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Stichwort: Maltes Meinung

Alle Beiträge, die von der literaturcafe.de-Redaktion mit dem Stichwort »Maltes Meinung« versehen wurden.

Beitrag vom 24. Juli 2014 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Noch zwei Schippen drauf! Töröööh!

Ihr wollt das wirklich alles wissen? Was kommt denn dabei rüber? Hundert? Dass ich nicht lache. Fünfhundert müssen es schon sein. Und für ein paar Fotos fünfhundert extra. Meint ihr, ich sitze zum Vergnügen hier? Und wie ich aussehe. So was romantisch Verkommenes wie mich kriegt ihr sonst nirgends auf die Platte. Schon die Kosakenpelzmütze fürs Betteln und die Fußlappen sind was wert. Und dieser schmutzstarrende, löchrige Mantel ist ein Goldstück. Erst recht die Kältebeulen im Gesicht, die Schwielen, der Grind, die Triefaugen.
OK. Zehn Hunnies. Dafür kriegt ihr auch die besonders ergreifende Version.
Geboren und aufgewachsen in St. Georg. Hinterhof. Bahnhofsnähe. Vater Säufer, Mutter auf dem Strich. Selbst mit 13 heroinabhängig und im Bahnhof anschaffen gegangen. Dann einigermaßen gerappelt, für eine Weile clean geworden. Hauptschulabschluss nachgemacht. Berufsausbildung zur Cutterin, vom Arbeitsamt bezahlt. Arbeit nach kurzer Zeit verloren, weil es keine Filmrollen mehr gab. Alles elektronisch heute. Bis dahin zwei Abtreibungen und eine Totgeburt. Von einem Loddel, den ich liebte wie doof, jahrelang verprügelt und auf den Strich geschickt. Hautausschläge gekriegt. Vom Loddel weggeschickt. Auf der Straße gelandet. Und da sitz ich nun seit zwölf Jahren. Mache nur Straße, Park oder Platte. Nein, kein Obdachlosenheim. Da kriegt mich keiner rein.
So, das war’s. Die Fotos habt ihr, die Geschichte auch. Verschwindet jetzt. Was ich mit dem Geld mache? Damit spekuliere ich an der Börse.

90 Minuten später:

Die ganze Geschichte willst du? Und auch noch Fotos? Das wird dein Institut aber was kosten. Mit Fotos alles zusammen tausend.
Einverstanden? Dann setz dich hier aufs Pflaster und hör zu. Ich habe nicht ewig Zeit.
Also: Geboren und aufgewachsen in Blankenese. Vater Bankdirektor, Mutter Rechtsanwältin. Von Hausmädchen, Erzieherinnen und au pair Mädchen großgezogen. Teures Internat. Abitur. Studium der Medizin. In iranischen Kommilitonen verliebt. Heirat gegen den Willen der Eltern. Danach sieben Jahre Gefangenschaft in seiner Familie in Teheran. Kein Kontakt mehr zu den Eltern. Verstoßenes Kind gewesen. Drei eigene Kinder, alle in Teheran geblieben. Selbst auf abenteuerliche Weise rausgekommen. Danach äußerlich Hautausschläge und innerlich gebrochen. Seit 12 Jahren auf der Straße. Und nun hau ab!

40 Minuten später:

Mädchen, du willst alles wissen? Schülerzeitung? Welche Schule denn? Heine Gymnasium Blankenese? Aha. Fünfhundert. Zu viel? Das ist schon die Hälfte. Mein Sozialpreis.
OK? Abgemacht. Fünf Hunnies. Dafür ein paar Fotos und die ganze Wahrheit über mich. Unterbrechungen und Rückfragen kosten extra.
Also: Zunächst ein ganz normales Leben in einem Beamtenhaushalt in Fuhlsbüttel geführt. Vater Studienrat, Mutter Logopädin. Abitur. Danach Ausbildung zur Cutterin. Als keine Cutterinnen mehr benötigt wurden, hätte ich auf Elektronik umschulen können. Aber da hatte ich schon gute Kontakte zu den Filmleuten. Ich kannte manche von der Requisite, mit einer von der Maske war ich befreundet. Nein, keine Namen. Weder meinen, noch ihren. Als wir vor 12 Jahren fast gleichzeitig aus den Studios rausflogen, begann unsere Zusammenarbeit. Die offene, ein bisschen nässende Schwiele hier am Kinn? Abstoßend, was? Ratsch, ab ist sie. Darunter glatte Haut. Die vielen Stunden an der frischen Luft sind gesund. An guten Tagen habe ich bis zu fünf Reporter am Hals. Zeitungen vom In und Ausland, Illustrierte, Fernsehleute und so weiter. Mache am Tag so zwischen zwei und fünftausend. Dazu noch das Kleingeld aus der Kosakenmütze.
Warum ich das ausgerechnet dir erzähle? Ich war auch mal so eine aufgeweckte Göre wie du. Und außerdem: Heute ist mein letzter Tag. Das Haus im Süden ist gekauft, die üppigen Sofortrenten für meine Freundin und mich sind eingezahlt.
Das ist die Wahrheit. Du kannst sie glauben.

© 2014 by Wolfgang Rill. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Sprachlich meist überzeugende, inhaltlich jedoch viel zu stark überzogene »Satire«.

Eine Satire lebt davon, dass es sich tatsächlich so hätte ereignen können! Man erkennt die Übertreibung und kann sich daran freuen. Das ist in diesem Text misslungen, und am Schluss wird der Text geradezu unerträglich. Schade drum. Denn die Ich-Erzählerin ist nicht dumm, hat Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gelesen oder Nicht ohne meine Tochter und zum Teil ihres Lebens gemacht.
Immerhin: Die Satire wäre noch zu retten!

Die Kritik im Einzelnen

Das scheint mir gewaltig überzogen: 500 Euro für eine Lebensgeschichte? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein normaler Mensch so etwas bezahlen würde. Da wären wohl höchstens 50 Euro angebracht! zurück

Die Nähe von Totgeburt und Von einem Loddel ist missverständlich und unsinnig: Ist der Loddel Vater des tot geborenen Kindes? Oder war die Totgeburt bereits im Mutterbauch als Loddel tätig?
Besser wäre eine Umstellung des Satzes:
Bis dahin zwei Abtreibungen und eine Totgeburt. Jahrelang verprügelt und auf den Strich geschickt von einem Loddel, den ich liebte wie doof. zurück

Hier handelt es sich offenbar um ein offizielles Gespräch mit einem Vertreter von irgendeinem Institut – da kann die Ich-Erzählerin selbstverständlich hinlangen. Was mich wundert: Wieso will das Institut dabei keinen Film, obwohl es doch um Authentizität geht, sondern beschränkt sich auf Fotos? Eine Videoaufzeichnung würde zudem die Geldforderung zusätzlich begründen! zurück

Das ist der kürzeste Lebenslauf – und deswegen wird der Zuhörer aufgefordert, sich zu setzen? Klar, das kann und soll vielleicht auch witzig sein; genau deswegen halte ich dafür, diese Aufforderung zu streichen: 1000 Euro für den kürzesten Lebenslauf ist schon genug! zurück

Jetzt wirkt die Geldforderung nur noch albern: Eine Schülerzeitung hat in der Regel kein Geld für Interviews! Die ausnahmslos ehrenamtlichen Redakteurinnen freuen sich schon, wenn sie mal umsonst in eine Theateraufführung kommen. zurück

Nehmen wir mal im Schnitt 3000 pro Tag (rechnet sich einfacher als 3500), dann 200 Tage im Jahr (so eine selbst fabrizierte Obdachlose hat auch noch ein anderes Leben), dann wären das 700.000 nur in einem Jahr. Unversteuert.
Hier stürzt die »Satire« endgültig ins Bodenlose! zurück

Damit könnte alles beendet sein. Allerdings dürfte diese Erzählung auch ohne diesen Satz aufhören. Tut sie aber leider nicht … zurück

Und noch eine Schippe drauf, damit’s auch der Dümmste begreift: Das Klischee vom Wunschhaus im Süden (Töröööh!), die üppigen (Töröööh!) Sofortrenten für die Maskenbildnerin und die Ich-Erzählerin … Moment: Die Sofortrenten sind eingezahlt? Ich dachte, man zahlt die Rentenbeiträge! Das wären dann die Beiträge für die Sofort-Rente statt die Sofort-Rente selbst … egal, ist eh schnurz. Schließlich folgen noch zwei weitere Schippen Peinlichkeit: Das sei alles die Wahrheit (Töröööh!), und weil die Ich-Erzählerin das sagt, darf man ihr glauben (Töröööh!).
Dazu passt der Dialog zwischen Phantomias und einem Bürger anlässlich der Kampagne der Firma Nasweis, Spicker und Ausspecht, kurz NSA: »Und woher wollen Sie wissen, ob Sie dieser Firma vertrauen können?« – »Die von der NSA sind seriös! Haben sie selbst gesagt!« (LTB 449, S. 103) zurück

Beitrag vom 5. September 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Beklemmend, stimmig – vielleicht ein Anfang

Die Knöpfe waren aus Perlmutt. Hätte die Bluse keine Knöpfe gehabt, dann wäre das alles nicht passiert. Manchmal wünschte Luise, sie hätte die Finger von der Bluse gelassen. Es war Mai und schönster Frühling, aber auch das war keine Entschuldigung. Sie war gerade dabei, die Kaschmirpullover nach Größen zu sortieren und zu ordentlichen Stapeln aufzutürmen, zum dritten Mal an diesem Vormittag. Da stand plötzlich Frau Witte neben ihr und forderte Luise auf, sich zu den Personalräumen zu begeben. Es sei dringend, sagte sie, und ihre Augen blitzten bösartig, obwohl sie mit den Lippen lächelte; das konnte nichts Gutes bedeuten. Vor ihrem Spind standen zwei Herren, die dort definitiv nichts zu suchen hatten. Dieses war der Pausenraum für die Verkäuferinnen. Hier bewahrten sie nicht nur ihre Siebensachen auf, sondern führten auch die wichtigsten Gespräche, tauschten die neuesten Nachrichten aus und meckerten über Kollegen, die sie nicht leiden konnten. »Hallo, Frau Barringa!« begrüßte sie der Personalleiter, obwohl sie sich an dem Tag schon begegnet waren. Er war ungefähr in dem Alter ihres Sohnes und trug im Geschäft nichts anderes als graue Anzüge – tagein, tagaus denselben Schnitt und dieselbe Farbe. Auch seine Haare sahen immer gleich aus, obwohl er sie jeden Morgen mit Gel durchknetete. Einmal war sie ihm in der U-Bahn begegnet und hatte ihn in seiner Freizeitkleidung fast nicht erkannt. Doch heute war er wieder wie aus dem Ei gepellt und erinnerte sie an einen Fußballspieler, der aus Versehen eine Krawatte trug. Neben ihm stand Charlie, der Sicherheitsmann, dem sie kürzlich noch dabei geholfen hatte, ein Formular für seine Steuererklärung auszufüllen. Er war zwar nicht der Gescheiteste, aber immer freundlich. Umso befremdlicher fand sie es, dass er sie jetzt nicht ansah, sondern ohne jegliche Befugnis an ihrem Spind herumfummelte. »Was soll denn das?« fragte sie, obwohl sie es schon ahnte. »Würden sie das bitte einmal aufmachen?« bat sie der Personalleiter in einem höflichen und zugleich strengen Ton. Er gab Charlie durch eine Handbewegung zu verstehen, dass er von der Tür zurücktreten solle, was dieser nur widerwillig tat. Sie fingerte das Bändchen mit der Chipkarte aus ihrem Halsausschnitt und steckte die Karte in den Schlitz, so dass der Spind mit einem knackenden Geräusch aufsprang. Dann trat sie selbst zwei Schritte zurück und stellte sich neben Charlie, während der Personalleiter nach der Tüte griff und hineinschaute. Er sah erst Charlie an und dann sie. In diesem Moment betrat Frau Witte den Pausenraum und ihr billiges Parfüm schlug Luise sofort auf den Magen. »Danke, Charlie, ich brauche Sie nicht mehr!« sagte der Personalleiter und wandte sich dann Luise zu: »Sie dürfen wieder abschließen, Frau Barringa, und dann folgen Sie mir bitte!« Auf dem Weg zu seinem Büro, das sich zwar auch im dritten Stock, aber am anderen Ende des Flurs befand, biss sie die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Übelkeit an, die es ihr unmöglich machte, ein Wort herauszubringen. Sonst hätte sie vielleicht schon laut protestiert oder dem Kerl die Meinung gesagt, aber das ging nicht und sie trottete ihm hinterher wie ein Lamm dem Mutterschaf. Er hielt ihr die Tür auf und deutete auf den Besucherstuhl. »Bitte, nehmen Sie Platz!« Er leerte die Tüte über seinem Schreibtisch aus und das Corpus delicti kam zum Vorschein. Bei der folgenden Unterredung lag die Bluse mit den Perlmuttknöpfen zwischen ihnen, und sie konnte nur mit Mühe den Reflex unterdrücken, das feine Material hochzuheben und auf den Bügel zu hängen, der ebenfalls aus der Tüte gefallen war; Seide knitterte doch so leicht. »Tja, Frau Barringa …« begann der Personalleiter, machte jedoch keine Anstalten, seine Rede fortzusetzen, als sprächen die Tatsachen für sich. Entweder genoss er diese Situation, oder sie war ihm genauso peinlich wie ihr – sie wusste es nicht. Ihre Eingeweide spielten verrückt. »Möchten Sie vielleicht etwas sagen?« »Mir ist schlecht!« »Kann ich Ihnen etwas bringen, ein Glas Wasser vielleicht?« »Danke, aber … ich wollte die Bluse nicht entwenden, wirklich nicht! Ich arbeite doch heute nur bis mittags und dann wollte ich sie bezahlen!« Der Personalleiter griff nach dem Preisschild, das mit einem Bindfaden an einem der Knöpfe befestigt war. Er seufzte, als fände er es schade, dass die Bluse nur fast bezahlt worden war. Oder nur fast gestohlen. War das nun Diebesgut oder hinterlegte Ware? Das lag jetzt an ihm. »Es tut mir leid, Frau Barringa, aber wir haben unsere Vorschriften! Sie wissen, dass Sie ein Kleidungsstück nur aus dem Verkaufsraum entfernen dürfen, wenn es an der Kasse registriert worden ist. So wie die Dinge liegen, müssen wir davon ausgehen, dass Sie diese Damenbluse stehlen wollten, und das können wir leider nicht hinnehmen. Ich muss Sie daher bitten, Ihren Arbeitsplatz zu verlassen und Ihre Chipkarte bei Frau Witte abzugeben! Sie werden von uns ein Kündigungsschreiben erhalten, auf eine Anzeige werden wir vorläufig verzichten. Bis auf diesen Vorfall haben Sie sich nichts zu schulden kommen lassen, aber ich muss trotzdem ein Hausverbot aussprechen – so ist das nun einmal!« Ihr Magen zog sich rhythmisch zusammen und sie spürte das Blut hinter ihren Schläfen pulsieren, aber sie riss sich zusammen und erhob sich von dem Stuhl. Irgendwie gelang es ihr, den Flur aufrechten Ganges zu durchschreiten und sich in den Pausenraum zu begeben, wo sie unter den Augen von Frau Witte ihren Spind räumte und ihre Handtasche packte. Das Bändchen mit der Chipkarte legte sie auf den Tisch und ihre Vorgesetzte nahm es wortlos an sich. Die Tüte, in der sich die fast gestohlene Bluse befunden hatte, diente als Tragetasche für ihren Kaffeebecher, ihre Nadeldose und Schminkutensilien. Den kleinen Spiegel legte sie an Heddas Platz neben die leere Frühstücksdose. Das war ihr Abschiedsgeschenk. Der Gedanke an ihre liebste Arbeitskollegin trieb ihr die Tränen in die Augen, aber solange Frau Witte neben ihr stand, würde sie nicht weinen – den Gefallen würde sie ihr nicht tun! Dieser hageren Frau mit ihrer Lederhaut und den kalten Augen gönnte sie nicht den kleinsten Triumph. Während Frau Witte sie mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck beobachtete, raffte Luise ihre Habseligkeiten zusammen und vermied jeden Blickkontakt. Dann verließ sie das Kaufhaus, in dem sie zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, durch die Hintertür.

© 2013 by Meike Cuddeford. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine stimmige Erzählung mit geringfügigen sprachlichen Mängeln.
Könnte nach Korrektur ein gelungener Anfang sein für einen Roman.

Die Kritik im Einzelnen

Dieser Text benötigt weder ein zweite Überschrift noch diese übliche und leider weit verbreitete, aber hilflos Spannung erzeugen wollende Einleitung – das kann alles komplett entfernt werden, ohne dass dem Text etwas fehlte: Niemand würde es vermissen! zurück

Ha: DAS wäre ein guter Beginn nach, weil nach dem Kitschfrühling völlig überraschend eine Entschuldigung folgt: Wofür? Warum? DAS macht neugierig! Dagegen haben Perlmuttknöpfe keine Chance! zurück

Es wäre sinnvoller, den vorhergehenden Satz mit Luise zu beginnen (statt mit Sie): dann wäre der Zusammenhang eindeutig; die erst hier mit Luise angesprochene Person könnte eine dritte sein. zurück

Der Nachsatz wiederholt, was vorher bereits durch den Augen-Lippen-Kontrast gesagt wurde: Also? Eben: Streichen! zurück

Der Zusammenhang bleibt mir verschlossen: Die Frisur ist doch wohl deswegen immer gleich, weil er sie jeden Morgen mit Gel durchknetete – oder täusche ich mich da? zurück

Was fummelte der da? Und warum? Klar kann ein Sicherheitsbeauftragter jeden Spind öffnen, wenn die Polizei das will! Nach Luise wurde aber gerufen, er konnte doch beruhigt abwarten, bis sie angekommen war! Ich würde das kürzen, es reicht doch, dass er Luise nicht ansah. zurück

Hier schleicht sich überflüssigerweise Nominalstil ein: Der Ton wird nicht benötigt: bat sie der Personalleiter höflich und zugleich streng. zurück

Wenn Frau Witte nicht zwischenzeitlich sich parfümiert haben sollte: Warum bemerkt Luise den Geruch erst jetzt und nicht schon bei der ersten Begegnung? Besser: streichen – die Anwesenheit dieser Person reicht doch wohl, um ihr auf den Magen zu schlagen … zurück

Welche Meinung denn? Luise weiß doch ganz genau, was sie angestellt hat, kennt die Regeln! Sie fühlt sich ja schließlich unwohl! Soll hier der Leser in die Irre geführt werden, so, als hätte der Personalchef hier einen Fehler gemacht? Würde ich streichen! zurück

Das darf fehlen – dass die Bluse zwischen ihnen liegt, ist an sich logisch: Schließlich geht es doch um genau diese! zurück

Sollte sie nicht besser erst die Chipkarte abgeben (nach der Spindentleerung) und dann den Arbeitsplatz verlassen? Scheint mir logischer … zurück

Hauptsätze, die mit und verbunden sind, sollte man sinnvollerweise durch Komma trennen (Das war schon immer so, das ist keine Erfindung der Neuen Rechtschreibung! Eine Regel, dass vor und nie ein Komma steht, hat es nie gegeben …) – besonders dann, wenn sonst beim Lesen Unsinn entsteht wie in diesem Fall: Das Bändchen mit der Chipkarte legte sie auf den Tisch und ihre Vorgesetzte zurück

Auch hier stört der Nominalstil mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck. Ein selbstgefälliges Knieschlackern kann es ja wohl kaum sein – und das Adjektiv selbstgefällig reicht vollkommen: Während Frau Witte sie selbstgefällig beobachtetezurück

Beitrag vom 20. Juni 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Pfiffig, nässend, unzufrieden – und doch sehr zufrieden

Rosarot
Die Wolken
Jubelnd
Bin ich
Leben Lachen
Licht

Rosigrot
Die Wunden
Nässen Narben
Sieht man
Schmerzen
Nicht

© 2012 by Derry Verleger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Feines, überraschendes, pfiffig sauberes kleines Gedicht
Die sattsam bekannten beiden Seiten der Liebe werden hier pfiffig und überraschend neu dargestellt – und DAS mach ein Gedicht aus! Rosarot-Rosigrot, Wolken-Wunden, jubelnd-nässend – bereits diese Gegensätze sprechen für sich! Und dabei handwerklich gekonnt mit seinen Alliterationen und dem Trochäus!

Die Kritik im Einzelnen


Ich empfehle analog zu Jubelnd im ersten Abschnitt Nässend. zurück

An der zweiten Strophe irritiert mich: Den beiden Silben von Jubelnd stehen vier in Nässend Narben gegenüber, während den vier in Leben Lachen nur zwei gegenüberstehen (Schmerzen).
Habe deswegen einen Versuch gewagt:

Rosigrot
Die Wunden
Nässend
Narben
Sieht man Schmerzen
Nicht

Das überzeugt mich aber auch nicht, weil optisch die vorletzte Zeile unvermittelt so lang ist: Damit bekäme diese Zeile ein besonderes Gewicht, das sie nicht verdient! Na ja, das hat man davon, wenn man nie zufrieden ist. Aber ich traue dem Verfasser durchaus zu, daran weiter zu arbeiten, wenn es denn tatsächlich nötig sein sollte!

Beitrag vom 10. April 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: 110 fehlende Leerzeichen

Lautes Lachen, ein rollendes Poltern und Gejohle hörte Anna plötzlich hinter sich. Erschrocken drehte sie sich um. Mindestens fünf Jugendliche auf Inlinern und Skateboards kamen um die Ecke gebraust. Schnell trat sie an die Seite. ›Das sind doch die Kinder aus der Nachbarschaft!‹ dachte sie missmutig. ›Keine Rücksicht nehmen die, auf nichts und niemanden. Frech und Laut, so waren wir früher nicht.‹ Langsam ging sie weiter, dabei stütze sie sich schwer auf ihren Gehstock. Mit der anderen Hand zog sie einen Einkaufs-Trolly hinter sich her. Vom Ziehen tat ihr der Arm nun weh, denn der Supermarkt war ein ganz schönes Stück entfernt. Der Arzt hatte ihr einen Rollator empfohlen, aber so etwas wollte sie nicht. ›Das ist doch nur was für alte Leute‹, das war ihre Meinung dazu. Erneut blieb sie stehen, um etwas zu verschnaufen. Dabei schweifte ihr Blick zur anderen Straßenseite. Ihre Augen wurden mit einem mal groß. Erstaunt sah sie dort eine noch ziemlich junge Frau mit einem … Rollator! »Meine Güte, die ist so jung, und ich habe Angst, alt zu wirken? Ich muss wohl doch noch mal über den Rat des Doktors nachdenken.« Nach diesem Selbstgespräch ging sie mit etwas mehr Schwung weiter. Endlich stand sie vor ihrer Haustür. Seit dem Tod ihres Mannes lebte sie alleine hier.
›Nein, nicht ganz alleine‹ dachte sie lächelnd, als sie die Wohnungstür aufschloss. Ein großer roter Perserkater kam schnurrend auf sie zu und strich um ihre Beine. Der wurde jetzt ausgiebig gestreichelt. Dann erst fing sie an, die Tasche auszupacken. Der Kater war auch nicht mehr jung und ihr ein und alles. »Wir sind ein gutes Team« sagte sie zu ihm. Er miaute, als ob er ihre Worte verstand.

Mit einer Tasse Kaffee setzte sie sich nun auf den großen Balkon. Alles blühte so wunderschön, eine richtige Wohlfühl-Oase war das. Früher hatten sie und ihr Mann am Stadtrand ein kleines Einfamilienhaus mit einem Garten. Aber als sie beide älter wurden, entschlossen sie sich zu dieser Eigentumswohnung. Deshalb legte sie so großen Wert auf die Bepflanzung der Blumenkästen, quasi als Ausgleich zu dem Garten, den sie manchmal vermisste. Wie schön wäre es, wenn ihre Enkel hier mal sitzen würden. Aber die Kinder wohnten weit weg und sie sah sie nur noch selten. War das vielleicht ein Grund für die Abneigung gegen die lärmenden Nachbarskinder? Kinder waren nun mal laut, und man kann sie nicht festbinden und ihnen auch kein Pflaster auf den Mund kleben. Ihre eigenen waren in der Jugend auch nicht anders. Das musste sie ehrlicherweise zugeben. Und wie war sie selbst gewesen? Nun musste Anna doch schmunzeln. Sie war ein ziemlich wildes Mädchen, und das war in ihrer Jugend schon sehr unschicklich gewesen. Sehr oft hatte sie Hausarrest, und auch auf den Po hat es öfter was gegeben. Die Eltern hatten es mit ihr nicht leicht. Sie liebte Kinder und war deshalb auch Lehrerin geworden. Nun war sie schon viele Jahre pensioniert, aber sie dachte gerne an die Schulzeit zurück.

Von draußen hörte sie nun wieder unbeschreiblichen Lärm. Als sie über die Balkonbrüstung schaute, erblickte sie die Jugendlichen von vorhin. ›Aber da weint doch jemand‹ dachte sie und sah genauer hin. Einer der Jungens lag etwas verdreht auf dem Boden und die Freunde standen ziemlich ratlos herum. Jemand rief um Hilfe. Ein anderer meinte: »Meine Eltern sind nicht zu Hause
Anna war nun nicht mehr zu halten. Ohne zu überlegen ergriff sie den Notfallkoffer und rannte zum Fahrstuhl. Durch den Keller des Hauses war sie nach einigen Minuten im Garten.
»Ich wusste gar nicht, das ich noch so schnell laufen kann!« sagte sie zu den Kids. Diese sahen sie erstaunt an. Darum zeigte sie auf ihren Balkon direkt über ihnen: »Da wohne ich, Anna Meyers ist mein Name. Was ist passiert?« Die Jugendlichen erklärten es ihr und fragten sie, ob sie Ärztin wäre. »Nein,« lächelte Anna, »ich war Lehrerin, aber mein Mann war Arzt und ich musste ihm oft helfen
Der junge Mann hatte einige Schürfwunden an Kopf und Knie, und das eine Bein war am Knöchel schon stark geschwollen. Sanft befühlte sie die Stelle. »Es scheint nichts gebrochen, nur verrenkt. Ihr habt doch im Gefrierschrank bestimmt so Eisbeutel, die holt mal und ein Glas Wasser.« Schnell wie der Blitz sauste einer ins Haus. Die anderen standen flüsternd etwas abseits. Scheinbar wussten sie nun wer die alte Dame war. Sehr oft hatten sie sie schon geärgert und beschimpft, wenn sie nicht schnell genug aus dem Wege ging. Und jetzt war sie hier unten und half ihnen, während die anderen, sonst so freundlichen Nachbarn, hinter der Gardine standen und zusahen.
Zu allem Überfluss fing es jetzt an zu regnen. Der Eisbeutel war inzwischen da und sie legte ihn auf den Knöchel. Dann gab sie ihm ein Aspirin gegen die Schmerzen. »Das Bein muss ruhig gehalten werden. Besser wäre es, wenn ihr in die Notaufnahme fahren würdet. Damit er noch mal von einem Arzt untersucht wird. Mehr kann ich für ihn nicht tun.« »Aber wir sind alleine, unsere Eltern sind arbeiten und die Freunde wohnen wo anders. Wie sollen wir da hin kommen?« Anna sah die Jugendlichen prüfend an: »Ich rufe von meiner Wohnung aus einen Krankenwagen an. Einer fährt mit ihm. Die anderen können von mir aus bei mir warten. Natürlich nur, wenn ihr wollt. Zu essen und zu trinken habe ich auch.» Das nahmen sie zögernd an und trugen erst einmal den Verletzten auf die Terrasse.

Als der Freund weg war, standen sie auf der Terrasse herum und schauten zu Annas Balkon hoch. Sie trauten sie nicht, in die Wohnung zu gehen. War das ihr schlechtes Gewissen? Da erschien Annas Kopf über dem Geländer: »Nun kommt schon, der Kakao wird kalt.« Schnell wie der Blitz rannten die Jugendlichen nun hinauf.
In der Wohnung roch es wunderbar nach heißem Kakao. Auf dem Tisch standen Schokokekse und Apfelkuchen.
»Setzt euch und langt zu. Bei soviel Temperament, wie ihr habt, seid ihr bestimmt hungrig, oder?« meinte sie lächelnd. Immer noch waren sie erstaunt über diese alte Dame, die eigentlich keinen Grund hatte ihnen zu helfen. Und das sagten sie dann auch. Und sie entschuldigten sich. Aber davon wollte Anna nichts hören. »Kinder sind nun mal so. Zeitweise habe ich vergessen, wie ich selbst einmal war und auch meine Kinder waren keine Engel. Viele alten Leute vergessen das. Aber ich habe mich, glaube ich, noch rechtzeitig erinnert.« Es entspann sich ein tolles Gespräch. Die Kinder waren froh, das ihnen mal jemand zuhörte. Sie erzählten ihr von ihren Sorgen und Nöten. Anna hatte so manch guten Rat. Plötzlich klingelte es und die beiden Jungens waren wieder da. Auch sie bekamen heißen Kakao und Kuchen. Mit Erstaunen sahen sie, wie gut sich die Freunde inzwischen mit Frau Meyers verstanden. Anna erzählte ihnen Erlebnisse aus ihren Schultagen als Lehrerin und auch von ihren vielen Strafen als Kind. Sie versprach den Jugendlichen immer ein offenes Ohr für sie zu haben. Sie dürften jederzeit zu ihr kommen, auch mit den Hausaufgaben. Allerdings nicht ohne Zustimmung der Eltern. Und so entstand eine wunderbare Freundschaft. Auch die Eltern der Kinder waren begeistert und luden die neue Freundin nun öfter zu sich ein. Kater Oskar war auch sehr angetan, hatte er doch jetzt ganz viele Hände mehr, die ihn streichelten.

© 2012 by Sieglinde Schwierczinski. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Eine Erzählung für Kinder mit dicker Moralkeule und überaus kitschigem Schluss.
Unklare räumliche Vorstellungen, seltsame Dialoge, und im Original kaum zumutbar: 110 (!) fehlende Leerzeichen nach Punkt oder Komma mussten ersetzt, 29 fehlende oder falsche Anführungs- bzw. Schlusszeichen sowie 13 falsche Satzzeichen verbessert werden, damit Leser und Leserin dem Text ohne Irritationen folgen kann …

Die Kritik im Einzelnen


Wie kann Anna lautes Lachen von dem viel lauteren Gejohle unterscheiden? Ist das laute Lachen überhaupt wichtig? Rätselhaft auch, warum sie das plötzlich laut hörte: Normalerweise steigert sich die Lautstärke mit der Annäherung der Jugendlichen. Das ist alles ziemlich merkwürdig. zurück

Die Ecke macht das Unverständliche des Anfangs nicht besser, denn diese hält den Schall nicht davon ab, schon vor den Jugendlichen um die Ecke zu witschen! M.a.W: die Ecke darf fehlen!. Erstaunlich, dass Anna sie nicht zählen kann: Dann müssen die Jugendlichen verdammt schnell gewesen sein, denn bis zu sieben Personen erkennt man ohne zu zählen auf einen Blick …
Inliner sind in der Regel ziemlich lautlos, sie verursachen gewiss kein rollendes Poltern – das bleibt den Skatebords mit den kleinen Rädchen vorbehalten.
Ich erlaube mir mal wieder einen Verbesserungsvorschlag zu machen für diesen missglückten Beginn:
Erschrocken trat Anna zur Seite: Mit lauten Gejohle brausten fünf Jugendliche auf Inlinern und lärmenden Skateboards von hinten an ihr vorbei. zurück

Ein Trolly ist eigentlich ein Trolley, zumindest rechtschreibmäßig betrachtet – das hat nichts damit zu tun, dass Trolly sehr wohl im Internet zu finden ist, wie jeder andere Rechtschreibfehler auch. Aber das ist nicht so wichtig: Viel wichtiger ist, dass es nicht um die Entfernung zum Supermarkt geht, sondern um den Weg hin und zurück. Dass ihr der Arm nun weh tat, ist verzichtbar. Und so würde ich das auch schreiben:
Vom Ziehen tat ihr der Arm weh, denn der Weg zum Supermarkt und zurück war weit. zurück

Das das nebst voraus gegangenem Komma darf man getrost streichen! zurück

Warum wohl werden Augen groß? Na? Eben – Anna ist erstaunt! Warum also muss das denn nochmals dem armen Leser um die Ohren geklatscht werden? So muss das heißen:
(…) wurden groß: Eine ziemlich junge Frau mit einem … Rollator! Dass die Madame noch ziemlich jung ist, kann man getrost vergessen, denn niemand ist immer jung, das vergeht, garantiert … zurück

Mit etwas mehr Schwung ist dröger Nominalstil: Wie wäre es mit einem einfachen etwas schwungvoller? zurück

Sowohl hier als auch im folgenden Sätzlein empfehle ich das hochsprachliche allein statt dem umgangssprachlichen Geschnodder alleine. zurück

Nanu? Hat die alte Anna den Trolley verloren? Wo kommt die Tasche her? zurück

Ab hier den Rest des Satzes streichen – denn das sind Standardfloskeln, die man sich schenken kann. Kinder sind nicht doof, die verstehen das Miauen schon ohne diesen Hinweis. zurück

Was soll das denn heißen? Was ist eine großer Balkon? Wie wäre es mit ausladend, geräumig, großzügig bemessen, stattlich? Aber dieses dröge groß? Es ginge ganz ohne ein Adjektiv: Denn dass da viel Platz ist, wird aus der folgenden Wohlfühl-Oase deutlich – was braucht es also mehr? zurück

Klar, ja, ich weiß schon: Normalerweise blühen Pflanzen potthässlich – Anna hingegen liebt & hütet absonderliche Pflanzen, die blühen in echt so wunderschönAlles blühte so wunderschön bitte bitte in den Abfalleimer! Und so zusammen fassen: (…) setzte sie sich nun auf den Balkon: Der war eine richtige Wohlfühl-Oase! Bitte auch die geänderten Satzzeichen beachten, es gibt schließlich weit mehr als Punkt und Komma! zurück

(Stöhn) Es gibt einfach keinen Ausgleich ZU etwas, aber es gibt einen Ausgleich FÜR etwas! zurück

Welche Kinder sind hier gemeint? Die Enkelkinder? Oder Annas eigene mit ihren Kindern? Hieße es ihre Kinder statt die Kinder, wo doch gerade von Enkel die Schreibe war, wäre alles klar, selbst Kinder würden den Satz dann verstehen … zurück

In eigener Sache: Jetzt gibt es nur noch einen Link pro Absatz, sonst sitze ich nächste Woche noch an dieser Besprechung!
Zu Beginn hörte Anna beschreiblichen Lärm – jetzt hört sie wieder unbeschreiblichen Lärm (eiwei …) – und als sie über die Balkonbrüstung blickt, hört sie trotz des unbeschreiblichen Lärms jemanden weinen: Das wird dann wohl eher ein Kreischbrüllen gewesen sein … Auch der Hilferuf und der völlig alberne Satz Meine Eltern sind nicht zu Hause wären in dem unbeschreiblichen Lärmgekreische wohl untergegangen. Und der Genitiv Plural von Junge heißt JungenJungens ist Umgangssprache und damit gewisslich nicht Stil einer pensionierten Lehrerin!
Hätte jedoch vor dem Haus der übliche Kinderlärm stattgefunden und wäre plötzlich abgebrochen, wäre das doch Grund genug gewesen, über die Balkonbrüstung zu schauen, und alles hätte annähernd so sein können – annähernd, denn der alberne Satz kommt später nochmals, da passt er dann auch! zurück

Wenn jemand schwer am Gehstock geht, kann er nicht rennen. Die Äußerung, dass sie selbst nicht wusste, dass sie so schnell rennen könne, entschuldigt das nicht, zumal diese Äußerung in der Situation völlig überflüssig ist. Ebenso ihre Vorstellung. Und dass die Jugendlichen plötzlich Kids heißen, ist nur noch sonderbar. Folgendes bliebe übrig:
Anna war nun nicht mehr zu halten. Ohne zu überlegen ergriff sie den Notfallkoffer und beeilte sich. Zwei Minuten später war sie im Garten. »Was ist passiert?« Die Jugendlichen erklärten es und fragten, ob sie Ärztin wäre. »Nein,« lächelte Anna »ich war Lehrerin, aber mein Mann war Arzt, und ich musste ihm oft helfen.« zurück

Annas Wunsch nach Eisbeutel und Wasser ist höchst umständlich und letztlich unangemessen. Die Floskel schnell wie der Blitz kommt demnächst nochmals und ist fürchterlich breitgetrampelt – soll der eine Bursch doch ins Haus rennen oder in ihm verschwinden (war das der, dessen Eltern nicht zu Hause sind?). Dass die Jungen nicht wussten, wo Anna wohnt, ist unglaubwürdig, es sei denn, der Junge, der ins Haus geblitzt ist, ist gerade erst eingezogen. Die anderen Nachbarn sind also freundlich? Und Anna war immer unfreundlich? Was soll das, es ergibt doch keinen vernünftigen Sinn! Außerdem frage ich mich: Wo ist eigentlich das Weinen des Jungen geblieben? Und hat er eigentlich Schmerzen? Darüber zu befinden ist aber nicht meine Aufgabe! Übrig bliebe:
Der junge Mann hatte einige Schürfwunden an Kopf und Knie, und das eine Bein war am Knöchel schon stark geschwollen. Sanft befühlte sie die Stelle. »Es scheint nichts gebrochen, nur verrenkt. Ich brauche einen Eisbeutel und ein Glas Wasser.« Einer verschwand im Haus. Die anderen standen flüsternd etwas abseits. Sie kannten die alte Dame. Oft hatten sie sie schon geärgert und beschimpft, wenn sie nicht schnell genug aus dem Wege ging. Und jetzt war sie hier unten und half ihnen, während die anderen Nachbarn hinter der Gardine standen und zusahen. zurück

Den Regen kann man sich sparen, er hat keinerlei Bedeutung für den Fortgang der Handlung. Man hätte genau so gut schreiben können, zu allem Überfluss sei in Indien ein Sack Reis umgefallen. Warum hat der Eisbeutel eigentlich Schmerzen und bekommt Aspirin, während der Junge leer ausgeht? Das zumindest sagt die Satzkonstruktion aus, denn das ihm bezieht sich sprachlogischerweise auf das Subjekt des vorangegangenen Satzes (sollte der Knöchel das Aspirin bekommen, müsste es diesem heißen – der Junge hingegen fehlt völlig. Vermutlich war das Glas Wasser noch unterwegs, angekommen ist es ja nicht im Gegensatz zum Eisbeutel. Warum Anna aber überhaupt Aspirin verabreicht, ist unverständlich: Weder den Jungen noch den Eisbeutel hat sie danach gefragt. Damit aber nicht genug: Wie sollen denn bitte die Jungen den Verletzten ins Krankenhaus befördern? Und wieso schaut Anna die Jugendlichen prüfend an? Und warum tragen sie den Jungen auf die Terrasse – und auf welche? Wo kommt die her? Der Junge liegt doch im Garten, wenn ich mich recht erinnere … Vorschlag:
Der Eisbeutel und Wasser waren inzwischen angekommen. Sie legte ihn auf den Knöchel. Dann gab sie ihm ein Aspirin gegen die Schmerzen. »Das Bein muss ruhig gehalten werden. Er muss noch mal von einem Arzt untersucht werden. Ich rufe gleich einen Krankenwagen. Einer bleibt bei ihm. Die anderen können von mir aus bei mir warten. Ich wohne im dritten Stock. Natürlich nur, wenn ihr wollt. Zu essen und zu trinken habe ich auchzurück

Die Terrasse und den Regen hatte ich entfernt – Es wäre ja auch doof von den Jugendlichen, auf einer Terrasse zu stehen, wenn es regnet – denn was wäre da der Vorteil? Und sollte es sich um eine überdachte Terrasse handeln, könnten sie nicht von da aus zu Annas Balkon hoch schauen. Da stimmt was Gehöriges nicht. Zudem kommt der angekündigte Blitz … Übrig bliebe:
Als der Freund weg war, schauten zu Annas Balkon hoch. Sie trauten sich nicht, in die Wohnung zu gehen. War das ihr schlechtes Gewissen? Da erschien Annas Kopf über dem Geländer: »Nun kommt schon, der Kakao wird kalt.« zurück

Ja, ja, wundaba … hatten wir doch schon … roch wunderbar (schauder): Wie wäre es mit einem schlichten duftete OHNE riechen und wunderbar? SO EINFACH kann Schreiben sein, wenn man sich nur an die herrlichen Verben zu erinnern bemüht: Die Wohnung duftete nach heißem Kakao. zurück

An diesem Teilstück stört mich lediglich Zeitweise habe ich vergessen – es ist ihr doch gerade erst passiert, und das ist doch nicht Zeitweise, sondern manchmal! Ich würde vorschlagen Manchmal vergesse ich (…) zurück

Und jetzt kommt die Moralkeule … beim letzten Link hätte diese Erzählung enden können: Anna hat eine Verbindung hergestellt, die Jugendlichen sind gekommen. Alles Weitere ist überflüssig. Stattdessen wird jetzt ein superkitschiges Happyend konstruiert nach dem Motto: Seid lieb zu den Alten, denn dann geht es euch prima! Diese Verbrüderung ist schlichtweg peinlich! Jedes Kind, das zugehört oder gelesen hätte, kann allein weiter denken, vielleicht entstehen fruchtbare Gespräche, aber ein solch zuckersüßes Ende macht die Erzählung unglaubwürdig, weil sie so tut, als müsste es so sein. Solche Moral sollte Märchen vorbehalten bleiben, wo die Kleinen und Schwachen und Unterdrückten gewinnen – aber in Erzählungen haben sie nichts zu suchen, damit macht man alles kaputt! zurück

Beitrag vom 11. Februar 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Liebe in Gruben und Gräben

»Im Wesen nichts Neues«, bemerkst du, Marie,
und legst diesen Blick in mein Bett, dass ich denke,
den Schinken aufs Kissen, das Wissen, Marie,
dass Krieg ist, und du mir und ich dir nichts schenke.

Wir leiern uns alt und wir lauern, Marie,
in Gräben hier nebeneinander und staken
im Grund auf der Suche nach Schwäche, Marie,
und treffen uns nachts in den Gruben der Laken.

© 2012 by Volker Weist. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein überaus bemerkenswertes Gedicht!
Das Spiel mit Erich Maria Remarques immer noch verstörenden Anti-Kriegs-Roman »Im Westen nichts Neues« ist inhaltlich und formal überaus gelungen: Reime, Versmaß, Aufbau: alles vom Feinsten! Der durchgängig sauber verwendete Amphibrachus als Metrum, das Spiel mit dem Titel: Westen – Wesen, dann leiern – lauern, die Folge Gräben – Grund – Gruben: Alles kompakt! Und: Man darf sich seine eigenen Gedanken machen, nichts wird einem übergestülpt!

Indem der männliche »Maria« in eine Marie verwandelt wird, spielt das Gedicht auf die bekannten situativen homosexuellen Notbeziehungen an (z.B. in Gefängnissen oder eben bei Soldaten im Feld) – aber Liebe funktioniert nicht in den Gräben, trotz der Gruben der Laken. Seltsamerweise fiel mir nach dem Lesen aber auch noch Bertolt Brechts Gedicht »Erinnerung an die Marie A.« ein, das jedoch nichts mit Krieg zu tun hat! Bei Brechts Gedicht spielt die weiße Wolke ganz weit oben eine Hauptrolle, hier sind es Gräben, Grund und Gruben … ist es dieser Gegensatz?

Bedauerlich ist, dass ich nicht mehr als 5 Punkte vergeben kann …

Die Kritik im Einzelnen

entfällt

Beitrag vom 5. Januar 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Das Bild hängt schief

Die Sonne schenkt ein strahlend Kleid der Erde
und breitet es auf großen Feldern aus.
Der späte Raps lässt alle Fluren leuchten,
die Augen laben sich an diesem Schmaus.

Der gelbe Traum, er lässt einfach nicht los.
Ich möchte hier mein Menschsein überwinden
und einfach fliegen über diesen Gründen,
die mich so locken in den gelben Schoß.

© 2012 by Renate Tank. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Handwerklich sauber, inhaltlich schief.
Da kann jemand reimen und weiß auch mit dem Metrum umzugehen. Aber inhaltlich und sprachlich holpert es heftig – aber es ist auch schwer, noch Naturgedichte zu ersinnen, die neue Sichtweisen ermöglichen: Dieses Feld ist gründlich abgeerntet!

Die Kritik im Einzelnen

Das nennt man »schiefes Bild«: Wenn die Sonne der Erde ein strahlendes Kleid schenkt, dann müsste dieses Kleid Tag und Nacht strahlen, somit gäbe es keinen Tag mehr, da es keine Nacht mehr gäbe, die Wörter hätten ihren Sinn verloren, die Erde würde ja quasi selbst zur Sonne! Nun gut, mag man einwenden: Die Erde zieht das Kleid ja gar nicht an, sondern die Sonne breitet es aus auf großen Feldern – was immer auch ein großes Feld sein mag: Sind hundert Hektar groß genug, um den Ehrentitel großes Feld verpasst zu bekommen? Ach so, groß sind sie erst ab 112 … Nun ja, da habe ich mich getäuscht! Darf es auch eine Menge kleiner Felder sein, oder haben die keinen Anspruch auf das radioaktive Kleid? Aha, keinen Anspruch … na, meinetwegen.

So viel zu dem hilflos stümpernden Adjektiv groß. Damit sind das radioaktiv verseuchte Kleid und das Geschenk aber noch nicht gerettet! Vorschlag: Belassen wir doch der Sonne ihr Strahlenkleid, man muss nicht alles neu erfinden – das Wort strahlend hingegen hat spätestens seit Fokushima eine fiese Nebenbedeutung! Wie wäre es z. B. so:

Die Sonne senkt ihr Strahlenkleid zur Erde
und breitet es mit weiten Schwüngen aus.

Bevor jemand laut meckert: Ich bin mit der zweiten Zeile überhaupt nicht zufrieden, habe aber keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen – das Verfassen von Naturgedichten ist nicht mein Metier. Hauptsache, die großen Felder sind eliminiert! zurück

Ja da schau her: Die Sonne hat ein strahlendes Kleid auf einem Dingsbums-Feld ausgebreitet, und jetzt lässt der späte Raps alle Fluren leuchten? Haben die Strahlungen des Kleides ihn etwa radioaktiv verseucht, so dass er stellvertretend zu ihm leuchten lässt alle Fluren – also alle nutzbaren Feldflächen?– Das wäre gewiss eine stattliche Menge! Warum muss es denn immer so gewaltig und groß sein? Alle Fluren? Ist 1 nicht genug? Das passiert wohl, wenn des Metrums oder des Reimes wegen gedankenlos Adjektive reingestopft werden, die halt irgendwie passen.

Jetzt wird der gute alte Augenschmaus getrennt und auf Schmaus mit laben noch einer draufgesetzt: Egal welcher Schmaus, da gehört sich laben einfach automatisch dazu, da muss nicht nochmals drauf gepocht werden. Wobei die Vorstellung von genüsslich schmatzenden Augen auch was für sich hat …

Von mir aus dürfen sich die Augen an diesem Schmaus weiden. Aber das macht die missglückte erste Strophe kaum besser. zurück

An dieser Strophe lässt sich nicht viel aussetzen – bis auf die Frage, warum das lyrische ich über diesen Abgründen fliegen möchte, wo der der gelbe Schoß so lockt: Was hindert es denn daran, hinein zu gehen und zu genießen? Warum muss hier das herrliche Menschsein so mühselig überwunden werden? zurück

Beitrag vom 13. Dezember 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Wenn der Frost nach Sommer schmeckt

1
Riechst du es? Im Herbst kochen die Frauen
Apfelmus ein. Es wärmt bis zum
Nächsten Frühjahr ihnen die Bäuche von
Innen. Selbst der Frost
Schmeckt damit nach Sommer.

2
Der Blick von der Burg reicht in die Hinterhöfe, in denen die Tage wie Scheite gestapelt liegen.
Aus den Gärten riecht es nach Grillkohle und Petersilie und Wäsche, die Stimmen der Alten klingen laut über die Hecken, und der Wetterhahn zeigt niemals nach Westen, weil ihm ein Arm fehlt.
Ich denke mit den Fingerspitzen auf Mauersteinen; Namen wie Basalt, Ammonith und Porphyr scheinen flüchtig auf, und ich kann sie nicht zuordnen, wie auch Ulme, Erle und Pappel nur Worte sind. Was ich sehe, sind Mauersteine und Laubbäume, und ich denke, wenn ich zwischen der Wäsche, dem Wetterhahn und den Alten geboren wäre, wüsste ich mehr.

3
Zwischen diesen Halmen habe ich nicht gesessen seit jenem ersten Jahr, als die Stammtische noch keine Gesichter hatten und das Schnauben der Pferde mein städtisches Ohr erschreckte. In den Sommern las ich Spuren auf den geteerten Straßen und senkte meine Zehen in die gemalte Landschaft. Hier ist der Himmel stets blau und manchmal eine Lüge; mit der Uhr am Handgelenk bestimme ich die tatsächlichen Sonnentage, lese sie ab an der wintergebliebenen Haut unterm Gehäuse.
Mit den Füßen schreibe ich Zeichen ins Gras beim Feuer, das ist für die Kinder, und Hände tragen die Wörter zu mir, während am Bogen meines Daumens die Sonne aufgeht.

4
Ich sortiere die Wäsche und sammle: aus den aufgekrempelten Hosenbeinen Blätter und Steinchen, aus dem Hemdtaschen Bleistifte, vom Mantelkragen Altweiberhaar.
Ich sammle, und lege: über den Ginster das Haar, die Bleistifte neben das Telefon, die Blätter auf die Schwelle, die Steinchen ins Fenster.
Ich mache die Wäsche und gieße die Blumen. Spüle den Milchtopf aus. Hänge das Geschirrtuch über die Stuhllehne. Seit ich zurück bin, atme ich flacher. Also halte ich still jetzt, die Hände, die Füße, den Kopf.

© 2012 by Kati Fränzel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein wunderbarer Text!
Man wird förmlich hineingesaugt in die Stimmung durch Sprache und Rhythmus, und am Schluss hält man ebenfalls still und rätselt darüber, was einem gerade widerfahren ist. Das ist eigentlich mehr wert als 5 Brillen … Chapeau!

Die Kritik im Einzelnen

Die Eingangsfrage richtet sich an den Leser, sozusagen einen Ortsunkundigen – oder spricht hier der Erzähler mit sich selbst? Dieses Gedicht in freien Rhythmen umfasst Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken, alle vier Jahreszeiten, und analog zu diesen treibt das Gedicht dank der Enjambements zügig voran: Kurz, konzentriert, knapp: vorbildlich! zurück

Da der folgende Irrealis wäre von Haus aus zeigt, dass darüber nachgedacht wurde, ist die Floskel ich denke überflüssig. zurück

Hier werden erneut die Sinne angesprochen: Sehen, Riechen, Hören – und Fühlen, was hier als denke[n] mit den Fingerspitzen auf den Mauersteinen beschrieben wird, überraschend, aber logisch: Der Tastsinn verrät dem Ortskundigen mehr als eine wissenschaftlich Beschreibung der Stein- und Baumsorten. Zudem wird hier erstmals deutlich, dass der Erzähler kein von Haus aus Ortskundiger ist, sondern sich das erarbeiten musste. Sprachlich einfach überzeugend. zurück

Ich möchte nicht weiter auf diesen Abschnitt eingehen als: Was hier durch die lyrische Sprache an Stimmung erzeugt wird von heimelig über befremdlich bis wehmütig-resignierend, das ist einfach großartig! zurück

Ortskunde im kleinen – alles hat seinen Platz, aber es ist eng daheim, denn der Atem geht flacher. Verschiedene Orte galt es zu erkunden, den großen realen, den der Erinnerung und die kleine eigene Burg. zurück

Beitrag vom 25. September 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Fabelhaft missglückt

Alle wussten sie es. Alle glaubten daran. Doch es gab, eigentlich, niemanden, der es schaffte, es zu tun. Dabei wäre es so einfach gewesen. Man musste, und dass wussten alle, nur den Bären um Erlaubnis fragen. Doch das war nicht so einfach. Der Bär konnte ja schlafen. Oder aber, wenn man ihn anträfe, würde er eine andere Sprache sprechen als man selbst. Und dabei wusste niemand, ob der Bär überhaupt sprechen konnte. Es gab entsprechend viele Gerüchte. Denn das war es ja, was alle wollten. Mit dem Bären sprechen, ihn um Erlaubnis fragen. Doch es war zu schwer. Außerdem war es ja zu kalt in der Höhle, die eigentlich gar keine war. Sie war ein ganz anderes Land, das alle kannten. Und dann war da ja noch die Dunkelheit und natürlich hatte keiner Licht. So vergingen die Jahre und keiner wusste, ob der Bär Erlaubnis geben würde. Immer wenn der Bär kam ein Tier zu fressen, das unvorsichtig genug war, sich ihm zu nähern, waren alle ruhig. Und auch sie wurden immer hungriger, denn sie hatten nicht um die Erlaubnis gefragt zu essen. Alle waren sie tot, bevor sie erkennen konnten, dass auch sie Bären waren.

© 2012 by Bob Blume. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine sehr missglückte Fabel

Da wird zu viel angedeutet und verklausuliert, als dass sie noch aufklärerisch bzw. politisch wirken könnte; das ist auch sehr schwer in einer Demokratie, denn dort BRAUCHT man keine Fabeln, da wir Meinungsfreiheit haben. Fabeln gedeihen prächtig in Diktaturen jeder Couleur!

Die Kritik im Einzelnen

Entweder glaubten sie daran oder sie wussten es – denn glauben bedeutet schließlich nicht wissen: Ich empfehle hier wissen (auch wenn Glauben durchaus auch zu dummen Handlungen führen kann …) zurück

Da es tatsächlich niemand schaffte, ist eigentlich hier falsch, denn es suggeriert, dass es doch jemand schaffte! Es zu tun wäre ebenfalls verzichtbar: Doch es gab niemanden, der es schaffte. zurück

Hier müsste die Unsicherheit durch den Konjunktiv könnte ausgedrückt werden – analog zu den folgenden! zurück

Warum wird jetzt die umgangssprachliche Hilfskonstruktion würde sprechen gewählt statt das einfache spräche? zurück

Wie viele Gerüchte sind es denn, dass hier viele so betont werden muss? Reichen nicht einfache Gerüchte? Nur zwei Vermutungen sind genannt worden, die reichen doch aus, um ein Ansprechen zu verhindern … zurück

Dieser Satz ist missverständlich, denn inhaltlich bezieht sich das auf die Gerüchte des vorigen Satzes: Alle wollten Gerüchte! Dieses Missverständnis ließe sich ganz einfach beheben, wenn dieser Satz mit einem Doppelpunkt endete: Der wäre der Hinweis darauf, dass das das erst im Folgenden erläutert würde. zurück

Jetzt wird es kritisch: Bereits Außerdem zeigt an, dass hier kein vernünftiger Zusammenhang hergestellt werden konnte, also patscht man eine weiteren Einfall mitten in den Text: Das tut dem Text gar nicht gut, diese Höhle, die eigentlich (!) keine Höhle war. zurück

Eiwei: Die Höhle war also eigentlich keine Höhle, sondern ein Land? Auch noch ein Land, das alle kannten? Wieso nennen sie das dann Höhle? zurück

Schlimm schlimm, jetzt wird noch einmal etwas drangepatscht: Dunkelheit, und niemand hat Licht! Würde man diesen Kälte/Höhlen/Land/Dunkelheit-Klumpatsch einfach streichen – niemand würde das Fehlen bemerken! zurück

Wieso kam der Bär, um zu fressen? Das Tier näherte sich ihm doch von allein: Da musste der Bär nur warten, braucht nicht zu kommen! Und warum näherte sich das Tier? Was wollte es beim Bären? Den Bären um Erlaubnis fragen? zurück

Fein. Sie wurden hungriger. Und wer noch? Der Bär doch nicht, da ist immer einer hingelatscht. Weshalb steht denn da geschrieben, dass auch sie immer hungriger wurden? zurück

Das war vorauszusehen – das sollte eine Fabel werden! Sogar eine mit Moral (was Fabeln eigentlich nicht haben: Diese ist eine Erfindung von Pädagogen aus dem 19. Jahrhundert): Alle sind gleich, auch in einem kalten und dunklen Land, und man sollte die Herrscher besser um Erlaubnis Fragen, ob man essen darf – wenn man nicht fragt, wird man gefressen. Oder so oder wie oder was. zurück

Beitrag vom 29. August 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Lockende Locken vor Lok

Locken in den Händen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Wer bist du?« »Weiß nicht.« Kopfhaut unter Fingerspitzen. »Wo bist du?« »Hier.« »Bleibst du?« »Soll ich?« »Ich will.« »Ich auch

Lippen auf der Stirn. »Ich muss.« Blinzeln. »Ich auch.« »Musst du?« »Weiß nicht. Muss ich?« »Weiß nicht. Bleib.« »Ja?« »Ja.« Lippen am Ohr. »Ich muss.« Hand an den Lippen. »Wo bist du?« »Hier.« »Und gleich?« »Gegenüber.« Lippen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« Ohr an den Lippen. »Ich will.« Lippen am Ohr. »Ich auch.«

Gegenüber. Menschen. Sonntag. Gespräche. Locken. Kaffee dampft ins Gesicht. Wasserglas fängt Sonnenstrahlen. Locken. Sonne tanzt im Wein. Große Zeitung. Locken.

Gegenüber. Menschen. Kaffee. Kuchen. »Ich muss.« »Ich auch.« »Wohin?« »Weiß nicht. Mit dir?« »Ja.« »Ich will.« »Ich auch.«

Park. Fußbälle. Kinderräder. Hunde. Hand in Hand. »Paul.« »Anna-Sophie.« »Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Ich will.« »Ich auch.«

Bahnhof. Koffer. Hand neben Hand. »Ich muss.« »Ich weiß.« »Soll ich?« »Ja. Bald.« »Ich will.« »Ich auch.«

Bahnhof. Rolltreppen. Menschen. Koffer. Mantel über Hand. Textnachricht. »Zinnober?« Antwort. »Purpur?« Textnachricht. »Ich will.« Antwort. »Ich auch.«

© 2012 by Marcus Pauli. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Raffiniert komponierte Kurzliebesgeschichte!

Mit sehr leichten formalen Schwächen zwar, aber dermaßen reduziert und eigentlich nichtssagend – und doch alles sagend: Das zaubert ein Schmunzeln ins Gesicht!

Die Kritik im Einzelnen

Ich empfehle aus formalen Gründen, in diesem sehr komprimierten Text nicht mehr als 3 Wörter am Stück zu verwenden – das ist möglich und stört das Verständnis überhaupt nicht: Locken in Händen. zurück

Spannend: Locken sie sich? Die Überschrift ist mehrdeutig. Frage: Sind die beiden blind? Ist es Nacht? Egal: Hauptsache, zwei treffen sich: Prima! zurück

Das Gleiche gilt hier: Lippen auf Stirn genügt! zurück

Und noch mal: Hand an Lippen reicht aus! Auch beim folgenden: Ohr an Lippenzurück

Ich würde die Beobachtungen auf 1 Wort reduzieren, um sie formal vollständig von den Berührungen und den Dialogen zu trennen! Das könnte dann so aussehen:
Gegenüber. Menschen. Sonntag. Gespräche. Locken. Kaffeedampf. Wasserglas. Sonnenstrahlen. Locken. Wein. Zeitung. Locken.
Durch das dreimalige Einstreuen von Locken wird das gemeinsame Kaffetrinken zu einer richtigen Handlung: Einfachst gelöst!  zurück

Mantel über Hand streichen: Das ist keine Berührung mehr und sollte deshalb entfernt werden. Schon das vorangegangene Hand neben Hand deutet ja die Trennung an: Ob sich dabei die Hände gerade noch berühren oder schon nicht mehr, bleibt der Vorstellung des Lesers beiderlei Geschlechts überlassen. zurück

Beitrag vom 11. Mai 2012 | Rubrik: Textkritik

Drama mit dem Drama: Es gibt zu tun in Hülle und Fülle

N: (rülpst) Ich habe mich wieder überfressen.

Z: Wenn du unglücklich bist, solltest du lieber hungern. Sonst sieht es nur erbärmlich aus, aber zum Erbarmen reicht das nicht. (ein bisschen mitleidig, ein bisschen verächtlich)

N: Wenn mein Liebster
Wüsste, wie ich bin,
wenn ich nicht seins bin,
und in seinen Armen nicht meins.

A: Ein bisschen kümmerlich, aber immerhin empfindsam. Poesie ist aber nicht, wenn man mit Rotwein im Blut Jammereien von sich gibt.

Z: Sie glaubt es aber wirklich. Und ich dachte, so etwas ist heute Sache der Katholiken.

N: (sinnend) Ob ich wohl bald Stimmen höre? Dass endlich überhaupt etwas passiert.

A: Will sie uns beleidigen?

Z: Na, so wie du aussiehst, wird sich ja wohl kaum jemand anderes mit dir abgeben.

(N richtet sich trübselig auf, geht zum Bett und lässt sich fallen, A piekst ihr beim Gehen in den Bauch und in den Po, Z schnippst mit dem Finger über ihr Kinn)

Z: (lacht) Nicht so eilig! So wie du wackelst, könntest du jeden Moment einstürzen!

A: Sie ist nicht, sie wabert. Ihre Schenkel sind haarig, fleckig, picklig, dellig. Unnütze Haut, alles an ihr. Sie sollte Sport machen, sie sollte einfach weniger werden. Man kann ja kaum ihr Geschlecht erkennen, wenn sie sitzt.

N: Ich glaube, draußen ist Revolution. (geht zum Fenster) Doch nicht.

© 2012 by Julian Staff. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Ein sehr missglückter Dramenbeginn
Theatertexte haben ihre eigenen Gesetze: Es gibt zu tun in Hülle und Fülle!

Die Kritik im Einzelnen


Es handelt sich um den Beginn eines Dramas. Nun ist es bei modernen Dramen zwar nicht unüblich, dass auf die Angabe von Ort, Zeit sowie Personen verzichtet wird. Allerdings wäre es in diesem Fall wohl sinnvoll, das zu ergänzen, damit einem Leser die äußeren Umstände klar werden: Was ist das für ein Raum? Schlafzimmer, Küche oder Garage? Sitzen die Personen auf Stühlen oder auf dem Boden usw. Es geht dabei nicht um Details, sondern nur um eine grobe Orientierung!
Textproduzentinnen beiderlei Geschlechts sollten selbstverständlich ganz genaue Vorstellungen haben von diesen Umständen, damit Drama funktionieren kann!
(Allerdings kenne ich den Romannicht, von dem wohl der Titel  stammt – vielleicht wäre dann ja alles klarer? Doch sollte niemand, der schreibt, davon ausgehen, dass alle das Gleiche gelesen haben wie man selbst.) zurück

Hier tummelt sich ein Hauptproblem: Welche Regieanweisungen sind hilfreich, welche überflüssig? Und wie verhalten sie sich zum Text? Da N zu Beginn rülpst, könnte man den nachfolgenden Satz einfach streichen, denn der Zuschauer sieht ja die dicke Frau und hört das Rülpsen: Wozu also diese Rechtfertigung? Andererseits könnte auch auf die Anweisung rülpst verzichtet werden: Dann könnte die Schauspielerin sich entscheiden, ob sie von einem überladenen Teller essend sitzt oder z. B. aufstößt oder eine entsprechende Bewegung mit der Faust aufs Brustbein macht oder oder oder … zurück

Sinnvollerweise sollte diese Regieanweisung am Anfang stehen – wenn sie denn notwendig ist ich glaube das nicht, denn der Sprachstil wird aus dem schönen Wortspiel erbärmlich-Erbarmen schon allein deutlich. Zudem wird hier wiederholt, dass es ums Essen geht: Damit gäbe es noch ein Argument, warum der vorangegangene Satz bzw. die Regieanweisung überflüssig wären! zurück

A hat Recht: Das Gedicht ist inhaltlich schlecht: seins und meins gibt keine Auskunft darüber, wie jemand ist, sondern was! Dann müsste es sein und mein heißen.
Völlig überflüssiger Weise handelt es sich jedoch auch sichtbar um ein schlechtes Gedicht: Dabei bekommt es ein Zuschauer gar nicht zu sehen! Es wäre problemlos möglich, JEDEN Vers mit Großbuchstaben beginnen zu lassen (oder NUR den ersten), Seins und Meins groß zu schreiben und am Ende des dritten Verses das Komma zu streichen! zurück

Sprachlich behagt mir »Jammereien von sich gibt« so gar nicht, da es im Nominalstil vor sich hin stelzt: Warum nicht das klare »vor sich hin jammert«? Wir haben so wunderbare Verben! Aber inhaltlich hat A meine volle … (Erwischt! Das kommt davon, wenn man dieses Politikergesabbel in den Nachrichten anhören muss … nochmals von vorne:)  Aber inhaltlich unterstütze ich A aus leidiger Erfahrung: Allein diese Flut von Weltschmerz auskotzenden Jammergedichten, die eine öffentliche Besprechung wünschen und mir den Rechner zumüllen … Da nützt es gar nichts, ab und zu eines in die Pfanne zu hauen: Denn wer solche Gedichte schreibt, der liest nicht. zurück

Ich verstehe nur Flugzhafen (mal was anderes als der doofe Bahnhof): Was glaubt N wirklich? Dass sie nicht weiß, wie sie ist? Und das sei heute Sache der Katholiken, nicht zu wissen wie sie sind, damals jedoch wussten sie es noch? Rätsel über Rätsel … Nicht einmal Verbesserungen kann ich vorschlagen (klingt doch echt besser als »[…] Verbesserungsvorschläge kann ich machen«), da ich schlicht nichts dieser Äußerung begreife! zurück

Die Regieanweisung sinnend ist überflüssig, denn das Sinnen zeigt bereits die indirekte Frage! Aus dass würde ich damit machen, um die Absicht zu verdeutlichen, und am Ende ein Fragezeichen setzen, damit die Äußerung die indirekte Frage weiter führt. zurück

Da mir die Situation nicht klar ist, weiß ich nicht genau, an welches Du sich Z wendet: An A, da A ja direkt zuvor mit Z über N gesprochen hat? Oder an N? Beides ist möglich. In Dramentexten fände man hinter Z um der Klarheit willen eine Regieanweisung (zu A) bzw. (zu N). zurück

Allerhöchst verwirrend, diese Regieanweisung: N geht zum Bett (Aha: Schlafzimmer? Obdachlosenasyl? Bettenladen? Darum wäre eine Ortsbenennung zu Beginn so wichtig!) und lässt sich fallen: Ins Bett? Vors? Nebens? Aufs? Sitzt sie? Liegt sie? Bäuchlings? Rücklings? Seitlich? Und wieso richtet sie sich auf, wo befand sie sich denn zuvor? Lag sie auf dem Boden? Dass sie sich trübselig aufrichtet, sagt mir gar nichts: trübselig ist keine Aufrichtungsart. Und wohin geht A? Und wieso ist wichtig, ob er beim Gehen oder Stehen oder Sitzen piekst? Und wie kann er ihren Bauch und Po gleichzeitig pieksen, wenn N doch so umfangreich ist? Hüpft er vielleicht er neben ihr her? Oder geht N an A vorbei auf dem Weg zum Bett (Warum geht sie überhaupt an A vorbei? Oder verstellt A ihr den Weg?)? Und wie kann man jemandem mit dem Finger über das Kinn schnipsen (mit einem p)? Man kann daran zupfen, darüber streichen, es stupsen und oder vor/unter/neben dem Kinn mit den Fingern schnipsen – aber wie um Himmelswillen schnipst man mit 1 Finger? Das erinnert mich an diese berühmte Aufgabe für einen Schüler des Zen-Buddhismus: »Lausche auf das Klatschen einer Hand«. So erfüllen Regieanweisungen niemals ihren Zweck! zurück

Jetzt wird es völlig kurios: N befindet sich doch laut Regieanweisung bereits im/nebem/unterm/vorm Bett: Wie kann sie da einstürzen??? Oder sagt Z das, während N zum Bett geht? Dann – ja dann müsste die Regieanweisung aufgeteilt werden, damit sich eine vernünftige Reihenfolge ergibt … ich versuchs mal (reibt sich die Augen, richtet sich auf, seufzt ausgiebig, lockert die Finger, grübelt, schüttelt den Kopf, kopiert wirre Regieanweisung nebst Zetts Satz in das Dokument und legt los):

N: (steht auf, will an A und Z vorbei zum Bett)
A: (piekst ihr in Bauch und Po)
Z: (schnipst gegen ihr Kinn, lacht) Nicht so eilig! So wie du schwabbelst, könntest du jeden Moment einstürzen!
N: (lässt sich aufs Bett fallen)

Bei der Gelegenheit habe ich das unpassende wackelst (N ist kein starres Gebilde) sowie das Einfingerschnipsen gleich mit bereinigt – wenn schon, denn schon! zurück

Oha: N ist nicht! Das duftet schwer nach tiefenphilosophischem Auswurf, denn damit wird Ns umfangreiche Existenz verneint. Trotz derer Nichtexistenz folgt aber eine detaillierte Beschreibung der Schenkel  die also sind, existieren außerhalb von N?
Selbst wenn N wäre, fragt sich, aus welchem Grund und mit welcher Absicht ihre Schenkel eigentlich so beschrieben werden: Ist da sonst nichts zu sehen? Was hat der Zuschauer davon? Sieht er diese Person denn nicht (Vergaß: Die Person existiert ja gar nicht …)? Wieso ist die Haut unnütz? Der Zuschauer sieht diese Person – ihm muss man keine Abscheu einreden – die entwickelt sich ganz von selbst, sofern der Maskenbildner was taugt!
Von diesem Geschwätz würde ich nur Folgendes übrig lassen: »Sie sollte einfach weniger werden. Man kann ja kaum ihr Geschlecht erkennen, wenn sie sitztzurück

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