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Schreibzeug: Die fünf schönsten Weihnachtsgeschichten zum Hören und Lesen

Bethlehem in Belgrad

von Uta Buchroth

Marley war tot; damit wollen wir anfangen. Ihr Bruder war tot. Darja rief immer wieder seinen Namen, bis Alexey sie sanft aus ihren Albträumen weckte, sie fest an sich drückte und ihren hastigen Atem besänftigte.

Im Frühjahr erst hatte Alexey sein Studium beendet. Ein sicherer Job in einer Moskauer Schule war ihm gewiss nach wochenlangem Büffeln und der Graduierungsfeier. Der Ukrainekrieg passierte im Fernsehen, hatte nichts mit seinem Leben zu tun. Erst nach der Mobilmachung fühlte sich der Krieg auf einmal echt an. Er sei ein Top-Kandidat für die Front, sagte Vater, als er dem 28-Jährigen das Flugticket nach Belgrad in die Hand drückte. Dort benötigten Russen kein Visum.

Darja war schon da, die junge Frau neben ihm, die er nachts beruhigte, weil sie noch lange nicht damit leben konnte, dass sie ihre Eltern und ihren Bruder bei einem Bombenangriff in Mariupol verloren hatte.

Hier waren sie beide Geflüchtete in einer Stadt, die Blut an ihren Händen trug und kriegszerfurcht hinter der funkelnden Weltstadt-Fassade hervorlugte. Ihre ostslawischen Muttersprachen harmonierten zwischen den Wänden im Hochhaus aus der Zeit des sowjetischen Brutalismus, Gehäuse, aus denen der Kommunismus schon verschwunden war, als Nato-Bomben auf Belgrad fielen. Ihre Flüchtlingsunterkunft im 17. Stock hatte eine Küche, von deren Existenz zwei Herdplatten und etwas Geschirr zeugten und ein Bett, in dem sie sich gegenseitig ihre Geschichten von einem Leben erzählten, das sie beide behalten und doch verloren hatten, aber trotzdem weitergaben. Der Krieg hatte für Alexey nun ein Gesicht, das sich an seine Handflächen schmiegte, einen Mund, der seine Lippen suchte. Er streichelte über ihren prallen Bauch, während im selben Moment russische Panzer durch Kiew rollten.

Unter Darjas Herz schlug das seines Sohnes, der Weihnachten geboren werden sollte.

In ihrer Herberge hoch über Belgrad wartete Alexey mit Darja auf Marley, auf das neue Leben inmitten der Trümmer beider Lebensentwürfe. Marley war ihr gemeinsames Statement gegen den Tod.

© Uta Buchroth
Hinweis: Diese Geschichte können Sie auch gelesen in Folge 37 des Schreibzeug-Podcasts hören.

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7 Kommentare

  1. Toller Podcast, klasse Tipps und Infos. War bislang nicht so begeistert davon, eine Stunde lang einem Podcast zu lauschen, aber diese Weihnachtsgeschichten-Ausgabe hatte mich neugierig gemacht. Nun freue ich mich auf die nächsten, um hoffentlich noch viel zu lernen. Wie kann man nur glauben, es sei eine einzigartige Idee, Marley einen Hund sein zu lassen und das erst zum Schluss aufzuklären 🙂
    Frohe Weihnachten!

  2. Die Reihenfolge ist zufällig gewählt und stellt keine Platzierung da.
    Ich konnte mich kaum auf dem Stuhl halten, das Lachen hätte mich fast umgeworfen. Wenn Autoren eines Literaturcafes grottenschlecht in der Rechtschreibung sind, ist man zunächst versucht, den Newsletter abzubestellen.
    Aber ich sehe diese “Dastellung” nun mit Humor.

    • Sehr geehrter Herr Kayling,

      vielen Dank für diesen Hinweis. Wir sind hierfür immer sehr dankbar und haben das r gleich nachgetragen. Wir selbst ärgern uns über solche Fehler am meisten. Doch wir sind nur Menschen.

      Es macht uns jedoch etwas Angst um Sie und uns, dass Sie sich bereits aufgrund eines Fehlenden r “kaum auf dem Stuhl halten” können und das Lachen Sie fast umgeworfen hätte. Das halten wird für sehr bedenklich, denn ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn uns ein weiterer Tipp- oder Rechtschreibfehler unterläuft – was ich nicht ausschließen, ja eigentlich bereits vorhersehen kann.

      Vielleicht ist es daher doch besser, Sie meiden Ihrer Gesundheit zuliebe das literaturcafe.de und bestellen den Newsletter ab. Sehr gerne würde ich Sie stattdessen an das rechtschreibcafe.de verweisen, aber diese Adresse gibt es leider (noch) nicht.

      Herzliche Grüße
      Wolfgang Tischer, literaturcafe.de

  3. Sorry, aber der Satz “Wo um alles in der Welt bekommen wir jetzt einen Esel her?” ist meiner Meinung nach am Ende der Geschichte perfekt platziert. Ein ganz wunderbarer letzter Satz!
    Ihn an den Anfang der Geschichte zu setzen, ist in meinen Augen eine völlig falsche Empfehlung.

    • Liebe Renate Blaes,
      ich habe auch gar nicht gesagt, dass der Satz falsch platziert gewesen ist, sondern, dass es (für mich) origineller gewesen wäre, eine Geschichte mit diesem Satz anzufangen. Dabei hätte es sich selbstverständlich um eine ganz neue Geschichte gehandelt. Da Sie – im Gegensatz zu mir – nicht den gesamten Text kennen, verstehen Sie meine Anmerkung vermutlich nicht. Aber der Autor der Geschichte hat sich bereits gemeldet und konnte damit durchaus etwas anfangen.
      Beste Grüße
      Diana Hillebrand

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