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Nach Elke Heidenreich jetzt auch Börsenblatt des Deutschen Buchhandels von Zuschussverlag instrumentalisiert [Nachtrag]

Bericht auf boersenblatt.netDie kurze Meldung, die das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels am vergangene Freitag in seiner Online-Ausgabe boersenblatt.net in der Rubrik »Hintergrund Recht & Gesetz« verbreitet, klingt edel und gutmütig. Dort ist zu lesen:

»Nachdem bekannt wurde, dass die ‘FAZ’ die Rechte an Texten von Elke Heidenreich gegen Ihren Willen veräußert hat, hat sich die Deutsche Literaturgesellschaft dazu entschlossen, das Buch “Bücher könnte ich lassen, Oper nie!” freiwillig vom Markt zu nehmen.«

Das klingt wahrlich nobel von dieser Deutschen Literaturgesellschaft. Dort arbeiten offenbar noch Menschen mit Anstand. Allen voran deren Geschäfsführer Jörgen Ellenrieder, der laut Börsenblatt verkündet: »Es ist nicht in unserem Interesse, gegen den Willen unserer Autoren zu publizieren. Wir konnten nicht davon ausgehen, dass die ‘FAZ’ ohne Rücksprache mit Elke Heidenreich und gegen ihren Willen die Rechte an uns vermittelt hat.«

Mit dem Satz »Die Rechte wurden von der ‘FAZ’ lizenziert, wie Verlagsrechte aller großen Verlage weltweit üblicherweise gehandelt werden« endet die kurze Meldung des Börsenblattes. Quelle des Textfragmentes: Die Pressemitteilung der Deutschen Literaturgesellschaft, deren Anfang das Börsenblatt ohne jeglichen journalistischen Ehrgeiz 1:1 übernommen hat und das so den wahren Hintergrund der Deutschen Literaturgesellschaft verschweigt.

Nach Elke Heidenreich ist nun also auch das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels ein Opfer der »Werbemaßnahmen« eines Zuschussverlages geworden.

Die Pressemitteilung, die die Deutsche Literaturgesellschaft über den nicht ganz billigen Bezahldienst »news aktuell« der dpa verbreiten lässt, geht indes noch weiter und nimmt einen deutlichen Trauerton an. Oder sollte man in diesem Zusammenhang besser von einer Opernschmonzette reden?

Dort heißt es nämlich: »Gerade weil es so ein schönes Buch über die Liebe zur Oper geworden ist, sind wir natürlich traurig, dass mehr über die Form als über den Inhalt gesprochen wird.«

Und in der Selbstdarstellung der Deutschen Literaturgesellschaft am Ende der Meldung liest man: »Die Deutsche Literaturgesellschaft veröffentlicht Bücher bekannter und neuer Schriftsteller. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Förderung noch unbekannter Autoren.«

Da ist, so dürfte es der unbedarfte Leser heraushören, einer engagierten Gesellschaft von der FAZ ein übler Streich gespielt worden, und nur wegen irgendwelcher kleinkrämerischen juristischen Spitzfindigkeiten ist die Welt um ein Kleinod der Literatur ärmer geworden.

Man möchte in die Tauentzienstraße 9-11 nach Berlin fahren, wo die Deutsche Literaturgesellschaft ihren Sitz hat und Herrn Ellenrieder unter Tränen für so viel nobles Gutmenschentum danken.

Freilich wird man ihn dort aber wahrscheinlich eher nicht antreffen. Selbst telefonisch war es der Literatur-Café-Redaktion nicht möglich, ihn dort zu erreichen. Ob es daran liegen mag, dass praktisch jedermann sich die wohlklingende Adresse im Berliner Europa-Center von der Firma Dussmann-Office kaufen kann, um so etwas Ähnliches wie eine Briefkastenfirma zu betreiben? Dussman selbst nennt es »virtuelles Büro«.

Und auch von den folgenden Dingen ist weder in der Pressemitteilung der Deutschen Literaturgesellschaft noch im Artikel des Börsenblattes zu lesen:

  • dass es in der Tat nichts Illegales ist, der FAZ ein paar Artikel abzukaufen, wenn die FAZ lt. eigener Aussage von Frau Heidenreich die Rechte hierzu bekommen hat, die Deutsche Literaturgesellschaft jedoch verschweigt, dass sie darüber hinaus Elke Heidenreich dreist und ungefragt zur Herausgeberin des Buches gemacht hat. Eine Herausgeberschaft lässt sich jedoch so von der FAZ nicht kaufen.
  • dass die Deutsche Literaturgesellschaft groß ein Bild von Elke Heidenreich auf dem Buchtitel platziert hat. Auch das natürlich gegen den Willen Elke Heidenreichs, aber die Bildrechte sind wahrscheinlich genauso legal wie die FAZ-Abdruckrechte von der dpa erworben.
  • dass die Meldung, man ziehe das Buch zurück, vom Freitag ist, aber noch am Sonntag auf der Website des Verlages Frau Heidenreich als »Autorin des Monats« aufgeführt wird und »ihr« Buch weiterhin auf Platz 1 einer verlagsinternen Bestsellerliste gesetzt ist. Gleich zweimal taucht so ihr Gesicht werbewirksam und Vertrauen erweckend auf der Website auf. Begründen wird man es sicherlich damit, dass leider bei der Web-Agentur am Freitag niemand mehr erreichbar war. Auch Online-Buchhandlungen listen den Titel weiterhin als lieferbar auf.
  • dass die Zurücknahme des angeblichen Heidenreich-Buches vielleicht gar nicht so freiwillig erfolgte, da sowohl Elke Heidenreich wie auch ihre Verlage Hanser und Bertelsmann (Random House) juristische Schritte gegen die Deutsche Literaturgesellschaft einleiteten.
  • dass die nobel klingende Förderung von unbekannten Autoren durch die Deutsche Literaturgesellschaft so ausschauen kann, dass sie von den Autoren für die Veröffentlichung knapp 10.000 Euro verlangt und die ehrenwerte Gesellschaft also in diesem Fall nichts weiter ist als ein Zuschussverlag, der gegen »Autorenzuschüsse« Bücher druckt. Ein entsprechender Vertragsentwurf liegt der Literatur-Café-Redaktion vor.
  • dass sich die Deutsche Literaturgesellschaft nicht nur damit schmückt, Elke Heidenreich würde dort als Herausgeberin arbeiten, sondern auch in Werbepostkarten an unbekannte Autoren behauptet wird, Marcel Reich-Ranicki würde dort das Vorwort zu einer Gedichtanthologie schreiben und dass die Autoren rund 800 Euro und mehr zahlen müssen, wenn sie dort Gedichte unterbringen möchten.
  • dass die Autoren von der Deutschen Literaturgesellschaft unter Druck gesetzt werden, sie mögen sich mit Entscheidung und Geldüberweisung beeilen, da die Anthologie kurz vor Vollendung stehe und darin nur noch wenige Plätze für Gedichte frei wären.
  • dass die Deutsche Literaturgesellschaft, nachdem das Literatur-Café die Herkunft der Heidenreich-Texte recherchierte und darüber auch der Perlentaucher, Telepolis, der Freitag und Stefan Niggemeier berichteten, ihre Website massiv »aufgerüstet« hat. Getreu dem Motto, dass auch schlechte Nachrichten eine gute Form der Werbung sind, platzierte man die erwähnte Bestsellerliste mit dem Heidenreich-Titel auf der Startseite und verstärkte die Umgarnung unbekannter Autoren. Die üblichen Floskeln der Zuschussverlage wie »Autoren gesucht«, »Jetzt kostenlos Manuskript prüfen lassen« und »Autor werden« sind nun dort groß und unübersehbar platziert.
  • dass mit dem Umbau der Website auch die Zahl der dort vorgestellten Verlagspublikationen zunahm und dass einige davon vormals mit gleichem Cover und gleicher ISBN beim Deutschen Literaturverlag erschienen. Selbst jetzt noch ist teilweise auf dem bei der Deutschen Literaturgesellschaft dargestellten Covern das Kürzel »DLV« zu erkennen. Nach Recherchen des Norddeutschen Rundfunks vom Herbst 2007 stand dieser Verlag mit den merkwürdigen Machenschaften einer Literaturagentur in Verbindung. Nach bzw. unmittelbar vor der damaligen Ausstrahlung des NDR-Berichtes wurde die Website der Agentur und des Deutschen Literaturverlags von den Betreibern gelöscht. Der Webhoster ist mit dem der Deutschen Literaturgesellschaft identisch.
  • dass die Deutsche Literaturgesellschaft derzeit massiv Werbung bei Suchmaschinen schaltet. Bei Microsofts »Bing« beispielsweise mit dem Suchbegriff »literatur«, bei Google erscheint die Anzeige »Senden Sie uns Ihr Manuskript zur kostenlosen Begutachtung«, wenn man beispielsweise nach »Autor werden« sucht – klare Indizien, worum es der »Deutschen Literaturgesellschaft« geht.

Es versteht sich von selbst, dass die Deutsche Literaturgesellschaft all diese Punkte in ihrer Pressemeldung verschweigt. Allerdings hätte man beim Börsenblatt-Bericht gerne einige davon gelesen, um die Pressemeldung und die Deutsche Literaturgesellschaft deutlich in ein anderes Licht zu rücken. Durch die unbearbeitete Übernahme des Pressetextes muss sich das Börsenblatt so jedoch den Vorwurf gefallen lassen, dass es sich durch die journalistische Nachlässigkeit unbeabsichtigt von der Deutschen Literaturgesellschaft zu Werbezwecken missbrauchen lassen kann, da potenziellen »Kunden« der Gesellschaft die wahren Hintergründe nicht bekannt werden. Im Gegenteil: Die Deutsche Literaturgesellschaft könnte sogar problemlos und werbewirksam in einer Presseschau auf den Börsenblatt Artikel verweisen, da nach der Lektüre niemand etwas Böses ahnen würde.

Es bleibt zu hoffen, dass eine baldige Ergänzung oder Richtigstellung im Börsenblatt erfolgt.

Außerdem ist festzustellen, dass durch den Missbrauch von Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki – dank dem legalen Erwerb von Abdruckrechten und der erfolgten Uminterpretation per »news aktuell«-Pressemeldung – die Werbung der Zuschussverlage um Autoren und deren »Zuschüsse« in neue Dimensionen vorgestoßen ist. Es sind Mittel und Wege, die man als dreist und unverfroren bezeichnen könnte, die jedoch – und auch das muss nüchtern festhalten werden – gerade in ihrer Dreistigkeit unglaublich clever und raffiniert sind.

Nachtrag vom 13. Juli 2009:
Das Börsenblatt hat den Artikel leicht abgeändert und berichtet nun, dass die Deutsche Literaturgesellschaft in dieser Sache abgemahnt worden sei. Seit den Mittagsstunden des heutigen Tages sind nun auch die Bilder von Frau Heidenreich von der Website der Deutschen Literaturgesellschaft verschwunden und sie taucht nicht mehr in der Liste der Autoren auf. Bei Amazon ist der Titel noch gelistet, aber als mittlerweile nicht mehr lieferbar gekennzeichnet.

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Kommentare

  1. PvC schrieb:

    Darf ich in einem Punkt heftig widersprechen? Es handelt sich weder um eine Instrumentalisierung noch um Missbrauch durch andere, wenn man Presseerklärungen ungeprüft – und in diesem Fall unkommentiert – abdruckt, es kann auch keine Rede davon sein, dass ein Blatt dadurch zum Opfer wird.

    Man nennt das in Medienberufen schlicht journalistische Schlamperei und fehlende Sorgfalt. Da kritische Hintergrundinformationen längst im Internet, bei Fairlag (dem Börsenblatt bekannt?) und in diversen Redaktionen im Umlauf und bekannt sind, umso schlimmer.

    Die “Opfer und Missbrauchten” sitzen diesmal auf Leserseite – denn Laien verlassen sich – noch – auf journalistische Sorgfalt, Objektivität und Recherche.

    In diesem Sinne eine naive Laienfrage: Ist die Deutsche Literaturgesellschaft eigentlich Mitglied im Börsenverein?

  2. Willie Benzen schrieb:

    Warum wird den Zuschussverlagen (wieso eigentlich Zuschuss) nicht endlich das Handwerk gelegt. Ein Zuschuss waere ein Teil der Druckkosten. Wenn ich lese es handelt sich um 10 000 €, rechne ich mit etwa 8000 € Gewinn des Verlages.

  3. HWenig schrieb:

    Meine erste Euphorie über die “positive Bewertung meines Manuskriptes durch den Erstlektor” war recht groß – hatte ich es doch erst 2 Tage vor Erhalt dieses Schreibens per Email an die “Deutsche Literaturgesellschaft” geschickt. Und doch auch nur 15 Seiten – den Anfang meiner Geschichte – einfach mal so. Nach jetzt 2 Wochen erhalte ich einen kompletten Vertrag und für nur ca. 10.000 Euro würde “mein Buch” gedruckt werden…. Gut, dass ich mich auf meinen Bauch verlassen kann – ich war nicht mehr euphorisch, sondern skeptisch… Und wenn ich das hier alles so lese, scheint mein Bauchgefühl doch gut zu funktionieren! Vielen Dank…. Ich schreibe trotzdem weiter an meiner Geschichte und erfreue mich einfach selbst daran!

Links zu diesem Beitrag in Weblogs

  1. Spiel mit dem Börsenblatt? « Newsblog: Autor Philipp Bobrowski am 13. Juli 2009 um 06:21 Uhr

  2. links for 2009-07-13 « Nur mein Standpunkt am 13. Juli 2009 um 14:04 Uhr

  3. Literatur-Café vs. Deutsche Literaturgesellschaft - quillp magazin am 15. Juli 2009 um 20:56 Uhr

  4. Literatur-Café vs. Deutsche Literaturgesellschaft « Anja Krieger am 11. August 2009 um 00:18 Uhr

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