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Beitrag vom 23. Juni 2014 | Rubrik: Bachmann und Brockmann 2014, Bachmannpreis 2014

Bachmann und Brockmann IV: KandidatInnen im Videocheck (3)

Screenshot aus dem Video von Tobias Sommer

Screenshot aus dem Video von Tobias Sommer

Vierzehn KandidatInnen nehmen am Bachmannpreis-Wettbewerb teil. Zwölf von ihnen haben sich in einem Videoclip porträtiert bzw. porträtieren lassen. Im Unterschied zu früheren Jahrgängen scheinen sie die filmische Visitenkarte recht ernst zu nehmen. Witzischkeit hält sich in Grenzen, findet Doris Brockmann und betrachtet diesmal die noch ausstehenden fünf Bewerbungstrailer. Vielleicht findet sich diesmal in den Statements über Lebens- und Schreiballtag, Ziele und Ansprüche, Selbst- und Literaturver­ständnis doch noch Heiteres.

Roman Marchel

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur«. Bis 2013 bloggte und twitterte sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2017 wird sie zum vierten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de

Autofahrt im Regen. Roman Marchel fährt in das kleine Dorf im südlichen Waldviertel, wo sein Wohnhaus steht und direkt davor ein Bach fließt. Der Mensch gehöre ans Meer, aber der Bach sei auch o.k. Wir lernen Herrn Marchels Haus kennen und die drei Voraussetzungen des Schreibens: Feuer, Geduld, Vertrauen. Letzteres ist dem Autor das Schwerste. Dann sehen wir ihn bei der Arbeit, mit der Hand schreibend, rauchend, dicke Kladden durchblätternd, die er mit kleiner gleichmäßiger Schrift bis zum Rand beschrieben hat. Es werden Skizzenpläne und die zwei veröffentlichten Bücher gezeigt. Dieses ganze Bodenständige, Handgemachte, Ruhige, Gelassene und Ehrliche präsentiert sich so überzeugend paralleluniversumsartig, dass es mich glatt ein wenig charmiert. Literatur, die ihren Namen verdiene, verbessere die Welt, sagt Herr Marchel. Mir hat die Hintergrundmusik sehr gut gefallen.

Georg Petz

Georg Petz läuft Treppen rauf und runter und äußert dabei philosophische Gedanken über Wirklichkeit, Welt und Wahrnehmung. Letztere sei die Schlüsselstelle für unsere Erkenntnis von der Welt. Literatur sitze genau an dieser Stelle. Sie könne aufzeigen, wie Wahrnehmung funktioniere. Sie kann aber noch viel mehr: „Literatur prägt unsere Wirklichkeit an sich.“ Sie kann sich sogar selbst enlarven, eine Art selbstreflexives Narrativ, das aufzeigen kann, „wo manipuliert der Text, wo manipuliert der Autor.“ Mh. Literatur möge zu einem Erkenntnisgewinn beim Leser führen. Liebe und Tod sind – auch hier wieder – die zwei Motive der Literatur und des Schreibens, „die am Ende alles tragen.“ Und dann bekennt Herr Petz am Ende noch: „Ich schreibe, weil ich muss.“ Klar, wie er damit bei der Automatischen Literaturkritik punkten wird.

Birgit Pölzl

Birgit Pölzl versteht sich als eine „politische Autorin“ mit einer „leisen Botschaft“. Die Botschaft lautet: „Widerstandsformen gegen das neoliberale System zu entwickeln“ und gegen „die Gier, sich selbst zu vervollkommnen.“ Dagegen ist nichts einzuwenden. Einzuwenden ist jedoch etwas gegen die merkwürdige I´m-thinking-in-the-rain-Pose: Die Autorin mit Regenschirm, Menschen auf einem Parkplatz betrachtend, durch eine grüne Landschaft schreitend, einen Baum, Wolken, den Regen betrachtend und dabei über das Reisen, Beobachten, die Natur und das Schreiben sinnierend: „Was ich am Schreiben mag, ist, dass es zugleich strukturiert und zugleich ein offener Prozess ist.“ Frau Pölzl öffnet langsam ein Fenster und schaut lange hinaus, derweil uns ihre Stimme aus dem Off mitteilt: „Schreiben ohne Erkenntnis wäre für mich wertlos.“ Ihre Texte, sagt die Autorin, seien „sehr genau sprachlich gearbeitet“ und dann formt sie aus einem Metalldraht eine perfekte Büroklammer. Das sieht sehr gut aus.

Kerstin Preiwuß

Wolken, ein Hackholz, darauf ein Notizbuch. So beginnt das Videoporträt von Kerstin Preiwuß. Die Autorin (?) schreibt eine To-do-Liste, so schön, als wär´s der „Landlust“ entnommen: Schoten auspulen, Johannisbeeren pflücken, Holz aus dem Schuppen holen, etc. Zwischendurch sieht man einen toten Fischkopf, einen lebenden Hundekopf, ein angezündetes Streichholz. Ende der To-do-Liste, neuer Text: „Dieser verdammte Jähzorn, der in der Familie liegt. Das Haus beschreiben. Wer dort verdroschen wurde. Wer dort gestorben ist. Die Familie kann ein unheimlicher Ort sein. Das reicht nicht. Nochmal von vorn.“ Dann wird über die To-do-Liste „Restwärme“ geschrieben. Man könnte sagen, wir haben ein Werbevideo für den Roman von Frau Preiwuß gesehen, der im Herbst erscheinen wird und eben diesen Titel trägt. Die Autorin sagt im Video kein einziges Wort, ist nur als Schreibende präsent. Das Reden überlässt sie den Vögeln, deren Zwitschern spätestens dann, wenn die To-do-Liste zuende ist, irgendwie nicht mehr rein idyllisch anmutet.

Tobias Sommer

Auch Tobias Sommer verliert kein Wort über sich. Wir hören ihn nur mit einer kleinen Leseprobe aus dem Roman „Dritte Haut“. Man sieht, wie aus einem Drucker Seiten herauskommen, jeweils nur mit einer Zeile beschrieben. In der Reihenfolge des Auftretens: „Arbeitsnachweis – Wochenpensum – 3 mögliche Titel notiert – 1 Gewissen zerlegt – 2 Figuren an den Abgrund getrieben – 1 Maulwurf getötet – 1 Hotelseele skizziert“. Herrlich. So etwas stimmt mich heiter. Später ist noch von einem „Ritualdesigner“ und einer „Lebensraumkünstlerin“ die Rede. Auch die des weiteren aufgezählten Romanfiguren machen Leseappetit. Ist nun Herr Sommer auch noch echt Finanzbeamter? Wir wissen es nicht. Er ist offenbar Autor. Dass er die im Videoporträt zwischendurch eingeblendeten wehenden Buchblätter nicht hat herausschneiden lassen, wollen wir ihm nachsehen.

Doris Brockmann

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