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Folge 69: Pfarrer Menzel grübelt

Als das erste Stück seines Kopfes wegbröckelte, erfasste Pfarrer Menzel doch eine leichte Unruhe. An das Zerbröckeln der Beine hatte er sich gewöhnen können, denn es zeigte sich, dass die Standfestigkeit nicht beeinträchtigt wurde. Aber wie würde das beim Kopf werden? Wenn die Augen bröckelten, das Gehör, die Nase, der Kiefer, der vor allem? Würde er dann noch predigen können? Gut: Es ist lediglich ein Stück Schädel mit Gehirn zu Boden gefallen. Vielleicht beschränkte sich das Bröckeln ja nur auf diesen Teil des Kopfes. Aber wenn nicht? Und wenn er noch würde predigen können, aber nicht mehr sehen, wem – obwohl: jemanden sehen und nicht predigen können, das wäre schlimmer. Vielleicht sollte er sozusagen auf Vorrat predigen, auf Band speichern und bei Bedarf vorspielen? Aber eine Entscheidung, welches der gespeicherten Bänder nun in Anwendung gebracht werden müsste, setzte ein Sehen voraus und ein Hören. Und dieser Fähigkeiten durfte er nicht mehr sicher sein, auch wenn bisher erst 1 Stück seines Kopfes abgebröckelt ist.

Willms‘ Woche: Dem großartigen Saul Bellow gewidmet

Leider darf Saul Bellow seinen 93. Geburtstag nicht mehr mit uns feiern. Da der Nobelpreisträger aber noch immer unbestritten zu den Größten der amerikanischen Literaturszene zählt, erinnern wir an dieser Stelle mit einer kurzen Biografie an sein bewegtes Leben.

Saul Bellow wurde am 10. Juli 1915 im kanadischen Lachine, einem verarmten Arbeitervorort von Montreal in Quebec geboren. Seine Eltern waren zwei Jahre zuvor aus Russland eingewandert, wo der Vater in St. Petersburg ein kleines Importgeschäft betrieben hatte. Saul Bellow war das jüngste von 4 Geschwistern, mit denen er die ersten 9 Jahre seines Lebens in einem Armenviertel wohnte, das zu dieser Zeit vielen jüdischen Einwanderern Zuflucht bot. Seine Eltern hätten es gerne gesehen, wenn er Schriftgelehrter geworden wäre, und so lernte er neben Englisch und Französisch auch Hebräisch und Jiddisch.

Folge 68: Pfarrer Menzel missioniert

Anlässlich der Kieler Woche befiel Pfarrer Menzel die einmalige Berufung, den Fahrensleuten aller Kategorien und Couleur Frohes zu vermitteln. Doch inmitten der drängelnden Menschenmassen an der Kiellinie begann sein Mut zu schrumpfen, und ganz versackte der, als angesichts von Gaffeln, Rudern, Riemen, Rümpfen, Tampen und Klampen, Dreieckssegeln und Trapezen, Innen- und Außenbordern mit ihren steuerbordigen bzw. backbordigen Luvs und Lees, ganz zu schweigen von Achtern und Bug und Verklicker, Pfarrer Menzel jedes Zutrauen in seine Missions-Fähigkeiten verlor und beschämt zum Bahnhof zurück schlich. Eine Knackwurst mit Brötchen hat er sich trotzdem gegönnt.

Bürgerrechtler warnen: EU plant lückenlose Überwachung des Internet

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1984Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt finden am 7. Juli 2008 im Europaparlament Abstimmungen statt, die maßgeblich die Weichen dafür stellen, dass das Internet künftig lückenlos überwacht wird. Wie Heise Online berichtet, wollen insbesondere britische konservative Politiker »die Nutzung „illegaler Inhalte“ über ein staatlich lizenziertes Überwachungssystem verhindern«.

Was dabei legal und illegal ist und dass Legales schnell zum Illegalen werden kann und wie eine lückenlose Überwachung aussehen kann, wissen wir spätestens seit der Lektüre von Orwells 1984. Die von vielen immer wieder naiv geäußerte Meinung »Wer nichts zu verbergen hat, dem kann das egal sein« gilt schon lange nicht mehr.

Wieder einmal dient unter anderem auch der Urheberschutz als Deckmantel, um sämtliche Netz-Aktivitäten der Bürger zu überwachen. Heise berichtet weiter, dass sogar die Entwicklung und Verbreitung von Open-Source-Software bedroht sein könnte. Wir empfehlen nachdrücklich die Lektüre des Heise-Artikels. Auf netzpolitik.org kann nachgelesen werden, was man als Bürger tun kann und tun sollte, um das EU-initiierte Voranschreiten des Überwachungsstaates zu verhindern.

Infos und Ratschläge finden sich ebenfalls auf der mehrsprachingen Aktions-Webiste »Mobilisation Paquet-Telecom« der Bürgerrechtsorganisationen La Quadrature du Net aus Frankreich.

Folge 67: Pfarrer Menzel ruht

Pfarrer Menzel ruht mit Vorliebe in halbsitzender Stellung. Unter seinem Rücken ruht dabei das Hauptkissen, sein Haupt hingegen ruht auf seinem Lieblingskissen; die Beine ruhen längelang ausgestreckt, Fußspitzen leicht nach außen. Die Hände ruhen handflächig auf dem Bauch, wobei die Spitzen von Zeige- und Ringfinger mit den korrespondierenden der jeweils anderen Hand in leichten Kontakt treten. Die Augen blinzeln währenddessen gemächlich statt zu ruhen. Ganz anders ruht Pfarrer Menzel auf dem Frisierhocker, allerdings das Blinzeln bleibt.

Lesetipp: Interview mit dem Übersetzer Wolfgang Butt

Von Wolfgang Butt übersetzte Krimis von Henning MankellAufmerksamen Krimi-Lesern sollte der Name Wolfgang Butt ein Begriff sein. Denn Butt sorgt als Übersetzer dafür, dass viele der Wallander- bzw. Mankell-Krimis auch im Deutschen ihren unverwechselbare Ton erhalten.

Auf boersenblatt.net ist ein jetzt ein Interview mit dem 1937 geborenen Skandinavist, Übersetzer und (Ex-)Verleger Wolfgang Butt zu lesen. Darin geht es um seine Sympathien für die schwedische Gesellschaft, das Übersetzen von Krimis und anderen Büchern (beispielsweise Per Olov Enquist) und die Frage, für welche der drei Tätigkeiten Hochschulprofessor, Verleger oder Übersetzer sein Herz am meisten schlägt.

Butt berichtet, dass er an 600 Seiten Mankell vier bis fünf Monate arbeitet. Beim aktuellen Werk »Der Chinese« schrieb Henning Mankell noch am Roman, während ihn Butt bereits ins Deutsche übertrug. »Gelegentlich kam dann eine neue Version…«, so Butt im Gespräch mit dem Börsenblatt.

Außerdem gehört Butt zu den beneidenswerten Zeitgenossen, deren Lebenslauf mit »Seit vier Jahren lebt er überwiegend in Südfrankreich« endet.

Mankell Henning und Wolfgang Butt: Der Chinese : Kriminalroman. Henning Mankell. Aus dem Schwed. von Wolfgang Butt. Gebundene Ausgabe. 2011. Rheda-Wiedenbrück ; Gütersloh : RM-Buch-und-Medien-Vertrieb,
HENNIG. MANKELL: Der Chinese. [Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt]. Gebundene Ausgabe. 2008. Paul Zsolnay Verlag.
Henning Mankell; Wolfgang Butt (Übersetzung): Der Chinese: Kriminalroman. Taschenbuch. 2010. dtv. ISBN/EAN: 9783423212038. 10,95 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Henning; Butt Mankell: Der Chinese Roman. Weltbild-Reader. Taschenbuch. 2009. Weltbild

Ein neuer Buchstabe im deutschen Alphabet: Das große ß

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Großstatt mit großem ß»In der deutschen Rechtschreibung ist das ß durchaus unentbehrlich, und gegen seine Beseitigung, die in der neuen Schweizer Schulschrift leider durchgeführt ist, sollte sich jeder wehren.« Das schrieb der berühmte Typograf Jan Tschichold in seinem MEISTERBUCH DER SCHRIFT bereits 1952. Tschichold, der 1974 starb, würde sich freuen, denn das ß hat nicht nur die Rechtschreibreform überstanden, sondern bereits seit 4. April 2008 gibt es das ß nun auch offiziell als Großbuchstaben.

Das Problem ist nur: Man kann es noch nicht schreiben oder tippen, denn in den aktuellen Schriftsätzen ist dieser Buchstabe noch nicht vorhanden. Er sieht irgendwie so aus, wie ein Mittelding zwischen ß und B und nimmt offiziell nach ISO-Norm die Nummer U+1E9E im Unicode-5.1-Zeichensatz ein. Und auch auf den deutschen Tastaturen ist ein großes ß nicht vorhanden. Drückt man Großschreibtaste und ß, so erhält man ein ? angezeigt. Ob sich das Tastaturlayout tatsächlich wegen eines neuen Buchstabens ändern wird?

Folge 66: Pfarrer Menzel hilft sich

Einmal packte Pfarrer Menzel aus unerfindlichen Gründen der Übermut, so dass er einen Apfelbeutel mit Wasser füllte und durch das Fenster auf die Straße warf. Niemand nahm Notiz davon, Pfarrer Menzel aber wurde schlagartig wieder normal. Seitdem befinden sich in der Kanzel immer zwei wassergefüllte Apfelbeutel.

Folge 65: Pfarrer Menzel widerruft

Nach Rücksprache mit seinem Beichtvater, den er auf Anraten seines protestantischen Amtsbruders ins Vertrauen gezogen hatte, widerrief Pfarrer Menzel seine allzu leichtgläubige Meldung für die angeblich vom Vatikan ausgeschriebenen Sprengelmeisterschaften im Monstranz-Weitwurf gerade noch fristgerecht. Bedauerlicherweise hatte das Gerät schon eine mittelprächtige Delle, die Pfarrer Menzel bei zeremonieller Präsentation aber geschickt zu verbergen wusste.

Buchstabensuppe: Spanien schlägt Saupreußen!

BuchstabensuppeDiesmal gibt es in unserer Buchstabensuppe eine kleine sprachspielerische EM-Reprise zum Finale (Falls es irgendwann mal vergessen wurde: Spanien schlägt Deutschland in der regulären Spielzeit mit 1:0). »Nicht ganz saubere Stabreime«, bemerkt die Autorin dazu, aber wir wollen mal Vorteil gelten lassen.

Außerdem gibt es 49 Variationen über den Bestseller SAKRILEG – oder besser gesagt über den Titel. Wir haben ehrlich gesagt nicht alle 49 nachgeprüft. Falls das jemand übernehmen möchte …?

Dann gibt’s noch einen Kinderreim und der Rest ist »Herrlich heimlich«.

Zur Buchstabensuppe »

Folge 64: Pfarrer Menzel harrt

Beim nächsten Einkaufsgang zum erzbischöflichen St.Josefs-Handels-Center – die geweihten Kerzen waren verbrannt – machte sich Pfarrer Menzel sehr frühzeitig auf den Weg und harrte in einen Hauseingang gepresst in der Gasse auf eine Wiederkehr zumindest einer der beiden Erstkommunikantinnen (Karpfinnen). Doch nach etwa zwanzig Minuten gab er auf wegen Schmerzen in den gepressten Körperzonen. Außerdem waren zu diesem Zeitpunkt die Beine auch schon nicht mehr die ganzesten.

Willms‘ Woche: Viel Theater um Kafka

Mit der von Franz Kafka verfassten Literatur haben sich schon viele Menschen beschäftigt. Nur wenige haben sich jedoch näher angeschaut, welchen literarischen Genüssen sich der Autor selbst hingab.

Zwischen 1911 und 1912 zum Beispiel hatte eine Truppe ostjüdischer Schauspieler in Kafkas Heimatstadt Prag Quartier bezogen und hielt sich mit der Aufführung von volkstümlichen Stücken jiddischer Schriftsteller über Wasser.

Diese Menschen übten auf Franz Kafka einen besonderen Zauber aus, einen, dem bisher nur wenige Menschen Beachtung geschenkt haben. Grund genug, unsere Leser in dieser Woche mit etwas literaturwissenschaftlicher Substanz zu »quälen«.

Folge 63: Pfarrer Menzel staunt schon wieder

Nach Abklingen des Toilettenspülungphänomenons konnte Pfarrer Menzel endlich wieder dürfen wollen, wenn er musste. Als die Schüssel daraufhin zum zweiten Male nacheinander randvoll war, entquoll Pfarrer Menzels Lippen ein lustvoll erstauntes »Mama Mia« – was ihn sehr wunderte, konnte er doch kein italienisch!

Maltes Meinung: »Zum inhaltlichen Unsinn gesellt sich sprachlicher«

Maltes MeinungLiest man nur die zusammenfassenden Bewertungen von Maltes schlecht ausgefallenen Kritiken (Es gibt auch gute!), so klingt das oftmals hart. »Grausam-grässlich grauenhaftes Gelaber«, lautet sein Urteil in der aktuellen Kritik, null Brillen in der Gesamtwertung. Da ist nichts mehr zu retten.

Kein Wunder: Als Leser würde man den besprochenen Text nach den ersten Zeilen weglegen oder wegklicken. Es ist einer der typischen Weltschmerztexte, in denen Menschen efeuumrankt durch die dunkle Welt laufen und sich nach Liebe sehnen. Und häufig wallt um alles noch ein undurchdringlicher Nebel. Texte, mit denen der Verfasser oder die Verfasserin offenbar den eigenen Seelenzustand aufarbeitet. Spricht ja nichts dagegen, kann ja manchmal helfen.

Aber es sind keine Texte, die den Leser interessieren, auch wenn der Autor damit vielleicht auf seine Lage aufmerksam machen will. Insofern sei betont, dass sich jede und jeder freiwillig Maltes Meinung aussetzt, auch wenn diese schlecht ausfällt. Lernen kann man zumindest aus Maltes ausführlicher Besprechung, die diesmal die Länge des besprochenen Textes deutlich übersteigt.

Wie immer soll weder über den Text noch über Maltes Meinung öffentlich diskutiert werden. Daher sind wie immer die Kommentare zu diesem Beitrag geschlossen, aber wer seine Meinung dennoch loswerden will, der kann diese persönlich an den Autor des Textes oder an Malte schicken. Dazu einfach deren Namen unter dem Text anklicken.

Zu Maltes Meinung »

Textkritik: Glaasmeer – Prosa

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Er durchschritt die dunkle, vom Mond nur wenig erhellte Straße. Ein kalter Wind ließ die Blätter rauschen; Blätter von wildem Wein und Efeu, das in großen Ansammlungen die Glasscheiben um ihn bedeckte. Überall war Glas. Licht drang aus den dahinter liegenden Zimmern und Räumen; auch so manches Stimmengemurmel ließ sich undeutlich und verfälscht wahrnehmen. Langsam mit schwerem Schritt bahnt er sich seinen Weg durch das Meer aus Glas. Verzückt, aber auch ein wenig demütig horcht er dem periodisch an- und abschwellendem Tone der Blätter. Ihm fröstelt. Neben sich nimmt er eine bekannte Silhouette wahr; er wendet sich ihr zu und erkennt: Er weiß, wen er vor sich hat. Langsam bewegt er sich auf sie zu; sie scheint ihn nicht zu bemerken. Unvermittelt prallt er gegen die gläserne Barriere. Schmerz durchfährt seinen ganzen Körper, pochend setzt er sich in allen Gliedern fort. Es gibt keinen Weg. Von tiefer Trauer erfüllt, aber auch von Demut, blickt er hinein. Er sieht sie, nicht nur sie sondern auch andere. Nun ist sie also sie. Blass erkennt er den sie umgebenden Raum. Dort befinden sie sich. Ein wenig der Wärme und des warmen Lichts dringt durch die kalte Scheibe nach außen. Er berührt sie, presst seinen ganzen Körper in plötzlich aufwellender Pein gegen sie. Er sieht sie, hört sie, fühlt sie und fühlt doch nur Glas. Es beschlägt von seinem keuchenden Atem. Vorsichtig, behutsam wischt er die winzigen Tröpfchen hinweg. Er dreht sich. Überall Glas; überall die gleiche Szenerie: Sie hinter Glas im Raum. Unerreichbar für ihn, er zwar erreichbar für sie und dennoch entrückt. Er kennt sie, vielleicht sogar besser als sie selbst sich kennen. Natürlich weiß er nicht alles, aber vieles lässt sich durch die gläsernen Wände erkennen. Ein wenig verdeckt der Efeu, doch auch den kann man zur Seite schieben. Blass ist die Welt hinter dem Glas – er erlebt sie anders als die dort drinnen (oder draußen) –, aber nicht minder konturen- und kontrastreich. Er kennt die Welt dort und doch wird er niemals zu ihr gelangen, sich niemals in ihr heimisch fühlen, sich niemals unbeschwert und natürlich in ihr bewegen können. Er wird hier draußen bleiben. Auch wenn er wieder einmal eine Stelle findet, an der sich die seine mit jener Welt hinter den Gläsern durchdringt, wird er es nicht können. Nicht lange hält er es dort aus. Schon bald bricht ihm der Schweiß aus, sein Atem geht schwer und er weiß, dass er nicht bleiben kann. Auch sie bemerken es. Natürlich gibt es Wege und Bereiche, in denen er es länger aushält. Die beiden Welten unterscheiden sich nicht überall und im Allgemeinen sowieso nur minimal. Aber für ihn sind diese winzigen Differenzen zu groß, unüberwindbare Spalten oder eben undurchdringbare Glaswände. In vielem ist er ihnen voraus. Sein Überblick durch die Gläser ermöglicht ihm mehr zu sehen als ihnen. Und dennoch bleibt er ein Außenstehender, niemals wird er sie so berühren können, wie sie sich berühren. Trotz allem brauchen sie ihn, bemerken bald wenn er verschwunden ist, ohne zu Wissen, was ihnen fehlt. Er ist nicht lebenswichtig, niemand hängt unmittelbar von ihm ab – und dennoch stellt er, solange er verschwunden ist, einen Verlust dar, der sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar macht. Natürlich sind sie hierin nicht alle gleich: Es gibt durchaus einige, die mehr von ihm haben und auch eher ihn als Grund ihres Verlustes zu erkennen meinen. Auch sie sind unterschiedlich: Es gibt sicher ähnlich viele, die sich von innen an die Gläser pressen und so durch sie hindurch hinüber in die andere Welt und wieder hinein in die eigene blicken, wie jene, deren Blick unabänderlich und völlig starr nach innen, in ihr kleines Universum gerichtet ist. Den einen fühlt er sich nahe, die anderen sind für ihn unerreichbar. Fern von hier und dort, gibt es vermutlich auch noch mehr von ihm. Welche, die ebenfalls zwischen den Welten schwimmen, mehr draußen das Glasmeer betrachten als im Innern behaglich ihr Leben verbringen. Wenn er sie fände, wäre auch er nicht mehr er sondern sie. Doch unsinnig auch nur der Gedanke und doch viele Male bereits erdacht, bedacht und wieder verworfen. Die Hoffnung erhält ihn. Natürlich nicht sie allein, und selbst wenn sie stürbe, würde er noch nicht vollends brechen. Demütig empfängt er sein Schicksal ohne an so etwas wie Schicksal und andere höhere Mächte zu glauben. Und doch weiß er von einer vollständigen Vorherbestimmung. Jedenfalls glaubt er daran, glaubt daran weil er sie dort draußen im Glasmeer gesehen zu haben meint. Eine Bestimmung zwar, doch keine bestimmt von Sinn und Zweck – völlig chaotisch, sinnlos und verrückt, aber beherrschend, unabänderlich, unüberwindlich. Er geht weiter. Er durchschritt die dunkle Straße.

© 2008 by Ludwig Geiss. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Grausam-grässlich grauenhaftes Gelaber

Die Kritik im Einzelnen

Das fängt aber gar nicht gut an: Was soll dieses Adjektiv dunkel eigentlich klären? Dass es Nacht war und der Nachtmond schien? Dass es tagdunkel sein muss, damit der Tagmond die Straße nur wenig erhellen kann? Wie wäre es mit einer simplen Streichung: Er durchschritt die vom Mond nur wenig erhellte Straße? zurück
Was ist denn da geschehen, ich dachte, der Protagonist durchschreitet eine Straße? Hält er sich etwa beim Gehen in einem beräderten, aber wegen großer Efeuansammlungen ziemlich undurchsichtigen Glaskasten auf, so einer Art Papamobil für Arme, gewissermaßen ein Paupermobil? Oder wie sind die efeubedeckten Glasscheiben um ihn zu verstehen? Und wie ernährt sich diese Horde Efeu, muss da nicht noch irgendwie Erdreich ein Scherflein beitragen?
Zum inhaltlichen Unsinn gesellt sich (schon wieder) sprachlicher: Wenn Efeu etwas bedeckt, ist dieses Etwas bedeckt, dazu braucht Efeu keine zusätzliche Ansammlung. Rätselhaft, warum Blätter so wichtigtuerisch 2x auftaucht: weg mit dem Semikolon und dem folgenden Blätter, dafür aber ein zweites vom vor Efeu, dann liest sich der Unsinn zumindest besser. zurück
Jetzt wird’s absurd: Glasscheiben sind nicht nur um ihn, sondern jetzt ist überall Glas! Der Protagonist befindet sich wahrlich auf einem gläsernen Holzweg, wenn er glaubt, durch Glas gehen zu können … zurück
Aus dem Glas werden wieder Glasscheiben, weil etwas dahinter ist. Wie kann der Protagonist das eigentlich wissen, wenn er doch so wenig durch seine Glasscheiben sieht? Oder sind das überhaupt nicht die seines Paupermobils, sondern die der Glasfronten beiderseits der Straße? Rätsel über Rätsel! zurück
Stimmengemurmel ist von Haus aus undeutlich, und was ein verfälschtes Stimmengemurmel sein soll, weiß allein der Protagonist: Der kann nämlich so etwas hören. Striche man die beiden Adjektive, fehlte aber auch so was von gar nichts! zurück
Jemand bahnt sich einen Weg. Was sagt uns das? Es sagt uns erstens, dass es Hindernisse beiseite zu schaffen gilt, zweitens, dass es langsam voran geht, und drittens, dass es schwer ist voranzukommen. Aber was müssen wir lesen? Langsam, mit schwerem Schritt bahnt er sich seinen Weg! (das im Original fehlende Komma habe ich eingefügt!) Dass aus den Glasscheiben jetzt Flüssigglas geworden ist, kann eigentlich niemanden mehr überraschen.
Bemerkenswert: Jetzt beginnt ein lange Phase im Präsens – erst im letzten Satz hat unser Protagonist wieder festen Boden unter den Füßen und durchschritt die dunkle Straße. Das ist wohl beabsichtigt, aber dadurch wird überhaupt nichts besser. zurück
Vorbemerkung: Da ich nicht mehr jeden Unfug einzeln verlinken will, werde ich ab hier mehrere Zeilen (ich weigere mich, diese als Sinnabschnitte zu bezeichnen) zusammenfassen, nur noch die allergröbsten Schnitzer aufzeigen und Verbesserungen unterlassen: Es lohnt nicht!)
Die Blätter geben jetzt Töne von sich ( »… und er redete mit den Blättern und Fischen …«), was ihn demütig verzückt (?), dann entdeckt er eine bekannte Silhouette und erkennt, dass er das Bekannte kennt (was man nicht alles in den Status einer Erkenntnis erheben kann)! Anschließend bewegt er sich langsam (genau: hatten wir schon, aber der Erzähler liebt nun einmal Wiederholungen, da muss der Leser sich halt durchquälen) und prallt (lächerlich: Ein Aufprall ist etwas Plötzliches, niemand und nichts kann langsam prallen) unvermittelt gegen die gläserne Barriere (da hat der Protagonist doch glatt wieder vergessen, dass er von Glasscheiben umzingelt ist, sehen kann er sie auch nicht mehr, obwohl sie doch von Efeuhorden bevölkert sind – oder befand sich diese Glasbarriere unsichtbar im Flüssigglas?). Der nicht stattgefunden haben könnende Aufprall verursacht Schmerzen nicht nur im ganzen Körper, sondern zusätzlich noch in allen Gliedern, die dort irgendwo verstreut herumliegen müssen – vermutlich als Folge des Superpralls. Dann stellt er fest, dass es keinen Weg gibt: Ja was zum Kuckuck hat er sich denn dann gebahnt? Mindestens den Weg zurück gäbe es, den er schnell und leichtfüßigen Schrittes (man sieht: Ich bin lernfähig) durcheilen könnte, da frisch gebahnt … Die Folge des Blicks in den nicht vorhandenen Weg (blickt er hinein) ist demütige Trauer oder traurige Demut (schade um die Verzückung!) zurück
Jetzt stellt sich heraus, dass er nicht in den nicht vorhandenen Weg geblickt hat, sondern in die Barriere – oder hätte er eigentlich durch die Scheiben blicken sollen statt hinein? Dort sieht er sie und sieht, dass sie sie ist (schon wieder eine Erkenntnis, das wären schon zwei: Kompliment!). Jetzt sieht er blass einen umgebenden Raum (boah, ey: möcht ich auch mal lernen, blass zu sehen, und gar einen umgebenden Raum: Wo gibt’s denn sowas?), dieser Raum umgibt die beiden Sies – und man fasst es nicht: Die beiden befinden sich auch noch in dem Raum, der sie umgibt! Belohnung: 1 Erkenntnis (Danke! Bitte.) Die Barriere wird wenig überraschend wieder zur kalten Scheibe, und durch diese dringt Wärme, die er berührt, an die er sich presst! Nein, schöner noch: er presst seinen ganzen Körper (das ist beim Erzähler der ohne Glieder, der einfache Körper ist der mit) in plötzlich aufwellender Pein gegen die Wärme (was technisch nicht geht, denn Wärme kann man nicht pressen, wohl aber pumpen! Ein Wort »aufwellen« gibt es nicht, und da wir es bei diesem Text nicht mit ernstzunehmender Literatur zu tun haben, möchte ich diesem Wort auch keinen sinnstiftenden Neologismus zuordnen: gemeint war wohl »aufwallen«; dass auch dieses immer plötzlich geschieht, dem Winde sei’s geflüstert.). Ausgiebig hört und fühlt er die Wärme (wohl eher die Scheibe oder vielleicht auch die beiden Sies) und fühlt dennoch nur Glas (es sei ihm gegönnt: Warum soll immer nur der Leser verwirrt sein? Eben! Wieder 1 Erkenntnis. Danke! Bitte!). Warum er jedoch ob des Fühlens und Hörens einen keuchenden Atem von sich gibt, der das Glas mit überraschenderweise winzigen Tröpfchen (statt mit riesigen Tröpfchen) beschlägt – das wird peinlichst verschwiegen. Doch wir wissen längst: Männer sind Schweine! Lassen wir ihnen also ihr Keuchen – oh, halt, pardon, die keuchen ja gar nicht: Es ist der Atem, der keucht! So will es der Erzähler (und wenn schon: es heißt schließlich der Atem…). zurück
Als ob noch nicht verworren genug wäre, der Erzähler legt noch eine Schippe drauf! Sein Protagonist ist draußen, obwohl in Wahrheit im Paupermobil oder so, jedenfalls rundum von Glas umgeben (kennen wir ja: überall Glas, auch das wird wiederholt, weil’s so schön war im Flüssigglas-Glastank), dabei erreichbar entrückt für die Sies; er gewinnt neue Erkenntnisse (DAS werden wieder welche sein! Danke! Bitte!), indem er durch die gläsernen Wände schaut (Warum nicht mehr hinein? War doch so schön!). Und plötzlich bemerkt der Erzähler etwas: Er hatte er doch vorher etwas von großen Efeuansammlungen gewusst, die die Glasscheiben bedeckten – und die hat er einfach vergessen (wie so vieles)! Flugs wird verbessert, aber nicht am Anfang, immerhin ist er doch schon so hübsch weit vorgedrungen mit seinem Werk, sondern er rechnet mit der Vergesslichkeit des Lesers und schreibt frech: Ein wenig verdeckt der Efeu. Dass mit dem blass zuvor auch irgendetwas daneben war, wird jetzt ebenso dreist korrigiert: Blass ist die Welt hinter dem Glas (dabei ist von ihm aus gesehen hinter dem Glas keine Welt, sondern ein umgebender und Licht  und Wärme spendender Raum). Und erleben tun er oder die Sies diesen Weltraum drinnen bzw. draußen oder umgekehrt, egal, jeweils anders, Hauptsache konturen- und kontrastreich (Ich versuche mir gerade ein konturenloses, aber kontrastreiches Bild vorzustellen bzw. ein kontrastloses, aber konturenreiches– aber dafür bin ich zu blöd). zurück
Unser Wirrkopf hat sich wieder besonnen: Er beschließt, dass er draußen ist und bleibt (Dabei kann er weder zurück noch durch das Glas, er ist eingesperrt und nennt das draußen, so, wie Käfigtiere die Menschen auch nur als Käfigmenschen sehen). Und da er sich verfranst hat in seinen wirren Gedankengängen, denkt er jetzt über Stellen nach (die gibt es, ich versichere, dass er sie kennt), an der sich die seine mit jener Welt hinter den Gläsern durchdringt (Das Glas, die Gläser: Wer die Welt hinter diesen Gläsern entdecken will, muss sie nur mit geeigneten Flüssigkeiten füllen und austrinken in munterem Wechsel, bis sich seine Welt mit der anderen vermanscht. Hatte der Protagonist etwa ein Alkoholproblem? Das würde einiges erklären.). Doch er weiß, dass er solche Stellen nicht aushält wegen Atemnot und Schweißausbrüchen, was peinlich ist, da die Sies das auch bemerken. Um sich zu trösten, stellt er fest, dass es Wege gibt (Kann nicht sein, denn es steht geschrieben: Es gibt keinen Weg.) und Bereiche (zwei: die Welt und der umgebende Raum, getrennt durch irgendetwas Glasigem, bzw. ein drinnendraußen oder ein draußendrinnen), in denen er es länger aushält (Ist gelogen: Er kann es überhaupt nur in einem der beiden Bereiche aushalten!) zurück
Das Gefasel geht weiter, jetzt wird munter drauflos doziert; jetzt ist alles schnurz & piepe, sogar ob die beiden Welten durch Spalten oder Glaswände getrennt sind, Hauptsache, die beiden Welten sind getrennt (Ja wo sind diese berüchtigten Schweißausbruch-verursachenden Stellen geblieben? Das Flüssigglas? Die Barrieren? Die Wege? Der Nicht-Weg?), schließlich hat er den Überblick durch die Gläser (Vermutlich sind jetzt Brillen gemeint, wenn es keine Erinnerung an Alkoholexzesse ist); er weiß, dass man ihn braucht, die Sies aber merken es erst, wenn er weg ist (ätschbätsch), dann spielt er nämlich Theater dort stellt er einen Verlust dar ; außerdem gibt es andere, die sich an die Gläser (was anders scheint es nicht mehr zu geben, was soll auch das ganze vorige Geschreibsel, jetzt wird schließlich Tacheles geredet) pressen und so durch sie hindurch hinüber in die andere Welt und wieder hinein in die eigene blicken (alles durch das Glas hindurch, die Blickrichtung muss nicht einmal mehr geändert werden) – und was entdecken sie da? Ihr eigenes Universum! Kann man mehr erreichen? Kann man nicht! Warum verdammt hört der Text dann nicht auf?zurück
Jetztund mutiert Professor Protagonist von einem Eingeweckten zu einem Freischwimmer: Es gibt tatsächlich noch mehr von ihm, die ebenfalls zwischen den Welten schwimmen, mehr draußen das Glasmeer betrachten als im Innern behaglich ihr Leben verbringen (Was ist denn so unbehaglich draußen über dem Meer, dass man den Meeresbewohnern ihre Behaglichkeit so missgönnt? Und wo hängen diese Figuren eigentlich, wenn sie das Meer von außen betrachten: Gibt es da etwa noch einen Raum, draußen vor dem Meer? Aber wenn, dann unterscheidet er sich wie ja schon die andere Welt angeblich nur unwesentlich vom Meer, was doch beweist, dass es im Wesentlichen dort nicht minder behaglich zugeht). Was in den Köpfen dieser Professoren vor sich geht, zeigt folgender Satz: Doch unsinnig auch nur der Gedanke und doch viele Male bereits erdacht, bedacht und wieder verworfen – das muss man schlechterdings genießen, diese viele Male erdachten Gedanken, die verworfen werden und dann wieder erdacht. Tja, der vorliegende Text ist ein Musterbeispiel dafür, was passiert, wenn man sich Gedanken erdenkt, statt einfach nachzudenken. Ich jedenfalls verabschiede mich, denn zu dem esoterischen Schicksalsgesabbel mag ich nichts mehr sagen. zurück