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Beitrag vom 22. April 2013 | Rubrik: Literarisches Leben, Schreiben

Umfrageergebnis: Sind 97% der Autoren zufrieden mit ihrem Verlag?

Zufrieden?Die Schriftstellerverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben heute das Ergebnis ihrer Umfrage zur Beziehung Autor/Verlag bekannt gegeben. Auch im literaturcafe.de hatten wir zur Teilnahme aufgerufen.

»Jeder dritte Autor ist unzufrieden mit seinem Verlag« lautet die alarmierende Überschrift der Pressemitteilung der Verbände, die heute auch in den Branchenmedien verbreitet wird.

Doch bei genauer Betrachtung besteht für die Verlage kein Grund zur Sorge. In Deutschland haben gerade einmal 8% der im Verband der Schriftsteller (VS) organisierten Mitglieder teilgenommen.

Daher ist eher zu vermuten, dass eine überwältigende Mehrheit der Autorinnen und Autoren mit ihrem Verlag zufrieden ist – oder es ist ihnen schlichtweg egal.

Nicht mal jedes 10. VS-Mitglied hat an der freiwilligen Umfrage teilgenommen

Denn die Teilnahme an der Umfrage war freiwillig und nicht auf Verbandsmitglieder beschränkt. Von den 1.219 Autorinnen und Autoren, die sich an der Umfrage beteiligt haben, sind 704 Mitglied im deutschen, Schweizer oder österreichischen Autorenverband. 274 davon sind wiederum Mitglied beim Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di.

Laut Wikipedia hat allein der deutsche Verband 3.600 Mitglieder. Demnach haben davon nur 7,6% freiwillig an der anonymen Umfrage teilgenommen – und das, obwohl nicht nur über die Verbandskanäle für die Umfrage getrommelt wurde.

Erfahrungsgemäß nehmen an solchen freiwilligen Umfragen eher die Teil, die unzufrieden sind und ihren Unmut kund tun wollen oder die sich von einer solchen Umfrage Besserung erhoffen. Der Rest ist zufrieden, ihm ist es egal oder er hat schlichtweg nichts von der Umfrage mitbekommen.

Sind nur 2,5% der Schriftsteller unzufrieden mit ihrem Verlag?

Würde man diese schweigende Mehrheit als Stimmenthaltung interpretieren – was zugegeben genauso gewagt wäre -, so wären lediglich 2,5% der Schriftstellerinnen und Schriftsteller unzufrieden mit der Arbeit ihres Verlages.

Die Interpretation, dass über 97% der im VS organisierten Mitglieder zufrieden mit ihrem Verlag sind, wäre jedoch genauso falsch, wie die Aussage der Pressemeldung, dass ein Drittel aller Autoren unzufrieden sei.

Wenn man präzise sein wollte, so müsste man zumindest titeln »Freiwillige Autorenumfrage: Jeder dritte Teilnehmer gibt an, unzufrieden mit seinem Verlag zu sein«.

Erwartbares und wenig spektakuläres Umfrageergebnis

Aber das klingt erwartbar und wenig spektakulär, und weder das Gesamt- noch das Teilergebnis der Umfrage gibt ein echtes Stimmungsbild ab.

Auf der Website des VS kann man sich die detaillierten Umfrageergebnisse herunterladen. Es überrascht beispielsweise überhaupt nicht, dass die größte Unzufriedenheit unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Umfrage bei der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit besteht, die der Verlag für die Bücher macht. Über 52% der Umfrageteilnehmer sind in diesem Bereich unzufrieden oder gar sehr unzufrieden mit der Verlagsleistung. Aber wünscht sich nicht jeder Autor, dass der Verlag noch mehr Werbung und PR für sein Buch macht?

Repräsentative Aussagekraft der Zahlen liegt leider bei Null

Somit sind alle Ergebnisse, die die Verbände vermelden, mit größter Vorsicht zu genießen, liegt doch ihre repräsentative Aussagekraft leider bei Null.

  • Die Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz sind im Wesentlichen minimal; mehrheitlich bewegen sich die Resultate in ähnlichen Größenordnungen. Dies gilt auch im Vergleich mit Frankreich.
  • Insgesamt 33% der freiwillig an der Umfrage teilnehmenden Autorinnen und Autoren sind unzufrieden mit ihrem Verlag. 8% sagen, dass die Beziehung konfliktreich sei. Die Mehrheit der Umfrageteilnehmer ist jedoch mit der Verlagsarbeit einverstanden oder zufrieden.
  • Mit den Vertragsbedingungen haben 33% der Teilnehmer Schwierigkeiten. 17% der Befragten bekunden eine sehr große Unzufriedenheit.
  • 21% der Teilnehmer sind laut Selbstauskunft mit der inhaltlich-kreativen Zusammenarbeit, also vor allem mit dem Lektorat, sehr unzufrieden.
  • Insgesamt ist jeder zweite Schreibende (50%), der freiwillig an der Umfrage teilgenommen hat, unzufrieden mit der kommerziellen Verwertung seiner Werke wie auch mit der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit (52%) für die Werke.
  • 59% der Umfrageteilnehmer erhalten als Vergütung weniger als 10% Tantiemen. Rund jeder Dritte (33%) bekommt genau 10% Tantiemen. Über 10% bewegen sich noch im Bereich von 8%, keiner der Befragten erhält mehr als 12% Tantiemen für die Nutzung des Hauptrechts.
  • Schließlich noch die Frage nach der digitalen Nutzung: Diese ist immer noch marginal. Nur rund jeder zweite neue Vertrag (55%) enthält laut Selbstauskunft der Autoren eine Klausel zur digitalen Nutzung. Ein Vertrag für die ausschließlich digitale Nutzung eines neuen Werks wird bisher nur selten abgeschlossen (6%). Um die Zusatzvereinbarung über die digitale Nutzung früherer Werke wurden bisher auch nur 17% aller Teilnehmer gebeten.

Link ins Web:

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Rouven schrieb am 22. April 2013 um 20:55 Uhr

    Sozialwissenschaftliche Theorie: Einer dem es gutgeht, der bewegt sich nur, wenn es juckt, wenn er sich kratzen muss, daher haben hauptsächlich Autoren teilgenommen, die Probleme sehen. Natürlich ist da auch immer ein kleiner Teil, der sich mitreisen lässt, was den, im Vergleich zur Gesamtzahl der Verbandsautoren, kleinen Teil der positiven Reaktionen erklärt.

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