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Textkritik: Hundephilosophie und Hundehandwerk

Manche Menschen glauben, wenn Wörter unter- statt nebeneinander stehen, dann sei das schon ein Gedicht. Allerdings können ein paar Jamben und Reime nie schaden.

Vieles kann in der Lyrik freier gestaltet werden – auch das Setzen von Satzzeichen. Doch fehlende Satzzeichen machen ebenfalls noch kein Gedicht aus. Im Gegenteil: Man macht es dem Leser oft nicht einfach, den Sinn zu erfassen.

Und dann ist da noch der Inhalt. Der sollte nicht zu überfrachtet sein, meint unser Textkritiker Malte Bremer.

Hundephilosophie

von Corinna Holz
Textart: Lyrik
Bewertung: 2 von 5 Brillen

Der Hund, der seinen Schweif verfolgt
Zeigt mir dadurch ganz ungewollt
Wie oft ich mich auch wenden mag
Wie oft ich stets dasselbe frag’
Ob rechts, ob links – ist’s nie getan
Dank hündischem Verfolgungswahn
Kann ich mir daher sicher sein
Kein Anfang holt das Ende ein.

© 2011 by Corinna Holz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Handwerklich gelungen, inhaltlich überfrachtet.

Astreine Jamben, saubere Reime – aber inhaltlich überfrachtet: Weniger wäre hier mehr!

Die Kritik im Einzelnen

Was diesem Gedicht vor allem fehlt: Satzzeichen! Der Konstruktion ist schwer zu folgen, sie ist auch brüchig. Hier wäre am Zeilenende ein Komma hilfreich! zurück

Auch hier wäre am Zeilenende ein Komma hilfreich – besser noch: ein Doppelpunkt! Denn jetzt sollte etwas Wichtiges folgen. zurück

Jetzt kommt das lyrische Ich ins Spiel – aber wieso es sich wendet und wohin, ist völlig unklar: Sollte es ebenfalls um sich selbst kreisen? Aber sich wenden hat nichts mit dem Kreisen des Hundes zu tun! Sollte damit gemeint sein, dass das lyrische Ich überall eigenschwanzjagende Hunde entdeckt, wohin es sich auch wendet? Keine Ahnung. Bleibt eine Rätselzeile, sollte aber bei dieser Art Gedicht keine sein. Auch hier fehlt am Ende ein Satzzeichen, sinnvollerweise ein Komma, denn der Satz geht ja weiter, die nächste indirekte Frage folgt. zurück

Gleich zwei Rätselzeilen: Was soll Ob rechts, ob links für eine Frage sein, die das lyrische Ich sich immer wieder stellt angesichts dieses Hundes? Es ist egal, ob es sich selbst nach recht oder links wendet? Ob der Hund rechts- oder linksrum seinen Schwanz verfolgt?

Ganz unklar bleibt nach dem Gedankenstrich dieses ist’s nie getan: Hier müsste ein Hauptsatz stehen: Es ist nie getan! Oder in Kurzform: ‘s ist nie getan. Damit wäre immerhin der Satzbau gerettet, nicht aber der Inhalt: Was ist denn nie getan? Die Antwort auf die Frage (sofern man eine Antwort tun kann)? Das Kreisen? Kann nicht sein, irgendwann ist jeder Hund erschöpft oder leckt seinen verwundeten Schwanz, wenn er ihn denn erwischt hat (was das Gedichtlein allerdings kategorisch ausschließt). Also haben wir jetzt schon drei inhaltlich verquaste Rätselzeilen! Auch hier täte ein trennendes Satzzeichen (Punkt oder Ausrufungszeichen) dem Vers-Ende nur Gutes! zurück

Eine schöne Spielerei mit dem Begriff »Verfolgungswahn«, denn nicht der Hund fühlt sich verfolgt, sondern er verfolgt spielerisch ein eigenes Körperteil, indem er es als etwas Fremdes betrachtet, das gejagt werden muss! zurück

Da anschließend das große Finale kömmt (Kleist, Der zerbrochen Krug, Stuttgart 1983, S.7, Z.68 – hier wird schließlich nicht geguttenbergt!), sollte am Ende ein Doppelpunkt darauf hinweisen! zurück

Abgesehen von dem inhaltlichen Fehler, denn manche Hunde erwischen durchaus ihren Anhang, mögen die geneigten Leser und Leserinnen mir gestatten, dass ich hier die Gelegenheit ergreife, das Gedicht ansprechend von allem verklausulierten zu befreien und auf den Kern zu reduzieren – Danke, vielen Dank:

Ein Hund, der seinen Schweif verfolgt,
Zeigt mir dabei ganz ungewollt:
Ich darf mir völlig sicher sein –
Kein Anfang holt das Ende ein!

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© 2012 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.