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Beitrag vom 2. September 2017 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

The Circle von Dave Eggers als Film: Rundweg misslungen

Emma Watson als Mae Holland in »The Circle« (Foto: Universum Film)

Emma Watson als Mae Holland in »The Circle« (Foto: Universum Film)

»The Circle« von Dave Eggers ist ein Bestseller. Doch die Kritik war gespalten. Wer das Buch nicht als Satire und Groteske auf Datensammler wie Facebook und Google und auf den Verlust der Privatsphäre sah, musste dem Werk unglaubwürdige Charaktere und einen schwachen Plot bescheinigen.

Wer daher das Buch nicht als Komödie oder überzogene Satire filmisch umsetzt, kann damit nur scheitern. Die Starbesetzung mit Emma Watson und Tom Hanks trägt zur Enttäuschung bei.

Logiken wider die Privatheit

Was die Geschichte angeht, hält sich der Film von James Ponsoldt eng an die Buchvorlage Eggers’, denn die ist nicht sonderlich komplex: Durch Vermittlung einer Freundin erhält Mae Holland einen der begehrten Jobs im hippen Megakonzern »The Circle«. Wie Google und Facebook sammelt das Unternehmen Daten seiner Nutzer und verspricht eine bessere Welt. »Sharing ist caring!«, lautet der Werbespruch der Firma. Frei übersetzt: »Nur wer sein Privatleben mit anderen teilt, tut Gutes für die Gemeinschaft!« Dies führt zu grotesken Argumentationen der Firmengründer wie: »Privatsphäre ist Diebstahl an der Gemeinschaft«. Mae Holland gerät ins Blickfeld der Firmengründer, und sie wird dazu gedrängt, »transparent« zu werden. Mittels von der Firma entwickelter Minikameras macht sie ihr komplettes Leben öffentlich. Und die Moral von der Geschicht‘ ist natürlich, dass dieser komplette Verlust der Privatsphäre nicht positiv ist. Kein überraschendes Ende. Der Reiz des Romans liegt in den grotesken Überzeichnungen und abstrusen Logiken wider die Privatheit, die sich nur hauchzart von der Wirklichkeit absetzen.

Filmplakat »The Circle«(Foto: Universum Film)

Lockt mit Stars: Das Filmplakat von »The Circle«(Foto: Universum Film)

Regisseur und Drehbuchautor James Ponsoldt begann nach eigener Aussage mit seiner Drehbuchumsetzung, als er sich die Rechte noch gar nicht gesichert hatte. Eggers gefiel diese Adaption offenbar, sodass er im Nachspann des Films sogar als Koautor genannt ist.

Ein einziger nervend erhobener Zeigefinger

Doch Ponsoldts Film ist ein einziger nervend erhobener Zeigefinger. Witz und Ironie blitzen allzu selten auf. Ponsoldt hat die Geschichte ernst und real umgesetzt, sodass sie zu einem medienpädagogischen Moralmatsch wird. Handlung findet so gut wie nicht statt. Stattdessen reden, reden, reden und reden die Figuren: Was sie so machen, was ihre Beweggründe sind, warum was gut und das andere schlecht ist, in welchen moralischen Zwickmühlen sie stecken, welche Wandlungen sie erfahren haben, wie es ihnen geht, was sie können und was sie nicht können, was sie erfreut, ängstigt und belastet. Gefühle werden in diesem Film verbal totgetreten. Hinzu gesellen sich haarsträubend unlogische Momente wie z. B. der, dass Mae nach ihrer Totalüberwachung einfach mal so für ein paar Tage untertauchen kann. Überhaupt: Wo sind die Medien in diesem Film? Sie scheinen nicht mehr zu existieren. So verkündet eine Politikerin, dass sie ihr Leben zum Wohle des Volkes nun öffentlich macht, nicht vor unzähligen Kameras, sondern unspektakulär auf einer Bühne im Garten des Konzerns.

Da spielt schon mal Tom Hanks mit - und dann darf er kaum spielen (Foto: Universum Film)

Da spielt schon mal Tom Hanks mit – und dann darf er kaum spielen (Foto: Universum Film)

Um die vielen Nutzerkommentare zu Maes Leben sichtbar zu machen, greift der Film in die visuelle Klischeekiste und lässt diese per After-Effects durch den Raum schwirren. Das war vielleicht in der ersten Sherlock-Folge noch interessant, doch mittlerweile ist dieser Firlefanz in jeder Fernsehreportage zu sehen.

Piepende Smartphones und Tastengeräusche

Dass in diesem Film vibrierende Smartphones dennoch klischeemäßig piepen und beim Berühren Geräusche von sich geben, konnte offenbar auch Jaron Lanier als »Technical Consultant« des Films nicht verhindern.

Emma Watson nimmt man die Rolle der kleinen besorgten Tochter auf der einen Seite und der konzernaufmischenden Revolutionärin auf der anderen nicht ab. Sie agiert als uninspirierte Abziehfigur. Dass sich Kalden, die dubiose Figur im Hintergrund, schon am Anfang an Mae ranmacht, um ihr die Datengeheimnisse des Konzerns anzuvertrauen, ist ebenso unglaubwürdig wie die sofortige Verunsicherung Maes.

Und dann Tom Hanks! Es tut weh zu sehen, dass er in diesem Film keinerlei schauspielerische Entfaltungsmöglichkeiten hat. Hanks überzeugt durchaus als Steve-Jobs-artiger Bühnenerzähler. Doch das war es dann auch schon. Wobei durchaus für einen kurzen Moment sein ganzes Können aufblitzt, als er von Mae vor allen kaltgestellt wird.

Überambitioniert flach

So vieles könnte man zu dieser filmischen Umsetzung noch anmerken. So viel Schlechtes und Misslungenes. Das fängt schon beim Ton an. Im amerikanischen Original ist bereits akustisch keinerlei Dynamik mehr in den Dialogen. Und es endet bei der schrecklichen Musik, die nervig wie in den Nachrichtensendungen eines Privatradios u. a. die Rede Maes untermalt, weil man das Emma Watson offenbar ohne die akustische Verstärkung nicht zugetraut hat. Wenn es ein Zeichen guter Filmmusik ist, dass sie der Zuschauer nicht störend wahrnimmt, dann ist hier gar nichts gut.

Alles wirkt in diesem Film so überambitioniert flach wie das Ergebnis einer gymnasialen Projektgruppe zum Thema »Datenschutz und Privatsphäre«.

Bill Praxton in seiner letzten Filmrolle als Vater von Mae (Foto: Universum Film)

Bill Praxton in seiner letzten Filmrolle als Vater von Mae (Foto: Universum Film)

Positive Momente? Ja, es gibt einen doppelt berührenden Moment: Bill Paxton in seiner letzten Filmrolle. Die Filmemacher haben den Film dem Anfang 2017 verstorbenen Schauspieler gewidmet. Paxton spielt den an MS erkrankten Vater Maes. Er darf in diesem Film Emotionen darstellen, ohne sie parallel für den Zuschauer zu beschreiben. So kennt man es aus guten Filmen.

Fazit: Auf allen Ebenen misslungen

Die Verfilmung von Dave Eggers’ Bestseller wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die kritische Diskussion über Firmen wie Facebook und Google anzuregen und das eigene Verhalten auf diesen Plattformen zu überdenken. Doch leider ist James Ponsoldt die Umsetzung auf allen Ebenen misslungen. Als Drehbuchautor und Regisseur hat er weder Eggers’ Roman adäquat adaptiert noch die Schauspieler zu einem glaubhaften Spiel angeleitet. Dass bekannte Namen wie Emma Watson und Tom Hanks die Zuschauer in die Kinos locken werden, ist bedauerlich, da die Stars wie im Puppentheater agieren müssen.

Wolfgang Tischer

The Circle. USA, Vereinigte Arabische Emirate 2017. Nach dem Roman von Dave Eggers. Buch und Regie: James Ponsoldt. Darsteller: Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Karen Gillan, Bill Paxton. 119 Minuten. Kinostart Deutschland: 07.09.2017. FSK 12.
Vorschaubild

The Circle – Trailer 3 (deutsch/german; FSK 12)

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4 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Eva Jancak schrieb am 2. September 2017 um 10:32 Uhr

    Das Buch lesen ist wahrscheinlich immer besser

  2. Frank schrieb am 3. September 2017 um 18:26 Uhr

    Ich habe das Buch gelesen und war begeistert. Es wird unserer Gesellschaft der Spiegel vorgehalten und gezeigt wo der Weg hingeht. Den Film werde ich mir ansehen um mir eine eigene Meinung zu bilden.

  3. Eva Jancak schrieb am 3. September 2017 um 21:06 Uhr

    Mir hat das Buch auch gut gefallen, obwohl man es mit dem Orwell wahrscheinlich nicht vergleichen kann

  4. Cassiopeia schrieb am 10. September 2017 um 16:05 Uhr

    Danke für diesen sehr guten analytischen und kompetenten Beitrag. Ich mag Emma Watson, aber mit diesem Film hat sie sich keinen Gefallen getan- Das Buch finde ich klasse.

    CP

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