Dass es Poltergeister nicht giebt, war Pfarrer Menzel geläufig wie das Ave Maria oder jenes memento mori. Jesus, dem Heiligen Geist oder Gottvater nun mochte er auch nicht dafür die Verantwortung zusprechen; und sollte der leibhaftige Gottseibeiuns tatsächlich bei ihm eingekehrt sein, so wäre sein, Pfarrer Menzels, Zustand wohl doch ernster als gedacht. Vielleicht könnte sein Beichtvater ihm einen diesbezüglichen Hinweis geben? Aber noch bevor Pfarrer Menzel einen endgültigen Entschluss fassen konnte, versandete, wie es gekommen war, dieses Phänomen: dass die Klospülung zu rauschen begann, wenn er sich ihr bis auf ca. 5 Meter näherte, und die Schüssel überlief, sollte er noch näher herangetreten sein.
Folge 61: Pfarrer Menzel staunt erneut
Unterwegs zu einer Besorgung in das erzbischöfliche St.Josefs-Handels-Center – die Eucharistie-Chips gingen zur Neige – versperrten zwei jugendlich-weibliche Figuren die Gasse, alldieweil sie mit weit aufgesperrtem Mund sich gegenüberstanden und offenbar versuchten, einander jeweils in den oberen Teil des Schlundes ernsthaft forschend zu schauen. Es überstieg sehr wohl Pfarrer Menzels Vorstellungsvermögen, eine Antwort auf die Frage zu finden, was die Weibchen denn da zu entdecken gedächten. Jedoch zügelte er energisch seine Neugier, hatte er doch eh schon alle Hände voll damit zu tun, energisch anzukämpfen gegen aufsteigende Bilder von Karpfinnen und gar Erstkommunikantinnen.
ausmahlen oder ausmalen? Mehl oder Bilder?
Heute haben wir wieder unseren Newsletter verschickt. Darin war der Satz zu lesen »Wir mahlen uns aus, wie das wohl aussehen könnte.«
Ein Satz, der bei vielen Leserinnen und Lesern Verwunderung, Häme und Bestürzung auslöste. Ausmahlen? Nun leben auch beim literaturcafe.de keine Rechtschreibgötter, doch als der Satz geschrieben wurde, waren wir uns ganz sicher, dass »ausmahlen« korrekt ist.
Schließlich kommt der Begriff von »Mehl ausmahlen«, was übertragen so viel bedeutet wie: etwas ganz genau und sorgfältig mit allen Bestandteilen zerkleinern, um möglichst viel daraus zu gewinnen. »Sich eine Sache oder Situation ganz genau auszumahlen« bedeutet also, sie sorgfältig zu betrachten. Das Wort ausmahlen ist zudem im DUDEN verzeichnet.
Klingt logisch, oder? Dachten wir auch. Ist aber falsch!
Feuchtgebiete für alle! Literaturkritik für alle!
Wir müssen reden. Und zwar darüber, wie aktuell über Literatur geredet wird.
Feuchtgebiete ist derzeit nicht nur Nummer 1 der Bestsellerliste, sondern auch bei Google der Suchbegriff Nummer 1, mit dem die Leute auf das literaturcafe.de stoßen. Die Kommentare zu einer Kritik des Debutromans von Charlotte Roche sind zahlreich.
Wörter wie »Ekel« und »widerlich« beherrschen die Diskussion. Und natürlich nicht nur im literaturcafe.de, sondern auch in anderen Medien. Ich habe Leute in meinem Bekanntenkreis, von denen ich nicht einmal geglaubt habe, dass sie wissen, dass es Fachgeschäfte für Bücher gibt. Doch selbst die haben sich »Feuchtgebiete« gekauft. Natürlich nur, um das Buch nach wenigen Seiten angeekelt und angewidert wegzulegen und hinterher immer und überall zu erzählen, dass man es nicht verstehe, dass derzeit immer und überall über dieses widerliche Machwerk geredet werde. »Literatur«, so hört man es laut und deutlich, »Literatur sei so was ja wohl nicht.«
Und plötzlich werden an den viel zitierten Stammtischen dieselben Fragen erörtert wie in den Feuilletons.
Ist das nicht großartig!
Folge 60: Pfarrer Menzel staunt
Dass nach einer seiner aufwühlenden Predigten drei ältere Menschenwesen an die vier Stunden vor dem Kirchenportal stunden und eifrig-heftig einander Wichtig-Erhebendes mitzuteilen hatten, schmeichelte Pfarrer Menzel; und als er bei unauffälligem Vorbeischlendern und Umkreisen der Beflissenen feststellen musste, dass beileibe nicht seine Predigt Gesprächsinhalt war, sondern ihm weitgehend rätselhafte Sachverhalte wie Enkelaufzucht oder Schwägerinnenvorteile oder Kriechwurz, staunte er, wo all solch Wissen wohl aufbewahrt sein mag. Und das Staunen findet kein Ende, geht das mit den Dreien doch inzwischen schon seit drei Jahren so!
Folge 59: Pfarrer Menzel bettet
Seit Entfernung seiner Haushaltshälterin bettet Pfarrer Menzel auch selber. Eine gewisse Routine ist durchaus wahrnehmbar: So schafft er es mittlerweile, sein Hauptkissen mit nur noch vier Schlägen zurechtzubauschen (statt weiland fünf), während für die Zurichtung des Lieblingskissens er – selbiges durch treffsicher blitzschnelles Zupacken an den Ecken beschleunigend – es in rasende vertikale Rotation versetzt, dass es in der Luft zu schweben scheint. Letzteres hat er übrigens seiner Lieblingsschwester abgeschaut und ritualisiert. Und niemandem, der ihm dabei zuschaut, dünkte Böses angesichts des leisen Lächelns um Pfarrer Menzels Lippen.
Willms‘ Woche: Das ungeschriebene Gesetz
Den Träger des Literaturnobelpreises zu küren, ist gar nicht so einfach – und dauert dazu auch noch ganz schön lange. Tausende Experten mischen mit, reichen Vorschläge ein, wägen ab, sortieren aus, wägen noch einmal ab und sortieren wiederum aus, bis rund 200 Schriftsteller auf der Liste verblieben sind.
Nun beginnt die eigentliche Arbeit des Nobelkomitees: wegstreichen, radieren, löschen. So wird aus der langen Liste eine halblange.
Aus den übrig gebliebenen 15 bis 20 Autoren entsteht die endgültige Shortlist von 5 herausragenden Schriftstellern. Früher oder später werden die meisten von ihnen den Literaturnobelpreis erhalten. Dafür sorgt ein ungeschriebenes Gesetz.
Folge 58: Pfarrer Menzel schalkt
Bisweilen lässt Pfarrer Menzel seiner schelmischen Ader freien Auslauf, wenn er – selten genug – seinen protestantischen Amtsbruder mit einem Quantum Messwein heimsucht, um zu plaudern. Dann vertritt er in der ansonsten recht lockeren theologischen Grundsatzdiskussion urplötzlich Positionen des Heimholungswerkes, um nicht weniger unerwartet als Zeuge Jehova oder letzter Heiliger munter weiter zu argumentieren. Sein protestantischer Amtsbruder fällt jedes Mal aufs Neue darauf rein.
Allein im Dunkeln: Abmahnung wegen schlechter Kritik
Dass eine Firma Werbeanzeigen storniert, weil ein Medium kritisch über das Unternehmen oder seine Produkte geschrieben hat, ist zwar schlechter Stil, aber an der Tagesordnung.
Weitaus dreister ist der folgende Fall: Der Spiele-Hersteller Atari mahnt das Online-Spielemagazin 4players.de ab, weil die Rezension des Spiels »Alone in the Dark« nur die Wertung »befriedigend« erhalten hat. In einem Anwaltsschreiben, das 4players.de in Auszügen dokumentiert, wirft man den Spiele-Kritikern vor, sie hätten für den Test Raubkopien eingesetzt und ihre Test würden nicht den Standards entsprechen, »die für Warentests gelten«. Angesetzter Streitwert: 50.000 Euro.
Warum erwähnen wir das hier im literaturcafe.de? Die Antwort gibt 4players-Chefredakteur Jörg Luibl:
All die ungelesenen Wörter
James Bridle von booktwo.org hat die Texte auf Verpackungsrückseiten neu entdeckt und fotografiert. Diese Essays auf Verpackungen – Zitate, Auflistungen der Inhaltsstoffe, Nährwertangaben, Serviervorschläge und Rezepte – bevölkern die Lücken im Design und erfüllen die obligatorische oder gesetzlich vorgeschriebene Informationspflicht, aber sie sagen sehr wenig und lügen bisweilen. Und auch wir haben uns von Bridles Flickr-Galerie inspirieren lassen.
Folge 57: Pfarrer Menzel hat Unglück im Glück
Wegen unerklärlicher akustischer Ereignisse in der Milzregion zwecks Beobachtung in die nächstbeste Klinik eingeliefert, gewann Pfarrer Menzel eine blauäugig frohsinnstrahlende Schwester so lieb, dass die Ereignisse klammheimlich verstummten. Rücküberführt in seine Amtsstuben sieht Pfarrer Menzel zwar seine Lieblingsschwester nicht mehr, aber die Ereignisse meldeten sich nicht wieder, da mochte er lauschen wie er wollte! Seitdem ist Pfarrer Menzel zu einem tieferen Verständnis von »Jammertal« aufgebrochen und übt sich geduldig in Agape.
Frankfurter Verlagsgruppe scheitert erneut vor Gericht gegen Kritiker
Erst unlängst war die Frankfurter Verlagsgruppe, die unter ihrem Dach und in ihrem Umfeld einige Zuschussverlage versammelt, vor Gericht in erster Instanz gegen die Online-Enzyklopädie Wikipedia bzw. den Wikimedia-Verein gescheitert.
Am 18. Juni 2008 fanden nun gleich drei Verhandlungen vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg statt. Kläger waren die Frankfurter Verlagsgruppe Holding AG August von Goethe bzw. ihre Tochtergesellschaft Frankfurter Literaturverlag GmbH, jeweils vertreten durch Rechtsanwalt Christian Friedrich Jaensch.
Gegenstand waren Veröffentlichungen des Autorenhaus Verlags und auf der Website Autoren-Magazin.de, jeweils verantwortet von Manfred Plinke und vertreten durch Rechtsanwalt Prof. Dr. Jan Bernd Nordemann.
Bücher-Communities im Web: Nur ein Austausch von Höflichkeiten?
Julia Roebke hat sich für die FAZ Bücher-Communities im Internet näher angesehen und darüber einen Artikel geschrieben. Sie kommt zu dem Schluss, zu dem wohl jeder kommen muss, der sich beispielsweise bei lovelybooks.de einmal umgesehen hat: so richtig viel los ist dort leider nicht. Roebke schreibt, dass es meist beim Austausch von Höflichkeiten bleibe und nicht zu tiefergehenden Diskussionen über Bücher komme.
Dabei ist die Idee, die Bücher des eigenen Buchregals auch virtuell ins Netz zu stellen und diese mit anderen Nutzern zu vergleichen, gar nicht so schlecht. Aber eigentlich bietet das Amazon in ähnlicher Form schon seit Jahren mit der Option »Kunden, die den gleichen Titel wie Sie gekauft haben, kauften auch …«. Und selbst Diskussionsforen bietet Amazon mittlerweile an.
Nun könnte man entgegnen, dass Amazon nicht unbedingt ein unabhängiges Angebot sei und hier der Verkauf im Vordergrund stehe. Aber ist das bei lovelybook nicht ebenso?
Folge 56: Pfarrer Menzel fühlt sich wohl
Seelisch verschwiegert wegen der Faszination ob ihres Lebens und Leidens fühlt Pfarrer Menzel sich den lambarenischen Leprakranken. Liest er von ihnen, betasten seine Fingerkuppen unwillkürlich die Löcher in seinen Beinen (deren Entstehung einsetzte nach dem Schritt ins Leere, denn der Aufprall war dann doch erschütternder als zunächst optimistischer Weise angenommen). Seine eindringlichen Versuche, mit Leprakranken Brieffreundschaft zu schließen zwecks Erfahrungsaustausch aus seelsorgerischem Ferntröstungsimpetus, blieben bislang bedauerlicherweise fruchtlos. Beim Nägelreinigen eines Tages aber entdeckte Pfarrer Menzel aus heiterem Himmel seine Hände; die Folge waren rote Ohren, und er schickte eine besprochene Kassette in der Hoffnung, zumindest noch ein offenes Ohr zu finden. Eine Antwort kam prompt, war aber unverständlich; dennoch übte das sonore Geröchel und Gestammel einen wohligen Einfluss auf Pfarrer Menzel aus, und er hört die Kassette ausgesprochen gern, auch beim Baden.
Folge 55: Pfarrer Menzel lauscht
Wenn Pfarrer Menzel plötzlich innehält und den Kopf verschränkt, dann nicht selten deswegen, weil er Augen und Ohren nach innen richtet, um der Stimme seines Herrn zu lauschen. Warum er allerdings die Augen daran Teil haben lässt, weiß mit letzter Sicherheit nicht einmal er selbst.

