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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 19. August 2005 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleBrilleBrilleBrilleKeine Brille

Beruf: Schriftsteller; Hobbies: Lesen, …

von Frau Goedel

Vom Leben erfinden und Leben leben und vom am Leben hängen und ans Leben gehängt werden, … und vom Sterben.

»Welche Agonie?« Ja. Welche Agonie, blinder Freund mit gesunden Augen. Leg die Bücher für einen Moment beiseite und sei der Protagonist in Deiner eigenen Lebenszeit, vielleicht fällt sie Dir auf.
Spiel mir Schubert, … mir ist nach weinen.

Während Du den Tod erfindest und ihn schwarz auf weiß den gelangweilten Voyeuren zur Bettlektüre reichst, wird er hier verhindert.

Sterben will er, doch wir lassen es nicht zu. Es passt nicht in unser Konzept. Keiner stirbt hier ohne unseren Segen. Und wenn er es doch versucht, kaltschweißig sein Bewusstsein mit aller ihm noch zur Verfügung stehenden Macht unserer Präsenz zu entziehen, sind wir schneller. 360 Blitze jagen durch seine Brust, ein Ruck und die Augen zeigen, kurz nur, Weiß. Es bleiben rote Brandränder, … so leicht kommst Du uns nicht davon. Flügel wachsen lassen und mit dem Herz voran davon flattern? Pack Deine Flügel wieder ein, denn wir haben ein intensives Auge auf dich und dulden keine Eigenmächtigkeiten. Dein Tumor interessiert uns nicht, auch nicht die Schmerzen, die damit verbunden sind. Schon gar nicht deine 94 Jahre. Wir bringen dir das Leben schon noch bei! Und schicken dich nach Hause. Vielleicht tetraplegisch oder ohne Verstand, aber im Sinusrhythmus. Druck und Frequenz kontrolliert von Giften mit schönen Namen. Mutterkornalkaloide … das klingt nach heißer Milch mit Honig und bringt dir nur die Hölle in dein Schlafzimmer, weil es dich weiter an dein einsames Leben fesselt. Aber rhythmisch.
»Status idem« … ich möchte mich übergeben.

Warte nicht auf die Muse, die dich küsst und dir den Durchbruch im Bestseller verschafft. Mach die Augen auf und sieh, das Leben schreibt die schönsten Geschichten.
Spiel mir Wagner, … mir ist nach sterben lassen.

© 2005 by Frau Goedel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine entschiedene Erzählung, die mit verschiedenen Ebenen spielt, in der die Situation mal neutral, mal aus der Sicht Beteiligter geschildert wird, mit Kommentaren von beiden Seiten und einem klaren Aufbau und einigen kleineren und schnell behebbaren Mängeln .

Die Kritik im Einzelnen

Dieses Absatzes, der in bester barocker Manier zusammenfasst, was im Folgenden zu lesen sein wird, bedarf es nicht, dazu ist der Text viel zu überschaubar & kurz; ich plädiere für Streichung! zurück
Das »es« ist überflüssig, denn die Erläuterung dieses Hilfssubjekts folgt unmittelbar. Also: streichen. zurück
». kaltschweißig mit aller ihm noch zur Verfügung stehenden Macht sein Bewusstsein uns zu entziehen« würde ich vorschlagen. Begründung:
1.) »Bewusstsein« nach hinten, denn das soll ja entzogen werden, und die lange Adverbiale nach »Bewusstsein« stört diesen Zusammenhang. 2.) Niemand kann sich meiner Präsenz entziehen, denn meine Anwesenheit ist fraglos und bleibt unangetastet., solange ich lebe. Ich hingegen kann mit meiner Präsenz bei bestimmten Anlässen geizen, und jeder kann sich mir entziehen, er muss nur auf Distanz gehen – aber das berührt meine Präsenz nicht im mindesten!
Schön: in dem »kaltschweißig« spielt so etwas von »kaltschnäuzig« mit, also dieser Unverfrorenheit, einfach sterben zu wollen. zurück
Wie wäre es mit einer Streichung dieser beiden Wörter? Übrig bliebe »Flügel wachsen lassen und Herz voran davon fliegen« – damit ist doch alles gesagt. zurück
STREICHEN! Das klingt hier zu gewollt, denn dieses Adjektiv riecht in diesem Kontext nach Intensivstation und damit nach Holzhammer. »Ein Auge auf jemanden haben« ist eine schöne Redewendung, die man ungestraft lassen kann. zurück
Ab jetzt wird Du immer konsequent klein geschrieben, während es zuvor – zwar entgegen der Regel, aber warum denn nicht? – groß geschrieben wurde: offenbar richtet sich die Ansprache von einem konkreten Du hin zu einem allgemeinen du, das den Leser eher einbezieht. zurück
Ich halte den Zynismus unangemessen, denn schließlich interessieren Tumor und Schmerzen sehr wohl – als Experimentierfeld für Behandlungs-Maßnahmen, die man nur ausprobieren kann, solange der Patient lebt! Dieser Zynismus wäre im Text viel heftiger und ehrlicher, der ursprüngliche ist mir zu zeigefingerlich … zurück
querschnittsgelähmt zurück
WEG damit, sonst droht Sterbekitsch: wegwegweg!!!  zurück
unveränderter Zustand (»Immer das gleiche«) zurück

© 2005 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.