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Beitrag vom 19. April 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Peter Stamm, Agnes – oder wie man Schülern die Lust am Lesen austreibt

Agnes von Peter StammDas erste, was mir von Peter Stamm vor Jahren in die Hände fiel, war der Band mit Erzählungen namens »Blitzeis«.

Eineinhalb Erzählungen habe ich mich gelangweilt und über den hölzernen Stil geärgert, dann das Buch weggelegt. Damit war Peter Stamm für mich ein erledigter Fall.

Nun ist der Roman »Agnes« von Peter Stamm zur Pflichtlektüre für Oberstufenschüler in Baden-Württembergs Gymnasien und Berufsschulen gekürt worden!

Wer brütet so was eigentlich aus?

Schon zu Beginn geht allerlei schief

Ich habe den Roman gelesen, ganz gelesen sogar, obwohl ich schon beim ersten Absatz die Lust verloren habe – immerhin war ich in zwei Stunden durch.

Zum Nachdenken gab es nix. Humor? Fehlanzeige. Überraschungen? Null. Stil? Hölzern – wobei man hier einwenden könnte, der Erzähler sei schließlich ein Sachbuch-Autor, und da deutsche Sachbuchautoren (im Gegensatz zu den angelsächsischen) in der Regel keinerlei Interesse an einem unterhaltsamen Stil haben, würde das ja wohl passen.

»Blitzeis« hat aber einen(?) anderen Erzähler, so kann das kein berechtigter Einwand sein.

»Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte. Sie beginnt an jenem Tag vor neun Monaten, als wir uns in der Chicago Public Library zum erstenmal trafen.« (S.9)

Schon zu Beginn geht allerlei schief: Z. B. dass der Erzähler behauptet, keinerlei Erinnerungen an Agnes zu haben, schließlich ist ihm nur die Geschichte geblieben; dass die Geschichte »an jenem Tag vor neun Monaten« beginnt, statt nur den Ort zu nennen, der ja nachts gemeinhin geschlossen ist; und dass es neun Monate sind, wird aus den Zeitangaben im Roman deutlich: Umständlich und – ja: dröge eben, langweilig, aufgeblasen.

Nach diesen ersten vier Sätzen folgen drei weitere trefflich misslungene:

»Es war kalt, als wir uns kennenlernten. Kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter, und es schneit.« (ebd.)

Zweimal ist es kalt, einmal ist es kälter als kalt: Es war kalt, als sie sich kennen lernten, weil es fast immer kalt ist in Chicago. Spielt zwar überhaupt keine Rolle beim ersten Treffen, aber was soll’s: Immerhin kann jetzt das umwerfende kälter als kalt untergebracht werden.

Welch stilistische Brillanz! Versucht hier ein Sachbuchautor lyrisch zu sein? Das, mit Verlaub, ist schlechter als schlecht!

Was könnte Schüler an diesem Roman interessieren?

Was ist so interessant an diesem Sachbuchschreiber mit seinem Ich-will-auch-ein-richtiger-Schriftsteller-sein-Problem? Was könnte 18-jährige Schülerinnen und Schüler daran interessieren? Inwiefern bereichert das ihr Leben? Ist das eine lohnenswerte Leseerfahrung? Empfinden sie etwas von der Macht der Worte, der Sprache? Was könnten sie daraus lernen? Dass ein Mann besser auch selbst verhütet, wenn er keine Schwangerschaft will, statt alles seiner Partnerin zuzuschieben?

Eine Auswahl von speziellen Albernheiten:

»Sie setzte sich im großen Lesesaal mir gegenüber, zufällig wohl, die meisten Plätze waren besetzt. Sie hatte ein Sitzkissen mitgebracht, einen Schaumstoffkeil. Vor sich, auf den Tisch, legte sie einen Schreibblock, daneben einige Bücher, zwei oder drei Stifte, einen Radiergummi, einen Taschenrechner. Als ich von meiner Arbeit aufblickte …« (S.13)

Nachgeradezu mystisch, was der alles sieht, während er von seiner Arbeit nicht aufblickt! Das ist ein Paradebeispiel für einen Perspektivfehler, den ein Lektor nicht durchgeben lassen sollte. Der Ich-Erzähler beschreibt etwas, was er gar nicht gesehen hat und wissen kann.

Und dass sie sich in einem Lesesaal ihm gegenüber hinsetzt und dann ihre Mitbringsel vor sich auf den Tisch legt statt – wie jedermann erwartet hätte – auf den Fußboden: Das musste aber so was von ausdrücklich gesagt werden.

Er »toastete das weiche Brot« (S.29). Gut zu wissen, dass man hartes Brot besser nicht toastet!

»(…) obwohl sie lächelte, wirkte ihr Gesicht abweisend und verschlossen.« (S.38) Wie wäre es mit einem einfachen »sie lächelte abweisend und verschlossen«?

»Agnes holte sich ein Glas Wasser und brachte mir ein Bier.« (S.49) Richtig, genau SO soll es sein in einer guten Beziehung. Da lernt der Schüler was fürs Leben.

Es gäbe noch einiges mehr – aber das mag genügen.

Den Langweiler einfach verlassen

Nachdem ich mich durch das Buch gequält hatte, wunderte ich mich: Wieso ist Agnes tot? Woher will der Erzähler das wissen? Nur weil Agnes vielleicht zufällig gelesen hat, welch alternativen Schluss der Erzähler heimlich geschrieben hat, muss sie sich genau so getötet haben? Welch Hybris des Erzählers! Was für eine Macht traut er seinem Geschreibsel zu! An Agnes’ Stelle hätte ich diesen Langweiler einfach verlassen.

Überraschenderweise weiß der Erzähler selbst, dass sein Werk nur wenig taugt:

»Vielleicht war [die Geschichte] wirklich nicht gut, sicher aber war sie besser als alles, was ich in den letzten Jahren geschrieben hatte.« (S.43)

Malte Bremer

Peter Stamm: Agnes: Roman. Taschenbuch. 2009. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596179121. EUR 8,95 » Bestellen bei Amazon.de
Peter Stamm: Agnes: Roman. Kindle Edition. 2012.  » Herunterladen bei Amazon.de

49 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Horst-Dieter Radke schrieb am 19. April 2013 um 10:42 Uhr

    Wie kommt der Rezensent darauf, dass Peter Stamm ein Sachbuchautor ist? Ich habe recherchiert und konnte kein einziges Sachbuch finden. Wohl aber eine Reihe Bände mit Erzählungen und Romanen, dazu Verweise auf wenige journalistische Texte. Es entsteht der Eindruck, der Rezensent möchte ein wenig manipulieren, um die negative Ausdeutung seiner Rezension zu bekräftigen.

  2. Redaktion schrieb am 19. April 2013 um 10:48 Uhr

    Peter Stamm ist natürlich kein Sachbuchautor. Das wird im Text auch nicht behauptet. Sein Protagonist, der Ich-Erzähler, ist Sachbuchautor.

  3. Horst-Dieter Radke schrieb am 19. April 2013 um 11:04 Uhr

    Ah, ja. Gut! Danke für den schnellen Hinweis. Erzähler und Autor zu verwechseln – wie peinlich. Damit ist der Vorwurf der Manipulation natürlich auch vom Tisch. Ich bitte nach Abflauen des Ärgers um ein wenig Nachsicht.

  4. Eva Jancak schrieb am 19. April 2013 um 14:00 Uhr

    Ich habe von Peter Stamm “Wir fliegen gelesen”, weil es das bei Morawa, der österreichischen Riesenbuchhandlung, bei der ich vorbeikomme, wenn ich am Abend in die Alte Schmiede gehe, gab und war in vorigen Jahr denDeutschen über die vielen schönen Bücher, die es da am Tag des Buches gab neidig, inzwischen bin ich zu Jahresende bei Thalia über den 3.95 Bücherstapel gestolpert und habe seither sowohl “Agnes” als auch “Sieben Jahre” auf meiner Leseliste stehen und freue mich auf das Lesen, den Namen des Autors kenne ich wohl weil er auf der Liste des Schweizer Buchpreises etc stand bez habe ich ihn vielleicht auch mit Gregor Sander verwechselt, als der in Klagenfurt gelesen hat.Scher ein hochbegabter Autor mit hochstilistischen feinen Erzählungen. Schön, daß er in den Schulbüchern steht und schade, daß es diese Aktion zum Tag des Buches 2014 nicht mehr gibt, denn da hätte ich Wolfgang Tischer gerne eingeladen, die Bücher doch am Margaretenplatz zu verteilen oder mir überhaupt vorher eines vorbei zu bringen, am Margaretenplatz gibt es aber einen der offenen Bücherschränke, von denen es in Wien inzwischen mehrere gibt und da legen Bücherfreunde oft wahre Schätze hinein, so daß ich nicht kalgen kann und für einen Sachbuchautor hätte ich Peter Stamm wahrscheinlich auch nicht grehalten, aber ums zu einem solchen Urteil zu kommen, schaue ich auch viel zu wenig in den Sachbuchleselisten nach. Freuen wir uns alos auf den Tag des Buches, in Wien gibt es dazu wieder eine von Alfred Komarek zusammengestellt Anthologie, die ich zu versuchen bekommen werde und obwohl ich bei der “Blogger schenken Lesefreude” Aktion nicht offiziell mitgemacht habe, wird im Literaturgeflüster auch eines meiner selbstgemachten Bücher zu gewinnen geben.

  5. Eva Jancak schrieb am 19. April 2013 um 14:11 Uhr

    Vielleicht muß man doch noch extra betonen Peter Stamm ist ein ankerkannter Autor über dessen Talent Literaturwissenschaftler wahrscheinlich nicht zweifeln werden, deutsche Buchpreisliste etc, so gesehen ist obiger Beitrag vielleicht wirklich etwas seltsam oder unqualifiziert, aber die Geschmäcker sind, wie schon oben steht, sehr verschieden, allerdings kann man sich wahrscheinlich auch mit Fehlqualifikationen sehr in die Nesseln setzen, vor allem wenn man jungen noch nicht so bekannten Autoren Feedbacks gibt, sollte man, bevor man sich mit seiner Meinung öffentlich outet, vielleicht doch bei Wikipeda nachschauen, wie es um den Ruf des Autors steht, denn sonst könnten manche, die sich vielleicht ein bißchen auskennen, doch den Kopf schütteln…

  6. Yves Yaltenbrucker schrieb am 19. April 2013 um 15:01 Uhr

    Liebe “Stamm-Verteidiger”, das ist ja schön, dass Ihr Eurem Autor die Stange haltet, aber findet sich an den Beispielen, die Bremer anbringt, denn ungerechtfertigte Kritik?
    Was die Preise anbelangt: Es ist heute ungewöhnlich, im deutschsprachigen Raum ein Buch zu schreiben und keinen Preis dafür zu bekommen. Literaturpreise sind heute definitiv kein Ausweis der schriftstellerischen Qualität (das gilt auch für die “höchsten”: man denke nur an Herta Müller). Als Verlagsmitarbeiter freue ich mich natürlich über jeden Preis für meine Autoren, aber nicht über alles, was sie schreiben. Da ist eben der Lektor gefragt.
    Mir gefällt Bremers Ansatz der Kritik, denn akademische Literaturwissenschaftler sollten meinem Verständnis nach nicht die Zielgruppe eines Romans sein. Ein Roman hat lesbar zu sein. Leider ist speziell in der BRD der Begriff “Schullektüre” weitgehend gleichbedeutend mit “Schüler langweilen”. Während vor zwei, drei Jahrzehnten Schullektüre zwar auch schon langweilig war, aber wenigstens oft noch gesellschaftliche Relevanz besaß, haben sich heute offenbar die Stilisten durchgesetzt. Wenig Inhalt (wie Stamm ja auch selbst über sein Werk sagt), dafür viele stilistische Spielereien.

  7. XM schrieb am 20. April 2013 um 09:24 Uhr

    Mir gefällt der Beitrag und die Reaktionen. Ich kenne das Buch und fand es gut, las es an einem Abend und hielt es für Literatur. Dafür halte ich es immer noch, aber die Kritik ist auch gut, denn die Perspektivfehler würde jeder Lektor in anderen Texten anstreichen. Zweierlei Maß bei Namen und Ruf? Mehr solchen kontroversen Beiträge bitte!
    XM

  8. Eva Jancak schrieb am 20. April 2013 um 10:42 Uhr

    Diese Diskussion zeigt, glaube ich ganz gut, wo man aufpassen muß, da kommt ein Kritiker daher und verreißt in sehr scharfen Worten einen anerkannten Autor und die Kommentierer antworten, Literaturpreise sind mir egal, ich höre auf das. was da gesagt wurde. Aber sollte man das Buch nicht lesen, bzw. auf es aufmerksam machen, die Neugier zu sehen, wer recht behält, wecken, statt mit der Keule “Langeweiler, Sachbuchautor, etc, den Autor vernichten?
    Peter Stamm wird es, vermute ich, überleben und die Literaturexperten vielleicht darüber lächeln, die Diskussion zeigt aber sehr schön die Kraft, die das Literaturcafe, das ich sehr gerne, wie Peter Stamm übrigens auch, lese, haben kann und weil das Leseverhalten in Ländern wie unseren vielleicht doch zurückgeht, sollte man mit Artikeln, wie diesen vielleicht doch sehr vorsichtig sein und ich bin keine Freundin ein Buch nach der ersten vielleicht langweiligen Seite mit einem empörten “Gefällt mir nicht!”, wegzuschmeißen und mehr Spannung zu fordern und lese oft ein Buch, das mir am Anfang nicht so gefällt, später komme ich hinein und es braucht vielleicht auch Zeit einen Autor kennenzulernen, wenn wir uns die nicht nehmen, nehmen wir uns vielleicht sehr viel!

  9. P. K. schrieb am 21. April 2013 um 12:18 Uhr

    Geschmäcker sind verschieden.
    Ich finde an den zitierten Stellen nichts auszusetzen; die meisten dazugehörigen Kritikpunkte geradezu albern. (Kälte, Tisch, Bier, …)

    Malte Bremer werde ich künftig wohl schon früher verlassen.

  10. Arnd schrieb am 21. April 2013 um 13:58 Uhr

    Das Unwort “lohnenswert” darf einem Literaturkritiker nicht passieren.

  11. Rouven schrieb am 22. April 2013 um 07:23 Uhr

    Der Herles hat das dritte Buch von „Schirach“ auch verrissen, obwohl der Schirach eine Riesennummer war. Also, wenn einer schlecht schreibt, dann jagt ihn von Acker, der muss es erst besser machen, bevor er wieder eine gute Kritik bekommt.

    Die Schreibtechnik kann noch so toll sein, wenn die Story nix hergibt, dann kann ich bei bestem Willen nicht behaupten, das Buch sei gut gewesen.

    Die ganzen Preisträger, die ich kenne, haben Storys, die ich noch schlimmer als Schlafmittel befinde, sogar in Richtung Brechreiz titulieren würde und definitiv keine Kaufempfehlung darstellen.

  12. Eva Jancak schrieb am 22. April 2013 um 08:21 Uhr

    Nur weil das ein Kritiker lautstark und selbstbewußt behauptet, muß sein Urteil noch nicht stimmen und man sollte bevor man sich seiner Meinung anschließt, das Buch kennen, um zu wissen wovon man spricht.
    Die obige Verallgemeinerung löst bei mir wieder etwas Unbehangen aus, so daß ich meinen würde, lesen Leute und es vielleicht auch selber besser machen und erst dann mit Urteilen, wie “schlechtes” Schreiben etc kommen! Die Herles Kritik hat mir übrigens genauso mißfallen, mir aber jetzt das Buch “Die Dirigentin”, im Abverkauf gekauft, das glaube ich, genauso verrisssen wurde und bin gespannt, ob er es besser kann!

  13. Rouven schrieb am 22. April 2013 um 08:49 Uhr

    Ja ist OK, aber der Herr Bremer ist nicht der Herr Herles. Lesen sie denn die Textkritiken hier im Literaturcafé? Sehen sie nicht, wie gut man sein muss, um von Herrn Bremer eine gute Kritik zu bekommen? Glauben sie denn tatsächlich, dass diese Bewertungen etwas mit der Laune des Kritikers zu tuen haben? Oder wo sehen sie die Grundsätze der Kritik?

    Erstaunlich, dass ihnen die Kritik von Herles an Schirach missfallen hat, der ja ganz offensichtlich nicht an das bis dato gezeigte Niveau herangekommen ist. Die meisten sagten, das war eine der wenigen Kritiken, die absolut korrekt war. Ob ein Kritiker schreiben können muss? Nein ganz sicher nicht, lesen muss er können und ein Urteil über, das erlangte bilden können. Dass die Dirigentin verrissen wurde, lag hauptsächlich daran, dass Herr Herles ein Kritiker ist und dass Herr Herles schon in seinem ersten Buch Techniken angewendet hat, die darauf schließen lassen, dass er sehr viel von all den Autoren, die er bis dato zu lesen hatte, gelernt hatte. Diesen Kulturbonus musste man ihm natürlich ankreiden. Ein unbedarfter der die Dirigentin zu lesen bekommen hätte und sich ein Urteil gebildet hätte, wenn der jetzt ein Buch schreiben sollte, das technisch noch besser ist, der würde wohl einen Nervenzusammenbruch bekommen.

  14. Eva Jancak schrieb am 22. April 2013 um 10:16 Uhr

    Ich glaube mich stört an dieser Diskussion etwas ganz anderes, nämlich, daß ich nicht glaube, daß es beim Schreiben Regeln geben sollte, die ein Kritiker mit seinem Beckmesserstaberl einfach anstößt und alle schreien dann begeistert, “Ja!”, sehr gut, in den Müll!”, ohne das Buch vielleicht selbst zu lesen. Eine solche Literatur will ich nicht und bei obiger Diskussion und ich habe “Agnes” noch nicht gelesen, werde es aber tun, nur “Wir fliegen” und da habe ich verstanden warum der Autor auf den Bestenlisten ist, habe ich mir gedacht, wenn Herr Bremer mit dem Staberl so über Peter Stamm drüber fährt, wäre ich eigentlich bei seinen anderen Urteilen über Texten von Jungautoren sehr skeptisch, weil man da ja viel zerstören kann, ob Wolfgang Herles Herrn Schirach mit glänzenden Augen verreißt, wird diesen nicht schaden, der Autor bleibt trotzdem auf der Bestsellerliste, der Jungautor hört vielleicht zu schreiben auf, weil sich ein Kritiker möglicherweise profilieren will und das stört mich und bei einem Buch, das auf eine Leseliste für die Schulen kommen soll, denke ich, daß sich der Schüler da ja selbst ein Urteil machen soll und wenn er es fad findet, kann er das ja in der Schularbeit schreiben und hat sich mit der Literatur auseinandergesetzt, wenn er es gar nicht mehr liest, weil der Kritiker, das schlechte Urteil schon vorgekaut hat, denke ich, daß wir der Debatte von den mündigen Lesern nur schaden, also wieder selberlesen und selbst zum Urteil kommen, denn die Zeit der Vordenker, ob sie jetzt recht oder unrecht haben, solllte schon vorüber sein!

  15. Rouven schrieb am 22. April 2013 um 10:45 Uhr

    Ich stimme ihnen da zu, was die Regeln betrifft. Allerdings ist Agnes in der Ich-Perspektive geschrieben. Sowas fällt bei mir generell durch. (Schrecklicherweise sind die James Bond Geschichten alle im Ich geschrieben). Jedes Mal wenn ich mit einem Ich-Buch fertig bin, dann bin ich so froh, dass es endlich zu Ende ist, Agnes ist da keine Ausnahme. Wer weis vielleicht ist es nur deswegen in den Schulunterricht geraten, weil die Schüler aus den Fehlern lernen sollen. Die Begleitliteratur kenne ich nicht.

    Ich bin der Meinung, dass die Textkritiken von Malte Bremer mehr dazu gedacht sind, jungen Autoren zu helfen, wer gleich aufgibt nur, weil Malte Bremer ihm gesagt hat, dass er es für Schrott hält, der ist ein jämmerliches Weichei. Es könnte glatt sein, dass ein Text sogar ein gewisses Level erreicht haben muss, bevor sich der werte Kritiker damit befasst. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber er hat schon einen Text von mir abgelehnt.
    Ich bin auch der Meinung:
    Der Kritiker hat es nicht nötig sich zu profilieren, oder andersrum ausgedrückt, er zeigt sein Profil mit jeder Kritik. Das Profil bleibt immer das Gleiche.

    Den Schirach-Vergleich habe ich genommen, da der Verlust vom hochgelobten Werk zum hart kritisierten Werk bei den beiden Autoren ungefähr gleich groß ist, meiner Meinung nach.

    Es kommt ja öfters vor, dass Autoren die hoch gelobt wurden, dann plötzlich was anderes ausprobieren, das dann in der öffentlichen Meinung durchfällt.
    Aber fragen sie mich jetzt nicht nach Namen.

  16. Eva Jancak schrieb am 22. April 2013 um 12:37 Uhr

    Schade, daß Sie Ich-Romane ablehnen, das halte ich für ein vielleicht böses Vorurteil, aber nur weil Ihnen das nicht gefällt, müssen Sie nicht schlecht sein. Ich habe wahrcheinlich eine ganz andere Einstellung zur Literatur als Sie, finde es schade, daß Malte Bremer Ihre Texte durchfallen ließ und weiß nicht, was der Sinn daran ist, daß man erst sehr gut sein muß, um überhaupt bewertet zu werden und durchzufallen.
    Meine würde er daher wahrscheinlich auch sicher durchfallen lassen, was er aber nicht kann, da ich sie ihm nicht zur Verfügung stelle und muß auch noch anfügen, daß ich diese Artikel tatsächlich nicht lese, weil ich etwas gegen das Abwerten habe und das eigentlich nicht will und wenn auch nicht finde, daß Herr Bremer, weil er ja zu den Jungautoren sehr streng ist, jetzt auch über Autoren, wie Herr Stamm drüberfahren sollte zumindest lasse ich mich davon nicht beeinflußen, bleibe dabei, daß ich Peter Stamm für einen anerkannten Autor halte und erinnere mich auch sehr gut an die Erfahrungen von Wolfgang Tischer vor einem Jahr, als er mit den Büchern von Peter Stamm auf der Straße stand und die Leute wollten sie nicht haben und morgen wird wieder der Welttag des Buches gefeiert, war das der Auslöser für diesen Artikel? Ich werde heute abend zu einer Gala bei der die “schönsten Bücher” vorgestellt werden, gehen und bedaure, daß ich deshalb nicht zur Präsentation der Bachmannpreis-Trägerin Olga Marynovas neuen Roman, über den Wolfgang Tischer ja auch berichtet hat, gehen kann und Ihnen würde ich raten, seien Sie nicht so streng, fahren Sie nicht über alles drüber, schreiben Sie weiter und ich würde gerne etwas von Ihnen lesen!

  17. Herbert Schmitt-Bing schrieb am 9. Mai 2013 um 00:47 Uhr

    ich habe das Buch gelesen, es hat mir nicht leid getan, es gelesen zu haben, ich fand es gut.
    die angeführten Stellen finde ich nun nicht so schlecht wie der Beurteiler, nur eben Geschmacksache. Es läßt sich streiten, nur gibt es kein Kriterium das sagt, gut, oder schlecht.

  18. Johanna Sibera schrieb am 9. Mai 2013 um 18:26 Uhr

    Ich habe erst heute gelesen, was Rouven zu “Ich-Romanen” zu sagen hat. Vielleicht ist das der Grund, dass ich mit meiner Erzählung “Kurzes Jahrhundert”, erschienen im September 2012 in der “Bibliothek der Provinz”, einem österreichischen Verlag mit gutem Namen, bis jetzt so wenig Erfolg hatte. Meine Ich-Erzählerin heißt Pränatalie, sie ist ein abgetriebener Embryo, der über die Geschichte seiner Familie im Laufe des 20. Jahrhunderts berichtet.
    Vielleicht gelingt es mir auf diesem Weg, eine erkleckliche Schar von leselustigen Menschen davon zu überzeugen, dass ein in der Ich-Form erzählter Roman sehr gut sein kann.

  19. Rouven schrieb am 9. Mai 2013 um 21:54 Uhr

    @Johanna Sibera
    Diese Schleichwerbung hat einen derart interessanten Hintergrund, dass ich es ihnen nicht übel nehmen kann, auf diese Weise auf das Buch aufmerksam gemacht zu haben.

  20. Johanna Sibera schrieb am 10. Mai 2013 um 16:47 Uhr

    Lieber Rouven, danke für Ihre netten Worte! Schleichwerbung soll das, was ich für mein Buch hier betreibe, gar nicht sein, sondern einfach echte ehrliche Werbung. Das ist ja meines Wissens nicht verboten; vielleicht kann ich auf diesem Weg etliche Interessierte vom teils vergnüglichen, teils doch recht lehrreichen Inhalt meiner Erzählung überzeugen.

  21. Samir schrieb am 13. Mai 2013 um 23:44 Uhr

    Peter Stamm ist in der Tat ein Langweiler, einer der langweiligsten Autoren überhaupt. Sein Stil mag vielleicht denen gefallen, die sich nicht in die Abgründe begeben wollen, in die uns die Literatur führen kann, die ihren “Kopf nicht ins Dunkel stecken”, wie es bei Roberto Bolano heißt. Nur Thomas Lehr ist noch schlimmer, weil er einem die ganze Zeit seine prätentiöse Ernsthaftigkeit ins Gesicht halten muss. Ich habe Mitleid mit meinen jüngeren baden-württembergischen Landesgenossinnen.

  22. Marie-Christin schrieb am 18. Mai 2013 um 10:19 Uhr

    Ich habe das Buch selbst im Rahmen des Unterrichts der 11. Klasse gelesen und muss sagen, dass es mir wirklich gut gefallen hat. Das trifft auch auf viele andere aus meinem Jahrgang zu. Es treibt Schülern also keineswegs die Lust am Lesen aus- im Gegenteil. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass es das erste Buch seit langem ist, dass mich wirklich gefesselt hat.
    Auch die Behauptung, dass Buch biete keinen Stoff zum Nachdenken, trifft meiner Meinung nach nicht zu. Peter Stamm zeigt mit einem- zugegeben gewöhnungsbedürftigen- kargen Schreibstil tiefgreifende psychologische Probleme unserer Zeit auf und erinnert dabei fast schon an Autoren wie Kafka. Der Text ist von Metaphern, Symbolen und Andeutungen durchzogen, die nur darauf warten, gedeutet zu werden.
    Diese Kritik klingt so, als gefiele der gesamte Roman dem Autor persönlich einfach nicht, ohne dass er seine Meinung fundiert begründen kann. Natürlich dind die Geschmäcker verschieden, aber die genannten Kritikpunkte sind Nebensächlichkeiten und wirken- wie “P.K.” vor mir schon geschrieben hat, recht albern. Bei der Kritik wird nicht im geringsten auf die Essenz des Buches eingegangen.
    Inwiefern ist es zum Beispiel eine gerechtfertigte Kritik, wenn die Freundin des Protagonisten ihm ein Bier holt?
    Einige der Kritikpunkte wären vielleicht sogar gerechtfertigt, wie zum Beispiel der mit der Verhütung, wenn es denn darum ginge, die Personen zu kritisieren. Hier wir wieder deutlich, dass der Autor vor allem eine persönliche Abneigung gegen den Roman zu hegen scheint.
    Außerdem tragen die Fehler der Protagonisten gerade dazu bei, die Geschichte lebendig, realistisch und interessant zu machen. Der Protagonist gibt doch sogar, zu nicht perfekt zu sein, indem er zum Beispiel einräumt, dass seine Geschichte nicht unbedingt der Realität entspricht, weil Menschen ihre Umwelt eben nicht ungefiltert wahrnehmen und Wahrnehmungen oft auch auf eigenen Interpretationen beruhen.
    Und genau das ist doch eine der Nachrichten des Textes!

  23. Yvonne schrieb am 10. Juli 2013 um 19:29 Uhr

    Vielen Dank für die ausführliche Besprechung! Ich habe mich beim Lesen des Romans nicht gelangweilt, fand vor allem die Darstellung der Unzuverlässigkeit der eigenen Erinnerung sehr treffend beschrieben. Übrigens habe ich den Schluss auch gar nicht so verstanden, dass Agnes wirklich tot ist, sondern viel mehr so, dass sie nun aus seinem Leben verschwunden ist und genau so gut tot sein kann.

  24. Agnes Stamm schrieb am 6. Oktober 2013 um 12:11 Uhr

    Dadurch, dass ein unzuverlässiger Ich-Erzähler diese Geschichte wiedergibt, kann man alle Kritikpunkte, die Sie aufführen, als Teil dieser Perspektivität interpretieren! All das könnte also vom Autor bewusst eingebaut worden sein.
    Womit Sie allerdings recht behalten ist, die Tatsache, dass dieser Roman wirklich eine Ausgeburt an Humorlosigkeit und langweiliger kaum sein könnte.
    Übrigens: das letzte Zitat bezieht sich auf die Geschichte, die Agnes geschrieben hat.

  25. Eva Kormann schrieb am 17. November 2013 um 12:12 Uhr

    Es ist schwer, diesen Beitrag zu kommentieren, ohne beleidigend zu werden. Aber der Autor dieses Beitrags zu Stamms “Agnes” zeigt sich als entsetzlich borniert und beckmesserhaft – und dazu noch gänzlich ohne literaturtheoretische Kenntnisse. Denn er verwechselt von Anfang an den Erzähler mit dem Autor – und spielt jenen gegen diesen aus.

  26. Johanna Sibera schrieb am 17. November 2013 um 13:51 Uhr

    Der Erzähler, die Erzählerin wird mit dem Autor/der Schriftstellerin verwechselt – vielleicht sollte man in den jeweiligen Klappentext eine Gebrauchsanweisung für das lesende Publikum einbauen? Aber die liebe Leserschaft macht sich selbst gern ein Bild, stellt sich bei der Lektüre vor, was immer sie will; ein Autorenfoto ist auch meist im Buch dabei oder rasch zur Hand und schon sieht man alles plastisch vor sich. Aber auch Leute, die es von Berufs wegen besser wissen müssten, verfallen in diesen Fehler: Da in meinem Roman “Herzklappern” die Ich-Erzählerin eine Beziehung zu einer Frau schildert, wurde ich bei einer Lesung von der veranstaltenden Autorin mit den Worten vorgestellt: “Diese sympathische Lesbe wollte ich unbedingt kennen lernen!” Kommentar eigentlich überflüssig.

  27. Tim Saathoff schrieb am 27. November 2013 um 16:24 Uhr

    Folgendes werden sie nur ganz nachvollziehen könne, wenn sie das Buch “Agnes” vollständig gelesen haben.

    Meiner meinung nach haben Sie, Herr Bremer, das Werk schlicht nicht verstanden.
    Zu Beginn baut der Autor mit den gewählten neun Monaten im Leser schon den Gedanken an eine Schwangerschaft auf, die ja durch ihr Missglücken schließlich auch den vermeindlichen Tod Agnes’ herbeiführt (Fehlgeburt -> Erzähler muss Geschichte auf Agnes’ Wunsch ändern -> Agnes stirbt (zumindest in der Geschichte)). Die aufgeführten stilistischen “Mängel” sind wie bereits diskutiert Geschmackssache, ich für meinen Teil finde die in “Agnes” aufgebaute Atmosphäre stimmig. Nun aber zu dem angesprochenen Perspektivfehler: Meines Verständnisses nach handelt es sich hier kaum um einen Fehler, da der Erzähler nicht nur aus seiner Perspektive, sondern indirekt auch aus der von Agnes berichtet, die ja an seiner Geschichte über sie selbst mitschreibt. Da diese bereits geschriebene Geschichte als Grundlage für die Erinnerungen, welche der Erzähler uns zukommen lässt dient, ist es abwegig von einem Perspektivfehler an dieser stelle auszugehen.
    Außerdem: Wieso gehen sie davon aus Agnes sei tot? Lediglich in der vom Erzähler verfassten Geschichte ist dies der fall. Ihre kritik an der Glaubwürdigkeit, Agnes habe sich für den Tod entschieden, weil sie das Ende der Geschichte gelesen hat, erübrigt sich damit. Es handelt sich um ein offenes Ende, in welches sie natürlich auch ihre Ansicht hineininterpretieren können. Jedoch sollten sie im Hinterkopf behalten, dass selbst diese Möglichkeit, Agnes sei wirklich durch die geschichte gestorben, nicht abwegig ist. Oft wird darauf angespielt, dass Agnes vieles tut um dem Erzähler zu gefallen (er schreibt sie trage ein blaues Kleid -> sie zieht das blaue Kleid an). Vielleicht geht sie am Ende wirklich so weit und tötet sich wirklich, nur weil er es ihr sozusagen “befiehlt”, zumal der Erzähler Agnes erwähnt, er ziehe es vor über bereits geschehene Dinge oder gestorbene Menschen zu schreiben.

    Interpretieren sie in “Agnes” was sie wollen, aber gehen sie nicht voreingenommen an ein Buch heran und denken sie etwas nach, bevor sie eine recht engstirnig und wenig fundamentierte Kritik äußern.

    Mit freundlichem Gruß
    Tim Saathoff

  28. Rouven schrieb am 27. November 2013 um 16:48 Uhr

    Ich habe es nicht mehr genau im Kopf, aber muss man sich nicht einreden/glauben machen, dass die Sache mit der Perspektive stimmt, beziehungsweise muss man die Logik nicht irgendwie selbst konstruieren? Und würde der Lehrer dieses Vorgehen nicht bemängeln?

    Es ist ja ein Schulbuch.

    Nun es ist ja absichtlich so kompliziert gehalten, dass die Schüler dran zu knabbern haben.

  29. Schüler der Kursstufe in Baden-Württemberg schrieb am 12. Dezember 2013 um 17:55 Uhr

    Guten Tag Herr Bremer,

    Während der heutigen 5-stündigen Deutschklausur kamen wir in den Genuss, eine sehr stark abgeänderte Form ihres Textes kritisieren zu dürfen! :)
    Das heißt ihre Kritik daran, dass dieses Buch Sternchenthema in Baden-Württemberg wurde, ist auch in der Schule angekommen.
    Generell kam Ihre Kritik gut an bei den Schülern ;)
    Und die Kritikpunkte haben sich hauptsächlich aus den Abänderungen ergeben.
    Eins sei aber dennoch gesagt:
    Ihr Titel ist absolut niveaulos!
    Denn Sie vermischen das private Lesevergnügen und die schulische Pflichtlektüre, wobei Agnes noch lange nicht der Tiefpunkt an abschreckender Literatur ist, Dantons Tod vollbringt da potentiell ganz andere Wunder.

    Gruß
    Schüler der 12. Klasse

  30. me schrieb am 12. März 2014 um 16:38 Uhr

    Mit ihren Kritikpunkten mögen sie recht haben oder auch nicht. Manches leuchtet mir ein, anderes nicht. Mit der Bewertung, was Schüler langweilt und was nicht, verschätzen sich jedoch gewaltig. Das kann ich sagen, weil ich heute mein Deutschabi geschrieben habe und es somit die letzten zwei Jahre mit Agnes, Dantons Tod und Homo Faber zu tun hatte. Agnes hat den meisten Spaß gemacht, weil das Buch nur auf den ersten Blick eintönig und einfältig wirkt, auf den zweiten aber unglaublich viel bietet, auch an Nachrichten für Schüler. Homo Faber haben die meisten schon nur ertragen. Ich hatte persönlich Spaß daran, viele konnten das Buch aber überhaupt nicht leiden. Die eigentliche Qual, der Langweiler und Spaßverderber am Lesen war Dantons Tod. Sich da durch zu lesen war auch für mich, wo ich sonst doch gerne lese echt eine Aufgabe. Ich schätze Georg Büchner als historische Persönlichkeit und er hat auch wahrlich gute und Spaß machende Werke geschrieben. Dantons Tod war jedoch echt nicht genießbar.

  31. Felix Vosse schrieb am 13. Oktober 2014 um 19:50 Uhr

    In seiner Rezension „Agnes- oder wie man Schülern die Lust am Lesen austreibt“ setzt sich Malte Bremer mit dem Roman „Agnes“ von Peter Stamm auseinander. Hierbei kritisiert er in stark subjektiver Art und Weise sowohl den Schreibstil des Autoren, als auch die Entscheidung, den Roman als Pflichtlektüre in den Oberstufen der Gymnasien und Berufsschulen Baden-Württembergs zu verwenden heftig und geradezu polemisch.
    Bereits durch Titel und den einleitenden Textabschnitt der Rezension wird deutlich, dass dieser keine sachliche Herangehensweise zugrunde liegt und welche persönliche Meinung Bremer gegenüber Stamm bereits vor Lesen des Romans „Agnes“ vertrat. Peter Stamm, dem er einen hölzernen Stil attestiert, sei für ihn bereits „ein erledigter Fall“ gewesen, nachdem er zuvor den Band „Blitzeis“ von jenem Autor gelesen hatte.
    Im ersten von drei Abschnitten befasst sich Bremer mit dem Anfang des Romans. Zunächst betont er jedoch, welch Herausforderung das Lesen dieses Romans für ihn darstellte. Aus der Überschrift „Schon zu Beginn geht allerlei schief“ geht schon hervor, dass der Verfasser keine tatsächlichen literarischen Mängel aufzeigt, sondern sich lediglich am Stil des Autoren stört. Anstatt nämlich „allerlei“ Fehler aufzuzeigen, wird lediglich unsachlich und wiederholend der Stil von Stamm beurteilt. Weiterhin stellt Bremer mehrere Behauptungen auf, die er jedoch in keiner Weise belegt: Nichts zum Nachdenken, kein Humor, keine Überraschungen, hölzerner Stil. Mit diesen Behauptungen scheint er zusätzlich zu implizieren, dass ein Roman einen gewissen Stil, Überraschungsmomente nach seiner Auffassung und Humor ohne Bezug zu Inhalt und Atmosphäre aufzuweisen habe. Als erstes Fazit führt Bremer auf, der Roman sei „dröge […], langweilig, aufgeblasen.“ Beleg genug dafür ist ihm die Tatsache, dass der Erzähler erwähnt, dass er Agnes vor neun Monaten kennengelernt habe. Diese Zeitangabe ist jedoch nicht Teil des „aufgeblasenen“ Stils, sondern stellt eine erste Assoziation zum späteren Schwangerschafts-Thema dar. Abschließend hebt Bremer sarkastisch die „stilistische Brillanz“ Stamms heraus, die er nun fast schon in provokativer Weise „schlechter als schlecht“ bezeichnet.
    Im folgenden zweiten Abschnitt stellt sich Bremer unter selbiger Überschrift die Frage: „Was könnte Schüler an diesem Roman interessieren?“. Anstatt diesen Ansatz jedoch zu vertiefen, reiht er lediglich ähnliche, rethorisch wirkende Fragen aneinander, nur um diese anschließend völlig unbeantwortet zu lassen. Stattdessen präsentiert Bremer „eine Auswahl von speziellen Albernheiten“. Er behauptet sogar einen Perspektivfehler gefunden zu haben, da der Erzähler nicht wissen könne, was Agnes während von Bremer aufgeführter Textstelle auf den Tisch lege, weil er erst von seiner Arbeit aufblickt, nachdem Agnes alle Gegenstände bereits auf den Tisch gelegt hatte. Der Fehler liegt hier jedoch bei Bremer: Der Ich-Erzähler erzählt aus seiner Erinnerung, sodass er durchaus noch wissen kann, was Agnes auf dem Tisch platzierte. Während hier noch der Eindruck entsteht, Bremer hätte nach Fehlern im Roman gesucht, wird anschließend deutlich wie oberflächlich und unzureichend er den Roman beurteilt. Bremer kritisiert nämlich nur noch das Einbringen von Adjektiven und Konjunktionen an zusammenhangslos ausgewählten Textstellen aus dem Roman in alberner Weise.
    Im letzten Abschnitt letztlich betont Bremer erneut, wie er sich durch das Buch gequält habe. Er selbst wunderte sich jedoch über den Schluss. Überraschungen also anscheinend doch nicht null. Er beendet seine Kritik mit einem Zitat, in dem der Ich-Erzähler an der Qualität seiner Geschichte zweifelt. Bremer scheint hierbei aber fälschlicherweise anzunehmen, der Erzähler äußert sich über ganzen Roman, anstatt über die während des Romans verfasste Geschichte über die Beziehung zwischen Agnes und dem Erzähler.
    Zusammenfassend bleibt also zu sagen, dass Bremer sich dem eigentlichen Inhalt des Romans in dieser Rezension nicht gestellt hat. Es wurden nahezu durchweg unpassende Zitate und nichtfundierte, subjektive Kritikpunkte angebracht. Zunächst nachvollziehbare Ansätze wurden nicht ausgeführt. Somit ist aus der Rezension kaum etwas über den Roman in Erfahrung zu bringen, außer, dass dem Verfasser der Stil von Peter Stamm deutlich missfällt.
    Es gäbe noch einiges mehr – aber das mag genügen.

  32. Jo schrieb am 1. November 2014 um 18:33 Uhr

    Ich gebe meinem Vorgänger Recht, dass die Kritik nicht tiefer geht und sich Bremer mehr mit dem Buch hätte auseinander setzten sollen…
    Jedoch bin ich trotzdem der Meinung, dass das Buch “langweilig” ist. Der Grund dafür ist, dass ich finde, dass der Roman unglaublich konstruiert klingt (so wie wenn Stamm den Roman nur für die Abi Prüfung geschrieben hätte). Des Weiteren kann ich mich Brenner anschließen, dass das Ende äußerst fragwürdig ist. Ich besuche zurzeit die Kursstufe und wir hatte das “Glück” als wir Agnes besprochen, dass Peter Stamm bei uns vorbei kam und wir ihm Fragen stellen konnten. Also wir ihm dann Fragen stellte wich er jedoch ständig den Fragen aus mit der Begründung er wisse ja nicht weshalb der Ich-Erzähler oder Agnes so wie in dem Buch gehandelt habe.
    Verglichen mit Homo faber oder Donton’s Tod kommt bei Agnes nichts heraus wenn man sich länger mit dem Roman beschäftigt. Der Roman ist voller Leere und zwunghaft Konstruiert.

  33. Kiki schrieb am 10. November 2014 um 23:59 Uhr

    Ich selber bin gerade in der 12. Klasse und auch wir haben dieses Buch als Pflichtlektüre für das Abitur 2015. Obwohl ich ein gutes Buch durchaus zu schätzen weiß, muss ich sagen, dass ich die schlimmsten Bücher bisher im Deutschunterricht lesen musste. ‘Agnes’ von Peter Stamm war, im Vergleich zu den meisten anderen, da schon deutlich weniger schlimm als zB ‘Homo Faber’, ‘Faust’ oder ‘Der Untertan’. Im Gegensatz zu diesen sterbenslangweiligen Büchern war ‘Agnes’ – aus der Sicht einer Schülerin – wirklich äußerst unterhaltsam. Freiwillig hätte ich es zwar niemals gelesen, aber dennoch: Bücher wie ‘Agnes’ sind es nicht, die Schülern die Lust am Lesen nehmen, es gibt viel viel schlimmere. Und das Auseinandernehmen jedes einzelnen Satzes macht das ganze auch nicht besser.

  34. Maddinar schrieb am 4. Dezember 2014 um 13:16 Uhr

    Ich bin zufällig derzeitige Abiturientin und nachdem wir das Buch jetzt über zwei Wochen im Unterricht behandelt haben, muss ich sagen, dass das Buch zwar keine unglaubliche Spannung aufweist, der unzuverlässige Erzähler, sowie verschiedenste Stilmittel ziehen dem Leser geradezu den Boden unter den Füßen weg, sodass wir uns sogar regelmäßig die Frage gestellt haben, ob es Agnes in diesem Buch überhaupt gibt.

    Dass diese Figuren keine real existierenden sein sollen und können wird schon nach wenigen Seiten deutlich.

    Der Rezensent ist denke ich nicht tief genug in das Buch eingedrungen und hat die vielen Schichten und Kniffe des Buches denke ich nicht so recht verstanden.

  35. Jan Hendrik Folger schrieb am 7. Dezember 2014 um 18:37 Uhr

    Ich bin 16 Jahre alt und im Moment in der Kursstufe 1 (Klasse11) eines Baden-Würtemmbergischen Gymnasiums. Im zuge unseres Deutschunterichts mussten wir -im Hinblick auf das Abitur- auch Agnes lesen und ich muss sagen, das ist das beste Buch das ich in meiner gesammten “Schullaufbahn” gelesen habe. (und auch das einzige das ich komplett gelesen habe)
    Der Scheibstil ist etwas zu nüchtern für meinen Geschmack, passt allerdings zum Inhalt des Buches. Die Handlung finde ich -im Gegensatz zu beispielsweise “Tschick” (das wir auch lesen mussten)- erheblich interessanter; ich wollte wissen warum Agnes tot ist und habe das Gefühl das auch verstanden zu haben…
    Auch hat dieses Buch eine Aussage: es entstand als Peter Stamm auffiel das er seine eigene Freundin eigentlich überhaupt nicht kannte sondern nur mit einem geistigen und selbst erstellten Abbild von ihr zusammen lebte. Diese Erkenntnis hat er meiner Meinung nach gar nicht mal schlecht in seinem Buch thematisiert und versucht zu ergründen…
    Finde deine/ihre Kritik daher nicht unbedingt gerechtfertigt -uns Schüler hätte es viel schlimmer erwischen können! Ich bin fast dankbar das es Agnes ins Abi geschafft hat – wer weiß was uns sonst hätte blühen können…

  36. Benedikt Nübel schrieb am 13. März 2015 um 11:01 Uhr

    Ein der schlechtesten Rezensionen, die ich in meinem jungen Leben gelesen habe!

  37. J. Steyer schrieb am 19. März 2015 um 23:27 Uhr

    Diese Rezension ist noch schlechter als die Bewertung des Buches in ebenjener.

  38. Johanna Sibera schrieb am 20. März 2015 um 13:13 Uhr

    Die Debatte über dieses Buch zieht sich schon so lange hin, dass man eigentlich gar nicht mehr weiß, worum es darin geht. Aber eine Lehre kann man schon daraus ziehen: Ist ein Roman einmal Schullektüre – und zwar eine zwingend vorgeschriebene, sozusagen Teil des Lehrplans, wie es in meinen wunderschönen Schuljahren auch der Fall war – bleibt so ein Buch im Gespräch. Und was könnte sich ein Autor Besseres wünschen?

  39. Luisa Heinz schrieb am 6. November 2015 um 15:53 Uhr

    Also, erstmal, ich bin Schülerin und 16 Jahre alt. Auch ich sollte dieses Buch lesen und habe mich wirklich gefreut, als ich nach dem zweiten Kapitel behaupten konnte, einmal ein gutes Buch lesen zu “müssen”.

    Der Erzähler sagt NICHT, er hätte keine Erinnerungen an sie. Er sagt, sie sei tot und eben fort. Die Geschichte sei ihm geblieben. Der Bezug auf die Geschichte macht viel Sinn, wenn man seine Geschichte verstanden hat. Nämlich, als der Erzähler in der Lektüre beginnt, die Geschichte von Agnes und Ihm als eine weitere Geschichte des Erzählers zu schreiben. Die beiden fangen an, Unstimmigkeiten zwischen der Geschichte und der tatsächlichen Handlung zu finden. Die Erinnerung ist da, aber auch diese verblasst teilweise hier und da, und die Geschichte ändert sich nicht. Also: Konstant bleibt nur die Geschichte.

    Dann: kalt und kälter, jaja. (Alles ist natürlich meine Interpretation, nicht vergessen!) Er meint also, es ist kalt, und er stellt klar, dass es ja eigentlich immer kalt ist. Aber nun ist Agnes weg, das macht vielleicht alles noch kälter. Oder er redet eben über den Schnee, und meint, dass es davor nicht geschneit hatte, sondern vielleicht einfach trüb oder regnerisch war. ^^

    Es gibt einen weiteren Perspektivwechsel, der von der Vergangenheit der Erzählung kurz in das Jetzt des Erzählers springt (Kapitel 2, S. 13, Absatz unteres Drittel), wo er kurz über sein Werk berichtet, an dem er im Jetzt noch arbeitet. Ich bezweifle, dass dies ein Versehen war.
    So denke ich auch, dass er das, was hier beschrieben wird, mindestens aus dem Augenwinkel wahrgenommen hat, so wie das Aufschauen mit dem Treffen ihres Blickes zusammen hängt und nicht sagt, dass er sie davor tatsächlich nicht gesehen hat..

    Außerdem, das finde ich wichtig, meine ich, dass beinahe JEDER Autor die Dinge genau beschreibt, damit man sich auch alles vorstellen kann. Dass jemand etwas vor sich auf den Tisch legt wird einem ja bekannt sein, und anders habe ich sowas auch noch nirgens gelesen. Warum sollte er es nicht wissen können? Er saß doch da. Genauso: Hätte er “toastete das Toast” geschrieben, wäre das hier vermutlich genauso angeprangert worden. Diese Dinge gehören dazu, wenn man den Alltag eines Menschen beschreiben will?

    Und das Lächeln, herrje.. Man lächelt nicht abweisend, man lächelt. Vermutlich hat Agnes sehr lächelnd gelächelt. Vermutlich ging es um den Ausdruck in den Augen und fehlende Fältchen und unbewegte Wangen, die er als restliches Gesicht beschreibt. Für mich sehr logisch.

    Agnes Tod. Wenn man den Roman gelesen hat und ein paar Sekunden darüber nachgedacht, dann stellt man das nicht in Frage. Agnes spricht einmal von Büchern, (wirklich wichtige Stelle, Seite 120) es geht darum, dass sie immer in Geschichten einfühlt (“Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden.”) und sie sagt, auch ganz wichtig, “Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person.”. Trotzdem beschreibt sie es als Befreiung.
    Während der Erzähler also eine Geschichte über sie beide schreibt und Agnes ihr Ungeborenes verloren hatte, bat sie ihn, doch kein Ende zu der Geschichte zu schreiben. Er hatte es aber schon getan und änderte das Ende, ohne es ihr aber zu zeigen. Als er an Silvester zu “Louise” geht und mit ihr schläft, liest Agnes das neue Ende zu Hause, in dem Sie sich im Wald in den Schnee legt. Er hat die Geschichte beendet, die für sie beide stand, und bevor er ging hatte sie sich bereits emotional verabschiedet. Das Lesen des Endes hat sie dazu motiviert, spontan weg zu gehen. Er sagt nicht explizit, ob sie am Ende tatsächlich gestorben ist. “Agnes ist tot” muss sich nicht auf einen tatsächlichen Tod beziehen, sondern nur auf das Ende ihrer Geschichte, die fiktive und die reale. Vielleicht ist sie wirklich tu Herbert nach New York gegangen. Sie schien ihn davor schon verlassen zu wollen, auch wenn es tatsächlich sein könnte, dass sie sich wirklich umbringt, da sie davor schon bereit war, nach der Geschichte zu leben, und auch S.78 sagt Agnes “Es heißt, zu erfrieren sei ein schöner Tod.”, wofür auch spricht, dass sie nichts als ihren Mantel mitnahm. Aber das lässt der Autor bewusst offen.

    Was mir dieses Buch bringt: Es geht um Liebe zwischen zwei Menschen, Liebe einer Mutter zu einem Kind, das vielleicht noch garnicht geboren wurde, man kann sogar die Beziehung von Agnes zu ihrem Vater auf ihr Leben und ihre Beziehung zu einem älteren Mann beziehen, man kann unglaublich viel in diesen Roman interpretieren. Die Stelle: “Es ist schwer zu erklären, obwohl ich sie liebte, mit ihr glücklich gewesen war, hatte ich nur ohne sie das Gefühl, frei zu sein. Und Freiheit war mir immer wichtiges gewesen als Glück.” (S. 110) ist unglaublich, ich kann sie beispielsweise auf meinen Ex-Freund beziehen (ja ich bin 16; wir waren trotzdem 1,5 Jahre zusammen und ich bin intelligenter als manch Erwachsener…) und auf ganz viele andere Menschen. Es geht um Beziehungen und es geht um Glück. “Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen … Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen … Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.” Diese Stelle ist genial! Und sie bringt wieder neuen Interpretationsraum und stellt die Frage, ob das alles nun Glück war, oder nicht.

    Meine Meinung nach wird hier weniger Sachlich argumentiert, als irgendwie der Hass zu einer Lektüre ausgedrückt, ohne alle Seiten sachlich zu erläutern oder anzusehen.. Es kommt mir nämlich so vor, als hätte der Verfasser der obigen Kritik sich wenig Gedanken um den Roman gemacht und sich größtenteils darüber aufgeregt, dass dies eine Pflichtlektüre für Schüler ist. Ich habe auch nur 2 Stunden für den Roman gebraucht, aber ich habe ihn verstanden.^^ Ich finde es natürlich in Ordnung, wenn man sich nicht mit einem Buch auseinandersetzen will und etwas leichteres und weniger “tiefes” bevorzugt, da hier ja das Fehlen jeglichen Humors kritisiert wird, etc, aber durch sowas lernt man Interpretation und Offenheit und sowas. Es scheint mir nur sehr negativ, ich schlage etwas Optimismus vor. Wir mussten schon schlimmere Lektüren abarbeiten.

  40. Ein ehemaliger Schüler aus BW schrieb am 7. Januar 2016 um 04:01 Uhr

    Es ist durchaus nicht einfach, alle Strömungen, die dieses Buch verursacht oder in Zusammenhang mit diesem Buch entstehen, klar einzuordnen.

    Dennoch – und das mag nach dem Eingangssatz für manch einen seltsam erscheinen, führte diese Rezension zu einem breiten Grinsen meinerseits, weil ich zu den Leidensgenossen gehörte, die dieses Buch “zu Tode” interpretieren mussten.

    Wer dieses Buch gelesen hat, erinnert sich, dass der Kernpunkt der Handlung eine Geschichte in der Geschichte darstellt, also eine reale und fiktive Ebene besitzt. Und genau das macht es für einen Schüler unerträglich.

    Natürlich wird man durch diesen Umstand gezwungen, sich mit der Tiefe zu beschäftigen. Beschäftigt man sich allerdings mit der Tiefe, erscheint dieses Buch im Ausgang genauso oberflächlich, wie es nach der ersten Leseprobe gewesen ist: Denn das, was von der Geschichte wirklich hängen bleibt, kann man etwa in der obigen Kritik nachlesen.

    Stamm sinnierte einmal über den Sinn des Lebens, dass es die größte Errungenschaft des modernen Menschen sei, zu begreifen, dass es “keinen Sinn des Lebens gebe”. Und das ist das Gravierende an seinem Buch. Die moderne Gesellschaft wird zum Tatort seiner Lebensphilosophie. Ich würde es noch überspitzter formulieren: Dieses Buch ist geprägt von Fatalismus – der Beziehungsunfähigkeit und Kommunikationslosigkeit des modernen Menschen – und eröffnet ein Horrorszenario, das als Botschaft an unsere Generation gerichtet ist und stigmatisieren soll. Selbst wenn es nur eine Geschichte bleibt, streike ich vor den menschlichen Abgründen, die durch diese Geschichte impliziert werden.

    Wer der Thematik jetzt immer noch etwas abgewinnen kann, dem sei gesagt, dass die Charaktere farblose, diffuse Gestalten bleiben, mit denen man sich nicht identifizieren möchte. Ganz furchtbar ist der Erzähler: Die Handlungen des Erzählers und das Ende sind für einen normalen Menschen nicht ersichtlich, zumal er uns sowohl in der Realität, als auch in der Fiktion belügt – während er selbst eine Geschichte über Realität und Fiktion schreibt und meint, dass “passende Ende” für Agnes finden zu wollen.

    Wenn man sich jetzt noch bewusst macht, dass der einzelne Schüler darüber eine Interpretation schreiben muss, wird einem das Ausmaß der Katastrophe erst recht deutlich. Ein Buch, das sich durch die Unfähigkeit des Erzählers sämtlicher Glaubwürdigkeit entzieht, das mehrere banale, aber literarisch realistische Endszenarien zulässt und auch sprachlich auf monotoner Ebene ausharrt, verliert vollständig seine Interpretationsgrundlage. Ganz zu Schweigen von der Lust des Schülers, sich damit auseinander setzen zu müssen. Und wenn man bei den Fakten bleibt, stellt es als Fazit die Niederschrift eines menschenverachtenden Mannes dar, der nicht einmal ehrlich zu sich selbst sein möchte.

    Homo Faber und Dantons Tod sind Meilensteine der Literatur, die Zeit brauchen, sich beim Leser in vollster Blüte zu entfalten: Die wirklich, so komisch es klingt, Spaß machen, sie zu lesen und zu verstehen. Hinter solch strahlenden Lichtern erblasst Agnes im Schatten seiner Möglichkeiten.

    Moderne Literatur im Deutschunterricht ist eine wundervolle Idee, die bleiben soll. Warum es aber gerade dieses Buch sein musste, wird sich mir wohl niemals erschließen.

  41. Vici schrieb am 14. Februar 2016 um 00:19 Uhr

    Hallo :)
    Ich bin Schülerin der 11. Klasse und lese das Buch gerade. In meinem Kurs hat es nicht gerade viel Anklang gefunden (hauptsächlich, weil es keine spannende Handlung hat). Jedoch muss ich trotzdem manchen Kritikpunkten widersprechen: Der Schreibstil Peter Stamms spiegelt die Beziehung zwischen Agnes und dem Erzähler wieder. Unabhängig, ob man diesen also persönlich gut oder schlecht findet, beschreibt gerade die Sachlichkeit jene meiner Meinung nach perfekt.
    Außerdem liebe ich die Unmöglichkeit einer richtigen Interpretation. Wie oft mussten meine Freunde und ich eine schlechte Note dulden, weil der Lehrer unsere Sichtweisen nicht verstanden hatte. Selbst mit den besten Argumenten wurde keine abstrakte Interpretation zugelassen. Bei “Agnes” ist das aber möglich. ☆ Deshalb verstehe ich auch nicht, warum behauptet wird, dass man aus dem Buch nichts nehmen könne. Gerade, dass man die einfachen Sätze interpretieren muss statt verschachtelte Sätze aus uralten Schinken zu entschlüsseln, reizt mich als Schüler.
    Aus diesen Gründen finde ich “Agnes” als Schullektüre sehr geeigent (versteht mich nicht falsch, ich habe auch Bücher wie “die Verwirrungen des Zöglings Törleß” oder “Verbrechen und Strafe” sehr gerne gelesen, aber eben privat und nicht in der Schule). Jedoch muss ich zugeben, dass es als Abilektüre insofern ungeeignet ist, weil man es kaum mit Dantons Tod vergleichen kann, was einen Werkvergleich ein wenig erschweren wird.

  42. Hannah schrieb am 5. April 2016 um 12:47 Uhr

    Ich schreibe morgen (Hilfe!) mein Abitur in Deutsch, unter anderem auch über Agnes. Für viele aus meiner Stufe war Agnes das beste der drei Werke. Auf mich trifft das nicht zu, mein “Liebling” ist ganz eindeutig Homo faber, womit ich mir nicht immer Freunde gemacht habe in den letzten zwei Jahren. Allerdings muss ich zugeben, dass man mit Peter Stamms Roman auch sehr gut arbeiten kann. Klar, auf den ersten Blick wirkt die Geschichte langweilig und eintönig, aber wenn man sich länger damit beschäftigt, erkennt man, dass deutlich mehr dahintersteckt als auf den ersten Blick offenbart wird.
    Ich muss sagen, dass auch bei mir Dantons Tod viel eher die “Spaßbremse” war. Es mag sein, dass die Sprache und die vielen Anspielungen grandios sind, aber wenn man als Schüler so gut wie nichts davon versteht, bringt das alles auch nichts. Deswegen bin ich eigentlich doch ganz froh, dass Agnes Thema ist.

  43. Lola S. schrieb am 1. Mai 2016 um 16:31 Uhr

    Ich weiß zwar nicht, ob das schon jmd. in den Kommentaren verbessert hat, aber damit:
    »Vielleicht war [die Geschichte] wirklich nicht gut, sicher aber war sie besser als alles, was ich in den letzten Jahren geschrieben hatte.« (S.43)
    ist Agnes Kurzgeschichte gemeint und nicht die Geschichte über Agnes und den Ich-Erzähler …

  44. Sophia schrieb am 23. Dezember 2016 um 14:44 Uhr

    Ich, als Schülerin die dieses Buch als Schullektüre bekam muss mich leider vollkommen gegen diese Rezension aussprechen.
    Ich war interessiert, was andere von diesem Roman halten da die Meinungen in meinem Kurs tatsächlich sehr auseinander gingen. Jedoch empfinde ich diese Rezension nicht als Informations- und Selektionshilfe, sondern lediglich als nicht durchdachte Abwertung. Ihre Äußerungen sind dem Autor gegenüber an vielen Stellen sogar beleidigend. Und das hat, meiner Meinung nach nichts mit einer Rezension zu tun.

  45. Jana schrieb am 27. Februar 2017 um 17:01 Uhr

    Hallo!
    Nachdem ich Ihren Artikel gelesen habe,fühle ich, eine 16-jährige Schülerin, die im Unterricht gerade selbst Peter Stamms Roman Agnes behandelt hat, mich dazu berufen, meinen eigenen Eindruck zu schildern, der sich doch sehr vom Artikel unterscheidet.
    Der erste Eindruck des Romans mag zunächst zwar zugegebenermaßen etwas ermüdend sein, aber je tiefer man sich mit ihm beschäftigt, desto interessanter wird er. Zunächst möchte ich ganz klar die Aussage “Zum Nachdenken gab es nix” verneinen. Tatsächlich lässt sich beinahe jedes einzelne Wort, jedes Bild, jeder Titel, jeder Name und jedes Kunstwerk auf eine ganz bestimmte Weise deuten – so wie auch die Formulierung “Es war kalt, als wir uns kennenlernten. Kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter, und es schneit” (S.9). Aber bei einem offensichtlich solch fehlenden Interpretationsvermögen wäre es wohl Zeitverschwendung, diese Deutung zu formulieren.
    Desweiteren lassen sich sehr wohl einige relevante Hauptaussagen erkennen, wie beispielsweise die Bildnisproblematik in Anlehnung an Max Frisch, die gerade in der heutigen Zeit in Beziehungen eine hohe Relavanz besitzt.
    Der parataktische Schreibstil und die lakonische Ausdrucksweise lassen sich tatsächlich damit erklären, dass der Ich-Erzähler kein guter Schreiber ist, was ihm selbst schmerzlich bewusst ist. Somit wäre alles andere unpassend. Desweiterenunterstützt der Schreibstil die Motive der Gefühlskälte, der Distanz und der fehlenden Kommunikation in der Beziehung.
    Wie auch im Artikel angesprochen, erwähnt der Ich-Erzähler gern Nebensächlichkeiten, was daran liegen könnte, dass er selbst von seiner Schuld ablenken möchte, über die er sich in Wahrheit bewusst ist, die er eben hinter Unwichtigkeiten verbirgt, auch um seine eigene Identität relativ unklar zu halten.
    Was können also wir Schüler, die den Roman Agnes als Sternchenlektüre fürs Abi behandeln, aus selbigem lernen? Einige Beispiele wären, seine eigene Identität, sein Wesen, nicht aus Liebe oder aus sonstigen Gründen aufzugeben, sich kein fest gefertigtes Bild vom Partner zu machen, keine Fiktion über sich oder die Realität herrschen zu lassen, dass Opfer- und Täterrollen nicht immer klar abgegrenzt sind und dass Kommunikation eines der wichtigsten Mittel zum gelungenen Miteinander, egal welcher Art, darstellt – um nur ein paar wenige lehrreiche Aussagen zu nennen.
    Und ja, ich schreibe das hier ungezwungen und unbeeinflusst, und mir ist bewusst, dass einige den Roman Agnes nicht mögen, doch es gibt durchaus auch viele, denen der Roman gefällt oder denen er lieber ist als Bücher wie “Nathan der Weise”, “die Räuber” oder, auch ein herrliches Beispiel, “die Entdeckung der Currywurst”, ohne hierbei jedoch den Wert dieser Bücher herabsetzen zu wollen.
    Um es also nochmal aus der Perspektive einer “betroffenen” Schülerin zu formulieren: Ja, ich bin froh, dass dieses Buch ein Sternchenthema fürs Abi ist und kann viel aus diesem Roman mitnehmen.

  46. Rolf schrieb am 16. April 2017 um 10:44 Uhr

    »Vielleicht war [die Geschichte] wirklich nicht gut, sicher aber war sie besser als alles, was ich in den letzten Jahren geschrieben hatte.« (S.43)

    -Dieses Zitat bezieht sich nicht auf das von ihm geschriebene Porträt, sondern auf die kurze Geschichte, die Agnes verfasst.

  47. Ivan Panchenko schrieb am 16. April 2017 um 15:45 Uhr

    „Als ich von meiner Arbeit aufblickte …« (S.13)“

    Es heißt in dem Buch „aufschaute“, nicht „aufblickte“.

    „sicher aber war sie besser als alles, was ich in den letzten Jahren geschrieben hatte.« (S.43)“

    Es heißt „in den letzten zehn Jahren“.

  48. Emma schrieb am 16. April 2017 um 22:37 Uhr

    Wir haben das Buch im Deutsch-LK behandelt. Ein seltsames Buch – leider nicht im positiven Sinne. Sowohl die Figuren als auch die Sprache kamen mir so seltsam leer und tot vor. Natürlich kann man das alles analysieren und so interpretieren, dass es in das vermutete Konzept des Autors passt, aber trotzdem hatte ich einfach keinen GEFALLEN an diesem Buch. Wir haben die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Teilen der Geschichte betrachtet, und es wird so etwas wie ein zugrundeliegendes Konzept sichtbar. Das ist natürlich interessant, aber auch unangenehm zu wissen, dass das Ganze so artifiziell und wenig intuitiv geschrieben ist. Und was nützt dem Leser ein ausgetüfteltes Erzählkonzept, wenn er in dieser toten Eislandschaft keinerlei Schönheit oder Sinn findet? Für mich war “Agnes” unbefriedigend, verwirrend, nicht ganz ernst zu nehmen. Leider.

  49. Johanna Sibera schrieb am 17. April 2017 um 13:46 Uhr

    Wie auch immer – es wird nach wie vor gelesen, Literatur ist Maturathema und kann, wie man an diesem Beispiel sieht, über Jahre hinweg lesende Menschen beschäftigen und zu den verschiedensten Meinungen veranlassen. Was kann einem Text oder einem Roman Besseres passieren?

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  1. Agnes von Peter Stamm: Eine ganzheitliche Deutung | Bob Blume verlinkte am 11. Dezember 2016 um 14:59 Uhr

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