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Beitrag vom 14. September 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Deutscher Buchpreis 2013: Kurzer Blick auf die 6 der Shortlist

deutscher buchpreis 2013Bei neuen Büchern lese ich nur die erste Seite (manchmal reichen wenige Sätze), um dann zu entscheiden, ob ich das weiterhin lesen mag.

In dieser Woche wurde die Shortlist der letzten sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis veröffentlicht: Drei sind männlich, drei weiblich. Alle sechs mir völlig unbekannt – das ist gut so, da gibt es keine Erwartungen und ich bin einfach nur neugierig!

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht

Es gab nichts, was nachts anders war als am Tag. Allem fehlt nur die Farbe, sagten wir uns.

In dieser schmucklos klaren, präzisen Sprache geht es weiter. Das Bett sei ein Bett und das Zimmer ein Zimmer und der Garten ein Garten und so fort.

Das weckte Erinnerungen an Peter Bichsels berühmte Erzählung Ein Tisch ist ein Tisch, wo der alte Mann die Dinge umbenennt, um etwas zu ändern. Oder das berüchtigte Rose is a rose is a rose, wo ein unfähiger Übersetzer aus dem Vornamen Rose einfach Eine Rose gemacht hatte.

Der alt gewordene Ich-Erzähler muss mit seiner Angst allein leben, denn die Trennung von seiner Schwester Ira ist endlich und leider vollzogen.

Dann folgt ein Rückblick, wie es früher gewesen war mit ihr, seinen Liebschaften, seinen Wohnverhältnissen, seiner Heirat, Iras Schwangerschaft …

Und dann habe ich die Lust verloren, weiter zu lesen. Das ist kein Buch, durch das ich mich wühlen möchte. Auf zum nächsten!

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht. Gebundene Ausgabe. 2013. Schöffling & Co. ISBN/EAN: 9783895614064. EUR 19,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Mirko Bonné: Nie mehr Nacht. Kindle Edition. 2013. Schöffling & Co. (Herunterladen bei Amazon.de)

Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden

Ach du liebe Güte, da tobt sich einer aber aus:

Im Karst der Metropolen stelzt des-Fortschritt’s Räderwerk. Sausend stahlaufblitzend Maschine im sattfetten Ölgeruch des Versprechens auf glattsinnigen Ablauf. Kindäugig=Groß beschauend mit Stiel-Stabreim-Augen: das-Mensch=Maschinen=Mögliche, im Blendwurf aller Träume die zu-Protest gingen, nach Außen gekehrt –

Auch das muss ich nicht weiter lesen, das ist mir zu bemüht, zu angestrengt und zu anstrengend und humorlos; zudem eine schlechte Kopie von Arno Schmidt, der in den Sechzigern ebenfalls mit eigenwilligen Kombinationen von Satzzeichen und eigenen Wortschreibweisen experimentiert hatte, um aus den Wörtern noch einen Zweit- und Drittsinn herauszuholen wie bei  Kinz-Kopf oder Wahn=Sinn oder z. B. die Abfolge von sechs Schüssen zu verdeutlichen:  ! ! : ! ! ! ! – . Und das hatte er so gekonnt gemacht, dass es keinen Nachfolger mehr geben konnte. Da helfen auch Jirgls Ausrufezeichen vor den Sätzen weiter hinten in seinem Roman nichts.

Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden: Roman. Gebundene Ausgabe. 2013. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446241275. EUR 27,90 (Bestellen bei Amazon.de)

Clemens Meyer: Im Stein

Der Ich-Erzähler steht routinemäßig am Fenster, wenn es Abend wird, schiebt mit den Fingern die Lamellen der Jalousie auseinander (das ist wohl wichtig, dass er das mit den Fingern tut, andere nehmen bekanntlich dazu Messer und Gabel oder die Ohren) und – Jaa: Was sieht er da wohl? Na? Richtig: den Abendhimmel! Und er stellt fest, dass es immer noch früh dunkel wird. Muss da also so was wie Winter herrschen? Tatsächlich: Das Jahr ist nicht mal einen Monat alt.
Da sind wir aber froh, dass wir das schon vor diesem Satz gemerkt haben. Neu ist die Feststellung Im Januar jammern wir alle.

Ich nicht. Danke, mir reichts, muss das nicht weiter lesen. Es warten noch drei weitere Anfänge!

Clemens Meyer: Im Stein: Roman. Gebundene Ausgabe. 2013. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783100486028. EUR 22,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Clemens Meyer: Im Stein: Roman. Taschenbuch. 2014. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596183593. EUR 10,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Clemens Meyer: Im Stein: Roman. Kindle Edition. 2013. Fischer E-Books (Herunterladen bei Amazon.de)

Marion Poschmann: Die Sonnenposition

Die Sonne bröckelt!

Welch wunderbarer Anfang! So wünsche ich mir das: Wieso bröckelt die Sonne? Geht doch gar nicht! Geht aber doch, erfährt man am Beginn des zweiten Absatzes.

Wir befinden uns in einem Speisesaal und bekommen dessen Mängel mit sowie das Verhalten der Benutzer, anschaulich und humorvoll ge- und beschrieben wie z. B. die staubsaugenden Staubtücher: Endlich ein Werk, das ich weiter lesen würde, weil ich gespannt darauf bin, wie das weitergeht!

(Gestehe: Habe auch noch gern ein paar Seiten mehr gelesen, bin immer noch gespannt, wann es richtig losgeht!)

Marion Poschmann: Die Sonnenposition: Roman (suhrkamp taschenbuch). Taschenbuch. 2014. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518465462. EUR 9,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Marion Poschmann: Die Sonnenposition: Roman. Gebundene Ausgabe. 2013. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518424018. EUR 19,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Marion Poschmann: Die Sonnenposition (suhrkamp taschenbuch). Kindle Edition. 2013. Suhrkamp Verlag (Herunterladen bei Amazon.de)

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

Der auktoriale Erzähler lässt uns im Unklaren über die Zeit – das ist schön, gerade so, als hätte er das zu Erzählende gehört, könne sich aber nicht mehr an alles erinnern. Das macht mich neugierig schon nach dem ersten Satz:

An einem Spätabend, dem Wetter nach zu urteilen irgendwo zwischen November und Februar, bekam Holler unerwarteten Besuch von seiner Ehefrau, die wie sie sagte, ein paar Kleinigkeiten abholen wollte.

Unerwarteter Besuch von der Ehefrau? Sie hat aber doch ihr Kommen angekündigt! Und wieso will sie was abholen – sind die etwa geschieden? Kann nicht sein, dann wäre sie ja ehemalige Ehefrau.
Klärt sich aber alles so einfach: Sie hat es nicht Holler berichtet, sondern dem Anrufbeantworter, und Holler hatte den nicht gehört. So lösen sich die Irritationen plötzlich in Wohlgefallen auf, denn der auktoriale Erzähler beschreibt zuerst die Handlung der Ehefrau Hedda und dann die von Holler.

Das ist vorzüglich gelungen, auch hier habe ich sofort viel weiter gelesen: Und wieder ein empfehlenswertes Buch, und wieder von einer Frau! Geht doch!

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como: Roman. Gebundene Ausgabe. 2013. Blumenbar. ISBN/EAN: 9783351050009. EUR 19,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como: Roman. Taschenbuch. 2014. Aufbau Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783746630571. EUR 12,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como: Roman. Kindle Edition. 2013. (Herunterladen bei Amazon.de)

Terézia Mora: Das Ungeheuer

Pech gehabt: Kein BLICK INS BUCH möglich bei Amazon! Werde eine Buchhandlung aufsuchen …

Was ein Wälzer, sogar mit gelbem Lesebändchen! Die chamoisfarbenen Seiten sind durch eine durchgehende Linie zweigeteilt: Die Hauptgeschichte findet oben statt, die Erinnerungen einer Person später irgendwann unten, die laufen dann parallel. Da darf der Leser wählen, ob er sie nacheinander oder gleichzeitig liest: Vielleicht gibt es Bezüge, die beim Nacheinander nicht mehr erinnerlich wären? Andersrum verliert man vielleicht den Faden?

Wie auch immer: Man kann es ja nochmals lesen.

Aber will ich das? Auf der ersten oberen Halbseite beugt sich eine Sie über einen Er, sodass die Brüste nach vorn schwingen, er will ihren Nabel sehen (der wird beschrieben), eigentlich aber die schokobraunen Schamhaare.

Dieses intime Beieinander wird unvermittelt gestört durch polternde Stimmen, durch Reden und Lachen, was im Er Zorn hervorruft, ein wildes Hämmern hob in seinem Kopf an, Vorschlaghammer auf Metallplatte, infernalisch, unbändig: Zorn.

Ein Geschimpfe und Beschimpfen folgt, der Leser muss selbst herausfinden, wer jetzt gerade tobt und schimpft – und ist der nächste Satz wieder von Juri, oder gehört der noch zu Kopp?
Und sind das eigentlich drei Frauen oder zwei? Die mit dem schaukelnden Busen sowie Andreina und Monica oder nur die beiden letztgenannten, deren eine dann die vom Anfang gewesen wäre?

Juri ist schuld an allem. Nein: Kopp ist schuld an allem, da man nicht ewig so leben könnte. Das tut man auch nicht, weil man nicht ewig lebt. Sagt das jetzt alles einer? Oder den zweiten Satz der andere?

Ein coitus interruptus zum furiosen Beginn, der viele Fragen aufwirft: Worum geht der Streit? Was für eine Schuld? Aber zugleich mühsam, wenn man verstehen will.

Spannend: Gewiss! Lebendig geschrieben: Aber ja!

Bin mir unsicher, ob ich das Buch kaufen möchte. Da müsste ich noch mehr lesen, 688 Seiten sind eine Menge! Aber die Buchhandlung hat zum Glück einen bequemen Lesesessel.

Terézia Mora: Das Ungeheuer: Roman. Gebundene Ausgabe. 2013. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630873657. EUR 22,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Terézia Mora: Das Ungeheuer. Hörbuch-Download. 2014. Random House Audio, Deutschland. EUR 29,99 (Bestellen bei Amazon.de)

Fazit

Die drei Männer haben keine guten Karten bei mir, die drei Frauen ja!

Warum haben sie auch Kehlmanns F ausgeschieden, dann hätte der auch noch empfohlen werden können und es stünde dann 3:1 statt 3:0 für die Frauen. Jedenfalls bei mir.

Malte Bremer

Daniel Kehlmann: F. Gebundene Ausgabe. 2013. Rowohlt. ISBN/EAN: 9783498035440. EUR 22,95 (Bestellen bei Amazon.de)

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Rouven schrieb am 14. September 2013 um 15:05 Uhr

    Mein Gott sind die Bücher teuer. Wenn ich solche Preise sehe, denke ich immer an den Gegenwert in D-Mark. Ist ja unglaublich, wo die Preise hingewandert sind. Ich lese seit längerem nur noch 1€ Ware aus dem Antiquariat.

  2. Eva Jancak schrieb am 14. September 2013 um 15:18 Uhr

    Man muß wahrscheinlich mehr lesen, um ein Buch richtig beurteilen zu können bzw. an das Lesevergnügen zu kommen. Zumindest ist es mir so nach der Lektüre, dieses Leseprobenheftchens so gegangen. Ich habe die Probe vom Norbert Gstrein gelesen und, daß ich nicht wirklich eine Ahnung hatte, um was es da geht, habe ich dann bei einer Buchbesprechung im “Ex Libris” herausbekommen. Bei Daniel Kehlmanns “F” ist es, glaube ich, ähnlich und da rätseln ja jetzt alle, ob es ein gutes oder schlechtes Buch ist und warum es nicht auf die nächste Liste kam? Eigentlich hat mich nur die Leseprobe der “Sonnenposition” und die Stelle von dem Stuck, der den Psychiatriepatienten in die Suppenschüßeln fällt, auf die lyrische Stimme aufmerksam und auf das Buch aufmerksam gemacht. Allerdings kannte ich schon Zweidrittel der Autoren und wer gewinnen wird? Bei dieser Jury scheitern wahrschienlich alle Prognosen, so daß ich denke, daß von Zeiner bis Jirgl, obwohl ich eigentlich nicht glaube, daß sich die Jury die Aufschreie, die es dann geben wird, antun wird, da ist schon die junge frische Autorinnenstimme besser, alles möglich ist. Ansonsten hätte ich kurz nach der Bekanntgabe der Liste oder eigentlich schon vorher an Meyer gedacht und da gemeint, daß er mit Kehlmann konkurrieren würde. Nellja Veremejs Buch habe ich als einziges bis jetzt gelesen und hätte ihr sowohl Shortlist als auch Preis gewünscht. Jetzt würde ich mich über Marion Poschmann freuen, bin aber nicht sicher, ob sie es schafft

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