Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 (5/5)

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Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019

Am 21.08.2019 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 14. Oktober 2019 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 17. September 2019 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren zuvor mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweilig? Lesen Sie den 5. von 5 Teilen zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Nora Bossong, Miku Sophie Kühmel, Tonio Schachinger und Jan Peter Bremer.

Nora Bossong: Schutzzone

Nora Bossong: Schutzzone

Nora Bossong schreibt einfach mitreißend schnörkellos! Sie entwickelt das politische Weltgeschehen im Genfer Hotel Beau-Rivage und wartet zu Beginn gleich mit einem politischen Bezug auf: Die Badewanne aus Zimmer 317, die auf dem Speicher lagerte, war von einem Angestellten falsch beschriftet und versehentlich entsorgt worden – dabei war es doch eine Besondere, nämlich die, in der Uwe Barschels Leiche gefunden worden war. Oder sie berichtet von den Gesichtern der schwarzen Zedernholzdiener, was hier »den Kolonialismus noch einmal in einer verzückten Dekadenz« zeige. Während Monsieur le Commissaire ihr die bescheidenen Teilerfolge im Südsudan aufzählte, entdeckte die Ich-Erzählerin, plötzlich ihren alten Freund Milan. Das hat Zug, das hat Biss.

Nora Bossong: Schutzzone: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518428825. EUR 24,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Die Kapitelüberschrift lautet: yūgen

Sagt mir überhaupt nichts. Will da jemand bewusst exotisch klingen? Wikipedia weiß, dass das eine von den Chinesen geklaute japanische Ästhetik ist und etwa dunkel und mysteriös bedeutet. Ob dazu auch gehört, dass aus einem dunklen und mysteriösen Grund auf das Komma nach senfgelb verzichtet wird, obwohl ein neuer Satz folgt?

Wie schön dagegen der Satz »Ende März ist der Tag scheu«: Dieses starke Bild hätte eine herrliche Kapitelüberschrift sein können! Weiter: Ein Wagen steht auf trocken knirschendem Kies. Mir fällt da sofort nass knirschender Kies ein, auch wenn es den wohl nicht gibt, denn da reiben sich die Kiesel ja eher still und leise. Und das Haus? Das Haus steht schwarzgeschindelt und schmucklos und vernarbt da, als wären das besondere Eigenschaften. Sind sie aber nicht, dann müsste es schon mindestens grüngeschindelt sein. Aus einem hohlen Baum am Straßenrand zieht Max den klimpernden Schlüssel hervor! Ein klimpernder Schlüssel? Mit Verlaub: Legen Sie doch bitte versuchsweise einen Schlüssel auf den Tisch: Klimpert der? Eben! Da braucht es schon einen weiteren oder einen Metallring! Außerdem findet Max neben zwei Briefen auch noch den Prospekt eines Bringdienstes: Was ist das denn Spannendes? Aha: Der bietet Gyros, Pizzapasta, Nasi Goreng, Döner Kebap und Sushi an!

Dieses inhaltslose Gesabbel reicht.

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103974591. EUR 20,99 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

Wer keinen Bugatti habe, könne sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt – so beginnt dieser Roman. Also sitzt Ivo gerade in einem, nämlich seinem Bugatti.

Das ließe sich doch fortsetzen: Wer z. B. durch keine Gabbana-Sonnenbrille schaue, könne sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo auf den leeren Platz vor dem Merkur durch seine Sonnenbrille sowie die verdunkelten Scheiben nach draußen schaut. Und was sieht er da? Die Mittagshitze!

Hitze habe ich noch nie gesehen, sondern nur gefühlt – aber schließlich besitze ich weder einen Bugatti noch einen Gabbana-Sonnenbrille noch ein Fahrzeug mit verdunkelten Scheiben, was zusammen eine Hitze wohl sichtbar macht!

Ivo lässt seinen Blick über den leeren Platz schweifen, dabei rinnen ihm die Hitzewellen als Kälteschauer über den Rücken. Und ich dachte, die Hitzewellen befinden sich außerhalb des Fahrzeugs? Dort hat Ivo sie schließlich gesehen! Wie kommen die jetzt in den Bugatti?

Nun ereignet sich etwas: Die Türen vom Merkur gehen auf, und heraus kommt ein Mann, irgendein fades Opfer mit Stoffsackerl. Stoffsackerl? Klar: Österreicher halt.. Und das fade Opfer macht unseren Ivo wütend, denn das fade Opfer schaut, als würde es Scheiße riechen, und sofort weiß der Ivo, dass der Typ einfach ein Hurenkind und nicht echt ist. Schließlich muss jedermann und jedefrau seinen Bugatti bewundern und vor allem ihn, den Ivo, den Eigentümer! Das der so ein tolles Auto hat! Selbst wenn Ivo von außen wegen der getönten Scheiben gar nicht gesehen werden kann!

Das waren nur die die ersten drei Absätze. Aber es geht so weiter: Nicht wie ihr lautet der Titel.  Stimmt: Ivo ist nicht wie wir! Ivo ist ziemlich bescheuert, wie sein abgefuckter Proll-Slang zeigt.

Abschließend wundere ich mich noch: Wer aus der angeblich so kompetenten Jury hievte diesen Schmarrn eigentlich in die Longlist?

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. Kremayr & Scheriau. ISBN/EAN: 9783218011532. EUR 22,90 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand

Kann man jemandem oder etwas nachlauschen? Die Ich-Erzählerin kann das laut der ersten Zeile. Ist nicht weiter schlimm, ich weiß schließlich nicht, welcher Dialekt sich da möglicherweise heimtückisch zu Wort meldet. Duden jedenfalls kennt dieses Wort nicht.

Die Ich-Erzählerin fragt sich, warum sie schon wieder wach sei, dafür sei es doch noch viel zu früh. Leider auch hier der seit Kafkas grandiosem Aufwachen von Gregor Samsa so beliebte Romananfang. Wem halt nix Eigenes einfällt …

Sie ärgert sich, weil sie heute ausgeruht sein musste, sich im Griff haben, da die Ankunft eines jungen Doktoranden am späten Abend davor sie völlig überrumpelt hatte. Das wird es dann auch gewesen sein, was sie nicht schlafen ließ, denn jetzt wird ausführlich berichtet und sogar wortwörtlich wiedergegeben, was an diesem Abend vorher alles geschehen und ist. Seltsamerweise aber war das eigentlich nichts Besonderes, denn laut Roman war es schließlich immer so, erforderte immer eine besondere Kraft, wenn sie und ihr Mann auf den Besuch des Doktoranden (wohl immer derselbe?) warteten und deshalb an diesen Tagen entsprechend gereizt waren.

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. Berlin Verlag. ISBN/EAN: 9783827013897. EUR 20,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Das war der letzte der fünf Longlist-Besprechungen 2019. Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 wird am 17. September 2019 bekannt gegeben. Am 16. September 2019 erfahren Sie, wen Malte Bremer aufgrund der Buchanfänge auf die Shortlist setzen würde.

1 Kommentar

  1. Das Überblättern der ersten Seiten ist eine durchaus witzige, weil ehrliche und lebensnahe Kritikmethode, aber wer sich bei diesem als intuitiv vermittelten Eindruck so oft an vermeintlichen oder tatsächlichen syntaktischen und semantischen Ungenauigkeiten aufhängt und als Maßstab für die Wortwahl fiktionaler Texte ohne Augenzwinkern den Duden heranzieht, der sollte immerhin selbst einigermaßen souverän mit der Kommasetzung bei solchen Feinheiten wie Weder-Noch-Konstruktionen oder Parataxen umgehen können und von solchen Stilmitteln wie Synästhesie zumindest gehört haben. Wenn einem etwas beim bloßen Überfliegen von Büchern sofort im guten oder schlechten Sinne ins Auge springt, liegt es wahrscheinlich am Buch, wenn einem aber bei so vielen Büchern immer die strukturell selben Sachen ins Auge springen, dann liegt das wohl eher am Lesenden.

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