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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 5. Juni 2009 | Textart: Lyrik
Brillen: Keine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Liebe und Liebelei

von Karl-Ulrich Zimmermann

Werbend sehen ihre weichen Augen
zu mir her, nur halb so alt
wie meine, ich ecke gar im Kreise an,
bin wie gebannt in lichtem Staunen.

Die Gefühle woll’n sich überschlagen,
ihre jung’ Gestalt ist wie ein Reh grazil,
die Haut so zart, wie von einem Kind,
soll ich einfach Nein nur sagen?

Ihr Reden ist wie Sonnenstrahlen,
ich spüre, wie ich lebe,
wie ein lauer Sommerabend
streicheln ihre Hände.

Ihr Mund küsst wie Meereswellen,
mein Herz wiegt trunken hin und her,
nichts kann ich klar noch denken,
der Kopf ist völlig leer.

Ihr junges lachende Gesicht
verfolgt auf jedem Schritt und Tritt,
bin wie gefangen hinter Gittern –
doch mein Herz ereilt ein Zittern:

mit wahrer Liebe hat das alles nichts zu tun,
darüber find ich niemals Ruh’,
es ist mein Herz zum Teilen nicht bereit:
die wahre Liebe mit der verführend Liebelei.

Nun der schnelle Herzensabschied naht,
zu Ende ist der Augen ständig Suche,
die Gefühle sind bald wieder kalt –
und mein Herz hat wieder Fried’ und Ruhe.

© 2009 by Karl-Ulrich Zimmermann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Planloses Wörtergefuchtel
Ein Hüpfen von Zeile zu Zeile, von Einfall zu Einfall und von Bild zu Bild macht noch lange kein Gedicht, da helfen auch altertümelnd gekürzte Wörter nichts – da fehlt es eben an schlicht und einfach an Arbeit!

Die Kritik im Einzelnen

Eiwei aber auch: Schon die erste »Strophe« knirscht und kracht prächtig – ja: Anführungszeichen: »Strophe« heißen bei Gedichten die Apparate, die gleich gebaut sind von Versmaß, Reimschema und Zeilenzahl. In diesem »Gedicht« stimmt lediglich die Anzahl der Zeilen, ansonsten ist alles voll total egal:
Mögen die beiden ersten Zeilen noch durchgehen, auch wenn mir weiche Augen nicht so sehr behagen – aber immerhin stabreimen sie mit werden -, wenn sie denn Vorgabe wären für die nächsten Zeilen, nämlich: fünffüßiger Trochäus mit klingendem, gefolgt von einem vierfüßigen mit stumpfen Ende. So könnte es weitergehen, man hat sich schließlich eingelesen.
Ja Pfeifendeckel! Die dritte Zeile hat freie Rhytmen, die vierte bietet vier Jamben. Und Reime? Gibt’s keine! Muss aber auch nicht seine!
Das zur Form. Was den Inhalt betrifft: Da wirbt ein Weib mit weichen Augen um ein doppelt so altes lyrisches Ich, das darob im Kreise aneckt: Ööh, was denn für ein Kreis? Erdenkreis? Feldenkreis? Oder gehört das weichäugige Weib zum Kreise seiner Liebsten immer schon? Oder eben nicht, und lyrisches Ich eckt wegen der Augenturtelei im Kreise seiner Liebsten an? Aber das kann nicht sein, es kriegt das gar nicht mit, denn es ist wie gebannt in lichtem Staunen – wer oder was immer da bewegungslos verharrt im schütteren Staunen (siehe: lichtes Haar), während es im Kreise gar aneckt (im Gegesatz zum rohen Anecken) oder aber sogar aneckt. Ich konstatiere: Die vernachlässigte äußere Form korelliert kongenial mit dem verkorksten Inhalt! zurück
Dass die erste Zeile dieses Abschnitts das gleiche Metrum hat wie die entsprechende des ersten, ist wohl eher dem Zufall zuzuschreiben, die anderen tun, was sie wollen. Und: 1 Reim wagt sich herfür: schlagen – sagen! Aber warum plötzlich ein Reim, warum so geizig? Was ist so besonders an diesem Abschnitt, dass ihn 1 Reim verpasst wird? Keinen blassen Schimmer.
Das Staunen wird zu Sich-überschlagen-wollende-Gefühle (das böse Freud’sche Überich hebt mahnend die Panzerfaust: wehe, wenn Du willst!), die jung’ Gestalt (warum um Himmelswillen wird hier das End-e abgewürgt, wo doch Metrum und Rhythmus keinerlei Rolle spielen?) ist selbstverständlich rehgrazil, und dass die Haut zart ist, sieht das lyrische Ich auf den ersten Blick, Kosmetikfachmann, der es ist; erfreulicherweise grabscht es nicht einfach drauflos, sondern überlegt sich, ob es Nein sagen soll zu den weichen Werbeaugen – wären da nicht Bannung und Gefühlsüberschläge … zurück
Dieser Abschnitt enthält die kürzesten Zeilen: Das bildet einen unfreiwillig-ironischen Kontrast zu Kitschgehalt; Reime fielen keine ein, fehlen also konsequenterweise wieder.
Sie redet unhörbar wie Sonnenstrahlen (klar: wenn das lyrische Ich – ab jetzt LI genannt – schon nichts sagt), woraufhin LI spürt, wie es lebt: »Wie lebst Du?« – »Och, im Bungalow, 12 Zimmer, 3 Bäder, 8 Küchen – so lala halt«. Und zu allem Überfluss fängt die rehgrazile Kindfrau jetzt auch noch an, das doppelt so alte LI zu streicheln … sanft wie ein lauer Sommerabend: das erste Bild, dem ich zustimmen könnte, wäre es nicht bereits so breitgetrampelt. zurück
Erneut wagt sich ein Reim hereim: her–leer. Inhaltlich eckt der Schmonzes weiter an: Wenn ein Mund wie Meereswellen küsst, dann ist das garantiert kein inniges Küssen, sondern ein immer wiederes(?): …1263, 1264, 1265, 1266 … also etwas für »Das Guiness Buch der Rekorde«. Erstaunlich: die Nackenmuskulatur der rehgrazilen Kindfrau! Doch bleiben wir im Bild: Das Küssen also geht rhythmisch vor und zurück – und sein Herz? Das wiegt hin und her; jedoch trunken – also arhythmisch (wie das Gedicht)! Wenn ich mir nun noch vorstelle, dass das doch recht schwere Herz plötzlich im Brustkorb hin- und herschlägt und diesen also tendenziell mitnimmt, was das für weiter oben für Koordinationsprobleme gäbe … Da möchte man doch glatt Mäuschen sein und die Treffer zählen!
Nun folgt – etwas spät – eine Erkenntnis, nämlich dass LI »nichts klar denken kann« (konnte es von Anfang an nicht!) – und warum? Weil der Kopf völlig leer ist! Wie kann der Kopf dann bitteschön denken, dass er völlig leer ist? zurück
Dieser Abschnitt präsentiert einen eimsamen Paarreim – hatten wir noch gar nicht (Gittern-zittern) – sowie grammtisch schräg ein junges lachende Gesicht. Spannend: Dieses dauerküssende Lachgesicht wird auf jedem Schritt und Tritt verfolgt! Von wem? Einem schlechten Gewissen, weil das alte LI nicht mitmacht, sondern sich nur beschwatzen, bestreicheln und beküssen lässt? Weil es eine Wette verloren hat? Weil es keinen Rekord aufstellen konnte? Wir werden es nie erfahren.
Das LI hingegen ist wie gefangen – aber nicht einfach nur irgendwie gefangen, sondern: wie gefangen hinter Gittern – also vom Gericht verurteilt und nun in der JVA; aber warum? Pädophilie? Unterlassene Hilfeleistung? Trunkenheit beim Küssen? Auch das werden wir nie erfahren!
Noch ist dieser Abschnitt nicht zuende, der mit einem Doppelpunkt enden wird: Das trunken hin- und herwiegende Herz, zudem mit dem gewöhnlichen Schlagen beschäftigt, ereilt nun noch ein Zittern; das kann von Rechts wegen nur eines bedeuten: Herzinfarkt! Schluss, aus, Amen! Doch es folgt der Doppelpunkt: Was will dies uns wohl sagen? Etwa die Moral von der Geschicht? zurück
Reim- und sinnlos diese Moral: Mit Käsekuchen hat das nichts zu tun, / deswegen aber will ich jetzt nicht ruhn, / ich bin, mein Herr, zum Teilen nicht bereit / den Käsekuchen schlag ich lieber breit.
Meine Variante hat die Vorteile eines klaren zwiefachen Paarreimes, eines durchgängig fünffüßigen Jambus’ sowie eines verständlichen Inhalts. Was aber hat die einseitige Anbaggerei einer rehläufigen Kindfrau mit Liebelei zu tun? Wieso findet LI darüber keine Ruh und nicht darunter oder deswegen und warum überhaupt? Wie kann ein Herz Liebe mit Liebelei teilen? Denn teilte ich meine Liebe mit einer anderen Person, würde ich diese ja ebenfalls lieben (und nicht liebeleien)!
Das krude & grause Fazit wurde gezogen – warum muss denn jetzt noch ein Abschnitt folgen? Was muss den jetzt noch an Ungereimtem losgelassen werden? zurück
Reimlos und schnell verabschiedet sich das Herz – Herzinfarkt, hab’s doch geahnt!
LI stellt fest, dass seine Augen nichts mehr suchen – dabei haben die die ganze Zeit überhaupt niemals nie nichts gesucht! Genausogut hätte da stehen können: zu Ende ist der Augen ständig pusten … das haben sie nämlich auch niemals nie nicht getan.
Die sich überschlagen habenden Gefühle sind bald wieder kalt: fein! Und? Weg mit der hitzigen Liebelei – es lebe die wahre kalte Liebe, die man ja nicht mit der Liebelei teilen will kann mag? Nun, jedem das seine, dem LI seine Kaltspeise.
Schon vergessen? Es ereignete sich ein Herzinfarkt! Und damit hoffentlich endgültigen Frieden und ewige Ruhe – und, bitte, bitte: keine Wiedergeburt! zurück

© 2009 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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