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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 13. November 2000 | Textart: Prosa
Brillen: Keine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

die rasur

von marcus kober

ich wache auf, wische den schlaf aus meinem gesicht und streiche automatisch über meine wangen, bartstoppeln kratzen und mein haar ist durcheinander. »rasieren wäre mal wieder nicht schlecht« denke ich, ziehe mich ungeduldig an, während die wände enger werden und schaffe es gerade noch, aus meinem zimmer in den flur zu treten, ohne zerquetscht zu werden. ich überprüfe kurz mein äußeres im spiegel, doch ehe ich auf die straße trete, kontrolliere ich tastend, ganz vorsichtig, ob der asphalt mich trägt und als ich die härte des untergrunds an den zehenspitzen fühle, weiß ich, daß alles in ordnung ist. das leben draußen meine ich. ich laufe zum friseur meines vertrauens, setze mich auf den durchgesessenen stuhl und rufe strahlend: »eine rasur bitte, aber gründlich!«. zeit vergeht, während ich mein gesicht eingehend im spiegel studiere, besonderes augenmerk auf die stoppeln gerichtet. der spiegel verrät mir nicht, welches ich auf der richtigen seite sitzt. sitze ich auf der richtigen seite? »einen moment, ich hole die groben werkzeuge!« ruft der friseur, meine wangen sind schon bedeckt mit rasierschaum. ich blicke aus dem fenster, es regnet, die tropfen sind golden, vertreiben das gefühl der heimatlosigkeit und ich sage laut: »hier bin ich richtig!«
der friseur läßt sich auffallend zeit. mir wird das warten zu dumm, ich will mir unbedingt den schaum vom kalten regen abwaschen lassen, sofort! ich öffne die schwere ladentür, doch zu meiner überraschung hat die welt sich gedreht, schwindelnde höhen, die jetzt tiefen sind, erstrecken sich zu meinen füßen, die dichte krone eines baumes berührt meinen kopf. der regen tröpfelt gegen die sohlen meiner fußspitzen, die über die schwelle ragen. der friseur steht im raum und ruft fordernd: »einmal rasieren, der herr!« erfüllt mit vorfreude auf glatte wangen nehme ich wieder platz, die prozedur dauert einige sekunden und zufrieden stehe ich auf, zahle und mache mich auf den heimweg.

© 2000 by marcus kober. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Unentschlossen & unrein & unfertig
Erzählungen zum Thema Traum gibt es in Hülle und Fülle, und bei den besten ihrer Art streiten sich die Fachgelehrten immer noch und immer wieder, ob diese Erzählung nun einen Traum darstellt oder nicht. Träume gibt es auch die unterschiedlichsten: von den absolut realistischen über absurde bis hin zu assoziativen.
Was aber will »die rasur«? Soll das ein assoziativer Traum sein? Dann sollte man diesen Assoziationen nachspüren können! Soll es ein absurder Traum sein? Dafür ist er zu realistisch. Soll es ein realistischer Traum sein? Dazu ist er zu sprunghaft. Soll das gar kein Traum sein? Aber was denn dann?
Worum geht es überhaupt? Um die Rasur, die der Protagonist erst will, dann wieder nicht, dann wieder doch? Geht es um Heim und Heimatlosigkeit (das sich verengende Zimmer, der vertraute Frisörladen, die richtige Seite am Spiegel)? Morgendliches Unwohlsein? Folgen einer durchzechten Nacht? Oberflächlichkeit eines Erzähler-Ichs? Cool-Sein?
Hier fehlen Linie, Konzept, Thema; es fehlt eine klare Vorstellung vom Protagonisten und der Situation; stattdessen Konfusion und blinde Motive und Leipziger Allerlei bis hin in den Kleinschreibdummfug.

»Solch ein Ragout, es muss Euch glücken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.«

(Faust, Vorspiel auf dem Theater)

Die Kritik im Einzelnen

Sind Wangen nicht Teil des Gesichts? Gerade hat das Erzähler-Ich den Schlaf aus seinem Gesicht gewischt und dabei doch offensichtlich nichts von den Bartstoppeln gespürt. Sind das etwa besondere Bartstoppeln, die einer eigenen Begutachtung bedürfen? Soll das alles ein morgendliches Standardritual darstellen, nämlich erstens den Schlaf aus den Augen reiben (so steht es genau nicht da, hätte aber den Vorteil, dass eine gesonderte Stoppelbegutachtung Sinn machte!) und zweitens Reifegrad der Bartstoppeln überprüfen? zurück
Staun & Starr: Diesem Wesen wachsen außer Bartstoppeln noch durcheinandere Haare auf den Wangen! Damit hat sich das Erzähler-Ich eindeutig als Werwesen zu erkennen gegeben. Vermutlich ist gemeint, dass das Erzähler-Ich zusätzlich den Verstrubbelungsgrad der Kopfbehaarung überprüft, nachdem es die Bartstoppeln genügend gekratzt hat; steht aber nicht so da.
Diese Überprüfung der Kopfhaare sorgt im Text nur für sinnlose Irritation und kann vollständig entfallen, denn diese Frisur bleibt bis zum Ende unverändert: diese Haare spielen keine Rolle – außer: den Satz gewaltig zu vermurksen. zurück
Da haben wir den Salat: Nachdem ein Durcheinander der Kopfhaare als letzte und damit wichtigste Erkenntnis des erwachten Werwolfes formuliert ward, fällt diesem Wesen blödsinnigerweise »rasieren« ein! So etwas würde ich allenfalls einem Skinhead durchgehen lasen (aber ein solcher wiederum könnte schwerlich ein Durcheinander der Kopfhaarstoppeln konstatieren .) zurück
Warum ein Enger-Werden der Wände stinknormal ist, die Tragfähigkeit des Asphalts aber sorgfältigst mit den nackten Zehen überprüft werden muss (obwohl das Wesen sich doch angeblich angezogen hat, wozu ich eigentlich auch Schuhwerk zähle), bleibt so beliebig, wie es für das Fortschreiten der Geschichte völlig egal ist, in Kurzform: »alles in Ordnung« zurück
Holla, jetzt wird es dem Leser aber gegeben: Ätschebätsche, Zimmer & Asphalt nix in Ordnung, reingefallen! Nur das Leben draußen ist in Ordnung!
Bedauerlicherweise gibt es da keines (außer dem Wesen und dem Frisör des Vertrauens). Was also soll dieser Satz? zurück
Das Vertrauen in diesen Frisör scheint nicht sonderlich groß zu sein, denn sonst hätte ein strahlendes »Eine Rasur bitte!« bestimmt genügt. Die Aufforderung »aber gründlich« straft seine Auffassung über den Frisör Lügen. Wir haben es folglich mit einem Lügenbold zu tun! zurück
Warum fragt das Wesen den Spiegel nicht einfach: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sitzt richtig in diesem Land?«  Das akustische Signal des Spiegels hätte ihm eine eindeutige Lösung für sein existenzielles Problem geliefert, schließlich hat ein Spiegelbild kein Gehör, und zweitens weiß der Spiegel, wer vor (und wer in ihm) sitzt.
Klar: das Wesen weiß das auch, schließlich verrät der Spiegel es ihm nicht, das stoppelige Wesen wird ihn also schon gefragt haben! Doch zieht das Wesen die falschen Folgerungen aus dem Keine-Antwort-Hören: da es nichts hört, sitzt es auf der falschen Seite; Pech gehabt. zurück
Die ganze onthologische Tiefe dieses Problems, ob das Wesen auf der richtigen Seite des Spiegels sitzt, wird hier auf die Spitze getrieben: so vorläufig-endgültig war das Wesen in seinen inneren Grübeleien versackt, dass es – trotz Starrens auf die eigenen Bartstoppeln im Spiegel – überhaupt nicht bemerkt hat, dass der Frisör um es herum aktiv geworden war und das Stoppelfeld mitttels Rasierschaum erfolgreich jedem Blick entzogen hatte. zurück
Wo kommt das denn her? Zunächst ist das Wesen ungeduldig, weil es rasiert werden will, dann ist es unaufmerksam, weil es die Schuhe anzuziehen vergisst, dann ist es vorsichtig, weil es dem Asphalt nicht traut, dann ist es schier glücklich, weil es daheim beim Frisör des Vertrauens ist, denn es vergibt seinen Auftrag strahlend, dann ist es überflüssigerweise unsicher, weil es den Spiegel nicht hört – und jetzt müssen goldene Tropfen das Gefühl der Heimatlosigkeit vertreiben? Ich wiederhole die Frage: Wo kommt das her? Auch im Spiegel sitzt er immer beim Frisör seines Vertrauens, auch da regnet es goldene Tropfen im Fenster. Ich frage zum dritten und letzten Mal: Wo kommt dieses Heimatlosigkeitsgefühl her?
Eben! Warum dürfen die goldenen Tropfen nicht den Gilb in morsche Vorhänge ätzen? Das wäre genauso sinnvoll. zurück
Woher weiß er das? zurück
Das ist eine faustdicke Lüge! Erstens dreht sich die Welt sowieso; es wäre leicht ungenehm, wenn sie es nicht ununterbrochen täte! Immerhin kommt die Erläuterung sofort, das Erzähler-Ich sieht sich offenbar selbst genötigt, derlei abzugeben: die Welt stehe Kopf. Aber selbst das stimmt nicht, denn dann stünde der Frisörladen seinerseits Kopf, der denkt aber nicht daran, der bleibt von und in diesem Durcheinander völlig ungerührt: um ihn herum steht alles Kopf. Spannend: wo liegt wohl die Drehachse? zurück
Höhen und Tiefen erstrecken sich nicht: erstrecken hat etwas mit Weite zu tun, mit flächig gedachten Objekten (alle Arten von Wüsten z.B., oder Tundras und Steppen und Wälder und Felder .). Das Wort passt hier nicht, es kann aber problemlos gestrichen werden, ohne dass etwas fehlte. (Meine Lieblingsregel: Streichen, streichen und nochmals streichen!) zurück
Jetzt werden wir über die Drehachse aufgeklärt: angenommen, der Baum ist sagen wir 5m hoch, und das Erzähler-Ich 1,80m groß, dann ergäbe das eine Drehachse in der Höhe von 6,80m über dem Boden. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass auch das Haus sich gedreht haben könnte, dann müsste es 6,80m hoch sein, um zu dem gleichen Phänomen zu gelangen; und je höher der Baum, desto höher das Haus. Immerhin: ein tröstlicher Gedanke, dass ein Baum so nahe vor (wenn nicht in) einem Frisörgeschäft wächst, dass er – auf den Kopf gestellt – mit seiner Krone (!!!) den Kopf eines Wesens berührt, dass auf der Türschwelle dieses Ladens steht. Muss wohl so etwas wie eine Pappel sein, ganz doll von seitlichen Trieben befreit, damit die Krone überhaupt eine Chance hat, den Kopf unseres Wesens berühren zu können, oder ein höchst bedauernswerter verbogener Baumkrüppel. zurück
Ach was: der Regen tröpfelt nur noch? Und von diesem tröpfelnden Regen hatte er sich den Rasierschaum abwaschen lassen wollen? Dieses Wesen wird immer alberner! zurück
Die Sohle ist eine Fläche: zu Fußsohle zählt die große Lauffläche zwischen Ferse und Zehenansatz; wer sich an der Unterseite der Zehen verletzt, verletzt sich am Zeh, nicht an der Sohle. Wer sich etwas in die Sohle tritt, der meint nicht die Zehen. Wer keine Zehen mehr hat, ist immer noch stolzer Besitzer einer Fußsohle! Wer keine Fußsohle mehr hat, kann durchaus noch vollständige und anmutige Zehen haben.
Die Sohlen der Fußspitzen ist grober Unfug, wie es auch Fersen der Fußspitzen wäre! Mit Fußspitze ist das äußerste Ende der Zehe(n) gemeint, die sich beim Wachsen am meisten nach vorne gewagt hat. Und wenn die über eine Schwelle ragen, dann sind die Unterseiten dieser Spitzen (und nur die) nach unten offen. zurück
Diese Aufforderung »Einmal Rasieren« kann ein Kunde sagen, oder ein Frisör kann fragen »Einmal rasieren, der Herr?« . Was der Frisör hier fordert, ist mir nicht klar: Eigentlich müsste er das Wesen doch daran erinnern, das es rasiert werden wollte, und zwar gründlich (was das Wesen ja inzwischen nicht mehr will: es möchte stattdessen den Schaum loswerden). Und warum ruft der Frisör das mit Vorfreude? Etwa weil er endlich die groben Werkzeuge einsetzen kann (bedauerlicherweise werden wir nie erfahren, was das ist)?
Ach nein: dank des verschnarchten Kleinschreib ist uns lediglich ein neuer Satzanfang entgangen! Zu dumm aber auch – obwohl: auf glatte Wangen nehme ich wieder Platz durchaus auch einen schönen sprachlichen Unsinn machte, wie so vieles in diesem Text; und überhaupt: warum schließlich sollte sich das Wesen auf glatte Wangen vorfreuen, wenn es zugleich den Schaum loswerden will (s.o.)! zurück
Gott sei Dank! zurück

© 2000 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.