiert, wie undifferenziert, arrogant und offensichtlich voreingenommen hier kritisiert wird. Mit diesem Beitrag machen Sie weniger Frank Schätzing als sich selbst unmöglich. Vielleicht sollten Sie mal ein journalistisches Seminar besuchen, bevor Sie hier genussvoll und vernichtend Häme über andere auskippen.

  3. Mich hat weder die Attraktivität der Person Frank Schätzings, noch Technikaffinität in LIMIT LIVE getrieben, sondern das Interesse wie
    Schaetzing „Literatur“ und Live Entertainment zusammen bringt. Ich sehe da nämlich durchaus Potential für den Literaturbetrieb. Vergleicht man, was ja gerade gern geschieht, Print mit der Tonträger Industrie, dann könnte es so werden, dass die Menschen es immer attraktiver finden, die hinter den zunehmend digital verbreiteten Produkten stehenden Menschen zu erleben. Da ich operativ nicht mehr in der Buchbranche, sondern im Live Entertainment arbeite, weiß ich das dies ein Markt ist der auch für den Literaturmarkt mehr als attraktiv werden könnte. Und es ist ja eben nicht „Literatur“ , sondern es ist in spannende Geschichten verpackter Wissensschaftsjournalismus den Schätzing betreibt und das tut er meiner Meinung nach gut.

    Ich hätte gerne noch mehr über den Entstehungsprozess des Buches
    erfahren, das würde vielleicht auch den Vorwurf der Google –Erkenntnisebene entkräftigen können. Und ich bin gespannt, ob ich mir den Ziegel noch irgendwann einverleiben möchte.

    In der Schiller Buchhandlung liegen übrigens
    noch einige Schätzings und Dan Browns, die die vermeintlichen xmas Bestseller werden sollten. Die Bestseller wurden Wolfgang Schorlaus Münchenkomplott und Herta Müllers Atemschaukel.

  4. Einmal mehr zeigt sich, nach „Feuchtgebiete“, „Axilotl“, „Limit“ und Co., kreatives Schreiben und das Zusammenschrauben webbasierter Informationen macht keine „Literatur“. In eine Veranstaltung zu einem als Literatur angepriesenen Text mit der Erwartung zu gehen, die man an Literatur stellen darf, ist kein Vorurteil. Enttäuschung im Falle „Limit“ ist andererseits programmiert, weil der Darsteller und Rezitator Schreiber, nicht professioneller Schauspieler ist. Die Enttäuschung ist zugleich doppelt programmiert, weil die Show letztlich „Verkaufsveranstaltung“ ist. Und hier zieht nicht das Genre „Literatur“ die Zuhörer/Zuseher, sondern das Event. Eine Konditionierung des „Lesers“, frei nach Howard Blum, angefangen bei der Unterwäscbewerbung.

    Für Literaturinteressenten war das Erlebnis des „Rezensenten“ Wolfgang Tischer voraussehbar. Er hat es ehrlich, und nach dem, was ich vom Hörensagen mitbekomme, außerordentlich wohlwollend dargestellt. Ebenso ehrlich muß ich bekennen, nicht einmal für Schätzings “ Der Schwarm“ zu schwärmen, jedenfalls nicht, so lange ich noch auf der Suche nach Literatur bin.

  5. Für mich ist das Problem vor allem, daß Herr Schätzing einerseits mit einem hohen Selbstanspruch an Professionalität an die Sache herangeht, den er dann (meinem Empfinden nach) nicht ganz erfüllt. Es gab einige Ideen, die im Ansatz gut waren, aber die Präsentation war semiprofessionell. Ein Regisseur hätte dem ganzen sicher gut getan, etwas mehr über das Buch und etwas weniger über die Zukunftsphilophie des Herrn Schätzing wäre von Vorteil gewesen.
    Grundsätzlich stimme ich aber Herrn Lenz und Frau Ehlers zu: Neue Wege der Literatur (oder Buch)präsentation sind interessant und spannend und hier kommt Herrn Schätzing unbedingt das Verdienst zu, wenigstens mal was auszuprobieren!

  6. Seit 15 Jahren wird versucht, das Buch, die Zeitung, gedrucktes Wort IT-/PC-kompatibel zu machen. Kaum sind die ersten halbwegs brauchbaren Lesegeräte angelangt, sind sie vom Tablet-PC überholt. Und auch der Tablet-PC wird das Rennen nicht machen. Wenigstens aber mal was ausprobiert.

    Buchpräsentation in anderer Form machen Film und die Theatersparten. Ist doch nichts Neues. Und sie machen es meist professionell und gut. Einen Schreiber jetzt Regisseur, Narrator, Darsteller, Techniker, Wissenschaftseducator, Literaturerklärer und Pausenclown zugleich sein lassen, das sollte man besser sein lassen. Verdienst? Na ja, das eben war der Zweck der Übung: der Autor will natürlich verdienen.

  7. Ich liebe Bücher … gute Bücher … dicke Bücher … spannende Bücher oder einfach auch nur auf muntere Art unterhaltsame Bücher.

    Ein gutes Buch ist für mich Lebensfreude pur:

    ein kalorienfreier, euphorisierender, alle Sinne berührender Genuss.
    Hingabe und Leidenschaft.

    Prickelnde Erwartung … atemloses Aufsaugen … lustvolles Verschlingen.
    Magie eben.

    Alles um mich herum vergessend, tauche ich ein in Gedankenwelten, die mich faszinieren, überwältigen und ehrfürchtig staunen lassen, wie Menschen in der Lage sind, solch wundervolle Universen zu ersinnen.

    Und dann kam Frank Schätzings Schwarm:

    „Schwärmerisch“ empfohlen von einer Freundin, kaufte ich das Werk im Taschenbuchformat.

    Begeistert machte ich mich ans Werk und wurde maßlos enttäuscht:

    ich las 50 Seiten …. keine Regung / Berührung / Spannung.

    ich las 100 Seiten …. nichts was vom Hocker riss … aber ich wollte dem Buch ja gerne eine Chance geben (und mir gegenüber die Ausgabe von 9,50 € rechtfertigen).

    Immerhin ist es nicht jedem gegeben, Spannung sofort zu erzeugen, manche brauchen etwas Anlauf wie ein Dynamo….

    Aber auch nach 150 Seiten hatte ich nur ein bruchstückhaftes Halbwissen über Orcas, die Namensgebung von Buckelwalen und Dinoflagellanten erlangt, das ich mir in jedem Buch über Meereszoologie hätte profunder (und auf den Punkt gebracht) aneignen können.

    Von Spannung keine Rede, sondern eine Ansammlung zusammengetragener Wissensfragmente, verpackt in einem Konglomerat
    uninteressanter Handlungsstränge.

    Schade.
    Das Thema hatte was.

    Mit „Der Schwarm“ in spannende Tiefseewelten abtauchen wollend, ertrank ich qualvoll im Treibnetz von lustlos aufbereitetem Fachwissen, langeweilig gedehnten Handlungssträngen und spürbarer Ausrichtung auf Kommerz.

    Ich habe dann entnervt aufgegeben …. und auch ein weiterer Versuch, mir das Buch spannend und schön zu lesen, scheiterte.

    Sehr schade.

    Vielleicht hätte Herr Schätzing beachten sollen, dass weniger manchmal mehr ist:
    weniger gegoogeltes oder angelesenes Wissen eifrig weiterverbreiten, sondern sich der Aufgabe eines Romanautors bewusst zu sein:

    spannende, packende Unterhaltung zu schaffen.

    500 Seiten kürzer… und das Buch hätte deutlich am Spannung und Dramatik gewonnen.

    ICH widme einem Buch das Kostbarste, das ich habe: Lebenszeit.

    Und da erwarte ich nicht mehr und nicht weniger als dass der Autor seinerseits dem Buch Hingabe widmet.

    Und nicht gesammeltes, streberhaft abgespultes, Seiten und Taschen füllendes Fachwissen.
    Wenn ich Fachbuchwissen erlangen mag, dann lese ich eins.

    Natürlich darf in einem guten Roman auch Wissenswertes enthalten sein…wunderbar, ich lerne gerne Neues.

    Aber: nicht in epischer Breite um Anhäufung der Seitenzahl Willen, wie es scheint.

    Na ja … vielleicht starte ich ja noch mal einen Anlauf.

    Aber es gibt soooooooooooo viele gute Bücher … und meine Lebenszeit ist begrenzt.

  8. @ Teja Bernardy
    Ja und Auftritte (ich versuche jetzt mal einen neutralen Begriff dafür zu finden) sind wichtige Zusatzeinnahmen für AutorInnen, die ich Ihnen durchaus gerne zugestehe.
    Die BesucherInnen, die zu so einem Auftritt kommen, die kommen, um den Menschen hinter dem Buch, also Autorin oder Autor kennenzulernen. Deshalb ersetzt ein Film oder ein Theaterstück nicht den persönlichen Auftritt von ihnen. Neue Wege für solche Auftritte zu suchen finde ich interessant, sich dabei ggfs. professionelle Unterstützung zu suchen wichtig. Insofern passt beides auf den Auftritt von Herrn Schätzing!

  9. Ist nicht so, daß ich Herrn Schätzing nicht die wichtige Zusatzeinnahme gönne, auch nicht die als Unterhosen-Model. Vom Menschen hinter dem Buch wird mit dem Klamauk aber nun gar nichts sichtbar! Im Gegenteil, ein besseres Versteck, als mit einem Fake in die Masse zu gehen, gibt es nicht. Jede “intime“ Lesung, jede Signierstunde vermittelt mehr Nähe und Einblick; je kleiner der Kreis, um so intensiver der Einblick und Kontakt. Lege ich dann an das Werk selbst und/oder an die Performance den Maßstab, den ich an Literatur habe, – zugegeben, der meine ist irgendwie versnobt! – ist das Event ein Rohrkrepierer. Lege ich an den Auftritt den Maßstab, den ich gewöhnlich an Live-Akte audiovisueller Bühnendarstellung lege, und der Maßstab bewegt sich eher im unteren Popkornbereich, müßte ich mich veralbert fühlen. Das Dilemma m.E. ist, auch mit professioneller Hilfe läßt sich Text nicht als Spagat zwischen Liveact und Cinema gestalten. Das schließt Gewinnmitnahme keineswegs aus.

  10. Irgendwie hatte ich das Gefühl, bei meinen drei Kommentaren etwas übersehen, etwas mißachtet zu haben, eventuell unfair zu sein. Nähere ich mich einem Buch, unterlasse ich gewöhnlich im Interesse des Textes und seines Gehaltes, mich vorab über den Autor zu informieren, bin ich mir doch zu sehr der Vorurteilsmechanismen bewußt. Zu Frank Schätzings OEuvre hatte ich bisher gar keinen Zugang gefunden. Also hatte ich auch deshalb weiterhin um seine Vita einen Bogen gemacht.

    Frauke Ehlers, Susanne Martin, Wolfgang Tischer waren mir immerhin glaubwürdig neutral genug. Wenn BuchhändlerInnen und Literaturfreak zu keinem positiven Fazit kommen mußte es also Gründe haben. Und ob!

    Frank Schätzing hat Kommunikationswissenschaften studieret, war lange Jahre Creative Director bei Warner! Und seit 15 Jahren schreibt er. Nun hat er den Goldenen Schnitt versucht, den Gordischen Knoten mit dem Rapier gelöst: Frank Schätzing, der sonst andere inszeniert hat, inszeniert mit hoher Fachkunde selbst, sich und seinen Text. Spielt es eine Rolle, hier wird ein hochkomplexer Text stofflicher Fülle der Second-Hand-Information inszeniert? Na ja, die Komplexität stellt höchste Anforderungen an einen Creative Director, will er an das Herzstück seiner Botschaft heran. Besonders hoch sind die Anforderungen, gelangt doch gelegentlich profanes Publikum nicht bis an den Kern der Sache, weil bereits die Textaufführung hemmt. Frank Schätzing, sein eigener Herzchirurg, Christian Barnard des Literaturbetriebs, der erste Herzchirurg der sich selbst operiert. Operation gelungen, Patient tot. Oder war das jetzt doch umgekehrt? Wenigstens kenne ich jetzt den Grund für das Ergebnis.

  11. So, jetzt habe ich mir einen eigenen Eindruck machen können. Ich war bei der Schätzing-Lesung im Dortmunder Konzerthaus. Und das hat mich in meinem ersten Zweifel an der Lesungs-Kritik von Wolfgang Tischer bestärkt. Was für jede Literaturkritik gelten sollte, muss auch bei der Einordnung der Schätzing-„Show“ zugrunde gelegt werden: Sie muss am eigenen Anspruch gemessen werden. Und der besteht, vermute ich mal, darin, ein bestimmtes Publikum, das sich für Unterhaltungsromane (Mischung Spannung, Fantasy, SciFi, in die Richtung Edutainment gehend), zu erreichen und zum Kauf zu animieren; und an der Marke Schätzing zu arbeiten. Das ist, denke ich, durch die Show aufgegangen. Die meisten Zuschauer im Konzerthaus haben sich blendend amüsiert. Die Schlangen vor dem Signiertisch und dem Kauftisch waren sehr, sehr lang. Anderen Zuschauern, die nicht Schätzings Kernklientel sind, werden (aus ihrem Blickwinkel) Schwächen aufgefallen sein: im Text (oft antiquierte Formulierungen bei einem doch hypermodernen Thema), in der Inszenierung (ja, Schätzing wirkt selbstverliebt), in den Videoeinspielungen (Ton zu laut, seltsamer Rap-Song); btw: professionell fand ich den gesamten Auftritt durchaus. Aber diese „Schwächen“ ändern nichts daran, dass Schätzing insgesamt bei seinem Publikum reüssiert. Ich werde mir jedoch kein Buch kaufen.

  12. Ich habe mir „Limit“ gekauft. Das war kurz vor Weihnachten. Gestern bin ich damit fertig geworden. 3 Monate.
    Wie komme ich zu Herrn Schätzing – neben dem Zufall, dass ich in der selben Stadt lebe, der Werbebranche entstamme?
    Seine Stadtbücher! Der Mittelalterkrimi „Tod und Teufel“ oder den G8-Doppelgipfel 1999 in Köln flankierende Roman „Lautlos“, das hat man gerne gelesen – zumindest als Kölner. Den „Schwarm“ habe ich – gelesen. Gute neue Idee, immer was los, schöner Plot, Sachwissen gut mit der Geschichte verwoben.

    Dann „Limit“: Immer wieder ausschmückende, überbordende, seitenweise Beschreibungszwänge, ungewollte Stilblüten, Ausflüge in Psychologie, Allgemeinwissen, Lebensweisheiten und nicht endenwollende Verzögerung der Handlung. Für mich schon schmerzhafte Zufälle, Missverständnisse, Vorsehungen und Sabotageakte, Wurmfortsätze die das Verfolgen der Geschichte furchtbar langatmig machen. Dieselbe zeigt sich ohnehin nur zögerlichst. Zunächst muss eine knappe Hundertschaft blass gezeichneter Klische-Personen und deren (uninteressante) Hintergründe studiert werden (ein 9seitiges Personenregister ist hierbei eine unverzichtbare Hilfe). Nach 700 Seiten zähen Dozierens und Brutal-Killens (keine Mordmethoden werden ausgelassen), ist es dann doch soweit und es darf, nun schon entspannter, den beiden sich endlich zäh annähernden Handlungssträngen gefolgt werden – weitere 700 Seiten. Bis zur Aufklärung. Die ist Unspektakulär. 10 Seiten. Aus. Kein Schätzing mehr. Dafür wieder viel Zeit!

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