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Bachmannpreis 2023: Die Hälfte der Lesenden lebt in Berlin

Tanja Maljartschuk (Foto: Birgit-Cathrin Duval)
Lebt nicht in Berlin: Tanja Maljartschuk, die Bachmannpreis-Trägerin von 2018, hält in diesem Jahr die Klagenfurter Rede zur Literatur (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Beim diesjährigen Bachmannpreis 2023 soll alles wieder so sein wie vor der Pandemie – zum Glück. Allerdings ging die Jury bei der Auswahl der 14 lesenden Autorinnen und Autoren keine Risiken ein, was konservativ und mutlos wirkt.

»Klagenfurter Bachmannpreis wird aus Kostengründen nach Berlin verlegt«

Wenn die Satire-Website »Der Postillion« sich für Literaturwettbewerbe interessieren würde, könnte man dort titeln: »Klagenfurter Bachmannpreis wird aus Kostengründen nach Berlin verlegt«.

Tatsächlich leben die Hälfte der 14 nach Klagenfurt eingeladenen Autorinnen und Autoren in Berlin. Da könnte man einiges an Fahrt- und Hotelkosten sparen. 550.000 Euro kostet den ORF der Bachmannpreis, wie ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard auf der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch offenlegte. Bei 17 Stunden Liveübertragung von Eröffnung, Lesungen und Jury-Diskussionen auf 3sat und per Livestream ist das allerdings ein Witz. Ein einziger Tatort am Sonntag kostet das Dreifache.

»Ein Sommer wie damals«

In diesem Jahr sollen die 14 lesenden Autorinnen und Autoren, die sieben Jury-Mitglieder und das Publikum wieder im Klagenfurter ORF-Theater vereint sein. Zwar waren bereits 2022 endlich alle wieder vor Ort, doch wurde getrennt gelesen und diskutiert. Die Autorinnen und Autoren lasen im ORF-Garten, während die Jury anschließend im Theater über die Texte diskutierte. Wie zu Pandemie-Zeiten sah man sich nur per Monitor. Dies war jedoch kein dramaturgischer Kniff, sondern geschah aus Vorsicht. Wäre es erneut zu Corona-bedingten Einschränkungen gekommen, hätte die Jury wie 2021 unter sich im Theater bleiben können, während das Publikum die Lesenden noch im Freien hätte sehen können.

Die sieben Jury-Plätze im Studio des Bachmann-Preises 2022 (Foto: Tischer)
Die sieben Jury-Plätze im Studio des Bachmann-Preises 2022 (Foto: Tischer)

Nun sollen also alle wieder im ORF-Theater vereint sitzen, das zudem eine neue Deko bekommen soll. »Ein Sommer wie damals«, schwärmt Karin Bernhard.

Neue in der Jury, neuer Moderator

Wie bereits berichtet, gibt es in der Jury zwei Wechsel: Mithu Sanyal (D) und Thomas Strässle (CH) kommen neu dazu, Michael Wiederstein und Vea Kaiser sind nicht mehr mit dabei.

Wie ebenfalls im Vorfeld aufgrund von Verstimmungen bekannt wurde, moderiert den Wettbewerb 2023 nicht mehr Christian Ankowitsch, sondern erstmals ORF-Kulturjournalist Peter Fässlacher. Co-Moderatorin bleibt Cecile Schortmann.

Keine Anfängerinnen, Außenseiter oder bunte Vögel

Wenig Überraschungen gibt es bei den 14 Autorinnen und Autoren, die sich mit ihren Texten um den mit 25.000 Euro dotierten Bachmannpreis und weitere Preise bewerben. Außenseiter oder bunte Vögel sind in diesem Jahr augenscheinlich nicht dabei. Neun von ihnen stammen aus Deutschland, vier aus Österreich und nur einmal ist die Schweiz vertreten. Der Altersdurchschnitt liegt bei 37 Jahren, wobei es auch hier keine großen Ausreißer nach oben (44 Jahre) oder unten (27 Jahre) gibt. Wie erwähnt leben sieben der neun Deutschen in Berlin, die beiden anderen in Frankfurt. In der Provinz scheint man schlechte Karten zu haben, nach Klagenfurt eingeladen zu werden. Der exotischte Wohnort scheint Alpbach in Tirol zu sein.

Erstaunlich viele der Eingeladenen waren schon einmal für den Deutschen oder Österreichischen Buchpreis nominiert. Vier haben eine literarische Ausbildung, der Rest ist jedoch nicht unbedarft, arbeitet meist journalistisch-schreibend oder in Kulturberufen. Absolute Neuentdeckungen oder Newcomer sind nicht dabei, die meisten sind bereits bei einem Verlag unter Vertrag. Es ist schade, dass die Jury nicht mehr Mut hatte und die Auswahl für 2023 sehr konservativ wirkt.

So ist im Vorfeld die Erwartung an die Texte nicht sehr hoch, man kann nur hoffen, dass einige dabei sind, die der kleinen Berliner Lebenswelt entkommen sind.

Die Welt ist da draußen, und in Europa herrscht Krieg

Denn die Welt ist da draußen, und in Europa herrscht immer noch Krieg. Zwei der Teilnehmenden haben ukrainische Wurzeln, und die traditionell am Eröffnungstag gehaltene Klagenfurter Rede zur Literatur kommt in diesem Jahr von Tanja Maljartschuk. Maljartschuk gewann 2018 den Bachmannpreis. Die Autorin, die seit 2011 in Wien lebt, stammt aus der Ukraine. Ihr Buch »Blauwal der Erinnerung« von 2019 befasst sich mit dem ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyj (1882-1931) und dem Leben in einem zerrissenen Land und im Exil. Ein Interview mit Tanja Maljartschuk über diesen Roman findet sich hier im literaturcafe.de.

Bachmannpreisträgerin Tanja Maljartschuk
Tanja Maljartschuk nach dem Gewinn des Bachmannpreises 2018 (Foto: Tischer)

Maljartschuks Klagenfurter Rede trägt den Titel »Hier ist immer Gewalt«.

Bachmannpreis vom 28. Juni bis 2. Juli 2023

Eröffnet werden die 47. Tage der Deutschsprachigen Literatur, wie der Bachmannpreis offiziell heißt, am Mittwoch, 28. Juni 2023, mit der Auslosung der Lesereihenfolge. Von Donnerstag bis Samstag wird dann gelesen und die Jury diskutiert live vor Publikum. Am Sonntag, 2. Juli 2023, werden dann der mit 25.000 Euro dotierte Bachmannpreis, der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro), der 3sat-Preis (7.500 Euro) und der BKS-Publikumspreis (7.000 Euro) vergeben.

Erstmals wurde 2022 auf die bisweilen ungerechte Shortlist verzichtet und die Preise aufsteigend vergeben. Allerdings war die Inszenierung der Preisverleihung langweilig und bei weitem nicht so spannend wie in den Jahren davor.

Bachmann-Projektleiter Horst Ebner verspricht für 2023 eine nochmals modifizierte Preisvergabe, bei der die Jury ihre Wertung direkt am Sonntagmorgen abgibt. Man darf auf die Änderungen und die Dramaturgie gespannt sein.

Wolfgang Tischer

Täglicher Bachmannpreis-Podcast aus Klagenfurt

Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de wird auch 2023 vor Ort in Klagenfurt sein und zusammen mit Andrea Diener den täglichen Bachmannpreis-Podcast produzieren und via Twitter und Mastodon berichten und Lesungen und Jury-Entscheidungen kommentieren.

Den Podcast des literaturcafe.de, der in dieser Zeit zum Bachmannpreis-Podcast wird, gibt es hier im literaturcafe.de und überall dort, wo es Podcasts gibt, wie Apple iTunesSpotify oder Deezer. Am besten gleich dort kostenlos abonnieren, so verpassen Sie keine Folge.

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5 Kommentare

  1. Achja, Herr Tischer und sein Bashing von allem, was nicht seiner biederen Vorstellung von “aufregend” entspricht….einer der methodisch infamsten und zugleich im Hinblick auf sein Sujet ignorantesten Menschen des sogenannten Literaturbetriebs, und dabei selbst so erschreckend unscheinbar.

    • Lieber EW,
      da musste etwas raus. Das ist gut so. Hier ist der Platz dafür. Es ist zwar nicht schön und angenehm, als Kritiker diffamiert und beleidigt zu werden, aber solche persönlichen Angriffe gegen Kritiker gehören nun mal dazu. Dass sie mich als Teil des Literaturbetriebs sehen, ehrt mich, obwohl ich das selbst nicht so sehe. Dazu bin ich tatsächlich zu unscheinbar. Sehr gerne wäre ich noch unwichtiger, sodass ich Sie nicht offenbar seit längerem beschäftige und zu diesem Ausbruch verleitet habe. Da muss sich einiges aufgestaut haben und ich für Sie tatsächlich sehr wichtig geworden sein. Gerne würde ich mehr über die Hintergründe erfahren. Vielleicht interpretiere ich auch zu viel hinein. Meist ist man als Kritiker ja auch Projektionsfigur für anderes. Ich wünsche Ihnen alles Gute! Genießen Sie den sonnigen Tag! Es gibt wirklich Wichtigeres als meine Person.
      Wolfgang Tischer

  2. Barbara
    gut gebrüllt Löwe Wolfgang!
    Das Anstauen von Frustration führt zu verheerenden Reaktionen – siehe Hundekot in Hannover oder unflätige Beschimpfung einer Zuschauerin von Schröder & Somuncu in Berlin
    herzliche Schwedengrüsse

  3. Guten Morgen Wolfgang,

    bin mal wieder die Letzte, die was mitkriegt, aber das liegt daran, dass ich Texte, die nicht von richtigen Menschen kommen ignoriere.

    Richtige Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Meinungen mit ihrem richtigen Namen äußern. Den Post von ChatEWt kann man also getrost übergehen.

    Schönen Feiertag und ja, die Schwimmbad-Rezension kommt. Ich muss nur noch eines meiner unsäglich holprigen Referate på svenska vorbereiten. Diesmal über die Rolle des schwedischen Königshauses.

    Je mehr Videos ich von Carl Gustav sehe, desto mehr kommt er mir vor wie eine unglückliche Ente unter lauter schnatternden Gänsen.

    Von ihm kann man lernen, wie man damit umgeht, wenn man trotz angeborener Zurückhaltung eine Rolle erfüllen muss, weil die Öffentlichkeit mit ihren eigenen kindlichen Bedürfnissen nach lautem Tamtam verlangt.

    Liebe Grüße, Isa

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