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Textkritik: Diese Schtorri läuft gut

Malte Bremer ist unser Textkritiker – und nicht unser Korrektor. Normalerweise behebt er die Rechtschreibfehler in den Einsendungen der Autorinnen und Autoren nicht. Wer ihm einen Text voller Schreibfehler schickt, hat wenig Aussichten, dass Malte den Beitrag bespricht. Wer schreiben will, sollte dies auch recht tun. Ausreden wie »Mir kommt es auf den Inhalt an, Rechtschreibung ist Nebensache« lassen wir nicht gelten.

Nur manchmal, ja, manchmal macht Malte Bremer eine Ausnahme, behebt 32 Zeichensetzungsfehler und 10 sinnentstellende Rechtschreibfehler, um dann doch noch einen Text zu finden, der Potenzial hat.

Der Langstreckenläufer

von Claude Gelhausen
Textart: Prosa
Bewertung: 4 von 5 Brillen

Tom zog noch ein letztes Mal andächtig an seiner Zigarette, bevor er entschlossenen Schrittes den Laden für Sportartikel betrat. Er kam sich irgendwie verloren vor. Ein Verkäufer, ein junger Kerl Anfang zwanzig, hipp, braungebrannt, mit eingebranntem Dauergrinsen, nahm sich seiner an.
»Kann ich ihnen helfen?«
»Äh, ja, ich wollte … Laufschuhe …«
»Das erste Mal?« fragte ihn der Verkäufer mit leicht spöttischem Unterton. »Welche Art Schuh soll es denn sein?«
Tom war verunsichert. Worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Ein erwachsener Mann von über vierzig Jahren steht da, vollkommen ratlos, und bringt es kaum fertig, ein Paar Sportschuhe zu kaufen. Als Kind, so glaubte er sich zu erinnern, ging man in einen Schuhladen, kaufte Turnschuhe, und das war’s auch schon. Heute schien dies, soweit er dem Verkäufer folgen konnte, eine Wissenschaft für sich zu sein. Schuhe für Asphalt, Halle oder Wald, auf Körpergewicht und Fußstellung hin angepasst. Unzählige Modelle in ebenso vielen Farben und Preisen. Als er den Laden verließ war er um ein Paar Schuhe und einen Trainingsanzug reicher.

Als er sich eine Woche zuvor von Tanja zu einem Spaziergang überreden ließ, ahnte er nicht im Geringsten, was er sich damit einbrocken würde. Es begann damit, dass er sich eine weitere Zigarette anzünden wollte.
»Schon mal darüber nachgedacht mit dem Rauchen auf zu hören?«
»Schon mal darüber nachgedacht mit dem Denken aufzuhören?« antwortete er lapidar.
»Nein, im Ernst …«
Ja, hatte er, auch wenn er es ihr nicht eingestehen wollte. In letzter Zeit merkte er des Öfteren, wie ihm beim Treppensteigen die Luft ausblieb. Doch war er noch weit davon entfernt, ernsthaft zu erwägen, diesen Gedanken auch in die Tat umzusetzen.
»Wir könnten ja mal damit anfangen, gemeinsam Joggen zu gehen?« schlug sie ihm vor. »Oder vielleicht Nordic Walking? Was meinst du?«
Joggen. Ausgerechnet er, Tom Muno, der größte Sportverächter seit Winston Churchill, sollte in dämlicher bunter Sportbekleidung mit hochrotem Kopf röchelnd im Kreis herumgurken? Oder schlimmer noch: im Hochsommer Skistöckchen spazieren tragen? Ihm wurde bereits übel, wenn er anderen dabei zusah, wie die sich im Namen der Eitelkeit abquälten oder, sich im guten Glauben vermeintlicher Gesundheit wähnend, die Knochen ruinierten.
»Sport ist Mord.« pflegte er zu sagen.
Allein schon bei der Vorstellung, dass ihm eine Horde dickleibiger, gelangweilter Hausfrauen mit Stöcken bewaffnet entgegen kam, wurde ihm ganz mulmig zumute.
»Stell dir nur mal vor. Brennende Hitze. Vierunddreißig Grad im Schatten. Der Asphalt flackert einem vor Augen. Dann … ein kaum wahrnehmbares Stampfen … Padam … Padam … erst ganz wage, dann immer deutlicher. Langsam, aber sicher verdichtet sich das Geräusch zu einem bedrohlich wirkenden Trampeln. Dinosaurier? »The wild bunch.« Schnell den rettenden Sprung in den Seitengraben, bevor einen der nahende Tross, laut schwadronierend, unter sich zu begraben droht. Dem Schlusslicht der Herde, der mit dem breitesten Wackelarsch, wurde zur allgemeinen Sicherheit ein großes Warnschild am Rücken befestigt: ›We brake for nothing. Außer für Kaffee und Kuchen.‹ Schauderhafte Vorstellung.«
»Lästere du nur. Hast auch allen Grund dazu. Schwitzt ja schon, wenn du in den Keller steigst, um dir eine Flasche Wein zu holen. Überhaupt würde dir eine Auszeit von der Trinkerei sicher auch mal ganz gut tun.«

Wären sie an diesem Abend nicht zu Freunden eingeladen gewesen, hätte nicht bereits die dritte Flasche Wein vor ihnen gestanden, hätte Tanja sich nicht zu dieser späten Stunde dazu hinreißen lassen, nochmals mit diesem Thema anzufangen; hätte er sich also nicht, angetrunken wie er war, dazu verleiten lassen, in Gegenwart von Zeugen zu prahlen, dass er noch jederzeit an einem Marathonlauf teilnehmen könnte, wäre die ganze Geschichte wohl folgenlos geblieben. Aber so.

Als er sich das erste Mal in voller Läufermontur vor dem Spiegel betrachtete, kam er sich ausgesprochen lächerlich vor. Was um Himmelswillen … Doch es gab kein Zurück. Schließlich stand seine Ehre auf dem Spiel oder zumindest das, was nach all den Jahren davon noch übrig war. »Laufen statt Rauchen«. Dieser Spruch war ihm eingefallen. Der war so doof, den gab es bestimmt schon. Oder besser »Laufen statt saufen.« Ernährungsumstellung. Noch genau zwei Monate und sechs Tage.Erste Teilnahme an einem Semi-Marathon. Wegen drohendem Infarkt und mildernder Umstände unter Berücksichtigung von Prahlerei unter Alkoholeinfluss einigte man sich auf die Teilnahme an einem Zwanzig-Kilometer-Lauf.
Jeden Morgen um fünf Uhr dreißig sollte der Wecker ihn unbarmherzig aus dem Schlaf reißen und zur Selbstkasteiung auffordern. Anfangs zwei, dann fünf Trainingseinheiten die Woche hatte er sich vorgenommen. Wochenende war heilig. Daran gab’s nichts zu rütteln. Ganz früh morgens, dass nur keiner ihn sah: Mister Antisport persönlich laut keuchend auf
Läuterungslauf.
Nach zwei Wochen »unvorstellbarer Quälerei und höllischen Schmerzen« kam er langsam in den Tritt. Manchmal erwachte er sogar vor dem markdurchdringenden Biep-Ton seines Weckers, dem seiner Ansicht nach diktatorischen Symbol jeder sich als zivilisiert gerierenden Gesellschaft.
Ab dem dritten Wochenende verzichtete er bereits auf seinen Belohnungswein am Abend. Kurz darauf aufs Nikotinpflaster. Es begann ihm Spaß zu machen, sich jeden Tag die Laufschuhe überzustreifen und loszutraben, früh morgens, wenn die Stadt noch im Halbschlaf lag. Ab dem vierten Wochenende fieberte er bereits dem Montagslauf entgegen.
»Suchtverlagerung.« meinte sein Arzt. »So sieht das aus.«
»Alles Quatsch.« meinte Tom.
An die fünf Kilo Lebendgewicht hatte er sich schon abtrainiert.
»Gut siehst du aus.« meinte seine Freundin.
So fühlte er sich auch. Mittlerweile erzählte er überall herum, wie toll es wäre, Sport zu treiben.
»Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. So früh am Morgen, die Stadt liegt noch in den Federn, du streifst dir die Laufschuhe über, und ab auf die Piste. Ich sage euch, dieses Gefühl von Freiheit, totaler Losgelöstheit, diese absolute Leichtigkeit des Seins …«
Er wurde geradezu von einem missionarischen Eifer befallen. Er fing an zu nerven. Erst seine Freunde, danach Tanja, seine Freundin.
»Hör mal, glaubst du nicht, dass du etwas übertreibst?«
Nein, glaubte er nicht. Im Gegenteil. Er begann sich neu einzukleiden, jugendlicher, kaufte sich Männermagazine und Puderkram. Kurz darauf folgte sein erster Besuch im Solarium. Er war kaum noch wieder zu erkennen. Er fing an über Tanja zu mäkeln. Sie solle mal was für ihre Figur tun.
»Und überhaupt, deine ganze Einstellung, weißt du?«
Sie ließ ihn sitzen. Er lief weiter.

An einem kühlen, sonnigen Herbstmorgen, Tom hatte bereits sieben Kilometer zurückgelegt, blieb er unvermittelt stehen. Er zog sich die Kopfhöher seines MP3-Players aus den Ohren und betrachtete in aller Ruhe, wie die Nebelschwaden sich unbekümmert im Tal niederließen.
Welch eine Stille. Lange stand er so da, lachte schließlich leise in sich hinein und machte sich auf den Nachhauseweg.
Kaum angekommen zog er seine Laufschuhe aus und warf sie in den Mülleimer. Dann wählte er ihre Nummer.
Er freute sich sehr, ihre Stimme zu hören.

© 2011 by Claude Gelhausen. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Laufschuhleicht pfiffig-schmunzelnd erzählt!

Allerdings nervt es schon gewaltig, wenn ich vor einer Besprechung erst einmal 32 Satzzeichen ergänzen bzw. ändern muss, um den Text überhaupt vernünftig lesen zu können – einmal abgesehen von fast zehn sinnentstellenden (!) Rechtschreibfehlern (vor allem das-dass)! Dass ich das gemacht habe, ist eine Ausnahme, weil die Erzählung großes Potenzial hat und damit ein anderer Leser auch die Möglichkeit hat, das zu genießen – geht aber trotzdem in die Bewertung ein!

Die Kritik im Einzelnen

So jung kann der Dauergrinser nicht sein, dass er sich immer noch von Hipp ernährt, obwohl
er doch so hipp sein soll – tja, so ist das halt mit dem verfluchten Denglisch …; und dass der Typ gleich doppelt verbrannt ist, wirkt auch nicht gerade sehr stylisch! Ein simples braun täte es auch. zurück

Hier wird viel verschenkt! Schön wäre es gewesen, den verbrannten Dauergrinser cool-dumm daherlabern zu hören in diesem bizarren Werbejargon – oder dessen verbales Gewürge zumindest im Ergebnis des Einkaufes nachzuvollziehen: Schließlich gibt es schon lange keine Turnschuhe oder Trainingsanzüge mehr! Wie wäre es z. B., wenn Tom den Laden verließe und reicher wäre um ein Paar Lunarglide Elite 3a+ mit dem Dynamic Support System, was für perfekten Abstimmung zwischen Dämpfung und Stabilität sorgt, inklusive der exklusiven Vorfußdämpfung und der Ortholite Einlegesohle, einem miCoach Pacer mit der innovativen Echtzeit Coaching Technologie, einem Midlayer Running Zipshirt mit Kordelzug und dank der Mehrkanalfunktionsfaser optimalem Moisture Management sowie einem Runningtight mit strategisch platzierten Mesheinsätzen? Wer ohne so was einfach draußen rumtschokkt (jetzt wird brutal eingedenglischt!) oder Running macht, hat doch einfach keine Ahnung!
[Mein ganz spezieller Dank geht an eine Sportartikelwerbung von 23.02.2011, weil angeblich das »Winterlager« geräumt wird: z. B. »Running-Bekleidung« … Was sich bei denen so alles in einem Winterlager tummelt …] zurück

Es ist höchst unstailisch (hihi), zweimal nacheinander einen Satz mit als zu beginnen – und auch die Vorausschau was er sich einbrocken würde darf getrost fehlen, wird nämlich nicht gebraucht! Vorschlag:
Alles hatte damit begonnen, dass Tanja ihn eine Woche zuvor zu einem Spaziergang überreden konnte, weil er sich eine weitere Zigarette angezündet hat.
Wunderbar im Originalsatz ist übrigens, dass die vorherige(n) Zigarette(n) gar nicht erwähnt
wird (werden)! SO soll man schreiben, statt immer nur aufzuzählen! zurück

Also entweder dämlich-bunter ODER dämlicher KOMMA bunter (wegen der Aufzählung) oder einfach nur dämlicher – ich bin eindeutig für dämlicher, weil nur dieses Adjektiv Toms Abscheu ausdrückt! Und: Je weniger Adjektive, desto besser! zurück

Darf ich’s wage, das richtige Wort hier vorzuschlage? Denn das Wort »wage« gibt es nicht in diesem Zusammenhang – es muss vage heißen! Oh mei! zurück

Da nach diesem Komma ebenfalls ein Irrealis folgt (ich meine das wäre nach all den vielen hätte), würde ich vor es ein dann stellen: Somit wäre klarer, dass die Aufzählung nicht weiter geht, sondern die Folgerung folgt! zurück

Ein wunderschönes Wort! zurück

Schön wäre es , wenn jetzt als vollüberzeugter Tschockink-Messias die Turnschuhe bei DEM Namen nennt, unter dem er ihn erstanden hatte – und selbstverständlich darf es nicht mehr einfach nur die Laufschuhe heißen, sondern deine: schließlich sind es seine ganz persönlichen Glücksbringer! Bei mir hieße das dann: (…) du streifst dir deine Lunarglide Elite 3a über (…)

zurück

Das wissen wir doch! Weg mit der Erklärung seine Freundin! zurück

Man kann nicht über etwas mäkeln, man kann allenfalls mäkeln, was ja nörgeln bedeutet. Aber man kann an etwas herummäkeln (oder -nörgeln), z. B. an Tanja! zurück

Eine herrliche Kombination von Symbolischem und Konkretem – wunderbar! zurück

Diesen letzte Satz würde ich komplett streichen! Es ist doch schon wunderschön, dass er sie anruft – somit ist doch klar, dass er wieder zu ihr will, weil er kapiert hat, dass er sich verrannt hat – warum also noch Tanjas Stimme draufpappen? zurück

© 2011 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

 

Und ein fachlicher Nachtrag

Nachdem Maltes Meinung online war, meldete sich unsere Lauffachfrau Birgit-Cathrin Duval, der ein paar fachlich-sportliche Ungereimtheiten im Text aufgefallen sind:

Der Verkäufer scheint nicht nur braungebrannt zu sein, offensichtlich hat er auch keine Ahnung. Deshalb kommt man doch in einen Sportladen: um eine Beratung zu bekommen. Kein Verkäufer fragt einen Kunden, was für einen Schuh er will. Man erkundigt sich erst einmal nach der Art und Intensität des Lauftrainings, bevor man überhaupt auf Schuhe zu sprechen kommt.

Authentischer wäre, wenn der junge Verkäufer eben von einer Schulung gekommen wäre, hochmotiviert und voller Infos, die er jetzt an den Kunden heranlabert, der gar nichts versteht von Pronation und anaeroben bzw. aeroben Training.

Und: Trainingsanzug – das tragen heute doch nur Rapper und Gangster.

Und dann kommt etwas, was ich nicht verstehe: Er will an einem Semi-Marathon teilnehmen. Das ist ein Halbmarathon. Genauer gesagt: 21,0975 km. Dann einigte man sich wegen drohendem Infarkt und mildernder Umstände auf die Teilnahme an einem 20 km Lauf.

Also knapp 2 Kilometer weniger. Das ergibt nun überhaupt keinen Sinn. Hier hätten 10 km stehen müssen, das wäre ein realistischer Wert.

© 2011 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.