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Stichwort: Prosa

Alle Beiträge, die von der literaturcafe.de-Redaktion mit dem Stichwort »Prosa« versehen wurden.

Beitrag vom 24. Januar 2017 | Rubrik: Textkritik

Horror-Kitsch in der Textkritik: Überflüssige Wörter und hilfloses Übertreiben

„Quantenphysik!“, wispert der Nachtmahr auf Lillys Brust. Die roten Augen mit den sternförmigen Pupillen glitzern, der groteske Körper ist so schwer wie ein Felsbrocken, raubt ihr den Atem.
Lilly starrt auf den hässlichen Dämon, versucht sich einzureden, dass dies nur ein schrecklicher, viel zu realistischer Traum ist. Sie hat aufgehört, sich zu wehren, gegen das Monster anzukämpfen, denn mit jedem Versuch wird es nur noch schwerer, erdrückender.
„Quanten … was?“ keucht sie. Sie muss Zeit gewinnen. Einen Plan aushecken, um dem Nachtmahr zu entkommen, aber in ihrer Panik schafft sie es kaum, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Quantenphysik!“, wiederholt der Nachtmahr ungerührt. „Eine Art von sich selbst erfüllender Prophezeiung. Seit grauer Vorzeit habt ihr Menschen Angst vor tausend Dingen. Vor Göttern. Monstern. Kobolden. Nachtmahren, wie man uns früher auch nannte.“
„Ich verstehe nicht …“, keucht Lilly.
„Hätte mich auch gewundert.“ Der Nachtmahr bewegt seine großen, krallenbewehrten Füße, und der Druck auf Lillys Brustkorb nimmt weiter zu, wird vernichtend. Noch ein wenig mehr, und ihre Rippen werden brechen wie dürre Äste.
„Eure Angst ist eine Form der Energie, verstehst du?“, flüstert der Nachtmahr. „Und jene Energie, ausgestrahlt von Millionen von Menschen über tausende von Jahren, beginnt sich zu verdichten. Sickert aus der Dimension der Möglichkeiten in das materielle Universum. Und nun bin ich hier.“
Lilly schaut in das schreckliche, grobschlächtige Gesicht, in die unmöglich roten Augen.
„Warum ich?“, stöhnt sie.
„Weil du an mich glaubst.“ Der Nachtmahr schürzt die wulstigen Lippen. „Und zwar mehr als viele junge Mädchen deines Alters. Du bist eine Art … Portal, verstehst du? Ein Zugang für Wesen wie mich. Und wenn ich dich jetzt dann gleich töte, bleibt dieser Zugang, dieses Tor weit offen — und ich kann in eure Dimension gelangen, wann immer ich will.“
Lilly atmet tief ein, so tief es mit diesem schrecklichen Gewicht auf der Brust geht. Wenn sie sich wie eine Feder anspannt und dann ihre ganze Kraft auf einmal freisetzt, kann sie das Monster vielleicht abwerfen, davonrennen, um Hilfe schreien …
„Vergiss es!“, haucht der Nachtmahr, und der Druck wird stärker, unerträglich. „Du glaubst nicht wirklich daran, dass du mich besiegen kannst — und somit kannst du es auch nicht. Du wirst sterben. Jämmerlich ersticken, während ich dir dabei in die Augen sehe. Und wenn der Gerichtsmediziner dich dann morgen seziert, wird es aussehen, als hätte dein Herz einfach zu schlagen aufgehört. Selten, in deinem Alter, aber es kommt vor.“
Lillys Widerstand erschlafft. Der Dämon hat Recht. Sie glaubt an ihn — fühlt es mit jeder erdrückenden Sekunde! — und nein, sie glaubt nicht daran, dass sie ihn besiegen kann. Sie wird heute Nacht sterben, wahrscheinlich in den nächsten Minuten.
Die Erkenntnis bringt eine lähmende innere Leere. Tränen rinnen über ihre Wangen, während sie nach Atem ringt.
„Bitte!“, keucht sie. „Geh einfach …“
„Keine Chance. Ich bin hier, um dir deine Lebensenergie abzusaugen.“
Die Wut kommt unerwartet. Lilly ballt die Fäuste und beginnt, von der Seite auf den Nachtmahr einzuschlagen, auf seine groben Arme, seine angewinkelten Beine. Die Haut des Dämons fühlt sich an wie die eines Krokodils, rau und unangenehm warm. Lilly zwingt einen tiefen Atemzug in ihre Brust, doch statt eines Schreis kommt nur ein heiseres Krächzen. Ihre Eltern im Zimmer nebenan können sie nicht hören.
„Macht dir das eigentlich Spaß, du Missgeburt?“ presst sie hervor.
Der Nachtmahr runzelt die fliehende Stirn. Schweigt. Scheint über die Frage nachzudenken.
„Spaß … keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?“
Lilly schaut ihn entgeistert an, ihr Atem gequält und flach. „Was?“
„Woher soll ich das wissen?“ wiederholt der Dämon. „Ihr Menschen habt euch ein Bild geschaffen. Von einem Monster, einem Nachtmahr, der sich nachts auf Schlafende setzt, ihnen den Atem, den Seelenfrieden und schließlich das Leben raubt. Aber keiner hat sich je Gedanken darüber gemacht, ob mir das Spaß machen sollte!“
Lilly schließt die Augen. Öffnet sie blinzelnd wieder. Ihre Lebenskraft nimmt mit jeder Sekunde ab.
„Ich glaub’s einfach nicht.“ Sie atmet röchelnd durch. „Du tust einfach das, was man von dir denkt, ohne es zu hinterfragen? Ohne wissen zu wollen, ob das Ganze einen … einen Sinn ergibt?“
Wieder scheint der Dämon nachzudenken. „Interessante Frage!“, sagt er. „Wahrscheinlich tue ich das tatsächlich.“
„Und?“ sagt Lilly. „Könntest du das nicht ändern?“
„Ändern?“ Die roten Augen des Nachtmahrs werden zu Schlitzen. Er schaut sich um, als wäre ihm auf einmal nicht mehr so richtig wohl. „Wie sollte ich die Situation ändern? Und warum?“
„Du hast die Wahl!“, sagt sie matt. „Du kannst weiterhin Dinge tun, von denen du nicht mal weißt, ob sie dir Spaß machen, nur, weil man es von dir erwartet. Oder“ — ein gequälter Atemzug — „du machst dich frei von den Erwartungen der anderen. Tust das, was dich erfüllt.“
Der Druck auf Lillys Brust nimmt zu, und ihre Augen quellen hervor, während sie verzweifelt nach Luft ringt. Es macht ihm Spaß, denkt sie panisch. Oh Gott, es macht ihm wirklich Spaß!
Plötzlich ist das Gewicht weg.
Lilly sitzt im Bett auf, atmet keuchend durch. Vor dem offenen Fenster bewegt sich der Vorhang — und hängt dann wieder ruhig.

© 2016 by Yves Patak. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Grauslich zusammengepfuschter Horror-Kitsch
Da passt gar nichts zusammen, kann auch nicht, denn da wird nur wild herumgeblödelt. Zu verbessern ist auch nichts, das kann man nur löschen.
PS: Ich habe mir erlaubt, den Schweizer Sprach- und Schreibgebrauch dem Hochdeutschen anzupassen.

Die Kritik im Einzelnen

Ich würde schrecklicher, viel zu realistischer streichen, denn das ist bereits durch die Umstände deutlich. zurück

Auch hier wieder zu viele überflüssige Wörter: Es reicht doch, wenn sie aufhört, sich gegen das Monster zu wehren. Da braucht es kein anzukämpfen mehr. zurück

Und wieder zuviel der Wörter! Oder soll das eine Erklärung für Dummis sein, die davon völlig überrascht sind, dass etwas, das auf einem lastet, auch erdrückender wird, wenn es schwerer wird? zurück

Ja was denn jetzt: Muss sie Zeit gewinnen, um einen Plan auszuhecken, um dem Nachtmahr zu entkommen? Kann sie nicht einfach einen Plan aushecken zu diesem Zweck? Und wozu all diese albernen Überlegungen, wenn sie es kaum schafft, einen klaren Gedanken zu fassen?
Löschte man diesen Abschnitt, würde ein Leser jedweden Geschlechts nichts vermissen! zurück

Erneut dieses hilflose Übertreiben! Soll das eigentlich Spannung erzeugen? Da wird ein Druck vernichtend – aber die Rippen halten das spielend aus: Dafür müsste ein Druck nämlich vernichtendER werden, vernichtend ist nicht genug, damit kann man keinen Toten töter machen … zurück

Der Nachtmahr hat ein schreckliches & grobschlächtiges Gesicht, und seine Augen sind unmöglich rot, an die sternförmigen Pupillen hat sich Lilly offenbar gewöhnt. Was aber ist ein schreckliches Gesicht? Grobschlächtig kann ich mir vorstellen, schrecklich hingegen ist schrecklich nichtssagend. Und was ist ein unmögliches Rot, wenn es doch möglich ist, Lilly sieht es schließlich?
Dieser Pfusch darf ersatzlos gestrichen werden! zurück

Jetzt dann gleich … warum sagt er das? Warum tötet er Lilly nicht einfach? Schließlich ist das doch ein Nachtmahr! zurück

Vorhin war das Gewicht noch vernichtend, jetzt ist es nur noch schrecklich – das verstehe, wer will! zurück

Munter weiter mit diesem hilf- und substanzlosen Wörtergewimmel: War der Druck vorhin vernichtend, dann nur noch schrecklich, so wird er jetzt wieder stärker – jedoch selbstverständlich ohne dass Lillies Rippen endlich brechen, wie der Erzähler versprochen hatte.
Je nun: Was geht einen Erzähler auch sein Geschreibsel von vorher an! zurück

Jetzt drücken Lilly auch noch die Sekunden – aber immer noch bleiben die Rippen heil! Hey, was für Monsterrippen muss das Mädel haben! zurück

Hach, endlich mal wieder diese begnadete, in keiner Kitscherzählung fehlende lähmende innere Leere! Wären die Rippen wie versprochen doch noch wie dürre Äste zerbrochen, wäre es innen zumindest nicht ganz so leer! zurück

Soso, die Haut eines Krokodils fühlt sich unangenehm warm an? Wer weiß denn so was? Nun: Das spürt frau, wenn sie mit Fäusten draufschlägt … Egal – jedenfalls scheinen die jetzt überflüssigerweise hinzugezogenen Eltern einen gesunden Tiefschlaf zu haben, wo doch Töchterchen und Nachtmahr schon die ganze Zeit krächzen und keuchen und stöhnen, dass es eine Art hat. Diese Eltern können wir getrost vergessen! zurück

Fassen wir zusammen: Zunächst raubt der Nachtmahr seinem Opfer den Atem. Wenn das Opfer erstickt ist, wird ihm der Seelenfrieden gemopst und anschließend dem erstickten Opfer noch das Leben geraubt – das wiederum kann dann nur das kirchlich angedrohte ewige sein, das andere war ja bereits erlegt! Immerhin eine gute Tat, jemanden vor dem ewigen Leben (sprich: ewige innere Leere) zu bewahren … Chapeau! zurück

Bei jedem Menschen nimmt die Lebenskraft seit Geburt mit jeder Sekunde ab: Was ist da so besonders, dass es bei Lilly extra erwähnt werden muss? Und wann stoppt diese Abnahme, schließlich lebt Lilly ja heiter weiter?
Das soll vermutlich bloß dramatisch und spannend sein, steckt aber leider zu tief im Allerwertesten des Kitsches. zurück

Dieser immer weiter zunehmenden Drücke bin ich überdrüssig: Wann in Dreiteufelsnamen kommt es denn endlich zu den versprochenen Rippenbrüchen? Das hat mit Spannung schon lange nichts mehr zu tun, das ist Stümperei pur! zurück

Nix mit Dimension der Möglichkeiten oder Quantenphysik – unser Nachtmahr verschwindet profan durch ein Fenster! Was ein Schrott! zurück

Beitrag vom 9. Dezember 2015 | Rubrik: Textkritik

Eine Textkritik am Rande des Abhangs

In einer Nacht vom 28. Februar auf den 1. März tobte ein Sturm über Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ein Ergebnis dieses Ereignisses wog 2430 Gramm, hatte eine Länge von 48 Zentimetern und erhielt den Namen des Sturms: Wiebke. Das ist banal. Die schönsten Frauennamen enden auf a. Sturmunabhängig.

Die Eltern lebten noch manches Jahr neben sich her. Weitere Stürme kamen nicht auf.

Wiebke blieb leicht, von kleiner Statur, und trug mit vier Jahren eine Brille zwischen dem Kastanienrot ihrer Haare.

Die Mutter ging Zigaretten holen, als Wiebke fünf Jahre, 364 Tage und sieben Stunden alt war. Sie kam nie zurück. Manche Frau lebt, was Mann will. Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen.

Ihren sechsten Geburtstag feierte Wiebke ohne schriftlichen Gruß und Sopran beim Geburtstagsständchen. Den Kuchen hatte der Bäcker die Straße quer gegenüber gebacken. Wie jeden Tag. Wiebkes Vater konnte nicht backen. Ein Herd, viele Schalter. Es gab auch Licht auf dem Geburtstagstisch – eine selbstklebende Leuchtfolie in Neongrün, mit den Jahren ausgewechselt in LED-Lauflicht-Streifen mit Farbwechsel.

In dem Film Hass heißt es am Anfang und am Ende: »Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von ‘nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut …‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!« Stimmt.

Wiebkes Vater heißt Hugo. Er ist 31 Jahre alt, von Sternzeichen Widder. Mancher weiß nun alles, was er wissen muss. Hugo trägt ein voreiliges Grau in den Schläfen und er arbeitet in Wechselschicht. Früh – spät – nachts. Seine Arbeitskleidung ist eine blaue Latzhose, die er häufig wechseln muss aufgrund der Hitze am Arbeitsplatz.

Hugo schäumt in einem Automotive-Unternehmen. Er ist so wenig Schäumer wie einer, der bohrt, ein Bohrer ist. Nicht jede Tätigkeit verdient einen eindeutigen Namen. Hugo hilft bei der Fertigung von Stoßfängern, Kotflügeln, Längsträgern und Heckspoilern für noble Karosserien wie Bentley, Bugatti, Lamborghini und Porsche. Sein eigenes Auto ist ein alter Ford Escort LX Overwiew, rot, Baujahr 1996. Dieses Verkehrsmittel wird bei der nächsten TÜV-Prüfung gnadenlos durchfallen. Das ahnt Hugo schon heute.

Wenn Hugo Spät- oder Nachtschicht hat, darf Wiebke auf dem Weg in den Kindergarten im alten Ford sitzen, vorne, wie eine Königin. Die anderen Kinder werden außerdem im Auto gefahren, wenn Hugo Frühschicht hat.

Das Lieblingsessen von Wiebke ist Pommes mit Schnitzel. Schnitzel lassen sich zubereiten wie folgt: Jemand klopfe sie weich, wende sie in wenig Weizenstaub, Keimzelle, Bröseln und brate sie sanft in Butter. Wird die Butter schwarz, war sie zu heiß. Versuch und Irrtum nach Thorndike.

Wiebkes Mutter lebt mittlerweile irgendwo mit irgendwem. Irgendwer entwickelt sich nach erster Romantik zu einem, bei dem nach zwei bis ungezählt Flaschen Bier die Hand eigenständig ausholt. Ziel ist zu 99,9 Prozent Wiebkes Mutter. Der Rest trifft die Wand. Glück erkennt sich später. Wiebkes Mutter wird bei ihm, der namenlos bleibt, ausharren, bis wer wen ins Grab bringt. So oder so gibt es keinen Fehler in dieser Rechnung.

Voller Sehnsucht denkt Wiebke oft an ihre Mutter. Nachts kräuseln sich Gedanken zu Bildern. Kinder sind so. Die Phantasie macht aus Müttern Mütter.

Hugos Vater Hermann ist seit 37 Jahren verschollen im Land. Man denke sich einen Vater aus und werde, wie er ist.

Seit dem 10. März, sechs nach Wiebkes Geburt, ist Hugo Vater. Er war auch vorher Vater, nebenbei von Arbeit, Streitigkeiten, Geldnöten. Als Wiebkes Mutter nicht nach Hause zurückkehrte, er zwei Stunden, drei Stunden, fünf Stunden auf den Nachschub der Zigaretten wartete, das Kind leise im Bett unter der Decke weinte, stellte er sich eine einzige Frage: »Wie?«

Wiebkes Mutter, die den Namen Carla erhält, wollte nie Mutter sein. Sie mochte den Bauch nicht, den sie vor sich her schob, sie mochte kein Geschrei von einem strampelnden Zellhaufen, keine Windeln, weder mit noch ohne, kein Glucksen und Spucken. Was Wiebkes Mutter mochte war, sich ellenlange Sendungen aus dem Bildungsfernsehen von Teil eins bis achthundert siebenundneunzig anzusehen, dabei kiloweise Chips und Salzstangen zu verzehren, um innerhalb von vier Jahren ihr Gewicht erfolgreich zu verdoppeln.

Hermann, mit sechsundsechzig bereits alt und gebeugt, wünscht sich mittlerweile ein Enkelkind, vielleicht ein Zartes mit kastanienrotem Haar oder ein Schaf mit treuen Augen oder eine Maus mit weichem Fell. Hauptsache ein pochendes Herz, egal in welcher Größe.

Die Lebenserwartung von Hermanns Frau Lotte lag statistisch gesehen höher als seine. Entgegen jeder Statistik ist sie früher gestorben. Nicht alles lässt sich auf die Minute berechnen.

Ein wesentlicher Punkt, wenn nicht der Wesentlichste in der Geschichte, ist die Wohnung von Hugo und ehemals Carla. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach lebensmüde und strömt einen Geruch aus, der an Faulheit erinnert. Farblos geht sie in Tag und Nacht, als wolle sie ihre Belanglosigkeit offensiv demonstrieren. Ihr innerer Zustand ist wie kurz vor einer Organtransplantation. Drohende Komplettentleerung, und Überleben nicht unbedingt gesichert. Hier ist sich am Rande des Abhangs mit allen erdenklichen W-Wörtern daheim. (Auch eine grammatikalische Entartung muss dabei nicht fehlen!)

Hugo fällt. Die Landung ist nicht aufzuhalten, so wenig wie überhaupt.

© 2015 by Louise Lunghard. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein grandioser, vorbildlich eigenwilliger Text
Wie hier mit Erwartungen, Sprache und Konstruktionen gespielt wird, sucht seinesgleichen! Genauere Hinweise und Begründungen finden sich in der Einzelkritik. Ich bin mehr als nur sehr gespannt auf den ganzen Text!

Die Kritik im Einzelnen

Was ein famoser Beginn: Es wird nur angedeutet, man bekommt lakonisch Schnipsel geliefert, die Zusammenhänge muss man selbst herstellen. Dazu tritt der Erzähler auf, kommentiert die Ereignisse, gibt seinen Senf dazu: In dieser Sturmnacht wird ein Kind gezeugt und nach dem Sturm benannt – das sei banal. Wieso? Der Erzähler hält halt Frauennamen auf a für besser: das seien die schönsten!
Wir erfahren: Die Ehe schlurte vor sich hin, stürmische Nächte gab es wohl nicht mehr (zumindest nicht im erotischen Sinne). Andere Erzähler würden vielleicht nach Erklärungen suchen, das Scheitern dieser Beziehung untersuchen – aber nicht hier: Es ist, wie es ist. Sachlich, trocken, neutral.
In dieser Beziehungslosigkeit wächst Sturmtochter Wiebke auf. Sie ist Brillenträgerin seit ihrem vierten Lebensjahr. Erst jetzt wird deutlich, was Die Eltern lebten noch manches Jahr neben sich her eigentlich für Folgen hat: Wiebke spielt keine Rolle, wichtig ist sie nur bei der Brille.
Dieser uralte Witz vom Geschwind-Zigaretten-holen-Gehen bekommt eine ironische Umwertung durch das lapidare Manche Frau lebt, was Mann will – denn das könnte auch anders verstanden werden, nämlich so, dass Wiebkes Vater genau das gewollt hätte, aber nur Frau das ausführen kann. Tatsächlich war es ja der Mann, der das Nebeneinander-her-Leben duldete. Frau aber hält es nicht mehr aus und holt geschwind Zigaretten.
Der Zeitpunkt wird buchhalterisch-exakt genannt. Wer nicht aufmerksam ist, merkt nicht, dass die Mutter einen Tag vor Wiebkes 6. Geburtstag verschwindet. Deswegen fehlt der Sopran, und es gibt nicht einmal einen schriftlichen Gruß. Was sagt uns das zum Verhältnis der namenlosen Mutter zu Wiebke?
Schön, dass dazu weiter nichts ausgeführt wird; so lassen sich eigene Schlussfolgerungen zum Charakter der Mutter ziehen – auch wenn uns tiefere Gründe verschwiegen werden.
Vom Vater wissen wir, dass ihn die Bedienung eines Herds überfordert – das wird selbstverständlich nicht ausgesprochen. Das schmucklose Ein Herd, viele Schalter macht das Alberne von Vaters Überforderung viel anschaulicher. Dass es auch Licht gab in dieser letztlich traurigen Situation, ist blanker Zynismus: Schließlich handelt es sich nur um Beleuchtung!  zurück

Das Thema des Romans wird eingeführt, es geht um den Absturz, und schließlich um die Landung. In ersten Kapitel bekommen wir nur den Beginn des Absturzes mit! zurück

Wer kennt nicht diese Frage nach dem Sternzeichen! Die fragende Person glaubt dann anhand der Antwort tatsächlich, alles zu wissen über den Befragten. Die Fragenden nicken sogar dann wissend, wenn man ein falsches Sternzeichen angibt. Und lässt man sie raten, liegen sie in der Regel falsch. Also: Der Vater ist Widder? Mir sagt das gar nichts. zurück

Diese Personifizierung einer Farbe hat was: Fühlt sich Hugo deswegen etwa alt? zurück

Es sollte wegen der Hitze heißen, denn diese ist der Grund für den Kleiderwechsel; aufgrund wird korrekt verwendet bei Motivation oder Einstellung zu einer Handlung: Aufgrund seiner Erfahrung … (also nicht wegen seiner Erfahrung!) zurück

Schäumer = Schaumschläger? Das ist einfach nur witzig!  zurück

Jetzt unterweist der Erzähler Hugo in der Kunst der Schnitzelzubereitung – schließlich ist das Wiebkes Lieblingsessen, und Mutter ist weg. Allerdings fehlt noch die Bedienungsanweisung für den Herd. Und ob Hugo beim Einkaufen Weizenstaub finden wird oder gar Keimzellen, bleibt fraglich. zurück

Ist das Ziel nicht zu 100% die Mutter, und beträgt lediglich die Trefferquote 99,9%? Das würde ich umformulieren. zurück

Erneut bissige Wortspiele, diesmal mit den Bedeutungen von Mutter bzw. Vater: zum einen die biologische Ebene, zum anderen die familiäre. zurück

Zunächst habe ich den Punkt nach Frage ersetzt durch einen Doppelpunkt, denn diese Frage folgt unmittelbar. Dabei ist das gar keine Frage, sondern lediglich ein simples Fragewort! Es liegt beim Leser, dieses Fragewort zu ergänzen, und ich vermute, da gibt es nichts Falsches! Der Erzähler hält sich deswegen fein raus. zurück

Erneut dieses Spiel mit dem Leser: Wiebkes Mutter erhält genau an dieser Stelle ihren Namen, so, als ob dem Erzähler gerade eingefallen wäre, dass sie noch keinen hat. Gleichzeitig tut der Erzähler so, als handle es sich um eine reale Person, die durch einen erfundenen Namen geschützt werden müsse. zurück

Dieses sprachliche Zahlenmonster (897) würde ich durch Ziffern ersetzen (wie alle Zahlen jenseits der 12). zurück

Man hätte viel erzählen können über das Zerwürfnis zwischen Hugo und seinen Eltern; angedeutet war es schon sehr früh durch seit 37 Jahren verschollen im Land. Jetzt erfahren wir, dass er sich am liebsten ein Enkelkind gewünscht hatte mit kastanienrotem Haar … dabei hat er ein solches. zurück

Die Personifizierung der Wohnung als ironische Verkehrung: Die Wohnung hält diese Personen nicht mehr aus? Wohl eher hält Hugo es nicht mehr aus. zurück

Es ist sich daheim: Welch gelungene grammatische Entartung! zurück

Beitrag vom 2. Juni 2015 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Dieser Text sitzt nicht so richtig

Und schön brav sitz …

INTRODUCTIONS: My name is … Nazywam się … What’s your name?

Häufig ist das Leben nur ein Warten auf das Sterben. Du sitzt jahrzehntelang rum. Schon bald nach dem kurzen Liegen und dem langen Aufstehen wieder hinsetzen.

Vielleicht schön im Cafe zu Croissant und Tee, aber meistens am PC.

Dein Arbeitsplatz im Rollstuhl mit 5 wohlgeformten Beinen. Chromglänzend oder Alu-gebürstet. Auf jeden Fall schöner als die eigenen. Armlehne, Rückenlehne, Lendenwirbellehne, Lordosenstütze. Flexibel verstellbar, bis alles verstellt ist.

Das hochgestellte Leben ersitzen im Off-Roader durch den Innenstadt-Stau. Das Gefühl von Macht und einen runden Popo kriegen. Sehr sexy, isn´t it?

Viele sitzen auch tief unten in den Rhein-Bahn-Verliesen, wie es sich lebende Ölsardinen nicht gerne gefallen ließen.

Aber immer organisiert, schnell und sichel, das ist doch der wahre Deutsche Michel.

Nach der Arbeit auch schon mal ein Stündchen am Tresen sitzen und über Deine Rückenschmerzen schwitzen. Gelbgoldene Gerste gibts gegen den Geschmack vom Büroschlafkaffee der Maulfechter. Fürs Bauchweh ein, zwei Jägermeister. Und noch ein, zwei hinterher für die gute Laune, wenn noch Kredit da ist. Ein kleines Leben.

Aber dann schnell nach Hause, denn da wartet schon das große Leben. Es ist auf DVD, wird gestreamt oder kommt einfach so aus dem HomeCinema 7.1. Hinein in den Kunst-Ledersessel und dann nur noch Breitband, Bruder. Das ist Deine Heimat, Hallelujah.

Während der ausgestrahlten Dauer-Werbungsendung schnell noch auf der Küchenarbeitsplatte hacken und Staub wischen. Immer wieder, bis nichts mehr geht. Dann kommt die Schlafenszeit, und Du kannst endlich davon träumen, was Dich bewegt. Mach doch.

© 2014 by Frank Panzer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Völlig verkorkste Moralinpredigt.
Ein paar angewandte Stilmittel machen noch keinen brauchbaren Text.

Die Kritik im Einzelnen

Was sollen diese INTRODUCTIONS? Nur wegen dem Anagramm mit den Buchstaben m,y,n,a,m,e,i,s? Schön.  Zum wahren Namen des Autors gibt es allein zehn!  Interessiert aber letztlich nicht, denn  es hat nichts mit dem folgenden Inhalt zu tun: Streichen! zurück

Schönes Spiel mit dem Reim Cafe-Tee-PC zurück

Das haut grammatikalisch nicht hin. Was ist gemeint: Das Gefühl von Macht und Einen-runden-Popo-Kriegen? Oder sollte es heißen: Das Gefühl von Macht. Und einen runden Popo kriegen.  Sollte letzteres der Fall sein, drängelt sich die Frage auf: Was ist das Besondere an einem runden Popo? Und was hat der wiederum mit einem SUV zu tun? zurück

Da ist nichts sexy! Das wäre allenfalls der Klischee-überfrachtete knackige … Brauchts so wenig wie die Introductions! zurück

Erneut ein Reim: Verliesen-ließen. zurück

Einfach nur albern ist der Deutsche Michel, der gern bemüht wird, um zu demonstrieren, dass man anders ist als die anderen, weil man den Durchblick hat. zurück

Jetzt klinkt sich der fiktive Erzähler aus: Ließe sich ein du bislang als allgemeine Ansprache verstehen, wird es jetzt dank der Großschreibung zur direkten Leseransprache, dem damit die Leviten gelesen werden: SO bist Du, und merkst es nicht einmal! Peinlich … zurück

Wieder ein Reim: sitzen-schwitzen. So weit, so gut, als Stilmittel erkannt! zurück

Als Stilmittel jetzt die Alliteration: fünf Mal ein g – Gleichzeitig wird Bierwerbung parodiert.  zurück

Diese Bewertung kann ersatzlos gestrichen werden. zurück

Eine schwächliche Alliteration und zusätzlich eine Anbiederung an den Deutschen Michel, denn der wird jetzt Bruder genannt  … ist das jetzt unfreiwillige Selbstironie, also ein Versehen? Oder ein bewusster Akt? zurück

Jetzt hat er’s dem Leser aber gegeben – Hallelujah! Wenn er jetzt nicht endlich aufwacht … Streichen! Das ist schon oberpeinlich! zurück

Wenn er nur bei einer „ausgestrahlten“ Dauer-Werbesendung auf der Küchenarbeitsplatte herum hackt, dann muss er dauernd auf ihr herumhacken, schließlich wird eine Dauer-Werbesendung dauernd ausgestrahlt  … das ging völlig daneben! zurück

Jetzt wird auch noch das Thema verlassen: Es ging doch wohl ums SITZEN! So etwas passiert halt, wenn man beim Drauflosschreiben den Faden verliert. zurück

Bis WAS nicht mehr geht? Das Hacken, weil die Arbeitsplatte wegen dem Dauerhacken kleinst gehackt ist, z. B. zu Staub? Der kann ja dann mit dem Staubtuch … Was soll’s! zurück

Nö! Hab ich keine Lust zu! zurück

Beitrag vom 5. September 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Beklemmend, stimmig – vielleicht ein Anfang

Die Knöpfe waren aus Perlmutt. Hätte die Bluse keine Knöpfe gehabt, dann wäre das alles nicht passiert. Manchmal wünschte Luise, sie hätte die Finger von der Bluse gelassen. Es war Mai und schönster Frühling, aber auch das war keine Entschuldigung. Sie war gerade dabei, die Kaschmirpullover nach Größen zu sortieren und zu ordentlichen Stapeln aufzutürmen, zum dritten Mal an diesem Vormittag. Da stand plötzlich Frau Witte neben ihr und forderte Luise auf, sich zu den Personalräumen zu begeben. Es sei dringend, sagte sie, und ihre Augen blitzten bösartig, obwohl sie mit den Lippen lächelte; das konnte nichts Gutes bedeuten. Vor ihrem Spind standen zwei Herren, die dort definitiv nichts zu suchen hatten. Dieses war der Pausenraum für die Verkäuferinnen. Hier bewahrten sie nicht nur ihre Siebensachen auf, sondern führten auch die wichtigsten Gespräche, tauschten die neuesten Nachrichten aus und meckerten über Kollegen, die sie nicht leiden konnten. »Hallo, Frau Barringa!« begrüßte sie der Personalleiter, obwohl sie sich an dem Tag schon begegnet waren. Er war ungefähr in dem Alter ihres Sohnes und trug im Geschäft nichts anderes als graue Anzüge – tagein, tagaus denselben Schnitt und dieselbe Farbe. Auch seine Haare sahen immer gleich aus, obwohl er sie jeden Morgen mit Gel durchknetete. Einmal war sie ihm in der U-Bahn begegnet und hatte ihn in seiner Freizeitkleidung fast nicht erkannt. Doch heute war er wieder wie aus dem Ei gepellt und erinnerte sie an einen Fußballspieler, der aus Versehen eine Krawatte trug. Neben ihm stand Charlie, der Sicherheitsmann, dem sie kürzlich noch dabei geholfen hatte, ein Formular für seine Steuererklärung auszufüllen. Er war zwar nicht der Gescheiteste, aber immer freundlich. Umso befremdlicher fand sie es, dass er sie jetzt nicht ansah, sondern ohne jegliche Befugnis an ihrem Spind herumfummelte. »Was soll denn das?« fragte sie, obwohl sie es schon ahnte. »Würden sie das bitte einmal aufmachen?« bat sie der Personalleiter in einem höflichen und zugleich strengen Ton. Er gab Charlie durch eine Handbewegung zu verstehen, dass er von der Tür zurücktreten solle, was dieser nur widerwillig tat. Sie fingerte das Bändchen mit der Chipkarte aus ihrem Halsausschnitt und steckte die Karte in den Schlitz, so dass der Spind mit einem knackenden Geräusch aufsprang. Dann trat sie selbst zwei Schritte zurück und stellte sich neben Charlie, während der Personalleiter nach der Tüte griff und hineinschaute. Er sah erst Charlie an und dann sie. In diesem Moment betrat Frau Witte den Pausenraum und ihr billiges Parfüm schlug Luise sofort auf den Magen. »Danke, Charlie, ich brauche Sie nicht mehr!« sagte der Personalleiter und wandte sich dann Luise zu: »Sie dürfen wieder abschließen, Frau Barringa, und dann folgen Sie mir bitte!« Auf dem Weg zu seinem Büro, das sich zwar auch im dritten Stock, aber am anderen Ende des Flurs befand, biss sie die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Übelkeit an, die es ihr unmöglich machte, ein Wort herauszubringen. Sonst hätte sie vielleicht schon laut protestiert oder dem Kerl die Meinung gesagt, aber das ging nicht und sie trottete ihm hinterher wie ein Lamm dem Mutterschaf. Er hielt ihr die Tür auf und deutete auf den Besucherstuhl. »Bitte, nehmen Sie Platz!« Er leerte die Tüte über seinem Schreibtisch aus und das Corpus delicti kam zum Vorschein. Bei der folgenden Unterredung lag die Bluse mit den Perlmuttknöpfen zwischen ihnen, und sie konnte nur mit Mühe den Reflex unterdrücken, das feine Material hochzuheben und auf den Bügel zu hängen, der ebenfalls aus der Tüte gefallen war; Seide knitterte doch so leicht. »Tja, Frau Barringa …« begann der Personalleiter, machte jedoch keine Anstalten, seine Rede fortzusetzen, als sprächen die Tatsachen für sich. Entweder genoss er diese Situation, oder sie war ihm genauso peinlich wie ihr – sie wusste es nicht. Ihre Eingeweide spielten verrückt. »Möchten Sie vielleicht etwas sagen?« »Mir ist schlecht!« »Kann ich Ihnen etwas bringen, ein Glas Wasser vielleicht?« »Danke, aber … ich wollte die Bluse nicht entwenden, wirklich nicht! Ich arbeite doch heute nur bis mittags und dann wollte ich sie bezahlen!« Der Personalleiter griff nach dem Preisschild, das mit einem Bindfaden an einem der Knöpfe befestigt war. Er seufzte, als fände er es schade, dass die Bluse nur fast bezahlt worden war. Oder nur fast gestohlen. War das nun Diebesgut oder hinterlegte Ware? Das lag jetzt an ihm. »Es tut mir leid, Frau Barringa, aber wir haben unsere Vorschriften! Sie wissen, dass Sie ein Kleidungsstück nur aus dem Verkaufsraum entfernen dürfen, wenn es an der Kasse registriert worden ist. So wie die Dinge liegen, müssen wir davon ausgehen, dass Sie diese Damenbluse stehlen wollten, und das können wir leider nicht hinnehmen. Ich muss Sie daher bitten, Ihren Arbeitsplatz zu verlassen und Ihre Chipkarte bei Frau Witte abzugeben! Sie werden von uns ein Kündigungsschreiben erhalten, auf eine Anzeige werden wir vorläufig verzichten. Bis auf diesen Vorfall haben Sie sich nichts zu schulden kommen lassen, aber ich muss trotzdem ein Hausverbot aussprechen – so ist das nun einmal!« Ihr Magen zog sich rhythmisch zusammen und sie spürte das Blut hinter ihren Schläfen pulsieren, aber sie riss sich zusammen und erhob sich von dem Stuhl. Irgendwie gelang es ihr, den Flur aufrechten Ganges zu durchschreiten und sich in den Pausenraum zu begeben, wo sie unter den Augen von Frau Witte ihren Spind räumte und ihre Handtasche packte. Das Bändchen mit der Chipkarte legte sie auf den Tisch und ihre Vorgesetzte nahm es wortlos an sich. Die Tüte, in der sich die fast gestohlene Bluse befunden hatte, diente als Tragetasche für ihren Kaffeebecher, ihre Nadeldose und Schminkutensilien. Den kleinen Spiegel legte sie an Heddas Platz neben die leere Frühstücksdose. Das war ihr Abschiedsgeschenk. Der Gedanke an ihre liebste Arbeitskollegin trieb ihr die Tränen in die Augen, aber solange Frau Witte neben ihr stand, würde sie nicht weinen – den Gefallen würde sie ihr nicht tun! Dieser hageren Frau mit ihrer Lederhaut und den kalten Augen gönnte sie nicht den kleinsten Triumph. Während Frau Witte sie mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck beobachtete, raffte Luise ihre Habseligkeiten zusammen und vermied jeden Blickkontakt. Dann verließ sie das Kaufhaus, in dem sie zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, durch die Hintertür.

© 2013 by Meike Cuddeford. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine stimmige Erzählung mit geringfügigen sprachlichen Mängeln.
Könnte nach Korrektur ein gelungener Anfang sein für einen Roman.

Die Kritik im Einzelnen

Dieser Text benötigt weder ein zweite Überschrift noch diese übliche und leider weit verbreitete, aber hilflos Spannung erzeugen wollende Einleitung – das kann alles komplett entfernt werden, ohne dass dem Text etwas fehlte: Niemand würde es vermissen! zurück

Ha: DAS wäre ein guter Beginn nach, weil nach dem Kitschfrühling völlig überraschend eine Entschuldigung folgt: Wofür? Warum? DAS macht neugierig! Dagegen haben Perlmuttknöpfe keine Chance! zurück

Es wäre sinnvoller, den vorhergehenden Satz mit Luise zu beginnen (statt mit Sie): dann wäre der Zusammenhang eindeutig; die erst hier mit Luise angesprochene Person könnte eine dritte sein. zurück

Der Nachsatz wiederholt, was vorher bereits durch den Augen-Lippen-Kontrast gesagt wurde: Also? Eben: Streichen! zurück

Der Zusammenhang bleibt mir verschlossen: Die Frisur ist doch wohl deswegen immer gleich, weil er sie jeden Morgen mit Gel durchknetete – oder täusche ich mich da? zurück

Was fummelte der da? Und warum? Klar kann ein Sicherheitsbeauftragter jeden Spind öffnen, wenn die Polizei das will! Nach Luise wurde aber gerufen, er konnte doch beruhigt abwarten, bis sie angekommen war! Ich würde das kürzen, es reicht doch, dass er Luise nicht ansah. zurück

Hier schleicht sich überflüssigerweise Nominalstil ein: Der Ton wird nicht benötigt: bat sie der Personalleiter höflich und zugleich streng. zurück

Wenn Frau Witte nicht zwischenzeitlich sich parfümiert haben sollte: Warum bemerkt Luise den Geruch erst jetzt und nicht schon bei der ersten Begegnung? Besser: streichen – die Anwesenheit dieser Person reicht doch wohl, um ihr auf den Magen zu schlagen … zurück

Welche Meinung denn? Luise weiß doch ganz genau, was sie angestellt hat, kennt die Regeln! Sie fühlt sich ja schließlich unwohl! Soll hier der Leser in die Irre geführt werden, so, als hätte der Personalchef hier einen Fehler gemacht? Würde ich streichen! zurück

Das darf fehlen – dass die Bluse zwischen ihnen liegt, ist an sich logisch: Schließlich geht es doch um genau diese! zurück

Sollte sie nicht besser erst die Chipkarte abgeben (nach der Spindentleerung) und dann den Arbeitsplatz verlassen? Scheint mir logischer … zurück

Hauptsätze, die mit und verbunden sind, sollte man sinnvollerweise durch Komma trennen (Das war schon immer so, das ist keine Erfindung der Neuen Rechtschreibung! Eine Regel, dass vor und nie ein Komma steht, hat es nie gegeben …) – besonders dann, wenn sonst beim Lesen Unsinn entsteht wie in diesem Fall: Das Bändchen mit der Chipkarte legte sie auf den Tisch und ihre Vorgesetzte zurück

Auch hier stört der Nominalstil mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck. Ein selbstgefälliges Knieschlackern kann es ja wohl kaum sein – und das Adjektiv selbstgefällig reicht vollkommen: Während Frau Witte sie selbstgefällig beobachtetezurück

Beitrag vom 10. April 2013 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: 110 fehlende Leerzeichen

Lautes Lachen, ein rollendes Poltern und Gejohle hörte Anna plötzlich hinter sich. Erschrocken drehte sie sich um. Mindestens fünf Jugendliche auf Inlinern und Skateboards kamen um die Ecke gebraust. Schnell trat sie an die Seite. ›Das sind doch die Kinder aus der Nachbarschaft!‹ dachte sie missmutig. ›Keine Rücksicht nehmen die, auf nichts und niemanden. Frech und Laut, so waren wir früher nicht.‹ Langsam ging sie weiter, dabei stütze sie sich schwer auf ihren Gehstock. Mit der anderen Hand zog sie einen Einkaufs-Trolly hinter sich her. Vom Ziehen tat ihr der Arm nun weh, denn der Supermarkt war ein ganz schönes Stück entfernt. Der Arzt hatte ihr einen Rollator empfohlen, aber so etwas wollte sie nicht. ›Das ist doch nur was für alte Leute‹, das war ihre Meinung dazu. Erneut blieb sie stehen, um etwas zu verschnaufen. Dabei schweifte ihr Blick zur anderen Straßenseite. Ihre Augen wurden mit einem mal groß. Erstaunt sah sie dort eine noch ziemlich junge Frau mit einem … Rollator! »Meine Güte, die ist so jung, und ich habe Angst, alt zu wirken? Ich muss wohl doch noch mal über den Rat des Doktors nachdenken.« Nach diesem Selbstgespräch ging sie mit etwas mehr Schwung weiter. Endlich stand sie vor ihrer Haustür. Seit dem Tod ihres Mannes lebte sie alleine hier.
›Nein, nicht ganz alleine‹ dachte sie lächelnd, als sie die Wohnungstür aufschloss. Ein großer roter Perserkater kam schnurrend auf sie zu und strich um ihre Beine. Der wurde jetzt ausgiebig gestreichelt. Dann erst fing sie an, die Tasche auszupacken. Der Kater war auch nicht mehr jung und ihr ein und alles. »Wir sind ein gutes Team« sagte sie zu ihm. Er miaute, als ob er ihre Worte verstand.

Mit einer Tasse Kaffee setzte sie sich nun auf den großen Balkon. Alles blühte so wunderschön, eine richtige Wohlfühl-Oase war das. Früher hatten sie und ihr Mann am Stadtrand ein kleines Einfamilienhaus mit einem Garten. Aber als sie beide älter wurden, entschlossen sie sich zu dieser Eigentumswohnung. Deshalb legte sie so großen Wert auf die Bepflanzung der Blumenkästen, quasi als Ausgleich zu dem Garten, den sie manchmal vermisste. Wie schön wäre es, wenn ihre Enkel hier mal sitzen würden. Aber die Kinder wohnten weit weg und sie sah sie nur noch selten. War das vielleicht ein Grund für die Abneigung gegen die lärmenden Nachbarskinder? Kinder waren nun mal laut, und man kann sie nicht festbinden und ihnen auch kein Pflaster auf den Mund kleben. Ihre eigenen waren in der Jugend auch nicht anders. Das musste sie ehrlicherweise zugeben. Und wie war sie selbst gewesen? Nun musste Anna doch schmunzeln. Sie war ein ziemlich wildes Mädchen, und das war in ihrer Jugend schon sehr unschicklich gewesen. Sehr oft hatte sie Hausarrest, und auch auf den Po hat es öfter was gegeben. Die Eltern hatten es mit ihr nicht leicht. Sie liebte Kinder und war deshalb auch Lehrerin geworden. Nun war sie schon viele Jahre pensioniert, aber sie dachte gerne an die Schulzeit zurück.

Von draußen hörte sie nun wieder unbeschreiblichen Lärm. Als sie über die Balkonbrüstung schaute, erblickte sie die Jugendlichen von vorhin. ›Aber da weint doch jemand‹ dachte sie und sah genauer hin. Einer der Jungens lag etwas verdreht auf dem Boden und die Freunde standen ziemlich ratlos herum. Jemand rief um Hilfe. Ein anderer meinte: »Meine Eltern sind nicht zu Hause
Anna war nun nicht mehr zu halten. Ohne zu überlegen ergriff sie den Notfallkoffer und rannte zum Fahrstuhl. Durch den Keller des Hauses war sie nach einigen Minuten im Garten.
»Ich wusste gar nicht, das ich noch so schnell laufen kann!« sagte sie zu den Kids. Diese sahen sie erstaunt an. Darum zeigte sie auf ihren Balkon direkt über ihnen: »Da wohne ich, Anna Meyers ist mein Name. Was ist passiert?« Die Jugendlichen erklärten es ihr und fragten sie, ob sie Ärztin wäre. »Nein,« lächelte Anna, »ich war Lehrerin, aber mein Mann war Arzt und ich musste ihm oft helfen
Der junge Mann hatte einige Schürfwunden an Kopf und Knie, und das eine Bein war am Knöchel schon stark geschwollen. Sanft befühlte sie die Stelle. »Es scheint nichts gebrochen, nur verrenkt. Ihr habt doch im Gefrierschrank bestimmt so Eisbeutel, die holt mal und ein Glas Wasser.« Schnell wie der Blitz sauste einer ins Haus. Die anderen standen flüsternd etwas abseits. Scheinbar wussten sie nun wer die alte Dame war. Sehr oft hatten sie sie schon geärgert und beschimpft, wenn sie nicht schnell genug aus dem Wege ging. Und jetzt war sie hier unten und half ihnen, während die anderen, sonst so freundlichen Nachbarn, hinter der Gardine standen und zusahen.
Zu allem Überfluss fing es jetzt an zu regnen. Der Eisbeutel war inzwischen da und sie legte ihn auf den Knöchel. Dann gab sie ihm ein Aspirin gegen die Schmerzen. »Das Bein muss ruhig gehalten werden. Besser wäre es, wenn ihr in die Notaufnahme fahren würdet. Damit er noch mal von einem Arzt untersucht wird. Mehr kann ich für ihn nicht tun.« »Aber wir sind alleine, unsere Eltern sind arbeiten und die Freunde wohnen wo anders. Wie sollen wir da hin kommen?« Anna sah die Jugendlichen prüfend an: »Ich rufe von meiner Wohnung aus einen Krankenwagen an. Einer fährt mit ihm. Die anderen können von mir aus bei mir warten. Natürlich nur, wenn ihr wollt. Zu essen und zu trinken habe ich auch.» Das nahmen sie zögernd an und trugen erst einmal den Verletzten auf die Terrasse.

Als der Freund weg war, standen sie auf der Terrasse herum und schauten zu Annas Balkon hoch. Sie trauten sie nicht, in die Wohnung zu gehen. War das ihr schlechtes Gewissen? Da erschien Annas Kopf über dem Geländer: »Nun kommt schon, der Kakao wird kalt.« Schnell wie der Blitz rannten die Jugendlichen nun hinauf.
In der Wohnung roch es wunderbar nach heißem Kakao. Auf dem Tisch standen Schokokekse und Apfelkuchen.
»Setzt euch und langt zu. Bei soviel Temperament, wie ihr habt, seid ihr bestimmt hungrig, oder?« meinte sie lächelnd. Immer noch waren sie erstaunt über diese alte Dame, die eigentlich keinen Grund hatte ihnen zu helfen. Und das sagten sie dann auch. Und sie entschuldigten sich. Aber davon wollte Anna nichts hören. »Kinder sind nun mal so. Zeitweise habe ich vergessen, wie ich selbst einmal war und auch meine Kinder waren keine Engel. Viele alten Leute vergessen das. Aber ich habe mich, glaube ich, noch rechtzeitig erinnert.« Es entspann sich ein tolles Gespräch. Die Kinder waren froh, das ihnen mal jemand zuhörte. Sie erzählten ihr von ihren Sorgen und Nöten. Anna hatte so manch guten Rat. Plötzlich klingelte es und die beiden Jungens waren wieder da. Auch sie bekamen heißen Kakao und Kuchen. Mit Erstaunen sahen sie, wie gut sich die Freunde inzwischen mit Frau Meyers verstanden. Anna erzählte ihnen Erlebnisse aus ihren Schultagen als Lehrerin und auch von ihren vielen Strafen als Kind. Sie versprach den Jugendlichen immer ein offenes Ohr für sie zu haben. Sie dürften jederzeit zu ihr kommen, auch mit den Hausaufgaben. Allerdings nicht ohne Zustimmung der Eltern. Und so entstand eine wunderbare Freundschaft. Auch die Eltern der Kinder waren begeistert und luden die neue Freundin nun öfter zu sich ein. Kater Oskar war auch sehr angetan, hatte er doch jetzt ganz viele Hände mehr, die ihn streichelten.

© 2012 by Sieglinde Schwierczinski. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Eine Erzählung für Kinder mit dicker Moralkeule und überaus kitschigem Schluss.
Unklare räumliche Vorstellungen, seltsame Dialoge, und im Original kaum zumutbar: 110 (!) fehlende Leerzeichen nach Punkt oder Komma mussten ersetzt, 29 fehlende oder falsche Anführungs- bzw. Schlusszeichen sowie 13 falsche Satzzeichen verbessert werden, damit Leser und Leserin dem Text ohne Irritationen folgen kann …

Die Kritik im Einzelnen


Wie kann Anna lautes Lachen von dem viel lauteren Gejohle unterscheiden? Ist das laute Lachen überhaupt wichtig? Rätselhaft auch, warum sie das plötzlich laut hörte: Normalerweise steigert sich die Lautstärke mit der Annäherung der Jugendlichen. Das ist alles ziemlich merkwürdig. zurück

Die Ecke macht das Unverständliche des Anfangs nicht besser, denn diese hält den Schall nicht davon ab, schon vor den Jugendlichen um die Ecke zu witschen! M.a.W: die Ecke darf fehlen!. Erstaunlich, dass Anna sie nicht zählen kann: Dann müssen die Jugendlichen verdammt schnell gewesen sein, denn bis zu sieben Personen erkennt man ohne zu zählen auf einen Blick …
Inliner sind in der Regel ziemlich lautlos, sie verursachen gewiss kein rollendes Poltern – das bleibt den Skatebords mit den kleinen Rädchen vorbehalten.
Ich erlaube mir mal wieder einen Verbesserungsvorschlag zu machen für diesen missglückten Beginn:
Erschrocken trat Anna zur Seite: Mit lauten Gejohle brausten fünf Jugendliche auf Inlinern und lärmenden Skateboards von hinten an ihr vorbei. zurück

Ein Trolly ist eigentlich ein Trolley, zumindest rechtschreibmäßig betrachtet – das hat nichts damit zu tun, dass Trolly sehr wohl im Internet zu finden ist, wie jeder andere Rechtschreibfehler auch. Aber das ist nicht so wichtig: Viel wichtiger ist, dass es nicht um die Entfernung zum Supermarkt geht, sondern um den Weg hin und zurück. Dass ihr der Arm nun weh tat, ist verzichtbar. Und so würde ich das auch schreiben:
Vom Ziehen tat ihr der Arm weh, denn der Weg zum Supermarkt und zurück war weit. zurück

Das das nebst voraus gegangenem Komma darf man getrost streichen! zurück

Warum wohl werden Augen groß? Na? Eben – Anna ist erstaunt! Warum also muss das denn nochmals dem armen Leser um die Ohren geklatscht werden? So muss das heißen:
(…) wurden groß: Eine ziemlich junge Frau mit einem … Rollator! Dass die Madame noch ziemlich jung ist, kann man getrost vergessen, denn niemand ist immer jung, das vergeht, garantiert … zurück

Mit etwas mehr Schwung ist dröger Nominalstil: Wie wäre es mit einem einfachen etwas schwungvoller? zurück

Sowohl hier als auch im folgenden Sätzlein empfehle ich das hochsprachliche allein statt dem umgangssprachlichen Geschnodder alleine. zurück

Nanu? Hat die alte Anna den Trolley verloren? Wo kommt die Tasche her? zurück

Ab hier den Rest des Satzes streichen – denn das sind Standardfloskeln, die man sich schenken kann. Kinder sind nicht doof, die verstehen das Miauen schon ohne diesen Hinweis. zurück

Was soll das denn heißen? Was ist eine großer Balkon? Wie wäre es mit ausladend, geräumig, großzügig bemessen, stattlich? Aber dieses dröge groß? Es ginge ganz ohne ein Adjektiv: Denn dass da viel Platz ist, wird aus der folgenden Wohlfühl-Oase deutlich – was braucht es also mehr? zurück

Klar, ja, ich weiß schon: Normalerweise blühen Pflanzen potthässlich – Anna hingegen liebt & hütet absonderliche Pflanzen, die blühen in echt so wunderschönAlles blühte so wunderschön bitte bitte in den Abfalleimer! Und so zusammen fassen: (…) setzte sie sich nun auf den Balkon: Der war eine richtige Wohlfühl-Oase! Bitte auch die geänderten Satzzeichen beachten, es gibt schließlich weit mehr als Punkt und Komma! zurück

(Stöhn) Es gibt einfach keinen Ausgleich ZU etwas, aber es gibt einen Ausgleich FÜR etwas! zurück

Welche Kinder sind hier gemeint? Die Enkelkinder? Oder Annas eigene mit ihren Kindern? Hieße es ihre Kinder statt die Kinder, wo doch gerade von Enkel die Schreibe war, wäre alles klar, selbst Kinder würden den Satz dann verstehen … zurück

In eigener Sache: Jetzt gibt es nur noch einen Link pro Absatz, sonst sitze ich nächste Woche noch an dieser Besprechung!
Zu Beginn hörte Anna beschreiblichen Lärm – jetzt hört sie wieder unbeschreiblichen Lärm (eiwei …) – und als sie über die Balkonbrüstung blickt, hört sie trotz des unbeschreiblichen Lärms jemanden weinen: Das wird dann wohl eher ein Kreischbrüllen gewesen sein … Auch der Hilferuf und der völlig alberne Satz Meine Eltern sind nicht zu Hause wären in dem unbeschreiblichen Lärmgekreische wohl untergegangen. Und der Genitiv Plural von Junge heißt JungenJungens ist Umgangssprache und damit gewisslich nicht Stil einer pensionierten Lehrerin!
Hätte jedoch vor dem Haus der übliche Kinderlärm stattgefunden und wäre plötzlich abgebrochen, wäre das doch Grund genug gewesen, über die Balkonbrüstung zu schauen, und alles hätte annähernd so sein können – annähernd, denn der alberne Satz kommt später nochmals, da passt er dann auch! zurück

Wenn jemand schwer am Gehstock geht, kann er nicht rennen. Die Äußerung, dass sie selbst nicht wusste, dass sie so schnell rennen könne, entschuldigt das nicht, zumal diese Äußerung in der Situation völlig überflüssig ist. Ebenso ihre Vorstellung. Und dass die Jugendlichen plötzlich Kids heißen, ist nur noch sonderbar. Folgendes bliebe übrig:
Anna war nun nicht mehr zu halten. Ohne zu überlegen ergriff sie den Notfallkoffer und beeilte sich. Zwei Minuten später war sie im Garten. »Was ist passiert?« Die Jugendlichen erklärten es und fragten, ob sie Ärztin wäre. »Nein,« lächelte Anna »ich war Lehrerin, aber mein Mann war Arzt, und ich musste ihm oft helfen.« zurück

Annas Wunsch nach Eisbeutel und Wasser ist höchst umständlich und letztlich unangemessen. Die Floskel schnell wie der Blitz kommt demnächst nochmals und ist fürchterlich breitgetrampelt – soll der eine Bursch doch ins Haus rennen oder in ihm verschwinden (war das der, dessen Eltern nicht zu Hause sind?). Dass die Jungen nicht wussten, wo Anna wohnt, ist unglaubwürdig, es sei denn, der Junge, der ins Haus geblitzt ist, ist gerade erst eingezogen. Die anderen Nachbarn sind also freundlich? Und Anna war immer unfreundlich? Was soll das, es ergibt doch keinen vernünftigen Sinn! Außerdem frage ich mich: Wo ist eigentlich das Weinen des Jungen geblieben? Und hat er eigentlich Schmerzen? Darüber zu befinden ist aber nicht meine Aufgabe! Übrig bliebe:
Der junge Mann hatte einige Schürfwunden an Kopf und Knie, und das eine Bein war am Knöchel schon stark geschwollen. Sanft befühlte sie die Stelle. »Es scheint nichts gebrochen, nur verrenkt. Ich brauche einen Eisbeutel und ein Glas Wasser.« Einer verschwand im Haus. Die anderen standen flüsternd etwas abseits. Sie kannten die alte Dame. Oft hatten sie sie schon geärgert und beschimpft, wenn sie nicht schnell genug aus dem Wege ging. Und jetzt war sie hier unten und half ihnen, während die anderen Nachbarn hinter der Gardine standen und zusahen. zurück

Den Regen kann man sich sparen, er hat keinerlei Bedeutung für den Fortgang der Handlung. Man hätte genau so gut schreiben können, zu allem Überfluss sei in Indien ein Sack Reis umgefallen. Warum hat der Eisbeutel eigentlich Schmerzen und bekommt Aspirin, während der Junge leer ausgeht? Das zumindest sagt die Satzkonstruktion aus, denn das ihm bezieht sich sprachlogischerweise auf das Subjekt des vorangegangenen Satzes (sollte der Knöchel das Aspirin bekommen, müsste es diesem heißen – der Junge hingegen fehlt völlig. Vermutlich war das Glas Wasser noch unterwegs, angekommen ist es ja nicht im Gegensatz zum Eisbeutel. Warum Anna aber überhaupt Aspirin verabreicht, ist unverständlich: Weder den Jungen noch den Eisbeutel hat sie danach gefragt. Damit aber nicht genug: Wie sollen denn bitte die Jungen den Verletzten ins Krankenhaus befördern? Und wieso schaut Anna die Jugendlichen prüfend an? Und warum tragen sie den Jungen auf die Terrasse – und auf welche? Wo kommt die her? Der Junge liegt doch im Garten, wenn ich mich recht erinnere … Vorschlag:
Der Eisbeutel und Wasser waren inzwischen angekommen. Sie legte ihn auf den Knöchel. Dann gab sie ihm ein Aspirin gegen die Schmerzen. »Das Bein muss ruhig gehalten werden. Er muss noch mal von einem Arzt untersucht werden. Ich rufe gleich einen Krankenwagen. Einer bleibt bei ihm. Die anderen können von mir aus bei mir warten. Ich wohne im dritten Stock. Natürlich nur, wenn ihr wollt. Zu essen und zu trinken habe ich auchzurück

Die Terrasse und den Regen hatte ich entfernt – Es wäre ja auch doof von den Jugendlichen, auf einer Terrasse zu stehen, wenn es regnet – denn was wäre da der Vorteil? Und sollte es sich um eine überdachte Terrasse handeln, könnten sie nicht von da aus zu Annas Balkon hoch schauen. Da stimmt was Gehöriges nicht. Zudem kommt der angekündigte Blitz … Übrig bliebe:
Als der Freund weg war, schauten zu Annas Balkon hoch. Sie trauten sich nicht, in die Wohnung zu gehen. War das ihr schlechtes Gewissen? Da erschien Annas Kopf über dem Geländer: »Nun kommt schon, der Kakao wird kalt.« zurück

Ja, ja, wundaba … hatten wir doch schon … roch wunderbar (schauder): Wie wäre es mit einem schlichten duftete OHNE riechen und wunderbar? SO EINFACH kann Schreiben sein, wenn man sich nur an die herrlichen Verben zu erinnern bemüht: Die Wohnung duftete nach heißem Kakao. zurück

An diesem Teilstück stört mich lediglich Zeitweise habe ich vergessen – es ist ihr doch gerade erst passiert, und das ist doch nicht Zeitweise, sondern manchmal! Ich würde vorschlagen Manchmal vergesse ich (…) zurück

Und jetzt kommt die Moralkeule … beim letzten Link hätte diese Erzählung enden können: Anna hat eine Verbindung hergestellt, die Jugendlichen sind gekommen. Alles Weitere ist überflüssig. Stattdessen wird jetzt ein superkitschiges Happyend konstruiert nach dem Motto: Seid lieb zu den Alten, denn dann geht es euch prima! Diese Verbrüderung ist schlichtweg peinlich! Jedes Kind, das zugehört oder gelesen hätte, kann allein weiter denken, vielleicht entstehen fruchtbare Gespräche, aber ein solch zuckersüßes Ende macht die Erzählung unglaubwürdig, weil sie so tut, als müsste es so sein. Solche Moral sollte Märchen vorbehalten bleiben, wo die Kleinen und Schwachen und Unterdrückten gewinnen – aber in Erzählungen haben sie nichts zu suchen, damit macht man alles kaputt! zurück

Beitrag vom 13. Dezember 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Wenn der Frost nach Sommer schmeckt

1
Riechst du es? Im Herbst kochen die Frauen
Apfelmus ein. Es wärmt bis zum
Nächsten Frühjahr ihnen die Bäuche von
Innen. Selbst der Frost
Schmeckt damit nach Sommer.

2
Der Blick von der Burg reicht in die Hinterhöfe, in denen die Tage wie Scheite gestapelt liegen.
Aus den Gärten riecht es nach Grillkohle und Petersilie und Wäsche, die Stimmen der Alten klingen laut über die Hecken, und der Wetterhahn zeigt niemals nach Westen, weil ihm ein Arm fehlt.
Ich denke mit den Fingerspitzen auf Mauersteinen; Namen wie Basalt, Ammonith und Porphyr scheinen flüchtig auf, und ich kann sie nicht zuordnen, wie auch Ulme, Erle und Pappel nur Worte sind. Was ich sehe, sind Mauersteine und Laubbäume, und ich denke, wenn ich zwischen der Wäsche, dem Wetterhahn und den Alten geboren wäre, wüsste ich mehr.

3
Zwischen diesen Halmen habe ich nicht gesessen seit jenem ersten Jahr, als die Stammtische noch keine Gesichter hatten und das Schnauben der Pferde mein städtisches Ohr erschreckte. In den Sommern las ich Spuren auf den geteerten Straßen und senkte meine Zehen in die gemalte Landschaft. Hier ist der Himmel stets blau und manchmal eine Lüge; mit der Uhr am Handgelenk bestimme ich die tatsächlichen Sonnentage, lese sie ab an der wintergebliebenen Haut unterm Gehäuse.
Mit den Füßen schreibe ich Zeichen ins Gras beim Feuer, das ist für die Kinder, und Hände tragen die Wörter zu mir, während am Bogen meines Daumens die Sonne aufgeht.

4
Ich sortiere die Wäsche und sammle: aus den aufgekrempelten Hosenbeinen Blätter und Steinchen, aus dem Hemdtaschen Bleistifte, vom Mantelkragen Altweiberhaar.
Ich sammle, und lege: über den Ginster das Haar, die Bleistifte neben das Telefon, die Blätter auf die Schwelle, die Steinchen ins Fenster.
Ich mache die Wäsche und gieße die Blumen. Spüle den Milchtopf aus. Hänge das Geschirrtuch über die Stuhllehne. Seit ich zurück bin, atme ich flacher. Also halte ich still jetzt, die Hände, die Füße, den Kopf.

© 2012 by Kati Fränzel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein wunderbarer Text!
Man wird förmlich hineingesaugt in die Stimmung durch Sprache und Rhythmus, und am Schluss hält man ebenfalls still und rätselt darüber, was einem gerade widerfahren ist. Das ist eigentlich mehr wert als 5 Brillen … Chapeau!

Die Kritik im Einzelnen

Die Eingangsfrage richtet sich an den Leser, sozusagen einen Ortsunkundigen – oder spricht hier der Erzähler mit sich selbst? Dieses Gedicht in freien Rhythmen umfasst Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken, alle vier Jahreszeiten, und analog zu diesen treibt das Gedicht dank der Enjambements zügig voran: Kurz, konzentriert, knapp: vorbildlich! zurück

Da der folgende Irrealis wäre von Haus aus zeigt, dass darüber nachgedacht wurde, ist die Floskel ich denke überflüssig. zurück

Hier werden erneut die Sinne angesprochen: Sehen, Riechen, Hören – und Fühlen, was hier als denke[n] mit den Fingerspitzen auf den Mauersteinen beschrieben wird, überraschend, aber logisch: Der Tastsinn verrät dem Ortskundigen mehr als eine wissenschaftlich Beschreibung der Stein- und Baumsorten. Zudem wird hier erstmals deutlich, dass der Erzähler kein von Haus aus Ortskundiger ist, sondern sich das erarbeiten musste. Sprachlich einfach überzeugend. zurück

Ich möchte nicht weiter auf diesen Abschnitt eingehen als: Was hier durch die lyrische Sprache an Stimmung erzeugt wird von heimelig über befremdlich bis wehmütig-resignierend, das ist einfach großartig! zurück

Ortskunde im kleinen – alles hat seinen Platz, aber es ist eng daheim, denn der Atem geht flacher. Verschiedene Orte galt es zu erkunden, den großen realen, den der Erinnerung und die kleine eigene Burg. zurück

Beitrag vom 29. August 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Lockende Locken vor Lok

Locken in den Händen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Wer bist du?« »Weiß nicht.« Kopfhaut unter Fingerspitzen. »Wo bist du?« »Hier.« »Bleibst du?« »Soll ich?« »Ich will.« »Ich auch

Lippen auf der Stirn. »Ich muss.« Blinzeln. »Ich auch.« »Musst du?« »Weiß nicht. Muss ich?« »Weiß nicht. Bleib.« »Ja?« »Ja.« Lippen am Ohr. »Ich muss.« Hand an den Lippen. »Wo bist du?« »Hier.« »Und gleich?« »Gegenüber.« Lippen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« Ohr an den Lippen. »Ich will.« Lippen am Ohr. »Ich auch.«

Gegenüber. Menschen. Sonntag. Gespräche. Locken. Kaffee dampft ins Gesicht. Wasserglas fängt Sonnenstrahlen. Locken. Sonne tanzt im Wein. Große Zeitung. Locken.

Gegenüber. Menschen. Kaffee. Kuchen. »Ich muss.« »Ich auch.« »Wohin?« »Weiß nicht. Mit dir?« »Ja.« »Ich will.« »Ich auch.«

Park. Fußbälle. Kinderräder. Hunde. Hand in Hand. »Paul.« »Anna-Sophie.« »Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Ich will.« »Ich auch.«

Bahnhof. Koffer. Hand neben Hand. »Ich muss.« »Ich weiß.« »Soll ich?« »Ja. Bald.« »Ich will.« »Ich auch.«

Bahnhof. Rolltreppen. Menschen. Koffer. Mantel über Hand. Textnachricht. »Zinnober?« Antwort. »Purpur?« Textnachricht. »Ich will.« Antwort. »Ich auch.«

© 2012 by Marcus Pauli. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Raffiniert komponierte Kurzliebesgeschichte!

Mit sehr leichten formalen Schwächen zwar, aber dermaßen reduziert und eigentlich nichtssagend – und doch alles sagend: Das zaubert ein Schmunzeln ins Gesicht!

Die Kritik im Einzelnen

Ich empfehle aus formalen Gründen, in diesem sehr komprimierten Text nicht mehr als 3 Wörter am Stück zu verwenden – das ist möglich und stört das Verständnis überhaupt nicht: Locken in Händen. zurück

Spannend: Locken sie sich? Die Überschrift ist mehrdeutig. Frage: Sind die beiden blind? Ist es Nacht? Egal: Hauptsache, zwei treffen sich: Prima! zurück

Das Gleiche gilt hier: Lippen auf Stirn genügt! zurück

Und noch mal: Hand an Lippen reicht aus! Auch beim folgenden: Ohr an Lippenzurück

Ich würde die Beobachtungen auf 1 Wort reduzieren, um sie formal vollständig von den Berührungen und den Dialogen zu trennen! Das könnte dann so aussehen:
Gegenüber. Menschen. Sonntag. Gespräche. Locken. Kaffeedampf. Wasserglas. Sonnenstrahlen. Locken. Wein. Zeitung. Locken.
Durch das dreimalige Einstreuen von Locken wird das gemeinsame Kaffetrinken zu einer richtigen Handlung: Einfachst gelöst!  zurück

Mantel über Hand streichen: Das ist keine Berührung mehr und sollte deshalb entfernt werden. Schon das vorangegangene Hand neben Hand deutet ja die Trennung an: Ob sich dabei die Hände gerade noch berühren oder schon nicht mehr, bleibt der Vorstellung des Lesers beiderlei Geschlechts überlassen. zurück

Beitrag vom 17. Februar 2012 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Kurz, schmucklos – und doch nicht ohne

Er ist nicht normal, finde ich.

Jeden Morgen begegnet er mir auf dem Flur, ich grüße ihn verlegen und haste zum Fahrstuhl. Außer Hallo sagt er nie etwas, lächelt mir nur zu.
Ich fühle seinen Blick im Nacken und bin dankbar, wenn die Fahrstuhltüren endlich aufgehen. Ich bin die Einzige im Haus, der er nicht aus dem Weg geht.
Als ihn damals die Nachbarn beschuldigten, habe ich nichts dazu gesagt.
Als sie ihn abholten und alle johlten und spuckten, habe ich nichts dazu gesagt.
Das rechnet er mir hoch an, meinte seine Schwester im Gericht zu mir, nachdem er freigesprochen worden war. Und er lächelt mir immer noch zu.

Er ist wirklich nicht normal.

© 2012 by Cornelia Stella Gliem. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Feine Miniatur
So etwas lese ich gerne: Kurz, schmucklos – und doch nicht ohne: Hatte er dem Erzähler bzw. der Erzählerin schon vor der Verhaftung zugelächelt (schließlich lächelt er dieser Person immer noch zu)? Oder fühlt die Person sich unwohl, weil sie weg geschaut hatte statt hin, als die Nachbarn ihn beschuldigten und dann johlten & spuckten, ihr Wegschauen aber eigentlich für falsch hält und deshalb meint, dass er auch so denken müsste?
Wunderbar, dass keine Moralkeule geschwungen wird!

Die Kritik im Einzelnen

entfällt

Beitrag vom 26. September 2011 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Zwei ganz wunderbare Sätze! Es geht doch! Mehr davon!

Erst als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, bemerkte Bernd, dass er den falschen Schlüssel eingesteckt hatte. Er ärgerte sich allerdings nur kurz über sein Missgeschick und sah die Situation schließlich als eine, vom Schicksal bestimmte, Übung im geduldigen Warten. Es war jetzt 12 Uhr. Eva, bei der er übernachtet hatte, würde in etwa 4 Stunden von ihren Besorgungen zurück sein. Sie hatte ihm noch gesagt, ein Zweitschlüssel für ihre Wohnung liege in der Schublade unterhalb des Spiegels im Flur. Er aber hatte den Schlüssel genommen, der auf der Anrichte neben dem Kühlschrank gelegen hatte. Jetzt erinnerte er sich daran, dass sie ihm von der Nachbarin erzählt hatte, die zur Zeit in Urlaub war und bei der sie die Blumen goss. Der Schlüssel, den er in der Hand hielt, passte also auf die Wohnungstür gegenüber. Er probierte und die Tür öffnete sich. Bernd wagte es aber nicht einzutreten, wollte keinen Hausfriedensbruch begehen und zog die Tür wieder ins Schloss. Außer dem falschen Schlüssel, hatte er noch etwas Geld eingesteckt. Seinem ursprünglichen Vorhaben, in der Stadt ein Eis zu essen, stand nichts im Wege. Genauso wie Evas Wohnungsschlüssel auf die Haustür passte, musste der Wohnungsschlüssel ihrer Nachbarin auf die Haustür passen. Er ging die Flurtreppen hinunter ins Erdgeschoss, überprüfte vorsichtshalber seine Theorie und verließ das Haus. Die Stadt, in der Eva wohnte, hatte etwas Unfreundliches. Männer mit kurz geschorenen Haaren, heruntergezogenen Mundwinkeln und Sonnenbrillen, hinter denen Bernd einen ihm feindlich gesinnten Blick vermutete, eilten an ihm vorbei. Einige Frauen, die ihm entgegen kamen, schienen ihn von Weitem attraktiv zu finden. Doch sobald man nur noch einen Schritt voneinander entfernt war, verdunkelte sich die Miene und man ging abweisend an ihm vorbei.

Das erste Eiscafé, dass Bernd ansteuerte, war ihm zu überfüllt. Zwei kugelbäuchige Männer mit storchenartigen Beinen in kurzen Hosen unterhielten sich lautstark an einem der kleinen Tische. Vor ihnen standen zwei Krüge Bier und ein überfüllter Aschenbecher. Bernd verstand ihren Dialekt nicht. Der mit dem grauen Haarkranz musste eine äußerst witzige Bemerkung gemacht haben, denn der andere, mit dem schneeweißen Haar kriegte sich vor Lachen kaum noch ein.

Im zweiten Eiscafé fand Bernd draußen einen freien Platz, ganz am Rand, unterhalb der Jalousie. Der Stuhl wackelte auf dem unebenen Pflaster, Bernd rückte ihn zurecht. Statt des üblichen Erdbeerbechers bestellte er diesmal eine kleine Portion Schokoladeneis (ohne Sahne) und einen Espresso. Er blieb länger sitzen als gewöhnlich. Auf dem Rückweg kehrte er in eine Buchhandlung ein. Die Bücher, deren Umschlaggestaltung ihm überhaupt nicht zusagten, ließ er stehen, andere öffnete er vorsichtig, las ein paar Zeilen und stellte sie wieder zurück. Er entschied sich für ein dünnes Taschenbuch, lehnte die angebotene Tüte ab und ging zurück ins Haus. Er klingelte an Evas Wohnungstür, aber natürlich war sie noch nicht zurück. Bernd hockte sich im Schneidersitz auf den kahlen Boden und las. Nach etwa 10 Seiten wurde ihm langweilig. Der Flur hatte etwas Sachliches. Um ihn herum belebte sich das Haus. Von unten hörte man die Haustür, Schritte hallten, der Aufzug rollte hinunter und wieder hinauf. E, 1, blieb nicht bei 2 stehen, 3, hallende Schritte, eine Wohnungstür und wieder Ruhe. Bernd ging ein paar Schritte und streifte mit dem Zeigefinger am rauen Putz entlang. Und wenn er doch in der Wohnung der Nachbarin wartete, wo es gemütlicher war, als hier im Flur? Er öffnete die Tür, machte sie leise zu und blieb erst einmal eine Weile stehen. Die antike, ehrwürdige Kommode betrachtete ihn reserviert. Überhaupt ging von den Möbeln ein gewisser Tadel aus. Bernd streichelte über die samtbezogenen Sessel im Wohnzimmer. Der Blick aus dem Fenster zeigte die Straße aus einem bisher unbekannten Winkel. Auf dem grau gemusterten Teppichboden lag ein Blumentopf. Bernd stellte ihn auf den Beistelltisch, sammelte die Erdkrümel auf und gab sie in den Topf. Hinter dem Sofa schauten ein paar Füße in weißen Altdamenschuhen hervor. Ein paar Füße in weißen Altdamenschuhen. Ein paar Füße in Bernd verließ die Wohnung. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Warum konnte er seine Arme nicht stillhalten? Sein Gehirn glich einem stillgelegten Bahnhof. Wie Schnellzüge rasten die Gedanken hindurch. Er sagte nichts und Eva fand ihn ziemlich seltsam.

2.
Der Kommissar zog seine Uhr aus und legte sie auf den Schreibtisch. Er konnte das Armband nicht am Handgelenk ertragen. Mit einem Finger tippte er kurz das kleine Bild an, auf dem ihm seine Frau und sein Töchterchen zulächelten. Dann nahm er die oberste Akte und begann mit seiner Arbeit. Es klopfte an der Tür.
»Herein« rief er, während er, völlig in Gedanken versunken, eine Seite umblätterte.
»Entschuldigung, Herr Kommissar«, sagte der eingetretene Beamte, »es ist wegen der Fingerabdrücke, die wir gestern wegen der Wirtshausschlägerei genommen haben.«
»Was ist damit?« der Kommissar blickte konzentriert auf.
»Ein Fingerabdruck passt zu den bisher unbekannten Fingerabdrücken im Mordfall Schilling.«
„Mordfall Schilling? Helfen Sie mir auf die Sprünge.«
»Vor zwei Jahren, der Mordfall in der Berliner Straße.«
Der Kommissar klappte die Akte zu. „Und, wer ist es?«
»Ein gewisser Bernd Kerner, wohnhaft in …«

3.
Völlig reglos, die Füße übereinander geschlagen, den leeren Blick auf die gelbe Wand gerichtet, saß Bernd auf seiner Pritsche. Er hatte ihnen alles gesagt. Hatte es ihnen immer wieder gesagt. Aber sie glaubten ihm nicht. Von irgendwoher tönte das Lachen eines hohlwangigen Mitgefangenen. Eine schwere Eisentür fiel schmetternd ins Schloss. Gewichtige Schritte auf dem Flur, das Klimpern eines Schlüssels. Neben dem Waschbecken Reste eines abgerissenen Plakates, auf dem nur noch die nackten Schenkel einer unbekannten Schönen zu erkennen waren. Für Bernd gab es nur noch eins. Warten. Warten. Warten.

© 2011 by Tilman Caspar. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Raffiniert gesponnene Erzählung – aber zu selten blitzt das Können auf.

Stattdessen muss ein Leser mit vielen Nicklichkeiten kämpfen wie viel zu flüchtig Hingeschriebenem, Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern (meistens stillschweigend korrigiert, damit der Text lesbar wird). Nur Übung macht halt den Meister!

Die Kritik im Einzelnen

Den ganzen Komplex »eine, vom Schicksal bestimmte,« würde ich entfernen, weil das den Blick in eine eher esoterische Richtung lenkt. zurück

Die Zahlen von 0 bis 12 werden gemeinhin groß geschrieben – einfach deshalb, weil es dafür knackige Namen gibt; das sieht ab dreizehn schon sehr viel unübersichtlicher aus! Ausnahme sind dabei Uhrzeiten (wie kurz vorher bei 12 Uhr!) zurück

Es ist ein verbreiteter Unfug, Sätze, die man, kaum dass die ersten Wörter, die einem so schwer fielen, niedergeschrieben hat, sogleich zu unterbrechen! Das ist herrlich als Gedächtnistraining für den Leser, aber miserabel zu lesen. Klar: Manchmal geht es kaum anders – aber hier ginge es ratzfatz: Der Schlüssel in seiner Hand passte also … zurück

Dieses Hilfsobjektes bedarf es nicht, also streichen! zurück

Auch dieser Fehler nimm massiv zu: Stehen vor dem Prädikat mehr als zwei Wörter, setzt man lieber sicherheitshalber ein Komma, es könnte ja ein Satz sein – wer weiß das schon so genau! Weg mit diesem sinnzerstörenden Blödsinn! zurück

Es handelt sich doch um mehrere Frauen: Folglich kann es nicht die Miene heißen, sondern deren Miene, weil jede eine andere hat, aber jede sich verdunkelt! Anschließend gingen dann selbstverständlich sie (nämlich die Frauen statt diesem man) an ihm vorbei! zurück

Jammer! Stöhn! Glatze kratz! Diese wunderbare alte Regel, warum wird sie nur so selten verwendet? Was vergibt man sich dabei, außer dass man doofe Fehler vermeidet? »Wenn man nicht weiß, ob der nachfolgende Satz mit das oder dass beginnt, setzt man probehalber welches ein; geht das, muss es das heißen!« Ich jedenfalls verwende die Regel, denn manchmal ist das auf den ersten Blick gar nicht so einfach! zurück

Das Dass-das-Problem wäre zudem gar nicht nicht aufgetreten, wäre auf dieses Sätzilein verzichtet worden: Wenn Bernd nämlich feststellt, dass es dort zu überfüllt ist, muss er den Ort wohl oder übel angesteuert haben! Der Informationswert liegt also bei null! zurück

Der mit dem grauen Haarkranz durfte völlig korrekt einfach passieren, und jetzt folgt der andere, mit (…) … Was soll dieses Komma, außer den Lesefluss nachhaltig stören? Und welcher andere, gibt es doch keinen einen?? Zwei kugelbäuchige Männlein haben wir: den mit dem grauen Haarkranz und den mit dem schneeweißen Haar – Warum wird das so verkompliziert??? zurück

Erstaunlich, dass er das ohne Ansteuern einfach so fand … zurück

Warum darf er nicht einfach nur länger bleiben? Ist es so entscheidend, dass er im Café tatsächlich sitzt? zurück

Hier wird erneut ein gerade begonnener Satz sofort unterbrochen! Vorschlag: Gefiel ihm bei einem Buch der Umschlag nicht, ließ er es stehen … zurück

Was will uns dieses natürlich eigentlich sagen? Dass Bernd natürlich zu früh da gewesen ist? Dass Eva natürlich nicht da war, weil sie halt eine Frau ist? Striche man dieses natürlich, fehlte natürlich nichts – nur: Warum wird so ein Wort überhaupt geschrieben? zurück

Ein rollender Aufzug? Immerhin, mal was Neues! Eigentlich fahren die, aber ich muss gestehen: Ich kenne diesen Aufzug nicht persönlich! »Nehmen wir die Treppe?« – »Och nööö, ich rolle lieber mit dem Aufzug!« zurück

Haarscharf daneben: Er streifte mit seinem Zeigefinger den Putz: Das wäre versehentlich! Bernd jedoch strich mit seinem Zeigefinger den Putz ganz bewusst entlang! SO sollte es dann auch zu lesen sein! Oder er streicht mit selbigen am Putz oder über den Putz, falls er dessen Trocknungsgrad oder Rauheit oder Wasweißich hätte überprüfen wollen; hat er aber nicht. zurück

Wenn da nur stünde und blieb stehen – was wäre dann das, erste, was er getan hat nach dem Türeschließen? EBEN! Wozu braucht’s also dieses erst einmal? Ab in die Tonne! zurück

Zwei ganz wunderbare Sätze! Es geht doch! Mehr davon! zurück

Auch hier: Wunderbar, dass da nicht steht »Bernd konnte (es)nicht fassen, was er da sah«! Hier wird der Leser in Bernd hineinversetzt, erlebt sein allmähliches Erkennen unmittelbar mit: SO schreibt man! Mehr davon! zurück

Rätselhaft: Von welchem Armband ist hier die Schreibe? Trägt er etwa eines unter der Uhr? Vermutlich aber ist das Uhr- oder Uhrenarmband gemeint. Und wenn er das nicht erträgt an seinem Handgelenk, könnte er es ja enger schnallen, so dass vor dem Handgelenk sitzt. Ich vermut, dass der Kommissar überhaupt keine Armbanduhren leiden konnte! Das sollte man dann auch so schreiben. zurück

Zweimal wegen so kurz nacheinander? Gewiss: Wir normalen Menschen reden unrein, doch hier handelt es sich um eine Erzählung! Wie wäre es mit nach der Wirtshausschlägerei oder – sehr beamtisch – anlässlich der Spurensicherung nach der Wirtshausschlägerei? zurück

Wie blickt man konzentriert auf? Ist etwa alarmiert oder interessiert oder konsterniert oder irritiert gemeint? Warum muss überhaupt das Aufblicken noch ausgeschmückt werden? zurück

DAS ist zuviel! Das liest sich ja so, als würde der Kommissar sofort aufspringen und aus dem Zimmer stürmen, weil er Bernds Adresse eh im Kopf hätte, ohne dass der Beamte hätte fertig reden können/müssen/brauchen! Ich würde nach der Namensnennung aufhören! zurück

Das mache mir mal jemand vor, wie er/sie die Füße übereinander schlägt! Das geht in der Regel nur mit den Beinen!

Vielleicht jedoch kommt der Verfasser aus Süddeutschland? Dort gehen die Füße bekanntlich von der Fußspitze bis zur Hüfte, was bedeutet, dass sie sowohl Ober- als auch Unterschenkel beinhalten (Ein dickes Kompliment jedem deutschsprachigen Menschen, der jetzt nicht automatisch bein-halten gelesen hat, sondern von vornherein be-inhalten!). Zu allem Übel gehen die Süddeutschen auch nicht, sondern sie laufen, aber sie rennen, wenn das restliche Deutschland läuft! Und häufig schreiben sie auch so … Da sollte ein Leser dann wissen, wo der Autor aufgewachsen ist, damit er sich nicht unnötig wundert! zurück

Und zugeterletzt wird die Klischeekiste ausgeschüttet: hohlwangiger Mitgefangener (den Bernd wohl wegen dem Lachen als hohlwangig erkennt … was nicht gar!), schwere Eisentür schmettert ins Schloss, Schlüsselklimpern, gewichtige Schritte auf dem Gang … Jammerschade! Bernds Situation wäre doch viel interessanter als dieses sattsam bekannte Drumherum! zurück

Beitrag vom 22. August 2011 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Auch von schlechten Texten kann man vieles lernen

Ein silbriger Nebelstreifen hing tief über dem Boden und ein Bündel Lichtstrahlen ließ die Farben der Bäume und den dichten Grasteppich in einer bunten Wildheit erscheinen, dass jeder Augenblick wie ein kostbarer Atemzug erschien. Nichts als nackte Natur. Feucht. Kühl. Geheimnisvoll.

Er sah aus dem geöffneten Fenster und er sah nichts. Er wollte nichts sehen. Lieber ließ er die Trägheit gewähren, die sich in seinen alten Knochen breit gemacht hatte. Die Neugier und die Sehnsucht und die Lust, sie waren weit weg, er suchte weder nach ihnen, noch bedauerte er, dass sie sich schon vor Jahren davon gemacht hatten. Er kam auch gut ohne sie zurecht. Er wollte nur seine Ruhe, niemand und nichts sollten ihn in Aufregung versetzen und stören; so viele Gedanken hatten ihn in seinem Leben schon erregt und betrübt und verbittert. Er seufzte, zog die Decke glatt und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, bemerkte er es sofort. Links, unweit seines Armes krabbelte es lautlos auf der breiten Lehne des Sessels. Direkt neben ihm, auf seinem geliebten Sessel, bei Tageslicht! Was ihn aber besonders irritierte, war nicht die nur Tatsache wie unbeirrt und furchtlos dieses große Spinnentier die Lehne hinauf krabbelte und er, unfähig zu reagieren, es mit Entsetzen beobachtete, nein, das Erstaunlichste und Unglaublichste an dieser Begegnung war das Tier selbst, dieses Insekt, das er noch nie zuvor gesehen hatte und bestimmt einzigartig war. Diese Spinne, ja daran gab es keinen Zweifel, es war eine Spinne, und doch es war keine, denn es hatte Flügel! Gab es das tatsächlich, eine Kreuzung zwischen Spinne und Fliege? Er zerbrach sich den Kopf, um zu begreifen, was er sah und gleichzeitig stieg dieses Tier immer höher, kam seinen Schultern bedrohlich näher und er, es immer nur anstarrend, schaffte es gerade noch sich mit einer Linksdrehung nach vorne zu beugen, um zu sehen, wie es den obersten Punkt der Lehne erreichte und stehen blieb. Warum schlug er nicht danach? Warum tötete er nicht dieses Tier, das ihn ängstigte, aber gleichzeitig auch paralysierte. Warum reagiert er nicht? Es putzte seine Flügel, dann drehte es sich im Kreis, breitete die Flügel aus und, er hielt die Luft an, es flog tatsächlich los. Er vernahm nicht, wie er vermutet hatte, das laute Brummen eines Käfers, nein es war vollkommen lautlos und er starrte ihm hinterher, wie es zielsicher, ja fast elegant zum offenen Fenster hinausflog. Spinne und Fliege, Fliege und Spinne, sagte er sich immer wieder, das konnte doch nicht sein, und erst, als es nicht mehr zu sehen war, wachte er auf aus seiner Lethargie, warf die Decke zur Seite, sprang mit einem Satz zum Fenster, doch es war nicht mehr zu sehen.

Hatte er sich das alles nur eingebildet oder geträumt? Er blickte hinaus zum Waldrand und er sah das eigentümliche Spiel der Farben im Licht der Sonne. Rötliche Strahlen durchbrachen den Dunst des Morgens. Silbrige Fäden hingen in der Luft. Der Wind spielte mit ihnen, sie verfingen sich in den Ästen oder flogen weit davon. Er schaute hinaus, vernahm den Gesang der Vögel und auf einmal packte ihn die Erinnerung. Da war der Junge wieder, auf der Suche nach Abenteuer und Freundschaft, er sah ihn ganz deutlich und es war schön ihn wiederzusehen. Wo war er nur gewesen die ganze Zeit? Er sah den Jungen umher tollen, wagemutig; er war mit Freunden unterwegs, er flirtete mit Mädchen; er lachte, war unbeschwert, unternehmenslustig und niemand und nichts konnten ihn aufhalten.

Er atmete tief die frische Luft ein, verharrte am offenen Fenster, dann schloss er es und ging in den Flur. Er nahm seinen alten, warmen Anorak, seine Mütze; er öffnete den Schuhschrank und griff nach seinen Wanderschuhen, die noch genauso dastanden, wie er sie vor Jahren abgestellt hatte

© 2011 by Bettina Ghasempoor. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Stimmungerzeugenwollendes Wortgeklingel

Die Überschrift suggeriert was Besonderes, denn „Fliegende“ ist groß geschrieben – aber es ist nichts Besonderes, das Tier ist halt da bzw. gleich wieder weg, und ein alter Mann erinnert sich. Es geht wohl um einen Neubeginn oder Aufbruch oder einen vierten Frühling, ist letztlich auch egal: Das Beste an dieser Erzählung: Sie ist eine Fundgrube für Beispiele, wie man besser nicht schreibt, wenn man schreibt. Da lässt sich viel draus lernen – aber nur, wenn frau/man will) …

Die Kritik im Einzelnen

Was hat diese Naturbeobachtung denn mit einem kostbaren Atemzug zu tun – und was ist ein kostbarer Atemzug? Das muss ein ganz besonderer sein, z.B. der erste, nachdem man beinahe ertrunken ist! Aber niemand ertrinkt im Bodennebel Und was sind das für Augenblicke? Hechelt da jemand heftigst & ausdauernd? zurück

Ach ja, kostbarer Atemzug, geheimnisvoll feuchtnacktkühle Natur … stimmungerzeugenwollendes Wortgeklingel, das problemlos komplett gestrichen werden könnte, denn der alte Zausel, der jetzt gleich die Bühne betritt, sieht es ja nicht – und als er endlich aufsteht, wird das nochmals beschrieben! Konsequenz? Richtig! Weg mit dem ersten Absatz! zurück

So, jetzt wissen wir Bescheid über den Zausel, müssen uns keine Gedanken mehr machen aus dem Folgenden, vor allem keine Schlüsse mehr ziehen, ist ja alles ausgiebig breitgetreten, damit der Leser bequem über den roten Teppich schreiten kann: verbitterter alter Mann – was auch sonst! Klischee erfüllt, aber nicht mit Leben! Auch dieser Absatz kann folgenlos fehlen – niemand wir ihn vermissen! zurück

DAS wäre ein Anfang nach meinem Geschmack! Aus dem Seufzen lassen sich diverse EIGENE Schlussfolgerungen ziehen wie: traurig, bedrückt, unglücklich … was es dann wirklich ist, kann sich IM LESER entwickeln! zurück

Da sammelt sich allerlei Unfug an, der wohl so etwas wie Spannung erzielen soll, aber letztlich belanglos ist! Wieso sollte eine Spinne oder ein Insekt NICHT unbeirrt krabbeln? Was könnte daran denn erstaunlich sein? Und warum sollte Zausel erstaunt sein, dass er entsetzt ist? Passiert ihm das zum ersten Mal? »Mööönsch, früher habe ich so’n Viehzeugs immer geknuddelt, und jetzt bin ich entsetzt? Erstaunlich, erstaunlich!« Da sind heftige Kürzungen notwendig! Dazu aber gleich mehr! zurück
Och nein … Spinnen sind keine Insekten, sondern Spinnentiere! zurück

Gerade erst hat er sich eine Frage gestellt, er zerbricht sich also bereits den Kopf: Warum muss das denn jetzt nochmals betont werden? Wem ist damit gedient? Allenfalls vielleicht Serienschreibern, die eine bestimmte Zahl von Zeilen schinden müssen, um schnellstmöglich zu Geld zu kommen. zurück

Wie darf ich mir das vorstellen: Da liegt einer im Bett und dreht sich mit einer Linksdrehung nach vorne? Kann ich mir nämlich nicht vorstellen, da kriege ich 3D-Knubbel im Kopf! Das ist wie bei Escher! Wieso richtet er sich nicht einfach auf, ohne Spinnenflieg aus den Augen zu lassen? Warum muss das ÜBERHAUPT beschrieben werden? zurück
Allmählich glaube ich, dass unser Zausel gewaltig einen an der Waffel hat: Er weiß, dass der Anblick dieses Tieres ihn paralysiert, und wundert sich gleichzeitig, dass er nicht auf es einschlagen kann! Und da wir nun einmal so weit gediehen sind, nehme ich mir mal diesen ganzen Absatz vor und versuche, ihn zu retten:
Er seufzte, zog die Decke glatt und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, bemerkte er es sofort: Links, unweit seines Armes, krabbelte es lautlos auf der breiten Lehne des Sessels. Was ihn aber besonders irritierte, war das Tier selbst, diese Spinne: Es war eine Spinne, und doch war es keine, denn es hatte Flügel! Gab es das tatsächlich, eine Kreuzung zwischen Spinne und Fliege? Dieses Tier stieg immer höher, erreichte den obersten Punkt und blieb stehen. Warum schlug er nicht danach?
Fehlt was? Nein? Dann ist ja gut! Da haben wir zum Glück eine Menge Wörter verloren, die nur für Unklarheiten verantwortlich waren … zurück

Auch hier verstehe ich nicht: Wieso dreht es sich im Kreis? Das tun doch domestizierte Wildtiere wie Katz & Hund, bevor sie sich niederlegen – obwohl weder in Körbchen noch auf Teppichen hohes Gras wächst! Oder ist das ein rituelles Kreiseln? Dann müsste es wiederum die magische drei sein (siehe auch unter: Natur, geheimnisvoll). Das Kreiseln darf also getrost in den Papierkorb; und um die Spannung sichtbar zu erhöhen bzw. das Anhalten zu verstärken, empföhle ich, er hielt die Luft an zwischen zwei Gedankenstriche zu setzen sowie tatsächlich zu streichen: DAS besorgen die Gedankenstriche von ganz allein: Es putzte seine Flügel, breitete sie aus und — er hielt die Luft an — es flog los! zurück

Um nicht schon wieder den Einschub in Gedankenstriche zu setzen, würde ich wie er vermutet hatte ersetzen durch zu seiner Überraschung; das nein kann gelöscht werden; nach lautlos empfehle ich ein Komma, denn jetzt wechselt das Subjekt, und eliminieren würde ich ja, fast elegant (nachdem ich zuvor das nach ja obligatorische Komma überflüssigerweise eingefügt hätte) – das tut nämlich so, als sei es die grammatische Steigerung von zielsicher: zielsicher, fast elegant, elegant! zurück

Ich frage mich, welch enorme Strecke diese Spinnenflieg zurücklegen musste, wenn es so einen langen Satz braucht (als es nicht mehr zu sehen war), bis sie es durch das Fenster geschafft hat? Unser Zausel schafft diese Distanz sogar mit einem einzigen Sprung!
Dieser Satz ist nicht zu retten. Am besten hüpft Zausel gleich zum Fenster, statt immer wieder »Spinne und Fliege, Fliege und Spinne, das kann doch nicht sein« vor sich hin zu brabbeln! zurück

Ich erlaube mir erneut, den ganzen Satz zu verbessern, denn da gibt es zu viele Kleinigkeiten! So schaut Zausel gleich noch zweimal zum Fenster hinaus, nachdem er bereits hinausschaut auf der Suche nach der fliegenden Spinne; umständlich auch und gedoppelmoppelt er blickte hinaus und er sah; seine Erinnerungen sind verwirrend: herumtollende Jungen, die mit Mädchen flirten? Das lässt sich steigernd gestalten – im Sinne von älter-werdend! Zudem gibt es viel mehr Satzzeichen als Punkt und Komma – die gilt es zu nutzen zu Nutz & Frommen des Lesers! Wer Augen hat zu sehen, der nutze sie!
Hatte er sich das alles nur eingebildet? Er sah den Waldrand, sah das eigentümliche Spiel der Farben im Licht der Morgensonne: Rötliche Strahlen durchbrachen den Dunst. Silbrige Fäden hingen in der Luft, der Wind spielte mit ihnen, sie verfingen sich in den Ästen oder flogen weit davon. Er vernahm die Vögel. Und auf einmal packte ihn die Erinnerung: Da war der Junge wieder, er sah ihn ganz deutlich, und es war schön, ihn wieder zu sehen. Wo war der nur gewesen die ganze Zeit? Er sah ihn umher tollen; war mit Freunden unterwegs; flirtete mit Mädchen; niemand und nichts konnte ihn aufhalten! zurück

Unser Zausel verharrt schon eine ganze Weile am Fenster – warum verharrt er dann noch extra? Warum nimmt er seinen warmen Anorak – hätte er denn auch einen kalten gehabt? (Stöhn: Immer wieder plagen sie einen, diese hirnlosen Adjektive). Und es bleibt die Frage: Was gibt das für ein seltsames Bild ab: Schlafanzug, Mütze, Anorak (alt) und Wanderschuhe (in der Hand): Wo will der um Himmels willen hin? zurück

Beitrag vom 10. April 2011 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Diese Schtorri läuft gut

Tom zog noch ein letztes Mal andächtig an seiner Zigarette, bevor er entschlossenen Schrittes den Laden für Sportartikel betrat. Er kam sich irgendwie verloren vor. Ein Verkäufer, ein junger Kerl Anfang zwanzig, hipp, braungebrannt, mit eingebranntem Dauergrinsen, nahm sich seiner an.
»Kann ich ihnen helfen?«
»Äh, ja, ich wollte … Laufschuhe …«
»Das erste Mal?« fragte ihn der Verkäufer mit leicht spöttischem Unterton. »Welche Art Schuh soll es denn sein?«
Tom war verunsichert. Worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Ein erwachsener Mann von über vierzig Jahren steht da, vollkommen ratlos, und bringt es kaum fertig, ein Paar Sportschuhe zu kaufen. Als Kind, so glaubte er sich zu erinnern, ging man in einen Schuhladen, kaufte Turnschuhe, und das war’s auch schon. Heute schien dies, soweit er dem Verkäufer folgen konnte, eine Wissenschaft für sich zu sein. Schuhe für Asphalt, Halle oder Wald, auf Körpergewicht und Fußstellung hin angepasst. Unzählige Modelle in ebenso vielen Farben und Preisen. Als er den Laden verließ war er um ein Paar Schuhe und einen Trainingsanzug reicher.

Als er sich eine Woche zuvor von Tanja zu einem Spaziergang überreden ließ, ahnte er nicht im Geringsten, was er sich damit einbrocken würde. Es begann damit, dass er sich eine weitere Zigarette anzünden wollte.
»Schon mal darüber nachgedacht mit dem Rauchen auf zu hören?«
»Schon mal darüber nachgedacht mit dem Denken aufzuhören?« antwortete er lapidar.
»Nein, im Ernst …«
Ja, hatte er, auch wenn er es ihr nicht eingestehen wollte. In letzter Zeit merkte er des Öfteren, wie ihm beim Treppensteigen die Luft ausblieb. Doch war er noch weit davon entfernt, ernsthaft zu erwägen, diesen Gedanken auch in die Tat umzusetzen.
»Wir könnten ja mal damit anfangen, gemeinsam Joggen zu gehen?« schlug sie ihm vor. »Oder vielleicht Nordic Walking? Was meinst du?«
Joggen. Ausgerechnet er, Tom Muno, der größte Sportverächter seit Winston Churchill, sollte in dämlicher bunter Sportbekleidung mit hochrotem Kopf röchelnd im Kreis herumgurken? Oder schlimmer noch: im Hochsommer Skistöckchen spazieren tragen? Ihm wurde bereits übel, wenn er anderen dabei zusah, wie die sich im Namen der Eitelkeit abquälten oder, sich im guten Glauben vermeintlicher Gesundheit wähnend, die Knochen ruinierten.
»Sport ist Mord.« pflegte er zu sagen.
Allein schon bei der Vorstellung, dass ihm eine Horde dickleibiger, gelangweilter Hausfrauen mit Stöcken bewaffnet entgegen kam, wurde ihm ganz mulmig zumute.
»Stell dir nur mal vor. Brennende Hitze. Vierunddreißig Grad im Schatten. Der Asphalt flackert einem vor Augen. Dann … ein kaum wahrnehmbares Stampfen … Padam … Padam … erst ganz wage, dann immer deutlicher. Langsam, aber sicher verdichtet sich das Geräusch zu einem bedrohlich wirkenden Trampeln. Dinosaurier? »The wild bunch.« Schnell den rettenden Sprung in den Seitengraben, bevor einen der nahende Tross, laut schwadronierend, unter sich zu begraben droht. Dem Schlusslicht der Herde, der mit dem breitesten Wackelarsch, wurde zur allgemeinen Sicherheit ein großes Warnschild am Rücken befestigt: ›We brake for nothing. Außer für Kaffee und Kuchen.‹ Schauderhafte Vorstellung.«
»Lästere du nur. Hast auch allen Grund dazu. Schwitzt ja schon, wenn du in den Keller steigst, um dir eine Flasche Wein zu holen. Überhaupt würde dir eine Auszeit von der Trinkerei sicher auch mal ganz gut tun.«

Wären sie an diesem Abend nicht zu Freunden eingeladen gewesen, hätte nicht bereits die dritte Flasche Wein vor ihnen gestanden, hätte Tanja sich nicht zu dieser späten Stunde dazu hinreißen lassen, nochmals mit diesem Thema anzufangen; hätte er sich also nicht, angetrunken wie er war, dazu verleiten lassen, in Gegenwart von Zeugen zu prahlen, dass er noch jederzeit an einem Marathonlauf teilnehmen könnte, wäre die ganze Geschichte wohl folgenlos geblieben. Aber so.

Als er sich das erste Mal in voller Läufermontur vor dem Spiegel betrachtete, kam er sich ausgesprochen lächerlich vor. Was um Himmelswillen … Doch es gab kein Zurück. Schließlich stand seine Ehre auf dem Spiel oder zumindest das, was nach all den Jahren davon noch übrig war. »Laufen statt Rauchen«. Dieser Spruch war ihm eingefallen. Der war so doof, den gab es bestimmt schon. Oder besser »Laufen statt saufen.« Ernährungsumstellung. Noch genau zwei Monate und sechs Tage.Erste Teilnahme an einem Semi-Marathon. Wegen drohendem Infarkt und mildernder Umstände unter Berücksichtigung von Prahlerei unter Alkoholeinfluss einigte man sich auf die Teilnahme an einem Zwanzig-Kilometer-Lauf.
Jeden Morgen um fünf Uhr dreißig sollte der Wecker ihn unbarmherzig aus dem Schlaf reißen und zur Selbstkasteiung auffordern. Anfangs zwei, dann fünf Trainingseinheiten die Woche hatte er sich vorgenommen. Wochenende war heilig. Daran gab’s nichts zu rütteln. Ganz früh morgens, dass nur keiner ihn sah: Mister Antisport persönlich laut keuchend auf
Läuterungslauf.
Nach zwei Wochen »unvorstellbarer Quälerei und höllischen Schmerzen« kam er langsam in den Tritt. Manchmal erwachte er sogar vor dem markdurchdringenden Biep-Ton seines Weckers, dem seiner Ansicht nach diktatorischen Symbol jeder sich als zivilisiert gerierenden Gesellschaft.
Ab dem dritten Wochenende verzichtete er bereits auf seinen Belohnungswein am Abend. Kurz darauf aufs Nikotinpflaster. Es begann ihm Spaß zu machen, sich jeden Tag die Laufschuhe überzustreifen und loszutraben, früh morgens, wenn die Stadt noch im Halbschlaf lag. Ab dem vierten Wochenende fieberte er bereits dem Montagslauf entgegen.
»Suchtverlagerung.« meinte sein Arzt. »So sieht das aus.«
»Alles Quatsch.« meinte Tom.
An die fünf Kilo Lebendgewicht hatte er sich schon abtrainiert.
»Gut siehst du aus.« meinte seine Freundin.
So fühlte er sich auch. Mittlerweile erzählte er überall herum, wie toll es wäre, Sport zu treiben.
»Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. So früh am Morgen, die Stadt liegt noch in den Federn, du streifst dir die Laufschuhe über, und ab auf die Piste. Ich sage euch, dieses Gefühl von Freiheit, totaler Losgelöstheit, diese absolute Leichtigkeit des Seins …«
Er wurde geradezu von einem missionarischen Eifer befallen. Er fing an zu nerven. Erst seine Freunde, danach Tanja, seine Freundin.
»Hör mal, glaubst du nicht, dass du etwas übertreibst?«
Nein, glaubte er nicht. Im Gegenteil. Er begann sich neu einzukleiden, jugendlicher, kaufte sich Männermagazine und Puderkram. Kurz darauf folgte sein erster Besuch im Solarium. Er war kaum noch wieder zu erkennen. Er fing an über Tanja zu mäkeln. Sie solle mal was für ihre Figur tun.
»Und überhaupt, deine ganze Einstellung, weißt du?«
Sie ließ ihn sitzen. Er lief weiter.

An einem kühlen, sonnigen Herbstmorgen, Tom hatte bereits sieben Kilometer zurückgelegt, blieb er unvermittelt stehen. Er zog sich die Kopfhöher seines MP3-Players aus den Ohren und betrachtete in aller Ruhe, wie die Nebelschwaden sich unbekümmert im Tal niederließen.
Welch eine Stille. Lange stand er so da, lachte schließlich leise in sich hinein und machte sich auf den Nachhauseweg.
Kaum angekommen zog er seine Laufschuhe aus und warf sie in den Mülleimer. Dann wählte er ihre Nummer.
Er freute sich sehr, ihre Stimme zu hören.

© 2011 by Claude Gelhausen. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Laufschuhleicht pfiffig-schmunzelnd erzählt!

Allerdings nervt es schon gewaltig, wenn ich vor einer Besprechung erst einmal 32 Satzzeichen ergänzen bzw. ändern muss, um den Text überhaupt vernünftig lesen zu können – einmal abgesehen von fast zehn sinnentstellenden (!) Rechtschreibfehlern (vor allem das-dass)! Dass ich das gemacht habe, ist eine Ausnahme, weil die Erzählung großes Potenzial hat und damit ein anderer Leser auch die Möglichkeit hat, das zu genießen – geht aber trotzdem in die Bewertung ein!

Die Kritik im Einzelnen

So jung kann der Dauergrinser nicht sein, dass er sich immer noch von Hipp ernährt, obwohl
er doch so hipp sein soll – tja, so ist das halt mit dem verfluchten Denglisch …; und dass der Typ gleich doppelt verbrannt ist, wirkt auch nicht gerade sehr stylisch! Ein simples braun täte es auch. zurück

Hier wird viel verschenkt! Schön wäre es gewesen, den verbrannten Dauergrinser cool-dumm daherlabern zu hören in diesem bizarren Werbejargon – oder dessen verbales Gewürge zumindest im Ergebnis des Einkaufes nachzuvollziehen: Schließlich gibt es schon lange keine Turnschuhe oder Trainingsanzüge mehr! Wie wäre es z. B., wenn Tom den Laden verließe und reicher wäre um ein Paar Lunarglide Elite 3a+ mit dem Dynamic Support System, was für perfekten Abstimmung zwischen Dämpfung und Stabilität sorgt, inklusive der exklusiven Vorfußdämpfung und der Ortholite Einlegesohle, einem miCoach Pacer mit der innovativen Echtzeit Coaching Technologie, einem Midlayer Running Zipshirt mit Kordelzug und dank der Mehrkanalfunktionsfaser optimalem Moisture Management sowie einem Runningtight mit strategisch platzierten Mesheinsätzen? Wer ohne so was einfach draußen rumtschokkt (jetzt wird brutal eingedenglischt!) oder Running macht, hat doch einfach keine Ahnung!
[Mein ganz spezieller Dank geht an eine Sportartikelwerbung von 23.02.2011, weil angeblich das »Winterlager« geräumt wird: z. B. »Running-Bekleidung« … Was sich bei denen so alles in einem Winterlager tummelt …] zurück

Es ist höchst unstailisch (hihi), zweimal nacheinander einen Satz mit als zu beginnen – und auch die Vorausschau was er sich einbrocken würde darf getrost fehlen, wird nämlich nicht gebraucht! Vorschlag:
Alles hatte damit begonnen, dass Tanja ihn eine Woche zuvor zu einem Spaziergang überreden konnte, weil er sich eine weitere Zigarette angezündet hat.
Wunderbar im Originalsatz ist übrigens, dass die vorherige(n) Zigarette(n) gar nicht erwähnt
wird (werden)! SO soll man schreiben, statt immer nur aufzuzählen! zurück

Also entweder dämlich-bunter ODER dämlicher KOMMA bunter (wegen der Aufzählung) oder einfach nur dämlicher – ich bin eindeutig für dämlicher, weil nur dieses Adjektiv Toms Abscheu ausdrückt! Und: Je weniger Adjektive, desto besser! zurück

Darf ich’s wage, das richtige Wort hier vorzuschlage? Denn das Wort »wage« gibt es nicht in diesem Zusammenhang – es muss vage heißen! Oh mei! zurück

Da nach diesem Komma ebenfalls ein Irrealis folgt (ich meine das wäre nach all den vielen hätte), würde ich vor es ein dann stellen: Somit wäre klarer, dass die Aufzählung nicht weiter geht, sondern die Folgerung folgt! zurück

Ein wunderschönes Wort! zurück

Schön wäre es , wenn jetzt als vollüberzeugter Tschockink-Messias die Turnschuhe bei DEM Namen nennt, unter dem er ihn erstanden hatte – und selbstverständlich darf es nicht mehr einfach nur die Laufschuhe heißen, sondern deine: schließlich sind es seine ganz persönlichen Glücksbringer! Bei mir hieße das dann: (…) du streifst dir deine Lunarglide Elite 3a über (…)

zurück

Das wissen wir doch! Weg mit der Erklärung seine Freundin! zurück

Man kann nicht über etwas mäkeln, man kann allenfalls mäkeln, was ja nörgeln bedeutet. Aber man kann an etwas herummäkeln (oder -nörgeln), z. B. an Tanja! zurück

Eine herrliche Kombination von Symbolischem und Konkretem – wunderbar! zurück

Diesen letzte Satz würde ich komplett streichen! Es ist doch schon wunderschön, dass er sie anruft – somit ist doch klar, dass er wieder zu ihr will, weil er kapiert hat, dass er sich verrannt hat – warum also noch Tanjas Stimme draufpappen? zurück

© 2011 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

 

Und ein fachlicher Nachtrag

Nachdem Maltes Meinung online war, meldete sich unsere Lauffachfrau Birgit-Cathrin Duval, der ein paar fachlich-sportliche Ungereimtheiten im Text aufgefallen sind:

Der Verkäufer scheint nicht nur braungebrannt zu sein, offensichtlich hat er auch keine Ahnung. Deshalb kommt man doch in einen Sportladen: um eine Beratung zu bekommen. Kein Verkäufer fragt einen Kunden, was für einen Schuh er will. Man erkundigt sich erst einmal nach der Art und Intensität des Lauftrainings, bevor man überhaupt auf Schuhe zu sprechen kommt.

Authentischer wäre, wenn der junge Verkäufer eben von einer Schulung gekommen wäre, hochmotiviert und voller Infos, die er jetzt an den Kunden heranlabert, der gar nichts versteht von Pronation und anaeroben bzw. aeroben Training.

Und: Trainingsanzug – das tragen heute doch nur Rapper und Gangster.

Und dann kommt etwas, was ich nicht verstehe: Er will an einem Semi-Marathon teilnehmen. Das ist ein Halbmarathon. Genauer gesagt: 21,0975 km. Dann einigte man sich wegen drohendem Infarkt und mildernder Umstände auf die Teilnahme an einem 20 km Lauf.

Also knapp 2 Kilometer weniger. Das ergibt nun überhaupt keinen Sinn. Hier hätten 10 km stehen müssen, das wäre ein realistischer Wert.

Beitrag vom 22. November 2010 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Drei Brillen für drei Miniaturen

Mein Schwiegervater war als junger Mann hübsch gewesen: groß und breit mit vollem, schwarzen Haar. Es gibt ein Foto von ihm, auf dem er sehr stattlich auf einem dicken, schweren Pferd sitzt. Später bekam er dann Hautausschläge und Haarausfall und seine Schönheit schwand. Dass er ein kluger Mensch gewesen sei, hat nie jemand von ihm behauptet, am wenigsten seine Familie. Er wäre – obwohl von sanftem Gemüt – leidenschaftlich gern Metzger geworden, aber seine Mutter verbot ihm das einfach, so lernte er schreinern, arbeitete als LKW-Fahrer bei einem Kieswerk und schließlich als Totengräber der Gemeinde Gräfelfing. Mit dieser Arbeit war er nicht unzufrieden: Seine Kinder spielten unter den Särgen, er hielt Kaninchen am Friedhof, und voller Stolz fuhr er den kleinen Bulldog, den die Gemeinde ihm in späteren Jahren für Hubarbeiten zur Verfügung stellte. Die Freunde seiner erwachsenen Kinder nannten ihn »Fred« wegen seiner Ähnlichkeit mit Fred Feuerstein.
Eines Tages klingelte die Polizei an seiner Haustür. Ein junger Polizist zeigte ihm ein Foto, auf dem unscharf zwei Personen zu sehen waren, die vorne in einem Auto saßen. »Kennen Sie die vielleicht?«, fragte der junge Polizeibeamte. »Ja hö!«, freute sich Fred. »Das sind doch die Renate und der Sepp! Gleich habe ich sie erkannt!« Renate war seine Tochter, der Sepp war ihr Freund. »Vielen Dank«, sagte der Beamte und ging.
»Haben Sie dir eigentlich ins Hirn reingeschissen?« wollte Tochter Renate am nächsten Tag von ihm wissen. Sie hatte sein schwarzes Haar, aber nicht sein ruhiges Temperament geerbt. »Hey, die Fotografie war ganz unscharf, die hätten uns im Leben nicht drangekriegt! Und dann musst du kommen und alles vermasseln!! Jetzt ist der Sepp seinen Führerschein los! Spinnst du, oder was?!«
Fred sah ein bisschen unglücklich drein. Aber ernsthaft verunsichert war er auch wieder nicht. »Der Polizei muss man doch die Wahrheit sagen!«, grollte er.

Babs stammte aus dem Ruhrgebiet und war die Tochter reinblütiger Proletarier. Der Vater soff, die Mutter merkte erst nach zwei Tagen, wenn die Tochter ausgerissen war. Aber als sie neunzehn war, hatte Babs wunderbarerweise dennoch das Abitur geschafft. Sie schrieb sich an der Uni ein für Soziologie und Theaterwissenschaft. Das eine Fach war gerade in, bei dem anderen stellte sie sich irgendeine Karriere on stage vor. Abends jobbte sie in einer Kneipe, und mit dem langen, weißblonden Haar, der aufregenden Kluft zwischen ihren großen Brüsten und dem kessen Stupsnäschen hatte sie sehr reelle Chancen beim Trinkgeld. Babs war praktisch ein Bunny. Aber zufällig verliebte sie sich in einen sehr ernsthaften, intellektuellen jungen Mann, und an seiner Seite geriet sie in Kreise, die derart ernsthaft und intellektuell waren, dass sie Blondie-Babsi nötigten, ihr Leben neu zu ordnen. Sie brach das Studium ab und schrieb sich erneut ein als Lehramtsstudentin für Religion und Sport. Ihre neuen Kreise verlangten ihr vielleicht ein bisschen viel ab, aber sie schaffte diese Herausforderungen so locker wie die familiäre Tristesse von einst. Sie legte sich eine besondere, Kaugummi kauende Lässigkeit zu, mit der sie die Abende in der Wohngemeinschaft ihres Freundes überstand, wenn dort heiß über politische und wissenschaftliche Fragen diskutiert wurde, und sah immer so aus, als hätte sie sämtliche Trümpfe in der Hinterhand, wäre sich aber zu schade, sie auszuspielen. Bisweilen wirkte sie kalt.
Sie hielt ihr Studium durch, ermuntert von ihren neuen Freunden, die ihr versicherten, ihre Fächer seien der totale Quatsch, würden aber dereinst ein so ruhiges wie gut bezahltes Lehrerleben ermöglichen. Dann kam das Referendariat, und an seinem Ende die letzte Prüfung, zu der zwei Beamte des Kultusministeriums und ein Mann der Kirche ganz hinten in ihrem Klassenzimmer in einer Bank saßen und beobachteten, wie das blonde Fräulein seinen Religionsunterricht gestaltete. Mitten im Unterrichtsgespräch über die Bergpredigt hob ein schäbiger, nichtsnutziger Knabe den Finger und vermeldete: »Ich finde es übrigens toll, dass unsere Religionslehrerin so heiße Titten hat.«
Babs reckte ihre Stupsnase und wandte der lauschenden Gesellschaft das Profil zu; die Jeans spannte sich über ihren prallen Hintern, das Pullöverchen aus Angora umzitterte die Wölbung weiter oben. »Und?«, fragte sie kühl. »Stimmt’s etwa nicht?«
Der eine Kultusbeamte stritt sich in der nachfolgenden Besprechung lange mit dem Mann der Kirche, aber leider obsiegte dieser, da er von dem zweiten Beamten, der sehr konservativ war, unterstützt wurde.

Als Harry die Vierzig überschritten hatte, bemerkte er, dass sein Glück bei den Frauen irgendwie unstet wurde. Das verstand er nicht ganz, denn er hielt sich selbst für einen außergewöhnlich gut aussehenden Mann mit einem gewissen Niveau. Trotzdem lebte er nun seit vierzehn Monaten ohne eine Freundin, und dieser ungewohnte Zustand ließ sich offenbar immer schwieriger beheben, zumal Harry inzwischen seine Wohnung so ungern verließ. Am liebsten saß er abends zu Hause auf dem Sofa und kraulte seine fette Katze, während der Fernseher lief. Auch an seinen Hüften hatte sich schon Fett angesetzt, aber das war in seinem Alter ja normal.
Die Party, auf der er Gudrun kennen lernte, war so langweilig, wie er es sich vorgestellt hatte. Aber er musste hingehen, es war die Geburtstagsfeier des Chefs. Und siehe da: Peng! Schon gab es wieder eine Frau in seinem Leben. Sie war schon etwas älter und eine Spur fülliger, als er es schätzte, aber sie passte sich seinem Stil an, und bald saßen sie zu dritt auf dem Sofa: Harry, Gudrun und die Katze. Das war die letzte Party, auf die ich gegangen bin, schwor sich Harry, ab jetzt kehrt wieder Gemütlichkeit ein – und da kam auch schon Gudrun und öffnete ihm ein Bier und stellte eine Schüssel Kartoffelchips dazu.
Eines Abends, es lief gerade der Tatort, da sprach der Kommissar zu seiner Frau: »Schätzle, für dich würde ich doch alles tun!«
Gudrun hörte den Satz, nahm sich eine Handvoll Chips und fragte lächelnd: »Und du? Würdest du auch alles für mich tun?« – »Was?« entgegnete Harry überrascht. »Alles für dich tun? Nein, natürlich nicht.«
Gudrun ließ die Hand in der Schüssel mit den Chips ruhen. »Moment mal«, sagte sie und runzelte die Stirn. »Aber du liebst mich doch. – Oder?«
Harry folgte mit den Augen noch ein paar Sekunden der spannenden Szene im Fernsehen, dann wandte er sich Gudrun zu. »Also, wenn du mich so fragst, also ehrlich gesagt: Nein. Lieben tu ich dich nicht.« Er fand es sehr schade, dass sie ihre Frage gerade bei diesem Tatort stellte, in dem sein Lieblingskommissar mitspielte, der aus dem Schwabenland, denn es war ja klar, dass sich nun eine längere Auseinandersetzung dranhängen würde.
Aber Gudrun diskutierte nicht, sondern ging durch die Wohnung und sammelte die paar Besitztümer ein, die sie hierher mitgebracht hatte, darunter auch ihre Zahnbürste. »Ich finde, du hättest es mir nicht unbedingt auf die Art sagen müssen«, erklärte sie ihm an der Tür. Er hob die Achseln an. »Hätte ich denn taktieren sollen?«, fragte er. »In der Liebe? – Da sollte man ja doch die Wahrheit sagen, oder nicht?« Natürlich hatte er nicht vor, sie ernsthaft zu verurteilen – dennoch klang in seiner Stimme ein leiser Tadel mit.

© 2010 by Angelika Jodl. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Lebendig, mit ironischer Distanz und einem Lächeln auf den Lippen
mit leichten Fehlern und  etwas zu lang geraten.

Die Kritik im Einzelnen

Viele Informationen bekommen wir über Fred – aber welche brauchen wir für den Rest der Erzählung? Es ist nicht so, dass das, was erzählt wird, schlecht erzählt wird: Aber es ist zu viel! Ich würde hier nur eine Straffung vorschlagen:
Dass mein Schwiegervater ein kluger Mensch gewesen sei, hat nie jemand von ihm behauptet, am wenigsten seine Familie. Er wäre – obwohl von sanftem Gemüt – leidenschaftlich gern Metzger geworden, aber seine Mutter verbot ihm das einfach. Schließlich arbeitete er als Totengräber der Gemeinde Gräfelfing. Mit dieser Arbeit war er nicht unzufrieden: Seine Kinder spielten unter den Särgen, er hielt Kaninchen am Friedhof, und voller Stolz fuhr er den kleinen Bulldog, den die Gemeinde ihm in späteren Jahren für Hubarbeiten zur Verfügung stellte. Die Freunde seiner erwachsenen Kinder nannten ihn »Fred« wegen seiner Ähnlichkeit mit Fred Feuerstein.
Ein wacher Leser – und davon gehe ich prinzipiell aus – kann hier alle nötigen Informationen über seine Entwicklung erkennen: seine Unselbständigkeit, seine Bescheidenheit, sein Familienstand. Mehr braucht es nicht zum Verständnis des Folgenden. zurück

»Ins Hirn rein« ist doppelt rein, es genügt durchaus, einem nur ins Hirn zu scheißen! zurück

Hier liegt ein Missverständnis vor: Proletarier sind Arbeiter, die sich dadurch auszeichnen, dass sie produktiv arbeiten; was aber hier gezeichnet wird, sind allenfalls Proleten oder ehemalige Arbeiter (Marx nannte sie Lumpenproletariat). Der Begriff waschechte Proletarier muss also weg. zurück
Nun … also: Verlieben tut man & frau sich immer zufällig, das hat etwas mit Chemie zu tun und muss nicht besonders betont werden! zurück

Auch hier würde ich einige Kürzungen vorschlagen, aus den gleichen Gründen wie oben:
Babs’ Vater soff, die Mutter merkte erst nach zwei Tagen, wenn die Tochter ausgerissen war. Aber mit neunzehn hatte Babs wunderbarerweise dennoch das Abitur geschafft. Sie schrieb sich an der Uni ein, und abends jobbte sie in einer Kneipe. Mit der aufregenden Kluft zwischen ihren großen Brüsten hatte sie sehr reelle Chancen beim Trinkgeld. Sie verliebte sich in einen ernsthaften, intellektuellen jungen Mann, und an seiner Seite geriet sie in Kreise, die derart ernsthaft und intellektuell waren, dass sie Blondie-Babsi nötigten, ihr Leben neu zu ordnen. Sie brach das Studium ab und schrieb sich erneut ein als Lehramtsstudentin für Religion und Sport. Sie schaffte diese Herausforderungen so locker wie die familiäre Tristesse von einst. Sie legte sich eine besondere, Kaugummi kauende Lässigkeit zu, mit der sie die Abende in der Wohngemeinschaft ihres Freundes überstand, wenn dort heiß über politische und wissenschaftliche Fragen diskutiert wurde, und sah immer so aus, als hätte sie sämtliche Trümpfe in der Hinterhand, wäre sich aber zu schade, sie auszuspielen. zurück

Eigentlich reicht das: Das Geschlecht ist genannt; die Adjektive sind offenbar ein wertender Kommentar des Erzählers – aber das ist völlig überflüssig! Beide Adjektive sollten gestrichen werden! zurück

Mir ist unklar, wieso das Pullöverchen den Busen umzitterte: Wo soll denn da Platz zum Zittern gewesen sein bei der Wölbung? Umschmeichelte ließe ich mir gefallen oder umspannte – aber niemals nicht kein Zittern!
Und ganz und gar unklärlich ist mir Babsis Anatomie: Welche Wölbung befindet sich denn weiter oben, ausgehend vom Po, der sich normalerweise hinten befindet? Ein bisher verschwiegener Buckel? Hier fände ich »stolze Brust« nicht schlecht – Babs weiß ja, was sie hat: […]das Pullöverchen aus Angora versuchte vergeblich, die stolze Brust zu fassen. zurück

Der eingeschobene Relativsatz unterbricht zu stark – hier wäre ein Adjektiv besser: […]da er von dem zweiten, sehr konservativen Beamten unterstützt wurde. zurück

Auch hier hätte ich es gerne wieder etwas kürzer – die Gründe sind die gleichen:
Als Harry die Vierzig überschritten hatte, bemerkte er, dass sein Glück bei den Frauen irgendwie unstet wurde. Das verstand er nicht ganz, denn er hielt sich selbst für einen außergewöhnlich gut aussehenden Mann mit einem gewissen Niveau. Trotzdem lebte er nun seit vierzehn Monaten ohne eine Freundin; allerdings saß er abends auch am liebsten zu Hause auf dem Sofa und kraulte seine fette Katze, während der Fernseher lief.
Die Party, auf der er Gudrun kennen lernte, war so langweilig, wie er es sich vorgestellt hatte. Aber es war die Geburtstagsfeier des Chefs. Und siehe da: Schon gab es wieder eine Frau in seinem Leben. Sie war schon etwas älter und eine Spur fülliger, als er es schätzte, aber sie passte sich seinem Stil an. Das war die letzte Party, schwor sich Harry, ab jetzt kehrt wieder Gemütlichkeit ein – und da kam auch schon Gudrun, öffnete ihm ein Bier und stellte eine Schüssel Kartoffelchips dazu.
zurück

Und wieder haben wir ein überflüssiges Adjektiv ertappt: weg mit dem spannend – Harry findet das immer spannend, was er sich anschaut! zurück

Das ist zu umgangssprachlich – ein schlichtes anhängen genügt! zurück

Wohin den sonst hätte sie es mitbringen können? Streichen! zurück

Beitrag vom 22. Februar 2010 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Karina – Prosa

Karina saß auf dem Gartenzaun und langweilte sich. So, jetzt war sie also schon zwölf. Fühlte sich so alt werden an?
Gestern an ihrem Geburtstag hatte sie sich ihre Haare schwarz gefärbt. Durch ihr Ohrloch hatte sie eine Büroklammer gesteckt und sich ihre Fingernägel dunkelrot lackiert. Ihre Mutter hatte vor Schreck die Suppenschüssel fallen gelassen und ihr Stiefvater hatte ihr eine Ohrfeige verpasst. Bernhard fand es cool. Bei dem Gedanken daran musste sie schmunzeln.
»So, so, wird meine kleine Nachbarin also erwachsen.« Herr Kleine blieb mit dem Auto vor ihr stehen. Er war mindestens schon dreißig, also uralt.
»Leck mich«.
Er grinste. »Nein, doch ganz die Alte. Du sitzt hier wie bestellt und nicht abgeholt. Kann ich dich irgendwohin mitnehmen?«
Sie rekelte sich gelangweilt. »Ne, danke.«
Als Herr Kleine zwei Stunden später vom Einkaufen zurückkehrte, schwang sie mit dem Gartentörchen hin und her.
Er kam auf sie zu. »Ich habe dir was mitgebracht.«
Sie war gespannt. Herr Kleine war wie ein offenes Buch vor ihr, sie kannte ihn ohne ihn zu kennen. Sie wusste, was in seinem Kopf vorging, wenn er sie sah. Er konnte sich nicht vor ihr verstecken. Sie war ja schließlich kein kleines Kind mehr.
Er griff umständlich in seine Jackentasche und holte einen Lippenstift hervor »Ich dachte, der passt ganz hervorragend zu deiner neuen Haarfarbe.«
Karina drehte den Stift vorsichtig auf. Purpurrot, wie nasse Kirschen.
Herr Kleine war etwas verlegen, wie er so vor ihr stand. Da sie auf dem Gartentor saß, war sie größer als er und blickte auf ihn herab.
»Trägt deine Frau auch so einen?« fragte sie.
»Naja …« Herr Kleine hatte es plötzlich eilig »Ich muss jetzt mal wieder … Ich bin übrigens der Markus.«
Abends vor dem Badezimmerspiegel musste Karina den Lippenstift unbedingt ausprobieren. Sie sah sich lange an. Kirschmund. Danke, Markus.Auf dem Gartenzaun lag sie auf der Lauer. Markus war in seiner Garage.
»Hast du ein neues Auto?« Sie hatte sich angeschlichen.
Er zuckte kurz zusammen. »Ja. Gefällt’s dir?«
»Nein … es ist so … grün. Ich mag lieber schwarze Autos«.
»Und rote Lippen. Steht dir gut, der Lippenstift.«
»Danke.« Sie strich an der Garagenwand entlang. Das Auto zwischen sich und ihrem Nachbarn.
Markus wurde unruhig. »O.k., weswegen bist du hier?«
»Ich … weiß nicht«, stotterte sie, »einfach so halt.«
Er sah sie an. Dann drehte er sich um und schaute, ob jemand in der Nähe war. »Würdest du für mich tanzen?« fragte er leise.
Tanzen … der hat sie doch nicht mehr alle.
»Tanzen? Ne. Ich kann meine Klamotten für dich ausziehen, aber ohne tanzen« bot sie an.
»Nein, nein!« beeilte sich Markus »um Gottes Willen. Nur tanzen. Bitte.«
Spinnt der? »Du bist ja krank!« Schnell lief sie nach Hause.
Er hatte zuerst geblinzelt.

© 2010 by Erika Röhrbach. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Spannung knistert gehörig in diesem Romanausschnitt.
Lässliche Sünden sind es, die diesen Text verunzieren, und sie sind leicht zu beheben!

Die Kritik im Einzelnen

Also: Karina ist 12 geworden und denkt nach – und wenn jemand nachdenkt, hat der offenbar Langeweile: Sonst müsste ja nicht betont werden, dass Karina Langeweile hat. Warum darf Karina dann nicht einfach auf dem Gartenzaun sitzen und nachdenken? Hinfort mit der Langeweile! zurück
Da bricht eine Ladung unfreiwilliger Komik über die Leserin beiderlei Geschlechts herein: Durch ihr Ohrloch hatte sie (…) sich ihre Fingernägel dunkelrot lackiert. Eine einfache Umstellung verhindert dieses grammatisch aufdringliche Missverständnis: Sie hatte sich ihre Fingernägel dunkelrot lackiert und durch ihr Ohrloch eine Büroklammer gesteckt. zurück
Das hört sich an, als trüge Herr Kleine ein Spielzeugauto mit sich herum … Es wäre weitaus besser, wenn er sein Auto vor ihr anhielte. zurück
Arme Karina: Sie denkt nach, sie unterhält sich – und das alles aus Langeweile! Warum darf sie sich nicht einfach mal so rekeln? Schließlich ist Herumhocken auf einem Gartenzaun in der Regel nicht allzu bequem, da schreit ein Körper von ganz allein nach zusätzlicher Bewegung! Zudem gäbe es noch ganz andere Gründe, warum Karina sich vor Herrn Kleine rekeln könnte, wie man später erfährt! Folglich sollte sich Karina besser einfach nur rekeln, und den Grund dafür dürfte sich ein Leser beiderlei Geschlechts selbst ausdenken – er wird im weiteren Verlauf dann schon sehen, ob er richtig gelegen hat! zurück
Da ist Zeit vergangen – Warum dann keinen Abschnitt machen wie später auch? Schließlich beginnt etwas Neues! zurück
Da drängeln sich gleich mehrere Fragen auf, keine wichtiger als die andere:
Was ist das Besondere an Herrn Kleine, dass er ein offenes Buch vor ihr war? Ist denn ein offenes Buch jeweils anders offen, wenn es vor, neben, hinter, über, unter, um oder in einem liegt?
Lugt hier ein umgangssprachlicher Fehler oder ein Dialekt herfür, wo vor und für immer mal wieder vertauscht werden, der Satz also korrekt lauten müsste: (…) wie ein offenes Buch für sie?
Oder ist dieses schlaffe Verb Herr Kleine war wie (…) Ursach vor all dem Missverständnis, denn alle bisherigen Fragen hätten sich nicht gestellt, hieße es: Herr Kleine lag wie ein offenes Buch vor ihr. heißa, wie man da ins Grübeln gerät, also Ausdruck von Langeweile pur, sollte man dem Erzähler einerlei Geschlechts trauen.
Ein Problem bleibt jedoch bestehen: Wieso in aller Welt ist Karina gespannt, wenn sie doch weiß, was geschehen wird, schließlich kann sie in Herrn Kleine lesen wie in einem offenen Buch?! Gespannt auf Rechtschreibfehler und unglückliche Sätze? Folge: Entweder sie war gespannt, dann müsste der Rest des Absatzes entfallen. Oder Herr Kleine war wie ein offenes Buch für sie – dann sollte das erste Sätzlein entfernt werden: für mich die eindeutig beste Lösung! zurück
Dickes Lob! Ohne überflüssige Erläuterungen, was jetzt durch Hirn und Blut der Zwölfjährigen tobt, wird Herrn Kleine schlicht zu einem Markus (und bleibt es bis zum Ende dieses Textes)! So soll es sein! zurück
Warum blickt jemand, der auf einem Gartentor sitzt, auf einen herab? Erraten! Warum also muss das nochmals betont werden: »Ey, wenn jemand auf einem Gartentor sitzt, ist er normalerweise größer als einer, der nicht auf dem Gartentor sitzt, sondern davor steht! Haste das getscheckt?« – » Echt nich, kriegste voll die Krise!« Weg mit dem Unfug! zurück
Nur eine Frage: Wieso liegt sie auf der Lauer, wenn Markus in seiner Garage war? Hat sie das nicht einfach so sehen können? Oder hat sie Markus aufgelauert, und der tauchte endlich in der Garage auf? Dann sollte das auch so zu lesen sein, z. B. »Markus erschien in seiner Garage«. Ansonsten ist das Lauern sinnlos! zurück
Nanu? Was heißt so grün? So grün wie Espenlaub? Zu grün? Warum nicht einfach nur grün, warum überhaupt? Wie wäre es mit der karinaschnippischen Art »Ich mag schwarz lieber« Das ist nicht Gravierendes, vielleicht spielt grün für Karina eine ganz besondere Rolle, was in diesem Ausschnitt nicht zur Geltung kommen kann: Es ist ja ein Ausschnitt aus einem Roman! zurück
Das Stottern ist schon im Text durch die Auflösungszeichen angedeutet, brauchte also nicht noch erläutert werden – ließe sich aber noch verstärken: »Ich … Weiß nicht … Einfach so halt.« Zudem geht es auch nicht um ein echtes Stottern, sondern um ein stockendes Sprechen. zurück
Wenn Markus Karina anschaut, muss er ihr nicht frontal gegenüberstehen, folglich ist sein Umdrehen keine lebenswichtige Information zum Verständnis des Textes, zumal er nach dem Umschauen sich auch nicht wieder zurückdreht … Es geht einfacher: Dann schaute er sich um, ob jemand in der Nähe war. zurück
Ich verstehe den Satz, aber nicht den inhaltlichen Zusammenhang: Es gab keinen Wer-zuerst-blinzelt-Wettbewerb, den Markus verloren hätte; Markus hat auch nicht zunächst (in einem anderen Sinne von zuerst) geblinzelt und dann etwas anderes getan. Dieser Satz hängt in der Luft – vermutlich müsste man den Rest des Romans kennen, um ihn zu verstehen. zurück

Beitrag vom 7. September 2009 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Heimat der Heimatlosen – Prosa

Es schmerzte Klaus, hier zu stehen und den ausfahrenden Zügen nachzuschauen. Doch immer wieder zog es ihn an diesen Ort zurück. Dem Hamburger Hauptbahnhof mit seinen vielen Bahngleisen und den unzähligen Zügen, die in alle Richtungen davon fuhren. Denn sie fuhren auch in seine alte Heimat, nach Dortmund.
Dort hatte er noch ein Leben gehabt. Ein Leben mit Familie, einer anständigen Arbeit und einem gemütlichen Zuhause.
Jetzt stand Klaus hier in der Wandelhalle des großen Bahnhofes am Geländer und blickte auf die Gleise unter ihm.
Wie so oft in letzter Zeit dachte er, was sollte er noch hier?
Sein Leben ist verpfuscht.
Sicher er hatte seine Trinkkumpane. Zum Beispiel Herbert, der ihn das letzte Mal, kurz bevor er springen wollte, von hier weggezogen hatte.
Aber mit Herbert hatte er sich heute Morgen wegen der Flasche Korn gestritten, die Herbert ihm noch schuldete.
Da war er wieder, der Wunsch. Nur über das Geländer klettern! Dann wäre alles vorbei. Jetzt gleich!
»Spring du dummer Kerl, sonst verpasst du auch diesen Zug!« »Sei doch kein so jämmerlicher Feigling, mach endlich Schluss! Du hast nichts mehr zu verlieren, dein leben ist kein Pfifferling mehr wert!« »Spring endlich
Seine Gedanken wurden immer schwerer und er nahm unwirklich wahr, was um ihn herum geschah.
Hunderte von Leuten liefen hektisch zu ihren Zügen, wuchteten schweres Gepäck, redeten wild durcheinander.
Plötzlich sah er ein junges Pärchen auf dem Bahnsteig unter ihm. Sie standen engumschlungen und küssten sich leidenschaftlich. Klaus konnte sehen, dass sie weinte.
Fortgerissen aus seinen Gedanken zu springen, stand er hier, allein und fragte sich, wie das alles nur geschehen konnte.
Er wusste, der verdammte Alkohol war schuld. Seine Frau verließ ihn, weil sie seine Sauferei nicht mehr ertragen konnte. Dabei hatte er doch so sehr versucht aufzuhören…..
»Beeilung, Beeilung, sonst verpassen wir noch den Zug!« Schnauzte ein Vater seinen kleinen Sohn im Ruhrpottdialekt an. Klaus wollte sich gerade umdrehen und etwas zu dem Mann sagen, als ihm jäh bewusst wurde, wie er aussah. Seine ausgebeulte Hose, sein zerschlissener Mantel, seine gelben ungeputzten Zähne, sein wildwuchernder Bart, seine verfilzten Haare und sein vom Alkohol gezeichnetes Gesicht. Er wusste genau wie die Leute auf ihn reagierten. Sein letztes bisschen Stolz ließ es nicht zu, dass er sich herablassenden Blicken oder abfälligen Bemerkungen aussetzen würde. Also versank er wieder in Gedanken.
Nachdem seine Frau fort war, soff er sich die Seele aus dem Leib. Sie hatte den gemeinsamen Sohn mitgenommen, dieses verdammte Miststück. Klaus wollte damals nicht mehr in der gleichen Stadt wie sie leben und kam nach Hamburg.
Hier lernte er Gerda kennen, mit der er ein Jahr lang zusammenlebte. Doch mit der Sauferei war trotzdem nicht Schluss. Auch Gerda konnte es deshalb nicht mit ihm aushalten, also trennte auch sie sich von ihm.
Eine Stimme gab über Lautsprecher durch: »Vorsicht an der Bahnsteigkante, der Zug fährt in wenigen Minuten ein
Klaus fiel zurück in seine alten Gedanken und stellte sich vor, wie er gleich über das Geländer klettern würde, sich einfach fallen lassen würde und alles wäre vorbei. Seine quälenden Gedanken hätten endlich ein Ende.
Nach der Trennung von Gerda hatte er keine Arbeit, bekam keine Wohnung und Geld fehlte ihm auch. Er wurde obdachlos. Schlief unter der Lombardsbrücke, trieb sich herum und verdiente sich ein paar Mark mit Gelegenheitsarbeit. Er ließ sich mehr und mehr gehen. Ertränkte seine Einsamkeit in Alkohol.
Es verging kein Tag, an dem er nicht an seinen Sohn und seine Frau dachte. Doch er wusste, es gab kein zurück mehr.
Wie sein Sohn, er müsste mittlerweile fünfzehn Jahre alt sein, wohl heute aussah. Und seine Frau, die er immer noch glaubte zu lieben, hatte sie inzwischen wieder geheiratet? Klaus würde es nie erfahren, denn seine Mutter, die einzige Verbindung zu seinem alten Leben, war vor einiger Zeit gestorben. Was ihm blieb, war die Hoffnungslosigkeit und der Alkohol.
»Du musst jetzt springen, sonst verpasst du den richtigen Moment.« Sagte er zu sich selber, aber sein Körper weigerte sich, zu reagieren. Er bewegte sich nicht! Stand wie angewurzelt da und sah, wie der Zug immer näher kam. Dann fiel ihm Herbert wieder ein, schließlich schuldete der ihm noch eine Flasche Korn. »Nee Alter, so billig kommst du mir nicht davon!« Murmelte Klaus vor sich hin.
Er dachte an seine anderen Kumpels unter der Lombardsbrücke, die mit Klaus das wenige was sie hatten, teilten. Sich gegenseitig stützten. Mit ihnen konnte er lachen, saufen und streiten. Sie waren es, die ihn ab und zu ein Stückchen Heimat spüren ließen.
War sein Leben wirklich so trostlos? Sicher, der Zug in sein früheres Leben war abgefahren. Aber er lebte. Sollte er sein Leben wirklich wegwerfen?
Der Zug auf Gleis 12 fuhr ein. Klaus blickte hinunter.
»Herbert! Du Betrüger!« Rief er lautlos.
Der Zug war jetzt direkt unter ihm. Er beugte sich weit vor, seine Füße berührten nicht mehr den Boden. Sein Oberkörper hing über dem Geländer.
Er holte tief Luft und sagte still vor sich hin, »Ich habe Durst Herbert, ich komme!« Er spuckte  aus voller Kehle auf den Zug!
Dann drehte er sich um und verschwand in Richtung »Heimat«.

© 2009 by Nora Skreid. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zerschlissener Betroffenheits-Kitsch in ranzigem Klischeeschmalz

Die Kritik im Einzelnen

An dieser Stelle hätte ich normalerweise ein Weiterlesen abgelehnt, denn der hier versammelte Kitsch ist schlichtweg würgwürdig: Immer wieder zog es Klaus an diesen Ort zurück, weil dort unzählige Züge in alle Richtungen davonfuhren, sogar nach Dortmund … Wovor die Überschrift eigentlich schon gewarnt hatte durch das alberne Paradoxon Heimat der Heimatlosen, wird hier wahr: Hach, die armen Obdachlosen / Ausländer, die immer im Bahnhof lungern, weil sie sich dort ihrer wahren Heimat näher fühlen, jammer & schluchz & schnief.
Ein Bahnhof hat entschiedene Vorteile: Er ist trocken und warm, man bekommt leicht Nahrung, weil vieles nur angegessen im Papierkorb versorgt wird, Leute vergessen Gepäck oder sind diesbezüglich unachtsam; man muss nur aufpassen, nicht auffällig zu lungern, sonst wird man entfernt. Was also soll dieses Klischee von den heimatschluchzenden Sehnsüchtlern?
Statt über unzählige Züge zu schwafeln, hätte ein Blick ins Internet genügt: 2006 gab es 805 durchschnittliche tägliche Zughalte – mit S-Bahn-Verkehr (aber die fährt nicht nach Dortmund) wären es 1020 mehr; und Rechnen bis in den Tausenderbereich lernt man bereits in der Grundschule … Klaus hätte die problemlos zählen können, wenn er nicht gerade an der Kornflasche hing! Aber: unzählig hat halt so was Übermäßiges, sowas Gewaltiges, Jenseitsmäßiges, man mag da – Hach! – gar nicht dran denken, an das ewig unendlich Kitschige … zurück
Erfreulich, dass er erst in letzter Zeit sowas dachte – vorher hatte er nämlich anderes gedacht: Die Tuss ist garnicht schlecht oder He, das war doch fast noch ein ganzer Hamburger oder Der glaubt bestimmt, dass ich Heimweh habe … zurück
Tja, wer hätte das gedacht: es gibt tatsächlich Obdachlose mit einem verpfuschten Leben! Das musste mal gesagt werden – Hach, die Armen, jammer & schluchz & schnief. zurück
Nach Sicher müsste ein Komma stehen; und jetzt dürfen wir gespannt sein: Was hat Herbert getan, bevor er (also Herbert – so schreibt es die sprachliche Logik vor!) springen wollte? Lebewohl gewonken? Klaus sein letztes Hemd geschonken? Das Lied Heimat, deine Sterne angestimmt? zurück
Bevor Herbert eigenfüßig sprang, hat er noch schnell Klaus vom Gitter weggezogen: »Das ist meine Absprungrampe, such dir eine eigene!« hat er wütend gebrüllt! Hach, diese armen Verpfuschten, was machen die aber auch für Sachen! zurück
Richtig, diese Klischee hat bislang gefehlt: Heimatlose heimatsuchend-suizidgefährdete Obdachlose mit ihren verpfuschten Leben sind notwendig alle Alkoholiker – Hach, die Armen: jammer & schluchz & doppelschnief. zurück
Herbert ist nämlich nicht da, da er keine Flasche Korn hat; folglich kann Klaus aus Rache jetzt Herberts Absprungrampe benutzen! zurück
Das also geht in den Köpfen der Hamburger obdachlosen Alkoholiker aus: Immer stehen sie an Bahnhofsgeländern und wollen auf die Gleise springen, und bei jeden der 1825 Züge spuken diese Sätze durch ihre Köpfe, und jedes Mal denken sie ihr leben (mit kleinem Anfangsbuchstaben statt mit großem, weil es ja eh schon verpfuscht ist); und wenn zu allem Elend Herbert nicht kommt, der die selbstmordgewillten Feiglinge zurückreißt, lassen sie es von allein bleiben. Welch entsetzlich sinnlos Leben, schluchz & doppeljammer & schnief. zurück
Was war an den Gedanken über Pfifferlinge und Feiglinge schwer? Und wie nimmt man unwirklich wahr?? Klaus sieht doch anschließend alles irgendwie ganz normal??? Klaus, das unergründliche Wesen, halb Mensch, halb Alkohol, halb obdachlos – alles so schwer zu denken! zurück
Fragen, Fragen, Fragen: Wieso redeten Hunderte von Leuten wild durcheinander? Hatten nicht wenigstens 37 davon einen Gesprächspartner? Oder hatte Klaus sie unwirklich gefragt, was sie denn sonst wollten, und sie hatten ihm durcheinander irgendwas zugerufen (Korn, Ablass, Heimat …), weil sie als Fernsehwerbungverächter die einzig richtige Antwort nicht wussten?
Wieso sah er plötzlich ein Pärchen? War das in sein Blickfeld gebeamt worden? Oder hat er es nicht eher plötzlich wahrgenommen oder entdeckt?
Warum ist unter ihm ein Bahnsteig – er wollte sich doch von oben auf die Gleise vor einen Zug stürzen – oder war das vorhin gelogen? Wollte er von oben schräg auf die Gleise springen?? Warum so umständlich???
Wie was alles geschehen konnte: Die Hunderte hektischen Gepäckwuchter? Das Pärchen mit der – schließlich sind alle Frauen per Geburt Heulsusen, so will es das Klischee! – weinenden Sie beim leidenschaftlichen Kuss, die dabei auch noch durcheinander redeten? Nun: Die Antwort ist einfach: das hat sich ein Erzähler ausgedacht, der nicht nachgedacht hat. zurück
Solch ein Satzzeichen gibt es nicht: Wird ein Satz unterbrochen, folgen nach einem Leerzeichen 3 Punkte … aber wird ein Wort angewürgt, folgen diese Punkte ohne Leerzeichen. So einfach ist das, kann man auch im Duden nachgucken, sofern man einen besi…
Was vor diesem Punktehaufen steht, kitscht und klischeet munter weiter vor sich hin: Schuld war nur der Bossa Nova – schön wär’s gewesen: Selbstverständlich ist Alkohol der große Lebens- und Ehezerrüttler (und keinefalls das, was zum Alkoholismus führt). Was Klaus’ lächerliches Gewimmere angeht, er hatte »doch so sehr versucht aufzuhören«, so kann ich ihn nur an Mark Twain hinweisen, der angeblich gesagt hat: »Es ist ganz leicht, sich das Rauchen abzugewöhnen; ich habe es schon hundertmal geschafft.« zurück
Vater Schnauzt (Ganz doll laut, deswegen mit großem S) Kind an – so sind halt Väter, kennen wir, wissen wir – außerdem im Ruhrpottdialekt: hätte ich gerne in genau diesem Dialekt gelesen, jetzt müsste ich mich selbst darum kümmern, wie der sich anhört, weil der Erzähler zu faul ist, mir das nahe zu bringen (mache ich aber nicht, lohnt sich nicht bei diesem Text). Und da wir dummen Leser noch nie eines Obdachlosen ansichtig geworden sind, werden wir jetzt ausführlich unterrichtet, wie sowas aussieht: Die Hose ist ausgebeult (hach, wie schröcklich!), der Mantel, merket auf: er ist zerschlissen (Oh nein, das kann nicht sein, ach der arme Mantel, doppelschluchz & und jammerschnief!), seine Zähne (nein: nicht die des Mantels: die des ODLs) sind gelb und außerdem noch ungeputzt (letzteres riecht man nur – es könnte allerdings auch eine Krankheit sein – also kommt ihm nicht zu nahe!), sein Bart wuchert wild (Iiiiih), ist aber im Gegensatz zu seinen sonstigen Haaren nicht verfilzt (da bin ich aber froh!), und sein Gesicht (also das, was zwischen wildwucherndem Bart und verfilzter Haarpracht minus ungeputztem Zahngelb noch zu sehen ist) ist von Alkohol gezeichnet.
So stellt sich Hänschenklein den Obdachlosen vor, so ist das Klischee, und das wird hier als Literatur angedient …*#§?!]^°…
Wo hat jemand noch ein letztes bisschen Stolz, der sich umbringen will? Weil er nicht schräg auf die Gleise gesprungen ist? Und wieso beim Höllenelement hält sich unser Klischee ausgerechnet im bevölkerten Bahnhof auf, wenn er herablassende Blicke oder abfällige Bemerkungen vermeiden will? Damit er in Gedanken versinken kann statt im Alkohol? zurück
Also: Wenn ich Klaus gewesen wäre … WENN ICH KLAUS GEWESEN WÄRE, dann hätte ich mich wahnsinnig gefreut, wenn meine Frau das verdammte Miststück, nämlich unseren gemeinsamen Sohn, mitgenommen hätte! Vielleicht war das verdammte Miststück Sohn ja der Grund für Klaus’ Alkoholismus!
Aber wieso hat Klaus eigentlich noch Gefühle (z. B. Stolz oder Mitleid – mit dem angeSchnauzten Jungen), wenn er seine Seele bereits aus dem Leib gesoffen hat? Ach ja: Über die blaade Gerda, die sich einen seelenlosen Säufer zulegt, muss man eigentlich kein Wort verlieren – und warum Klaus überhaupt an sie denkt, wo doch nur der Alkohol schuld war, er also besser an den bösen Alkohol gedacht hätte (sofern er überhaupt denkt, was der Erzähler schließlich bislang nicht nachweisen konnte): das weiß niemand. Muss man auch nicht wissen, ist halt irgendwie so hingeschrieben worden. zurück
Klaus ist tatsächlich noch in der Lage zu erkennen, dass da eine Stimme spricht in der Ansage, und nicht etwa ein Nageleisen oder ein zerschlissener Mantel! Kompliment! Auch den Leser freuts, denn manch einer auf Bahnhöfen ist sich des Ursprungs von dem Geknarze aus den Lautsprechern nicht so sicher. Eigentlich aber hätte die reine Ansage genügt, um Klaus zurückzubefördern aus seinem drögen Hirnen. zurück
Jetzt will sich der Kerl tatsächlich auf den Bahnsteig unter ihm plumpsen (einfach fallen) lassen – von dem sportlichen Schrägspringen auf die Gleise will er nichts mehr wissen: lieber scheintot als tot! Das Delirium hat inzwischen wohl das Stadium der Demenz erreicht, das Kurzzeitgedächtnis ist dahin! zurück
Jetzt zerbröselt auch noch das Langzeitgedächtnis! Klaus erinnert zu Beginn, dass er in Dortmund noch eine anständige Arbeit gehabt hätte; bei Gerda hat er nur noch gesoffen. Jetzt heißt es hier schwarz auf weiß: Nach der Trennung von Gerda hatte er keine Arbeit. Was folgt daraus? Da die Arbeit bei Gerda offenbar keine anständige war (wie die in Dortmund), war es folgerichtig eine unanständige; Und da diese Arbeit mit Gerda verschwand, heißt das nichts anderes, als: Klaus war ein Jahr lang erfolgreich Zuhälter, und Gerda seine Mieze, die seinen Alkoholkonsum finanzierte.
Vorher hatte er gesoffen, weil er gesoffen hatte, jetzt säuft er, weil er einsam ist; er hatte sich in Dortmund bereits die Seele aus dem Leib gesoffen, war also eher zombiemäßig unterwegs; aber nachdem seine Nutte weg war, ließ er sich mehr und mehr gehen: Was zum Kuckuck war denn da noch, was er hätte können gehen lassen??? Was ist das für ein sinnloses Geschwätz? Und zu allem Überfluss denkt er tagtäglich an seine Frau und das Miststück Sohn, obwohl seine Einsamkeit erfolgreich ertränkt wurde: Dazu fällt mir nichts mehr ein! zurück
Und weiter im bodenlosen Triefschmalz: Wie hätte seine Frau wieder heiraten können, wo Klaus doch nie geschieden war? Ach, hat er ganz vergessen? Was solls, schließlich ist Scheidung auch schlimm, muss also mit hinein in dieses Betroffenheitsmatsch.
Abgesehen davon bleibt die hochgradige Demenz – er hat sogar vergessen, dass Hoffnungslosigkeit und Alkohol zwei Dinge sind; eigentlich blieb ihm der Hoffnungslosigkeitsalkohol – ansonsten hätte es blieben heißen müssen, jammer & schreikreisch! zurück
Der Alkohol hindert ihn nun am Springen (da ist sie wieder, die sportliche Variante), und plötzlich ist sein Leben weder hoffnungslos noch einsam – wegen der tollen Brückenkumpel: Nun, warum säuft er dann, wenn da keine Einsamkeit zu ertränken ist, keine Sehsucht nach Frau und Miststück ihn piesackt, die Lombard(s)brücke Heimat ist? Na? Also nur eingebildet? Nein – aber die Rache an Herbert ist’s, die ihn am Leben hält: Da wartet eine Flasche Korn auf ihn! Na prima! Wenn er die geleert hat, kann er springen oder sich fallen lassen auf wohin auch immer. Doch irgendwie nehme ich das nur als unwirklich wahr, auch, dass er Murmelt statt murmelt ... zurück
Hat es je einen Zug in sein früheres Leben gegeben? Nein – also kann der auch nicht abgefahren sein! Warum Rief er? Und warum rief er lautlos? Ich weiß es: Sein Kehlkopf war nämlich mit Spucke gefüllt! Wenn unter ihm der Bahnsteig war, wo Hunderte Koffer wuchteten – wieso fährt der Zug jetzt dort statt auf den Gleisen, wie es sich gehört? Wie kann man mit spuckegefüllter Kehle tief Luft holen? Wie kann man mit spuckegefüllter Kehle reden? Und wie könnte jemand mit nicht verstopfter Kehle still reden? Seit wann habe Dürste Namen? Klaus seiner heißt jedenfalls »Herbert« – genau wie sein Erzkumpel, er spricht sogar mit ihm still und vergewissert sich dessen: »Ich habe Durst Herbert!« – »Wunderbar, und ich habe Durst Irene!« So werden Besitzverhältnisse geklärt. Dann endlich spuckt er aus voller Kehle, mit der er all das zuvor gar nicht hätte tun können. Tja, Obdachlose sind halt anders, Alkohol, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, verschlissene Mäntel und Miststücke von Kindern machen alles möglich … sogar solche Texte, kopfschüttel & stöhn & augenverdreh …zurück

Beitrag vom 9. Februar 2009 | Rubrik: Textkritik

Textkritik: Muttertexte–Vatertexte – Prosa

Muttertexte

Muttertexte sind zerbrechlich wie Glas. Sie schleifen die Flügel nach und lahmen. Der Stachel sitzt sehr tief. Das Leid umwickelt sich mit feuchten Tüchern. Sie spreizen die Zehen gegen das Unheil. Es riecht nach Essig und Tränen.
Muttertexte treten durch das Wintertor. Sie frösteln im weißen Kirschgarten und schielen nach den walnussgrünen Häusern. Dann verhüllen sie ihr Gesicht, damit sie die Amseln nicht sehen, die saure Kirschen zerpicken.
Muttertexte schnüren ein und gären zu früh. Aber der Dom wacht über sie und wiegt sie im Dröhnen seiner Glocken. Dann fallen sie in den Schatten der Linden auf das raue Kopfsteinpflaster und betäuben sich mit sahnigen Torten.Eines Morgens lagen sie auf der geteerten Straße wie hölzerne Puppen. Ihre Kleidung in Fetzen und Kieselsteine im Mund. Sie starrten in den Himmel und warteten auf die frühen Stare.

Vatertexte

Vatertexte haben schwarze Ränder. Sie ducken sich in der Traumhöhle und streben nicht ans Licht. Leise, ganz leise spielt der Wind im Gesicht und die Buttermilch gerinnt.
Vatertexte bemühen sich um so viel mehr, doch dann kriechen sie still in den glänzenden braunen Schuh und vergessen das Holz. Leise, ganz leise fällt der Regen in den Fluss und die Nussschale schwankt.

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Zusammenfassende Bewertung

Ein leises Stück lyrische Prosa über Kitsch und Aufgeben mit kleinen Mängeln.
Hier werden keine Klischees bedient, hier werden sie benutzt, um bestimmte Texte zu karrikieren: die Über-Absichten-nie-Hinausgekommenen und die Aus-dem-Leid-Gequälten: die Vatertexte und die Muttertexte. Ich sehe hier vor allem Lyrik vor meinem geistigen Auge, alldieweil sich in dem Text allerlei lyrische Zutaten tummeln (ohne dass der Text gerinnt): heimliche Reime (Gesicht – nicht – Licht), Spiel mit Vokalen und Konsonanten (starrten.– warten – Stare; Texte – treten – Wintertor), Wiederholungen (2x Leise, ganz leise) usw. Von den heimlichen Vatertexten bekommen wir kaum was zu lesen – deswegen ist nicht viel darüber zu sagen; aber die Muttertext gedeihen prächtig – wie jedes Unkraut!

Die Kritik im Einzelnen

Und schon zersplittert das Eingangsbild: Wären die Texte aus Glas, hätten sie keine Flügel mehr, die sie schleifen lassen könnten! Ich würde folgerichtig den ersten Satz streichen und mit diesem beginnen, zumal auch der darauf folgende Stachel nicht sehr tief sitzen könnte im Glas! Und zuguterletzt spricht alles, was anschließend über Muttertexte gesagt wird, gegen Glas – es sei denn Panzerglas –, aber das wäre schwerlich zerbrechlich! zurück
Es entwickelt sich das Bild einer verhärmten Hausfrau, deren Leid so selbstverständlich ist, dass es sich bereits selbständig Essigumschläge verpasst, und die sich mit untauglichen Mitteln – nämlich den Zehen statt den Händen (diese schleifen ja auch am Boden) – gegen Unheil wehren möchte. Was ist die Aufgabe der Frau? Leiden und Sorgen-Für. (Meinen viele – nicht ich!) zurück
Die Muttertexte sind eigentlich blind und zur falschen Zeit am falschen Ort: Sie werfen sich auf sich selbst zurück, wollen das andere nicht sehen. zurück
Die Hoffnung stirbt zuletzt, und Muttertexte tragen wirklich dick auf. zurück
Jetzt folgt ein Sprung in die Vergangenheit (lagen – starrten), aus dem Glas wird Holz (Obwohl: Das Glas hatte ich ja entfernt) – aber warum? So, wie Muttertexte bislang beschrieben werden, sind die nicht irgendwann (eines Morgens) fertig, sondern immer im Nu; denn wenn Hinz oder Kunz sich Herzschmerzkitsch aus der Seele (oder was auch immer) melkt, dann flutscht das nur so und wird im schlimmsten Falle im Internet gepostet (welch Wort), damit welt auch teilnimmt – Nein: Mit dem Sprung in die Vergangenheit kann ich nichts anfangen zurück
Richtig. An Vatertexten wird heftig gearbeitet – und die schwarzen Ränder unter den Nägeln werden vorgezeigt (aber nicht die Todesanzeigen der nie veröffentlichten Werke): Da nimmt einer Sprache und Inhalt ernst. zurück
Vater gibt sich solche Mühe bei der Zubereitung, aber er hat beim sonntäglichen Kochen vergessen, dass man Buttermilch nicht kochen darf – war wohl nichts, sieht auch nicht besonders lecker aus! zurück