StartseiteLiterarisches LebenLeipziger Buchmesse: Haben Autoren ein besseres Immunsystem als Verlagsmitarbeiter?

Leipziger Buchmesse: Haben Autoren ein besseres Immunsystem als Verlagsmitarbeiter? [Update]

Leere Gänge der Leipziger Buchmesse. Da die Messe abgesagt wurde, fand die Preisverkündung des Preises der Leipziger Buchmesse im Radio statt.
Werden hier 2022 wieder Menschen die Messe besuchen? Die Messe-Gänge in Leipzig.

In gut einem Monat sollte die Leipziger Buchmesse stattfinden (17. bis 20.03.2022). Dennoch wurde heftig spekuliert, ob sie nicht doch noch abgesagt wird. Einige Verlage haben ihre Teilnahme mit merkwürdigen Begründungen zurückgezogen, und die Gerüchteküche wurde durch einen zweifelhaften Artikel des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel angeheizt.
Update: Die Leipziger Buchmesse wurde am 9. Februar 2022 abgesagt.

Nach einer zweijährigen Zwangspause kann die Leipziger Buchmesse im Jahr 2022 wieder stattfinden. Theoretisch. Vor einer Woche waren Messen in Sachsen aufgrund der Corona-Schutzverordnung noch verboten. So bestand im Januar 2022 die absurde Situation, dass man seitens der Messeveranstalter Durchhalteparolen ausgab und verkündete, dass die Messe im März sicherlich stattfinden werde. Dies wurde auch mit der weiterhin bestehenden Zusage der ausstellenden Verlage begründet. Doch die seinerzeit gültige Corona-Schutzverordnung des Landes Sachsen erlaubte keine Großveranstaltungen wie die Leipziger Buchmesse – und dennoch setzte auch die sächsische Gesundheitsministerin bereits im Januar positive Signale.

Alles wartete und hoffte auf den 7. Februar 2022, denn da würde die neue Verordnung gelten.

Wenn man weiß, dass normalerweise eine Messeplanung ein halbes Jahr vorher so richtig anläuft, war die Situation absurd, dass einen guten Monat vorher niemand wirklich verlässlich planen konnte. Weder die Veranstalter, noch die Verlage mit ihren Messebauern, noch die Medien mit ihren Bühnen und Veranstaltungen. Fast schon abergläubisch agierten alle so, als würde die Messe auf jeden Fall stattfinden. Verlage schickten ihre »Unsere Autorinnen und Autoren auf der Leipziger Buchmesse«-E-Mails.

Die Leipziger Messe würde nicht die Leipziger Messe sein

Und dann kam Anfang Februar endlich das positive politische Signal: Die Messe kann mit der neuen Schutzverordnung stattfinden. Allerdings war seit Herbst und der Frankfurter Messe klar, dass auch die Leipziger Messe nicht die Leipziger Messe sein würde und die Corona-Auflagen sie zu einer ähnlich befremdlichen Veranstaltung machen würde: breite Gänge, am Stand nur eine Person pro 1,7qm, Bühnen mit Einlasskontrolle und fest abgezählten Stühlen auf Abstand. Tickets soll es nach Registrierung vorab nur online geben und maximal 25.000 Menschen dürfen gleichzeitig auf das Gelände. Neben dem Messebetrieb soll in der Stadt das Lesefestival »Leipzig liest« mit zahlreichen Veranstaltungen stattfinden.

Die Frankfurter Buchmesse 2021 am Messe-Freitag um halb 12 (Foto: Wolfgang Tischer)
Wird es so ähnlich auch in Leipzig aussehen? Die Frankfurter Buchmesse 2021 am Messe-Freitag um halb 12 (Foto: Wolfgang Tischer)

Aber wer liest wann wo? Und wer kommt wirklich nach Leipzig?

Man hatte den Eindruck, dass Veranstalter und Verlage zu ihrer Messe standen, dass sie die Wichtigkeit für die Branche betonten, dass aber keiner damit rechnete, dass die Messe wirklich stattfindet.

Aber egal: Die Veranstalter freuten sich. Man werde sofort mit den Verlagen sprechen und mit der Planung beginnen. Immerhin müssen in kürzester Zeit die kompletten Hallen-Layouts mit ihren Ständen festgelegt werden. Zudem betonte man wohl in einer gewissen Vorahnung, dass man es nicht wolle, dass die Verlage ihre Autoren zwar zu »Leipzig liest« schicken, aber auf der Messe selbst nicht mit einem Stand vertreten sind.

Ein emsiges Sondieren setzte ein, was auch im literaturcafe.de spürbar war, da einige Verlage anfragten, ob wir Interesse an Interviews hätten und ob es wieder unsere tollen Bühnengespräche gebe.

Wie viel Aus ist vor dem Aus?

»Leipzig erneut vor dem Aus« titelte in all diesem Treiben plötzlich das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel in einem Online-Artikel am 7. Februar 2022. Das Perfide: Der Beitrag war nicht für alle zu lesen, sondern stand hinter einer Paywall.

Im Teaser war dubios zu lesen: »Als Sachsens Staatsregierung versprach, die Buchmesse dürfe stattfinden, wurde rasch klar, dass sie eher nicht stattfinden wird.«

Eher nicht? Was bedeutet das denn? Ja oder nein? Von »Beobachtungen und Mutmaßungen von Torsten Casimir« war im Teaser weiter die Rede. Im normalen Leben würde man das wohl Gerüchteküche nennen.

Aber wie konnte das Branchenmagazin, das zwar redaktionell unabhängig arbeitet und dennoch zum wirtschaftlichen Zweig des Börsenverein des Deutschen Buchhandels gehört, mit solch einem zweifelhaften Artikel, der für viele gar nicht zu lesen war, die eigene Branche torpedieren und die Mutmaßungen weiter anheizen? Torsten Casimir ist schließlich nicht irgendwer, sondern der Chefredakteur.

Der Artikel baut darauf auf, dass es tatsächlich eine sehr prominente Aussteller-Absage gibt: die Verlagsgruppe Penguin Random House (PRH) mit ihren knapp 50 Unterverlagen. Auch der Manga- und Comic-Verlag Tokyopop hat abgesagt. Der Carlsen Verlag folgte. Die beiden letzten Verlage sind nicht unwichtig für die seit Jahren parallel stattfindende Manga- und Comic-Convention, die allein eine der vier Messehallen belegt.

Ansonsten gab Casimir das weiter, was er gehört habe, dass die Bonnier-Gruppe insgesamt absagen werde (u. a. Piper, Carlsen, MVG) und es auch bei Bastei Lübbe entsprechende Tendenzen gebe. Auch die Holtzbrinck-Verlage (Rowohlt, S. Fischer, Droemer, KiWi) hätten sich noch nicht entschieden. Nachtrag vom 09.02.2022: Mittlerweile haben die Holtzbrinck-Verlage tatsächlich ihre Messe-Teilnahme abgesagt.

Allerdings betonte der »Vor dem Aus«-Artikel auch, dass Verlage wie dtv oder C. H. Beck weiterhin fest zur Messe stünden und bei ihrer Zusage blieben.

Wie weit vor dem Aus ist also dieses Aus? Casimir mutmaßte, dass Mitte der Woche, also um den 10. Februar herum, die Messe dennoch abgesagt werden würde.

Als eine Kommentatorin den Ton des Artikels kritisierte, kommentierte Casimir seinerseits, er würde es sich ja auch anders wünschen, aber das sei nun einmal das, was er in Gesprächen mit den Verlagen gehört habe. Aber war dieser Artikel wirklich nötig?

Jede Supermarktkassiererin würde lachen

Die Verlagsgruppe PRH wie auch Carlsen begründen ihre Absagen damit, dass man die Mitarbeiter nicht dem Ansteckungsrisiko aussetzen wolle und dass die Corona-Lage weiterhin unklar sei. Absurderweise betonte man aber gleichzeitig, dass man die Autorinnen und Autoren sehr gerne zum Lesefestival »Leipzig liest« schicken wolle. Doch genau das hatten die Messeveranstalter bereits im Vorfeld eher ausgeschlossen. Haben Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter ein schwächeres Immunsystem als ihre Autorinnen und Autoren? Jede Supermarktkassiererin würde über diese Begründung lachen.

Der eigentliche Grund für die Absagen dürfte ein wirtschaftlicher sein: die Teilnahme in Leipzig rechnet sich einfach nicht. Stand-, Personal- und Hotelkosten stehen in keinem Verhältnis zur Wirkung. Das wissen die Verlage aufgrund ihrer Erfahrungen in Frankfurt. Eine Messe mit breiten leeren Gängen und ohne Gedränge an den Bühnen lohnt sich nicht. Einzelne Autorinnen und Autoren zu ein oder zwei Lesungen zu schicken, ist effektiver. Die geben am Rande auch gerne noch ein Interview für die Medien.

Doch diese Begründung mag niemand anführen.

So bleibt die absurde und für das engagierte Messeteam traurige Situation, dass gut einen Monat vor dem Termin niemand wirklich an die Leipziger Buchmesse 2022 glaubt und wieder einmal alle betonen, dass man hoffe, im kommenden Jahr 2023 sei dann alles wieder so normal wie zuvor.

Update vom 9. Februar 2022:
Die Leipziger Buchmesse 2022 ist abgesagt

»Leider sehen sich viele Aussteller und Ausstellerinnen aufgrund der Unwägbarkeiten der Pandemie aktuell nicht in der Lage, für eine solch große Publikumsveranstaltung zuverlässig zu planen. Das führte kurzfristig zu vielen Absagen. Daher haben wir uns jetzt schweren Herzens entschieden, die Leipziger Buchmesse nicht durchzuführen.«
Pressemeldung der Leipziger Buchmesse vom 9. Februar 2022

Wolfgang Tischer

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5 Kommentare

  1. Diese Gedanken hege ich schon eine Weile. Habe auch den Eindruck.
    Wieder wird etwas platt gemacht, was einst sehr erfolgreich war und auf
    langjährige Traditionen basierte.
    Meine Befürchtung hat sich wieder mal bestätigt. Das könnte der Todesstoß
    für zukünftige Buchmessen in Leipzig sein. Wer will dann noch an etwas glauben?
    Ich hoffe, irre mich.

  2. Ich finde es schon seltsam das jetzt einige Austeller (*hust* bestimmte große Verlage *hust*) behaupten so “kurzfristig” nicht planen zu können.
    Alle wichtigen Informationen etc wurden uns bereits im SEPTEMBER letzten Jahres zugesandt! Da ist genau der selbe Zeitraum in dem die LBM in der Vergangenheit auch geplant hat.

    Zudem erwähnt hier niemand, dass die LBM erst angekündigt hat stattzufinden nachdem die Austeller vermeldet haben das sie die Messe machen würden, auch wenn pro Tag nur 25000 Besucher kommen könnten UND es erwähnt auch niemand die staatliche Förderung die bei der Finanzierung der Stände hätte helfen sollen.

    Finden Sie nicht, das unter Berücksichtigung dieser Informationen die Lage ein wenig anders aussieht?
    Und dass nun einige wenige – aber dafür große Verlagshäuser – die Messe erneut torpedieren nur weil ihnen, seien wir mal ganz ehrlich, die Besucherzahlen wohl doch zu gering sein werden, ist vor allem für viele kleinere Verlagshäuser, Autoren und Aussteller echt bitter!

  3. Grandios finde ich allerdings, dass sich, ganz kurzfristig, 50 Verlage zusammengetan haben, darunter Aufbau, Voland & Quist, C.H.Beck, Wagenbach, Klett-Cotta, Suhrkamp/Insel und Hanser, um dennoch eine Messe auf die Beine zu stellen! Also nichts wie hin:

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