Gottschalk liest? – Die Flammenwand der Streeruwitz

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Die zweite Sendung »Gottschalk liest?« mit Johanna Adorján, Thomas Gottschalk, Marlene Streeruwitz und Friedemann Karig (Foto: BR)
Die zweite Sendung »Gottschalk liest?« mit Johanna Adorján, Thomas Gottschalk, Marlene Streeruwitz und Friedemann Karig (Foto: BR)

Zum zweiten Mal ist im Bayerischen Rundfunk die Literatursendung »Gottschalk liest?« zu sehen. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe wirkt Thomas Gottschalk seriös und gut vorbereitet. Doch dann kommt Marlene Streeruwitz auf die Bühne.

Wie bei ARD-Sendern üblich, tourt die Sendung durchs Sendegebiet in diesem Fall des Bayerischen Rundfunks. Man meidet zunächst die Landeshauptstadt. Zum Auftakt war man in Schwaben, jetzt in Unterfranken. Während die Bühnensituation im Gögginger Parktheater fast intim wirkte, erscheint der Max-Littmann-Saal im Bad Kissinger Regentenbau wie eine Turn- und Festhalle mit breitem feuerpolizeilich verordneten Mittelgang zur Bühne, die für eine Fernsehsendung ungewöhnlich hoch ist. Kameratechnisch verzichtet man auf die bei Literatursendungen gern eingesetzten Kräne und Steadycams, die mit ihren ständigen Bewegungen und Zooms wie Dynamik ins Thema bringen sollen. Stattdessen bei »Gottschalk liest?« klassischer Schuss und Gegenschuss und gelegentlich die Halbtotale. Man merkt, dass es häufig Schnitte gibt.

Gottschalk betritt die Bühne auffällig gekleidet, trägt rote Hosen, rote Schuhe, rot-blaue Krawatte und dunkelblaues Sakko mit roten Ellbogenflicken, dazu ein weißes Hemd. Das Rot und Blau ist gut auf die Cover der vorgestellten Bücher abgestimmt.

Moderationskarten wirken bei Thomas Gottschalk ungewohnt. Gottschalk gibt sich von Anfang an seriös, lacht wenig und gerät nicht ins Plaudern. In der ersten Sendung stützte er sich einführend aufs ausschweifende wetten-dass-artige Geplänkel, während er bei dieser zweiten Ausgabe gezielt auf seine Sofagäste hinmoderiert. Das gemeinsame Thema des Abends sei »Männer«, verkündet Gottschalk, und man erwartet nicht das Beste von dieser Männer-Frauen-Gottschalk-Mischung. Die Sprüche des Moderators scheinen unvermeidbar, und vorsorglich nimmt man beim Zuschauen die Fremdschamhaltung an.

Doch Gottschalk glänzt, nimmt sich wohltuend zurück und unterfüttert nicht jede Frage mit mindestens zwei Anekdoten aus dem eigenen Leben.

Dabei hätten sein erster Gast Johanna Adorján und ihr essayistisches Buch »Männer«, Möglichkeiten für typische Gottschalk-Zoten geboten. Doch Gottschalk bleibt zurückhaltend, gibt nicht den von ihm gern verkörperten Ahnungslos-Naiven, sondern zeigt mit guten Nachfragen und Entgegnungen, dass er das Buch gelesen hat.

Ebenfalls vorbildlich das zweite Gespräch mit Friedemann Karig über dessen Roman »Dschungel«. Gottschalk spricht mit Karig über das Buch und die Schreibsituation, ohne dass der Inhalt lang und ausschweifend nacherzählt wird. So gut kann ein Gespräch über ein Buch funktionieren.

Jedoch sind Adorján und Karig wohlwollende Gesprächsgäste, die es nicht darauf anlegen, Gottschalk auflaufen zu lassen, wie es von Schirach in der ersten Sendung tat.

Bereits in der Anmoderation der Sendung verkündete Gottschalk, dass der ebenfalls eingeladene Axel Milberg wegen eines Tatort-Drehs nicht dabei sein könne, was »Gottschalk liest?« gut tut, da der unvermeidliche jetzt-auch-schreibende Promi in der Runde fehlt.

Als Fernsehzuschauer erleben wir nicht den Auftritt der Autorinnen und Autoren auf der Bühne. Sie sitzen nach dem Einspielfilm, der ihre Bücher vorstellt, bereits neben Gottschalk auf dem Sofa. Bisweilen erinnern die Einspielfilme mit ihrer dynamischen Statik an die selbstgedrehten Autorenporträts beim Bachmannpreis. Es sind Kunstwerke, die für sich stehen.

Der dritte Gast ist die Autorin und Dramatikerin Marlene Streeruwitz, eine hochpolitische und gesellschaftskritische Autorin, mit ihrem Buch »Flammenwand«. Ihre Körpersprache, das kerzengerade Sitzen auf dem Sofas, zeigt, dass sie sich nicht wohl in dieser Sendung, auf dieser Bühne oder in Gottschalks Gegenwart fühlt, aber die Oberhand behalten möchte. Sie lässt sich nicht auf Gottschalk ein, geht sofort die Fragen korrigierend mit Konfrontationshaltung an und vermittelt das Bild, dass sie nicht viel von Gottschalk als Literatursendungsmoderator hält.

Das scheint Gottschalk zu merken, der nach den Widerworten von Streeruwitz immer mehr dazu übergeht, seine Fragen ausführlich zu rechtfertigen oder erneut aufzubauen. Gottschalk kann die für ihn negative Grundhaltung der Streeruwitzschen Figuren nicht verstehen und Streeruwitz kann nicht verstehen, was daran so schwierig sein soll. Freilich hätte man mit Marlene Streeruwitz auch über die Situation in Österreich reden können, doch bleibt die Gelegenheit weitestgehend ungenutzt (oder wurde sie geschnitten?).

Der rhetorisch angezählte Gottschalk kann leider in der Erweiterung der Gesprächsrunde auf alle drei Gäste den engen Bogen vom Sendungsanfang nicht wieder aufnehmen, obwohl sich Streeruwitz zwischenzeitlich zurücklehnt und unglaublich kluge Dinge sagt.

Zumindest eine Retourkutsche lässt sich Gottschalk nicht nehmen, als er zum Abschluss die Bücher von Friedemann Karig, Johanna Adorján und Marlene Streeruwitz in die Kamera hält: »Dieses Buch liest sich sehr leicht (»Dschungel«), dieses Buch liest sich sehr locker (»Männer«) und dieses sollte man lesen (»Flammenwand«) – sagen wir es mal so.«

Wolfgang Tischer

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5 Kommentare

  1. Mich hat Frau Streeruwitz sehr gestört. Besonders Ihre abfällige Art mit Herrn Gottschalk zu reden.
    Da musste ich an Elke H. denken, sie hätte sich das nicht gefallen lassen.
    Ein Jammer, so eine unhöfliche und unzuvorkommende Frau überhaupt auf die Bühne zu lassen. D.

  2. Leider fehlten Frau Streeruwitz Form und Anstand gegenüber einem Moderator, der sie ins Rampenlicht befördert, obgleich ihr “Werk” kaum der Rede wert ist. Man spürte verkniffenen Neid gegenüber so einem “großen” und erfolgreichen Showmaster und die verkrampfte Art, herablassend und arrogant einen vermeintlichen intellektuellen Bildungsunterschied gegen Herrn Gottschalk auszuspielen, war geradezu peinlich und abstoßend. Pseudo-tolerant forderte sie Neutralität ein, wurde diesem Anspruch jedoch selbstüberhöhend in keiner Weise gerecht. Herrn Gottschalk die individuelle Wahrnehmung einer schönen Kindheit absprechen zu wollen, ist eine unerträgliche Vermessenheit. Was glaubt diese Person eigentlich, wer sie ist. So viel Egozentrik und feministische Arroganz sollte durch Nichtwahrnehmung und vor allem durch Leseverweigerung ihrer Bücher und Texte geahndet werden.

  3. Vielleicht war “Warum ist das so düster und warum denken die Figuren so viel – ich bin doch viel heiterer!” einfach keine angemessene Lesehaltung für dieses Buch.
    Wenn Herr Gottschalk nicht bereit ist, zumindest vorübergehend eine etwas andere, offenere Haltung einzunehmen – was allein der Respekt und die Professionalität gebieten würden – hat Frau Streeruwitz Recht: Er sollte solche Bücher lieber nicht lesen, es kann nichts Gutes dabei herauskommen.
    Und das liegt nicht an der Qualität der Bücher, sondern an seiner trotzigen Voreingenommenheit, auf die er so stolz ist.
    Sie einzuladen, um ihr nachzuweisen, dass ihr Buch nicht so lustig ist wie man selbst, und das auch noch als Vorwurf zu formulieren, musste in eine Sackgasse führen.
    Herrn Gottschalks Überleitung ist ein kokettes “Ich habe viel Literatur an mir vorüberziehen lassen ohne mich damit zu beschweren …”, dann moderiert er Frau Streeruwitz an mit “… ein Buch, an dem ich richtig kauen musste … Da geht es um eine Beziehung, die … schwierig ist, nennen wir’s mal so …” Damit sind die Weichen gestellt. Er bringt Frau Streeruwitz von Anfang an in eine Verteidigungshaltung durch seinen Anspruch “Literatur hat gefälligst nicht düster zu sein und darf nicht zu viele Themen behandeln. Wenn sie sich mit ernsten Dingen befasst, ist sie verdächtig”. In fast jeder Aussage schwingt mit: diese Literatur ist falsch, weil sie anders ist als ich.

  4. Liebe oder lieber C.G.
    ja, das mag sein, dieser Gedankengang gefällt mir.
    Sie meinen, T.G. hat es etwas herausgefordert?
    Nun habe ich hier in der Stadtbibliothek ihre Bücher mir angesehen.
    Ja, allerdings, kauen reicht nicht.
    Ich habe sie nicht ausgeliehen.
    Ihnen vielen Dank für meine neue Einsicht.
    Sicher liegt es auch daran, daß ich Herrn Gottschalk sehr, sehr schätze.
    D.

  5. ich habe das dann doch auch mal angeschaut. und zwar nicht, weil ich herrn gottschalk irendwie zugetan wäre. mir wäre eine büchersendung mit gottschal nie in den sinn gekommen, wäre sie hier nicht besprochen worden.

    wie soll ich sagen: ich war amüsiert. erinnere mich aber nicht an die bücher. an keines. komisch.

    dafür erinnere ich mich, wie stolz der herr moderator offensichtlich ist, jetzt eine büchersendung zu haben. aber das gönne ich ihm.

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