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Beitrag vom 1. August 2014 | Rubrik: Literarisches Leben

Lesetipp: Brauchen wir Amazon?

Feuilleton der ZEIT vom 17. Juli 2014: Brauchen wir Amazon?

Die ZEIT hat in ihrer Ausgabe vom 17. Juli 2014 insgesamt 19 Autorinnen und Autoren »sechs Fragen nach dem richtigen Umgang mit dem genialen Giganten« Amazon gestellt.

Nachdem die gedruckte ZEIT jetzt in den Papiermülltonnen der Republik versenkt sein dürfte, stehen die Antworten nun für alle lesbar online im Netz.

Viele Antworten der Literaten sind erwartbar, doch einige wenige sagen Substanzielles.

Zu denen, die nichts Sinnvolles sagen, zählt erwartungsgemäß Sibylle Lewitscharoff. Spätestens nach ihrem verbal-intellektuellen Totalausfall in Dresden kann man die grantelnde »schwäbische Hausfrau« nicht mehr ernst nehmen. Lewitscharoff »wünscht diesem entsetzlichen Monopolisten den Untergang«. Naja. In ähnlicher egoistischer Engstirnigkeit wünschte sie einst minderjährigen E-Book-Raupkopierern Geldstrafen an den Hals. Hoffen wir, dass diese nie ihre Bücher lesen. Wenn man etwas mit einem Kaufboykott belegen sollte, dann die Werke dieser Frau.

Einen offenen Blick auf Amazon hat Kathrin Passig, die als einzige erklärt, dass sie seit 15 Jahren ihre Bücher ausschließlich bei Amazon kauft:

Amazon hat dieses Monopol ja nicht durch einen Pakt mit dem Teufel erworben, sondern durch Innovationen, und zwar solche, die den Lesern zugutekamen.

Zudem bringt Passig die Haltung vieler Amazon-Kritiker auf den Punkt:

Um nicht über das reden zu müssen, was Amazon richtig macht, wird über das geredet, was das Unternehmen falsch macht.

An Peinlichkeit kaum zu überbieten ist hingegen die Antwort von Durs Grünbein:

»Amazon«? Lange Zeit dachte ich, das sei ein Lesben-Portal.

Au, Backe!

Die Autoren, die Amazon doof finden, sind ohnehin nicht konsequent, wenn es um die eigenen Belange geht. Auf die Frage, ob sie ihre Bücher bei Amazon kaufen, sagen fast alle nein. Viele singen das Loblied auf die angeblich so kompetente kleine Buchhandlung um die Ecke. Einige – wie Jonathan Franzen – gestehen, dass sie vergriffene Bücher dann doch beim Konzern kaufen. Auch Mark Greif kauft dort »gebrauchte Bücher«. Aha, könnte man da jetzt sagen, er kauft also lieber billiger gebraucht, als durch den Neukauf die Kollegen zu unterstützen. Solidarität hört offenbar beim eigenen Geldbeutel auf. Aber wahrscheinlich hat er sich ungenau ausgedrückt und meinte ebenfalls »vergriffene Bücher«. Man nutzt also Amazon spätestens dann, wenn beim Einzelhandel der Service aufhört.

Die Frage »Was halten Sie von den Nachrichten über die Arbeitsbedingungen bei Amazon?« pariert Christoph Möllers gekonnt mit der gespielt naiven Gegenfrage:

Warum gibt es dafür kein Arbeitsrecht?

Touché!

Noch doppelbödiger intelligent – quasi als diametraler Lewitscharoff – beantwortet Roger Willemsen die Fragen.

Was halten Sie von den Nachrichten über die Arbeitsbedingungen bei Amazon?

Sie sollen kapitalistisch sein, höre ich.

Auf die Frage

Was halten Sie von der Nachricht, dass Amazon die Bücher mancher Verlage nur verzögert liefert, wenn diese Verlage sich den Rabattforderungen von Amazon widersetzen?

antwortet Roger Willemsen:

Ich halte davon so viel wie von Paypal, Mastercard oder Visa, die Überweisungen zur Unterstützung von WikiLeaks verweigerten – was weitgehend unkommentiert blieb, weil es dem Anzeigengeschäft hätte schaden können. Hier liegt ein Potenzial für Zensur.

Nun versuchen Sie mal, sich die großen ganzseitigen Anzeigen von Amazon u. a. in der ZEIT ins Gedächtnis zu rufen und denken Sie über diese Antwort nach.

Denn was die Online-Version der Antworten nicht zeigt: Dort, wo in der gedruckten Ausgabe vom 17. Juli 2014 oben die Autorinnen und Autoren über Amazon jammern dürfen, gibt es im unteren Drittel einen Anzeigenteil, in dem berüchtigte Pseudo- und Zuschussverlage neue Opfer suchen. Sie wissen schon: »Verlag sucht Autor«. Von mindestens einem der Inserenten ist belegt, dass er naiven Autoren schon mal bis zu 15.000 Euro abknöpft mit dem Versprechen, gegen diesen »Zuschuss« das Buch des Autors ganz groß rauszubringen.

Des Öfteren wurde u. a. durch die Fairlag-Initiative der Schriftstellerverbände die ZEIT gebeten, auf solche in den Augen der Verbände unseriösen Anzeigenkunden zu verzichten, die naive Schreiber abzocken.

Auf diesen Gegensatz hatte ich bereits auf Twitter hingewiesen:

Neben vielen zustimmenden Retweets antwortete jemand völlig berechtigt:

Im Kern geht es also ums Geldverdienen, was das Fundament von allem bildet. Auch bei der ZEIT. Wo wir oben Moral fordern, hört sie beim Wirtschaftlichen auf. Doch just bei Amazon, wo dieses Fundament, naja, sagen wir mal: sehr breit ist, weist man immer wieder gerne darauf hin, dass der Kommerz der Untergang des Kulturguts Buch sei.

Denn bei der alles entscheidenden Gretchenfrage, weichen fast alle Autoren aus:

Würden Sie als Autor gerne Ihren Verlag anweisen, die Bücher nicht mehr über Amazon zu vertreiben?

Klingt eigentlich logisch. Wer einen Kaufboykott bei Amazon befürwortet und die Leser zur Buchhandlung um die Ecke schickt, der könnte es doch den Käufern einfacher machen, wenn er seine Bücher gar nicht erst bei Amazon anbietet. David Kermani sagt,

wenn genügend Autoren mitmachen würden, schlösse ich mich wahrscheinlich einem Boykott sofort an.

Wenn und wahrscheinlich. Super! Sowas sagt man immer gerne, wenn man weiß, dass das wahrscheinlich nie passieren wird. Man muss nur auf die anderen Antworten blicken.

Man kann es den Autoren nicht verübeln, dass auch bei ihnen die Konsequenz beim Geld aufhört.

Nur einer geht aufrecht: Günter Wallraff. Er ist in der Tat der einige, der bei seinem Verlag schon vor einiger Zeit durchgesetzt hat, dass dieser Amazon nicht mehr direkt beliefert. Er würde, so habe es ihm sein Verlag seinerzeit gesagt, damit auf 15% seines Umsatzes verzichten. Auch für den Kindle gibt es Wallraffs Bücher nicht. Dass Amazon seine Bücher dennoch über Großhändler bezieht, kann Günther Wallraff nicht verhindern. Allerdings bekommt Amazon dort weniger Rabatt.

Doch nicht alle Autoren sind so bekannt wie Günter Wallraff. Der US-Amerikaner Mark Greif bringt es in einer Antwort auf den Punkt, über die man ebenfalls nachdenken sollte:

Würden Sie als Autor gerne Ihren Verlag anweisen, die Bücher nicht mehr über Amazon zu vertreiben?

Nein, ich befürchte, es wäre schwierig, meine Bücher woanders zu finden oder zu kaufen.

Einen erfolgreichen Self-Publisher wie Hugh Howey hat die ZEIT gar nicht erst nach seiner Meinung zu Amazon gefragt.

Wolfgang Tischer

8 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Renate Blaes schrieb am 1. August 2014 um 18:09 Uhr

    Lieber Herr Tischer, am Amazon kommt wohl kein Autor vorbei. Menschen kaufen nun mal über dieses Unternehmen – ich auch.
    Und die Amazon-Tochter “Create Space” halte ich für eine ausgesprochen gute Alternative für selbstverlegende Autoren und kleine Verlage, wie ich einen habe.
    Und was Roger Willemsen betrifft, so fand der “Feuchtgebiete” gut. Nun ja … jedem Tierchen sein Pläsierchen.
    Der Umgang mit Amazon als Autor und Kleinverlag bedarf so einiger kreativer Ideen, aber wegzudenken vom Markt ist dieser Riese nun mal nicht. Und kaum ein Autor wird es sich leisten können, ihn zu umgehen. Abgesehen davon geht das gar nicht, denn: Wer sein Buch bei VLB listet, wird automatisch auch bei Amazon gelistet. Und steht ein Buch mal dort, kann es niemand mehr löschen. Es sei denn mit Juristen … möglicherweise.

  2. Stephan Waldscheidt schrieb am 7. August 2014 um 14:07 Uhr

    Lieber Wolfgang Tischer,

    vielen Dank für diesen klugen Beitrag. Sehr differenziert und erfrischend ideologiefrei.

    Für mich die Einzige, die in dem ZEIT-Artikel ebenso sachverständig wie klug über das Thema geschrieben hat, ist Kathrin Passig. Aber auch Roger Willemsen zeigt mal wieder, warum er einer der wichtigsten Intellektuellen im Land ist.

    Der Rest der Autoren beweist lediglich, dass man als (literarischer) Autor zwar zu vielem befragt wird, damit aber noch nicht automatisch eine kompetente Antwort hat.

    Für mich beweist die Diskussion über Amazon vor allem eins: Einen starken Feind niederzumachen, erfordert weniger Mut und Kreativität, als mit eigenen Ideen eine bessere Alternative anzubieten.

    Stephan Waldscheidt

  3. katja schrieb am 13. August 2014 um 10:05 Uhr

    Dass die Lewitscharoff überhaupt zu irgendetwas Wichtigem noch Ihren Senf absondern darf, verblüfft mich durchaus.

  4. Renate Blaes schrieb am 13. August 2014 um 17:49 Uhr

    Erstaunlich, dass niemand auf die Tatsache eingeht, dass bei VLB gelistete Titel automatisch von Amazon gelistet werden, und kein Autor was dagegen tun kann. Es sei denn, er beauftragt Juristen.
    Meinungen dazu würden mich sehr interessieren.
    Beste Grüße
    Renate Blaes

  5. Rolf Schneider schrieb am 14. August 2014 um 12:54 Uhr

    Derartige Lobeshymnen auf Amazon geben mir schon Rätsel auf. Ich tippe da mehr auf Stockholmeffekt, denn für etwaige Korruptionsvorwürfe ist wegen der Bedeutungslosigkeit des Literaturcafés einfach kein Raum da. In meiner Bücherwelt kommt Amazon überhaupt nicht vor. Preiswerte Bücher hol ich mir bei booklooker. Dennoch lustig, welche intellektuellen Verrenkungen manche hier zum besten geben, um sich den Sauladen Amazon schönzureden.

  6. Rouven schrieb am 16. August 2014 um 07:26 Uhr

    Sehr geehrte Frau Blaes,
    die Autoren können da nichts machen, da sie die Rechte für die Vermarktung an die Verlage abgetreten haben. Wenn sie als Autor selbst publizieren und ihr Buch im VLB eintragen, dann können sie Amazon ablehnen, wenn Amazon aufgrund des VLB-Eintrages das Buch/die Bücher bei ihnen bestellen will.

    @Rolf Schneider
    Stockholmsyndrom?
    Den Sauladen Amazon sehe ich trotz der Berichterstattung über die Arbeitsverhältnisse nicht. Die Leute kommen ungebeten hunderte gar tausende Kilometer weit angereist um bei Amazon um einen Job zu betteln und bringen sich selbst dadurch an die Grenze des Ruins. Und jetzt soll Amazon die Wohlfahrtskasse stellen um die armen Irren wieder nach Hause zu verschiffen? Dubios was sich da um Amazon herum entwickelt hat, ist aber nicht die Schuld von Amazon. Es kommen auch jedes Jahr tausende Erntehelfer und finden keinen Job beim Bauern. Die Armen, über die hat‘s auch mal einen Bericht gegeben, seit dem kosten die Äpfel 1EUR pro Stück.

  7. Eva Jancak schrieb am 20. August 2014 um 09:41 Uhr

    Sibille Lewitscharoff ist eine Frau der starken Worte, das hat mich damals auf dem blauen Sofa sehr schokiert, als sie etwa “Ich hasse Selbstmörder ” sagte, später bin ich daraufgekommen, ihr Vater hat sich umgebracht und die Eröffnungsrede bei der Buch Wien hat mir auch nicht gefallen, denn ich wünsche niemanden Böses, auch Amazon nicht, damals ist das komplett untergegangen, dann kam die Dresdner Rede, der ich in der Sache, nicht in den Worten zustimmen und alle stürzten sich auf die Frau und schrien plötzlich “Das ist ja Quatsch was sie schreibt, lest ihre Bücher nicht!”
    So nicht, die Bücher einer Büchnerpreisträgerin sind wahrscheinlich gut und Frau Lewitscharoff wahrscheinlich das Beispiel einer Frau, die immer nach schönen Worten und starken Ausdrücken ringt, in der Literatur muß man das, wie ich am eigenen Beispiel erlebe, im Leben ist es dann oft zu viel und das zu erfahren, hat mich an dieser Diskussion auch sehr amüsiert.
    Und das mit den Amazonaussagen der befragten Autoren hat mich ähnlich zum Lächeln gebracht, zuerst sagen alle “Nein, nein, da kaufe ich nicht und tut das ja nicht!” und bei der Frage, ob sie ihre Bücher dort verbieten würden “Nein, das geht doch nicht, das kann ich nicht, da habe ich keinen Einfluß,etc!”
    So sind die Menschen und da muß man gar nicht Psychologin sein, um das zu merken und zu wissen und der Aufstieg von Amazon wird sich nicht aufhalten lassen, gegen die schlechten Arbeitsbedingungen, die es wahrscheinlich auch woanders gibt und es sind wahrscheinlich auch schon Buchhändlerlehrlinge ausgenützt oder nicht genommen worden, weil sie schielen oder nicht genug Deutsch können, sollte man natürlich ankämpfen und weiter Bücher lesen, ob gedruckt auf Papier zum Riechen, Anfassen, Antasten oder im Netzt, ist, finde ich ganz egal, obwohl ich hauptsächlich gedrucktes lese.

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