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Gottschalk liest nicht mehr – Das Aus der Literatursendungen

Thomas Gottschalk vor dem Logo seiner neuen Sendung »Gottschalk liest?« (Bild: BR/Oliver Maier)
Thomas Gottschalk vor dem Logo seiner neuen Sendung »Gottschalk liest?« (Bild: BR/Oliver Maier)

Nach nur vier Sendungen ist schon wieder Schluss: Thomas Gottschalk wird im kommenden Jahr die nach ihm benannte Literatursendung im BR nicht weitermoderieren. Und auch das Literarische Quartett im ZDF gibt’s so nur noch am Nikolaustag zu sehen. Was ist los mit dem Buch im TV?

Literatursendungen sind so eine Sache. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fordert sie, weil seiner Meinung nach ohnehin zu wenig Bücher im Fernsehen hochgehalten werden. Das Fernsehen mag sie nicht so sehr. Sofern man nicht Sofas auf Berge schleppt, sind die meisten Formate zwar günstig produziert, doch auf der anderen Seite bringen Bücher keine Quote. Das gute Buch wird daher zu später Stunde gesendet. Vorbei sind die Zeiten der großen Namen wie Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich, deren telegene Buchtipps noch Auswirkungen auf die Bestsellerlisten hatten.

Und plötzlich verkündete vor einem Jahr der Bayerische Rundfunk, dass Thomas Gottschalk eine neue Literatursendung im Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks moderieren wird. Zwar waren einige Stimmen verhalten und auch in den Kommentaren des literaturcafe.de traute man Gottschalk das Format nicht so recht zu, aber immerhin war es ein großer Name im Titel. Was bei Büchern zieht, mag ja vielleicht auch bei Buchsendungen so sein. Der BR verpasst daher dem Sendungstitel ein ironisches Fragezeichen: »Gottschalk liest?«

Und jetzt, nach nur vier Sendungen, ist schon wieder Schluss. Die letzte Folge wird morgen, am 3. Dezember 2019, in Kolbermoor aufgezeichnet und am 10. Dezember 2019 ausgestrahlt. Gäste sind u. a. Gerhard Polt, Jackie Thomae und Jan Weiler. (Klicken Sie hier und lesen Sie unsere TV-Kritik der Sendung »)

Das Format war simpel: Man ließ den publikumserprobten Moderator in wechselnden mittelgroßen Sälen vor Zuschauern in einer Sitzgruppe mit Autorinnen und Autoren plaudern. Das war in der ersten Folge noch etwas behäbig, in der zweiten schon besser und in der dritten ok.

Was will man schon viel von einer Literatursendung erwarten? Die meisten sind eigentlich am besten, wenn man sich an irgendwas reiben kann, was in erster Linie meist der Moderator sein wird. Wie bei Büchern wird es erst dann interessant, wenn es Kontroversen gibt.

Warum Thomas Gottschalk nicht mehr fürs Fernsehen liest, ist nicht bekannt. Der Bayerische Rundfunk nennt persönliche Gründe. Gottschalk steige aus eigenem Wunsch aus. Da der 69-jährige Moderator auch eine monatliche Radiosendung aufgibt und in der letzten Ausgabe derselben über sein Alter scherzte, entstanden Gerüchte über Gottschalks Gesundheitszustand. Schnell wurde dies per Twitter dementiert.

Egal, was man von der Sendung hält, die mit vier Ausstrahlungen am späten Abend im dritten Programm ohnehin am nächsten Morgen nicht die Diskussionen an den Arbeitsplätzen der Republik prägte, schade ist es allemal, dass wieder eine Literatursendung stirbt.

Denn schon am 6. Dezember 2019 wird im ZDF ebenfalls eine Literatursendung nicht mehr so aussehen, wie bislang. Volker Weidermann und Christine Westermann sind beim Literarischen Quartett ausgestiegen, die Runde verliert also zwei Drittel der Stammbesetzung. Von der letzten verbliebenen permanenten Diskutantin Thea Dorn war noch nichts zu hören. Gast der letzten Sendung wird Schauspieler und Buchautor Matthias Brandt sein.

Wobei: Anders als beim BR soll es nicht die letzte Sendung des Literarischen Quartetts sein. Das ZDF hat bislang jedoch nur verkündet, dass man das Format »in neuer Konstellation« im kommenden Jahr fortführen wolle – was auch immer unter »neuer Konstellation« zu verstehen ist. Nur neue Besetzung? Neuer Ort? Oder doch alles ganz neu?

Lediglich Denis Scheck in der ARD scheint von allem unberührt und jettet für seine Interviews rund um die Welt. Ist das eigentlich in diesen klimasensiblen Zeiten noch opportun?

Außerdem – selbst die Älteren werden sich vielleicht nur bedingt erinnern – stand auch schon einmal Schecks Sendung »Druckfrisch« vor einigen Jahren zur Disposition. Nach seinem Ausstieg als Tagesthemen-Chef schickte sich damals Ulrich Wickert an, eine neue Karriere als Literatur-Talker in der ARD zu beginnen. Doch die war damals ebenfalls schnell vorbei.

Und dann gab es im ZDF eine Zeit lang »Die Vorleser« mit Ijoma Mangold und Amelie Fried, die damals als Ersatz für Elke Heidenreichs »lesen!« ins Programm kamen und sehr bald schon wieder weg waren.

Es scheint also doppelt schwierig, die Literatur ins Fernsehen zu bringen, da die Laufzeit der meisten Sendungen und ihrer Moderatoren in der Vergangenheit begrenzt war.

4 Kommentare

  1. In Frankreich läuft seit Jahren “La Grande Librairie” wöchentlich und zur besten Sendezeit. Das liegt zum einen an der etwas anderen Buchkultur im Nachbarland, zum anderen an einem charismatischen Moderator, der noch lange nicht im Rentenalter ist. Drittens aber auch an der zeitgemäßen Ausstattung des Studios, die z.B. im Vergleich zum “Literarischen Quartett” Lesefreude ausstrahlt. Unterm Strich ist das Format einfach gute Unterhaltung – und die sucht man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen leider vergebens, wenn es um Bücher geht. Als dürfe man am Lesen keine Freude haben. Typisch deutsch.

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